Der Feuervogel

Kristina Mascher, Musikerin und Reiki-Praktizierende, beschreibt ihre Erfahrung von »Fudo Myoo«, dem »zornigen König« und »Hüter der Weisheit Buddhas«, in den Nachwirkungen der Bombenanschläge von Madrid, im März 2004.


Im März war mein Orchester, das Flämische Radio-Orchester, eingeladen, zwei Konzerte in Spanien aufzuführen. Das letztere der beiden sollte am 17. März im »Auditorio Nacional« in Madrid stattfinden. Wir waren sehr angetan davon, ein paar Tage in der Sonne zu verbringen, weg von dem trostlosen, spätwinterlichen, belgischen Nieselregen. Auf dem Programm stand Stravinskys unvergleichlicher »Feuervogel«, eines meiner Lieblingsstücke, und ich freute mich darauf, meinen Geburtstag in Madrid zu feiern.

Besorgnis

Ein paar Tage vor unserer Abreise schaltete ich die Nachrichten ein und hörte, dass Madrid Zielscheibe von terroristischen Anschlägen gewesen war, bei denen viele Menschen ums Leben gekommen waren. Ich war, wie alle anderen in meinem Orchester, erschüttert und gleichzeitig sehr besorgt, was die Reise nach Spanien anging. Ich wusste nicht, was uns erwartete, wusste nicht, ob es sicher sein würde zu reisen, und fragte mich, ob es angebracht sei, unter diesen Umständen ein Konzert in Madrid zu geben. Ich dachte sehr lange darüber nach und erkannte, dass die beste Antwort auf Terror und Zerstörung eine Affirmation für das Leben sei. Musik könnte Heilung bringen an diesen Ort des Schmerzes, und ich dachte: Wer weiß, vielleicht kann ich dort etwas mit Reiki tun, das ebenfalls hilft. In diesem Moment hatte ich keine Ahnung, was das sein könnte.

Wir begannen das Konzert mit einem Moment der Stille, um unsere Solidarität zu zeigen mit jenen, die ihr Leben verloren hatten und auch mit jenen, die noch lebten, jedoch verletzt waren oder trauernd. Dann begannen wir mit unserem Programm. Der Feuervogel ist mythologisch verknüpft mit dem Phönix, der in Flammen aufgeht und schließlich daraus emporsteigt, wiedergeboren aus seiner eigenen Asche. Zu Beginn des Finales gibt es eine wundervolle Passage für das Solo-Horn (mein Teil), die dieses Emporsteigen darstellt; langsam, sanft und doch voller Kraft. Die Melodie baut sich auf und »explodiert« in einer prächtigen Koda.(1)

Nach dem Konzert fühlte ich die Notwendigkeit, am nächsten Tag einen der Schauplätze der Bombenanschläge aufzusuchen. Einfach, um dort zu sein und zu versuchen, den Sinn dessen zu begreifen, was unter der Oberfläche solcher Zerstörung liegt, und um Möglichkeiten für Heilung zu finden. Sollte es nicht möglich sein, den Seelen der dort Verstorbenen Heilung zu schenken, dann könnte es zumindest Heilung für meinen eigenen Schmerz und die Verwirrung über den Anschlag sein. Ich war motiviert von dem Wunsch, zu sehen, zu verstehen, zu wissen, zu heilen. Und ich hoffte, dass ich bei der Ankunft dort wissen würde, was zu tun sei.

Schmerz

Am Eingang der »Atocha Station«, wo es mit die schwersten Schäden gegeben hatte, erwartete mich ein Zaun, der die Straße von einem riesigen Trümmerfeld trennte, mit verbogenem Metall und Baumaschinen, die bereits den Schutt wegräumten. Der Zaun war bedeckt mit Gedichten, Fotos von Opfern, Bannern und Mitteilungen aus der ganzen Welt; den Gehsteig entlang standen Kerzen - ähnlich wie am Schauplatz der Anschläge auf das World Trade Center, den ich ein paar Jahre zuvor gesehen hatte.

Dies war der äußere Eindruck. Darüber hinaus spürte ich Panik, Trauer, Verwirrung, Unruhe. Der Lärm der Baumaschinen klang wie Schreie in meinen Ohren. Für ungefähr eine halbe Stunde stand ich wie angewurzelt - fasziniert, erschrocken, einfach atmend, meiner Mitte bewusst, präsent. Ich öffnete mich allem, was in diesem Moment da war. Es war nicht die Präsenz des Bösen, sondern etwas anderes.
Als ich mein Herz öffnete, kam der Schmerz, den ich so greifbar um mich herum spüren konnte, nach innen. Ich wurde zu einem Gefäß, in das Schmerz, Gewalt, Leiden, Zorn und auch Erinnerungen gegossen wurden. Und ich begann zu brennen.

Frieden

Während ich die Szene verließ, um etwas Frieden im Botanischen Garten zu finden, spiegelte der Schmerz in meinem Inneren all den Schmerz und Verlust, den ich jemals auf persönlicher Ebene erfahren hatte, und es war, als würde ich wachsen, um all die Gefühle dieses Momentes aufnehmen zu können. Dies war nicht mehr persönlich, sondern eine große Kraft. Ich begann zu brennen, in diesen Flammen des Zorns, aber es war kein Zorn auf diejenigen, die diesen Anschlag verübt hatten. Die Wut war wie heißes, weißblitzendes Licht, das etwas von meinem individuellen Selbst verbrannte, während ich zum Gefäß für kollektives Leiden wurde. In diesem Moment war ich beides, ich selbst und nicht ich - ich war etwas über die Grenzen meiner eigenen Identität hinaus. Großer Zorn und großes Mitgefühl, beides brannte mit schrecklicher Intensität in meiner Brust.

