"Berührt werden, berührt sein..." - Heilzeiten in der Baden-Badener Spitalkirche

Geschäftigkeit und gemächlich flanierende Menschen zwischen prachtvollen Gebäuden bestimmen das Bild der Baden-Badener Innenstadt – doch nur wenige Schritte weg vom Stadtzentrum in Richtung der Caracalla-Therme lassen diesen Trubel vergessen. Auf der kleinen Wiese zwischen der Therme und Schulen, Hotel und Wohnhäusern mit Ladengeschäften: die Spitalkirche, wie eine kostbare Rose inmitten moderner Architektur. Einst an der Stadtmauer neben Spital und Friedhof gelegen, ist sie eine der ältesten Kirche der Stadt. Heute bietet das schlicht eingerichtete, doch heimelige Gotteshaus nicht nur Spaziergängern und Gläubigen Gelegenheit zu Einkehr, Ruhe und Besinnung, heute finden hier regelmäßig auch „Heilzeiten" statt. Traditionelles Handauflegen in alter christlicher Tradition zusammen mit Reiki ...

Die regelmäßig einmal im Monat stattfinden „Heilzeiten" haben sich längst in und um Baden-Baden herumgesprochen. So sind Kranke aus umliegenden Kliniken, Kurgäste aber auch Gäste aus der weiteren Umgebung der Stadt für das Angebot der alt-katholischen Kirchengemeinde dankbar.

„Heilung, Genesung, Trost und innere Einkehr waren schon immer zentrale Anliegen dieser Kirche", erklärt Pfarrer Hans Vogt, „schließlich war die Kirche früher neben einem Spital ... eine Spitalkirche eben." Die Verbindung von Krankenhaus und Kirche, von ärztlicher und pflegerischer Unterstützung im Krankenhaus und andererseits Stärkung, Trost und Beistand in der Kirche, daneben die Nutzung der Heilwasser-Therme – all dies sei früher eine völlig selbstverständliche, enge Verbindung gewesen, die keinerlei Erklärung und keines Beweises bedurfte. „Es war seit Beginn meiner Tätigkeit mein Wunsch, dass diese Verbindung der Kirche zum Heilen neu zum Tragen kommt. Heil, Heilung und Gesundung für alle. Kranke Menschen und jene in anderen Problemsituationen zur Lebensfülle begleiten. Annehmen und Liebe spüren lassen. Dies sehe ich als meinen Auftrag als Priester."

Auf der Suche

Die Idee der „Heil-Zeit" entstand während eines Ausfluges der alt-katholischen Kirchengemeinde nach Rom, mit Besuch einer Kirche, in der ein Heilgottesdienst stattfand und alle faszinierte und inspirierte. Annemarie Frericks brachte die Idee ins Gespräch, „... und schon kurze Zeit später wurde ein erster Flyer formuliert und darauf gehofft, dass auch tatsächlich jemand kommt", erzählt sie. Gemeinsam mit Pfarrer Hans Vogt ist Annemarie Frericks in ihrer Kirchengemeinde für das „Ressort Spiritualität-Heilangebote" zuständig. Seit 1985 übt sie das Handauflegen als Reiki-Praktizierende aus, seit 1989 als Reiki-Meisterin im Usui-System.

Durch die Folgen einer schweren rheumatischen Erkrankung, durch die sie unter anderem ihren Beruf als Gymnastik- und Sportlehrerin nicht mehr ausüben konnte, war vor Jahren sie selbst auf der Suche nach Heilung. Am eigenen Leibe erfuhr sie damals, dass „chronische Krankheit" nicht nur körperliche Einschränkung bedeutete, sondern auch psychische, soziale und schließlich beruflich-existenzielle Probleme im Schlepptau mit sich bringt. Als auch nach längerer Zeit klassisch-medizinische Therapien keinen spürbaren Erfolg brachten, machte sie sich auf die Suche nach Alternativen. Anfangs fühlte sich dabei oft überfordert von der Aufforderung, sich intensiv mit ihrem Leben und ihrer Person auseinanderzusetzen, Ursachen für Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden. Und auch als ihre Suche nach Alternativen sie zu Reiki führte, machte sie die Erfahrung, dass es ohne Selbstreflexion und aktive, eigenverantwortliche Aktivität kaum zufriedenstellende Veränderungen im Leben gibt.„Die Investitionen von Zeit und Geld in Aus- und Weiterbildungen im Usui-System des Reiki hat sich jedoch ‚bezahlt' gemacht", erzählt sie lebhaft und mit einem Lächeln. Längst fühlt sie sich beschwerdefrei, gesund, lebendig und im Strom des Lebens, ist voller Energie und Ideen.

Entspannte Gesichter

Es ist Mittwoch, der 5. Juni 2013. Um 15 Uhr soll die „Heilzeit" beginnen. Die Türen der Kirche sind wie üblich schon seit dem Morgen weit geöffnet, als Anne Frericks den Kirchenraum betritt. Ruhe und angenehme Kühle wehen ihr entgegen. Zielstrebig begibt sie sich in den Chorraum, entzündet Kerzen auf dem Altar, stellt Stühle für die Heilungssuchenden auf, ordnet noch flink die Informationsmaterialien, platziert das Spendenkörbchen. „Sie sind herzlich eingeladen. Bitte nehmen Sie Platz im Chorraum der Kirche. Hier legen wir Ihnen die Hände auf", steht im Info-Flyer zur Heilzeit zu lesen, der vor der Kirche ausliegt. Und weiter: „In diesem uralten religiösen Ritual erfahren Sie Annahme Ihrer ganz persönlichen Anliegen. Die Liebe, das Licht und die Kraft fließen in Sie ein, und Sie spüren die Wärme und Güte Gottes. Das Handauflegen steht jedem offen und ist kostenfrei."

Da ist bereits der erste Gast der „Heilzeit" angekommen, Hildegard Schlager aus Bühl bei München, die in den „Kurstadt-Nachrichten" von diesem Termin am 5. Juni erfahren hat. Annemarie Frericks begrüßt sie mit einem Lächeln, fragt leise nach ihrem Befinden und ihren Wünschen, nach einem konkreten Anliegen oder Problem. Nach kurzem Gespräch legt sie die Hände auf. Etwa 20 Minuten genießt Hildegard Schlager die Behandlung, die gelegentlich von einer Frage Annemarie Frericks nach dem Befinden begleitet wird. Nach der Behandlung noch ein paar Sätze über das Erlebte oder ein kleines Gebet und die Einladung, auch an Gottesdiensten oder anderen Angeboten der Kirche teilzunehmen. Während Annemarie Frericks Behandlung ist auch der Pfarrer eingetroffen, der wenige Augenblicke später dem nächsten Heilzeit-Gast die Hände auflegt. Tannetje König aus Baden-Baden hatte über eine Bekannte von der Heilzeit gehört und suchte Unterstützung bei der Genesung ihrer durch einen Sturz lädierten Schulter.

Kraft und Energie tanken

Eine junge Mutter, Mitglied der Kirchengemeinde, kommt mit ihrem Sohn Felix, der seit dem Morgen über Kopfschmerzen klagt und nun seine „Heilzeit", zu der er unbedingt wollte, unter den Händen von Annemarie Frericks sichtbar entspannt genießt. Claus Tratschitt ist eigens aus Karlsruhe angereist, um sich behandeln zu lassen und entspannen zu können. Weitere Gäste folgen. Manche spontan, als sie während ihres Spazierganges durch die Kurstadt an der Kirche vorbei kommen und die Heilzeit-Bekanntmachung sehen, andere kommen gezielt auf die Information im Veranstaltungskalender der „Kurstadt-Nachrichten". Wieder andere Gäste setzen sich einfach in die Kirche, um Stille zu tanken und die angenehmen Energien des Kirchenraumes auf sich wirken zu lassen. „Heute war es relativ ruhig", erzählt Annemarie Frericks später. „Oft kommen mehr als 20 Leute zur Heilzeit, da gibt es für uns keine Pause bis zum Ende der Heilzeit gegen 17 Uhr."