Einige hundert Meter entfernt befanden sich die »Königlich Botanischen Gärten« von Madrid, in die ich ging, um etwas in der Natur zu sein. Ich weinte hinter den Gläsern meiner Sonnenbrille, während ich durch die beinahe verlassenen Gärten lief, um mit dem zu sein, was sich in meinem Inneren abspielte. Irgendwann kam ich zu einem wunderschönen und kraftvollen Baum (ein Schild besagte, dass sein ursprüngliches Zuhause der Himalaya war). Mit meinen beiden Händen umfasste ich den Stamm dieses Baumes und begann ruhig, das Kotodama eines der Reiki-Symbole zu chanten.(2) So blieb ich mehrere Minuten, und die dunkle, klebrige Schwere des Leidens, die sich in dem Gefäß befand, zu dem ich geworden war, begann sich zu verändern. Im Zentrum des Schmerzes war ein strahlender Punkt des Lichts, sogar der Ekstase, der sich schnell innerhalb des Gefäßes ausbreitete. Der Schmerz verschwand nicht, eher lag in seinem Herzen etwas Heiliges. Langsam löste ich mich von dem Baum, und ich war befreit vom Inhalt des Gefäßes und erfüllt von einem tiefen Gefühl des Friedens und der Dankbarkeit.
Die Sonne schien hell, und überall um mich herum gab es Zeichen des Frühlingsanfangs. Saftig grüne Blätter, zarte neue Sprossen und Blüten. Die ersten Bienen der Saison sammelten Blütenstaub. Ich staunte gerade darüber, wie Leben und Tod so kraftvoll Seite an Seite existieren konnten, als ich, in der Nähe eines anderen Baumstammes, eine Hummel am Boden kriechen sah. Ich stoppte, um sie für einen Moment zu beobachten. Offensichtlich hatte sie Schwierigkeiten sich zu bewegen und mühte sich zu einem am Boden liegenden Zweig. Als sie den Zweig erreicht hatte, bewegte sie eines ihrer Beine, bevor die Bewegung völlig endete. Mit ihrem Tod erreichte mich eine Welle des Verstehens und der Dankbarkeit. In dieser tiefen Bewusstheit des Todes erfuhr ich äußerst lebhaft die Kraft und unbeschreibliche Schönheit des Lebens.

Durch das, was ich bei meinem ersten und zweiten Reiki-Grad in der Tradition nach Frau Takata gelernt hatte, glaubte ich, Reiki sei eine Kraft, die sanft durch mich und durch alle Dinge hindurch fließe, die Licht und Heilung bringe wie ein klarer Fluss. Im Lichte der Geschehnisse von Madrid betrachtet, wurde mir klar, dass diese Anschauung ziemlich zahmer Natur war. Die Dunkelheit und das Leiden in mich einzuatmen, es in mir zu haben und darin zu verbrennen, hierdurch geschah Heilung.

Liebe

Fudo Myoo(3) ist genau im Herzen dieses Aspektes der Reiki-Praxis, wie ich sie von Don Alexander gelernt habe. Seine Wut ist unauflöslich verknüpft mit seinem allergrößten Mitgefühl. Wir erfahren Fudo Myoo als das Karma der Welt, vor allem in seinen schmerzhaften Aspekten. Indem wir wahrhaft leben, sehen und mutig hindurch gehen durch die schmerzhaftesten Erfahrungen des Lebens, zeigt sich uns die höchste Liebe.

Nach meiner Heimkehr blätterte ich in einem Buch über japanische Malerei, das ich aufbewahrt hatte, von meinem Kursus der japanischen Kunstgeschichte an der Universität, und fand darin ein Porträt von Fudo Myoo. Sein Gesicht und Gebaren hatten die üblichen grausamen Aspekte, und er war umgeben von Flammen. Dennoch war etwas Besonderes an der Form dieser Flammen, und als ich die Beschreibung des Bildes las, entdeckte ich, dass sie in der Form der Garudas(4) gemalt waren, der japanischen Version des Feuervogels. Nach allem, was ich mit dem Stück gleichen Namens während unserer Orchestertour erfahren hatte, hätte mich dies nicht überraschen sollen.


Anmerkungen:
(1) Koda: der Schluss eines musikalischen Satzes.

(2) Kotodama eines Reiki-Symbols: die klangliche Essenz eines Reiki-Symbols, im Wesentlichen reduziert auf die Vokale seiner Bezeichnung, zur Praxis des Chantens auf einer Tonhöhe.

(3) Fudo Myoo: einer der fünf »zornigen Könige«, Hüter der Weisheit Buddhas; dabei ist er die zentrale Figur, sein Name bedeutet »der Unbewegliche«. Er ist nicht der Lehrer des Dharma, kein meditierender Buddha, sondern der Lehrer des Karma, des Lebens an sich.

(4) Garuda: mythischer Vogel, dem Phönix (Feuervogel) ähnlich, der die Freiheit des erwachten Geistes symbolisiert.

Übersetzung: Rupert Weis


Kristina Mascher, geb. 1970 in den USA, spielt das Solo-Horn im Flämischen Radio-Orchester (Belgien). Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Verbindung zwischen Musik und Spiritualität. Sie wurde eingeweiht in der 1. und 2. Reiki-Grad von Jule-Erina van Calker in Berlin und lernt zur Zeit sehr viel von der Lehre Don Alexanders.

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