Claus Tratschitt ist einer der „Wiederholungstäter". Zum zweiten Mal ist er bei der Heilzeit und will wiederkommen. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda hatte er vom Angebot der alt-katholischen Kirche gehört. „Eine tolle Kirche mit sehr angenehmer, wohltuender Energie", beschreibt er seinen Eindruck. „Ich bin angenehm entspannt und fühle mich sehr wohl nach Annemaries Behandlung", erzählt er weiter. Handauflegen kenne er bereits aus der Kindheit, vielleicht habe er sich deshalb später damit beschäftigt. Claus Tratschitt ist Masseur von Beruf. Irgendwann habe er festgestellt, dass während seiner Behandlungen mehr geschieht als „nur" Massage, dass da „irgendwelche Energien" fließen. Dies war sein Ausgangspunkt, um sich mit Reiki zu beschäftigen. „Ich halte diese Heilzeit in der Kirche für eine gute Einrichtung", meint er. „Erstaunlich, wie viele Menschen kommen. Ob nun krank oder gesund – schon allein der entspannende, kraft- und energiespendende Effekt ist einfach fantastisch."

Himmel und Erde

„Katholisch", so erklärt Pfarrer Vogt, „meint in seiner ursprünglichen Bedeutung: allumfassend. Allumfassend schließt also Himmel und Erde, Mensch und Tier ein." Daraus folge, dass „katholisch" nicht nur Christen oder gar nur bestimmte Christen einer ganz bestimmten Kirchengemeinde meint. „In unserer Kirchengemeinde zum Beispiel sind auch Muslime und Perser aktiv dabei, Menschen verschiedenster Herkunftskulturen und Nationen", berichtet er und sagt: „Ich glaube an diese alle und alles umfassende Kirche!" Und weiter stellt er fest: „Christliche Tradition, die alt-katholische Kirche, das bedeutet für mich: Zurück zu den Wurzeln." Und diese Wurzeln haben durchaus Anbindung auch an alte östliche Kulturen – von Taoismus bis Hinduismus. „Ich kann mich mit den Ideen und Grundgedanken von Mikao Usui sehr wohl anfreunden. Die Grundbotschaften bestehen darin, Lebensfreude und Optimismus zu pflegen, dem Leben zugewandt zu sein, vorhandene Talente zu erkennen und zu verstärken, das Gleichgewicht der Gesundheit von Körper und Seele zu stärken und mit alldem das Erlangen von Lebensglück zu unterstützen. Zu diesen Anliegen finde ich zahlreiche Parallelen auch in der Bibel." *

„Es gibt so viele Formen von Spiritualität und von Kirche ...", sinnt Pfarrer Hans Vogt nach, der bereits seit 1982 sein Priesteramt ausübt. Das Ur-Reiki ist eine der aus meiner Sicht einfachen spirituellen Lehren, die sich auf den von mir betonten Ganzheitszusammenhang einlässt. Dieses Zurück zu den Wurzeln, zurück zur Quelle kommt meiner Auffassung sehr nahe." Natürlich genieße eine Kirche immer eine Art Vertrauensvorschuss – ganz gleich, um welche Angebote und Veranstaltungen es auch gehe. „Besucher einer Kirche dürfen mit Recht erwarten, dass sie in einen geschützten Raum eintreten, den sie gestärkt und ermutigt wieder verlassen", so der Pfarrer. Daher trage er als Priester, als Pfarrer der Spitalkirche und der alt-katholischen Kirchengemeinde natürlich auch Verantwortung für die „Heilzeit", wie für alle anderen Veranstaltungen seiner Kirche. „Und ohne die Unterstützung der Mitglieder der Kirchengemeinde wäre die ‚Heilzeit' gar nicht möglich." Dass es diese uneingeschränkte Unterstützung gibt, mag auch daran liegen, dass das Handauflegen uralten christlichen Traditionen entspricht – von der Taufe bis hin zur sakramentalen Salbung.

Wichtig sei doch, wie jeder Spiritualität verstehe und lebe, so Pfarrer Vogt. „Wenn du für Spiritualität in deinem Lebensalltag keinen Freiraum schaffst und bereithältst, bist du auch kein spiritueller Mensch. Die tägliche Vereinigung von Gebet oder Meditation mit Alltagsarbeit ... die Art des Umgangs mit Mensch, Tier und Umwelt ... achtsames Eintauchen ins Gebet ebenso wie in das tägliche Tun ... geben, nehmen und fließen lassen ... all das zeichnet spirituelle Menschen aus." Und er betont noch einen – auch im Reiki, in traditionell christlichen und anderen Lehren wiederzufindenden – Grundsatz: „Niemand ist Meister oder Herr über andere, jeder ist Diener! Und genau das bedeutet für mich ‚geerdet sein'."

Aktiv in der Kirchengemeinde

„Ich bin sehr bewusst Christin", erzählt Annemarie Frericks, die Reiki praktizierende, sehr engagierte Leiterin der „Heilzeit" in dieser Kirche. „Und ich nehme aktiv und gern am Leben der Kirchengemeinde teil, die ein Stück weit zu meiner Familie geworden ist, der mein Mann und ich einen guten Teil unserer Zeit widmen", erzählt sie. Mitunter werde nachgefragt, ob Unterstützung der „Heilzeit" durch weitere Reiki-Praktizierende gefragt sei. „Natürlich freuen wir uns über Verstärkung, zumal oft Wartezeiten für Gäste entstehen, die durch ein oder zwei Handauflegende mehr vermieden werden könnten." Ob nun Reiki oder Handauflegen in europäisch-christlicher Tradition sei auch gar nicht die wichtigste Frage. „Schön wäre es, wenn sich Interessenten nicht nur für die ‚Heilzeit', sondern darüber hinaus auch für das Teilhaben am Gemeindeleben interessieren würden und somit einen Bezug auch zu unserer Kirche und dem Anliegen der ‚Heilzeit' hätten", meint Annemarie Frericks.

Berührt werden – berührt sein. Als Gast der Baden-Badener „Heilzeit", als Gast oder Mitglied der Kirchengemeinde, als Gebender beim Händeauflegen oder als Nehmender. Ein berührendes Beispiel für das Miteinander von Traditionen und Menschen.

 

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Die alt-katholische Kirche:

Altkatholische Kirche, in der Schweiz Christkatholische Kirche, bezeichnet die Gemeinschaft selbstständiger, vom Vatikan unabhängiger katholischer Kirchen, die in der Utrechter Union zusammengeschlossen sind.

Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 entstanden überall im deutschsprachigen Raum Kirchengemeinden derjenigen Christen, welche die neu verkündeten Dogmen von der Unfehlbarkeit des Papstes und seinem Jurisdiktionsprimat aus ihrem Gewissen heraus nicht annehmen konnten und beim alten Glauben blieben. In kritischer Auseinandersetzung mit den historischen Zeugnissen der frühen Christenheit entwickelten die Väter der alt-katholischen Bewegung eine bischöflich-synodale Kirchenverfassung, die das historische Bischofs- und Priesteramt auf allen Ebenen mit demokratischen Elementen verbanden.

In der alt-katholischen Kirche haben Männer und Frauen die gleichen Rechte. Insbesondere können Frauen und Männer gleichermaßen zum apostolischen Dienst des Diakonats, Priester- und Bischofsamt ordiniert werden.

Das "alt" im Namen steht für den ursprünglichen, gemeinsamen christlichen Glauben – "katholisch" also im Sinne von ökumenisch, allumfassend.
Als erste von Rom unabhängige katholische Konfession sind die Alt-Katholiken staatlich anerkannt.
Sie sind Gründungsmitglied im Ökumenischen Weltrat der Kirchen (Genf) und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK).

(Quelle: Website der alt-katholischen Kirchengemeinde Baden-Baden: www.ak-bad.de)

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Anmerkung:

* Nach Pfarrer Hans Vogt: Markus 16,18, Matthäus 19,13-15, Lukas 18,15

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Copyright Fotos: Archiv Verona Gerasch

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Verona Gerasch studierte Journalistik an der Universität Leipzig und arbeitet als freie Journalistin und Texterin, als Coach und als Dozentin in der Erwachsenenbildung. Vor fast 15 Jahren wandte sie sich Beratung und Coaching sowie alternativen Heilweisen zu. Ihre Erfahrungen verbindet sie mit ihrer publizistischen Tätigkeit. Sie ist Autorin des Buches „Selbstständigkeit im alternativen Gesundheits- und Beraterberuf" (Schirner Verlag, 4. Auflage 2012).

Kontakt:

„Textwerkstatt" Verona Gerasch
Schillerstraße 31, 78554 Aldingen
Tel.: (07424) 70 36 981
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

www.verona-gerasch.de

 

 

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