Reiki für Neugeborene - Interview mit Dr. med. Eric Anders

Wie kann Reiki für Neugeborene optimal eingesetzt werden? Barbara Simonsohn, Buchautorin und langjährige Reiki-Lehrerin des authentischen Reiki, führte ein Interview mit Dr. med. Eric Anders, Kinderarzt am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus (Technische Universität Dresden).

 

Barbara Simonsohn: Dr. Anders, Sie arbeiten auch mit dem authentischen Reiki und haben gerade den IIIA-Meister-Grad absolviert. Wie wenden Sie Reiki bei Ihrer Arbeit an?

Dr. Eric Anders: Primär im Kreißsaal zur Erstversorgung von Neugeborenen. Kinder sind nach der Geburt oft aufgeregt und agitiert durch die fremde Umgebung, vielleicht sind sie sogar durch Kaiserschnitt auf die Welt gekommen. Sie brauchen Grenzen und Begrenzungen, wie die Gebärmutterwand. Ich platziere die Hände neben dem Kopf. Die Kinder werden ruhig und haben keine Angst mehr. Nach nur ein oder zwei Minuten des Haltens machen sie oft die Augen auf und schauen neugierig umher: „Wo bin ich?" Häufig haben Neugeborene auch Atemstörungen. Die Schwester sagt vielleicht: „Er atmet schlecht." Ich halte dann die Hände über den Brustkorb und Bauch.So wird die Atmung oft besser.

Ich habe bei einem Kind mit einer Fallhand Reiki angewendet. Die eine Hand hing bei diesem Kind schlaff herunter, das obere Arm-Nerven-Geflecht war deutlich beeinträchtigt. Das Kind erhielt einmal am Tag für vier bis fünf Minuten Reiki in Kombination mit regelmäßiger„Beübung"durch die Eltern – und die Fallhand war nach 3 bis 4 Tagen völlig verschwunden.

Barbara Simonsohn: Was halten Sie von der Einbeziehung der Eltern?

Emotionale Bindung

Dr. Eric Anders: Sehr viel. Die Eltern sollten so früh wie möglich ihr Kind eigenständig versorgen können, gerade bei Frühgeborenen. An der Kinderklinik in Dresden gibt es das „FamilieNetz" zur Stärkung der Eltern. Es begleitet Eltern wenn möglich schon vor der Geburt und vermittelt frühzeitig wichtige Kompetenzen, damit Eltern ihr Frühgeborenes kompetent versorgen können. Es gibt nämlich das verbreitete „Whose Baby Syndrom". Dieses beschreibt einen Prozess, in dem sich die Eltern von der Versorgung ihres Kindes ausgeschlossen fühlen, was fatal ist für die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kind. Das „FamilieNetz" begleitet Eltern beim Bindungsaufbau und der Pflege ihres Kindes auf ihrem Weg, Experte für ihr Kind zu werden. Mitarbeiter des „FamilieNetz" demonstrieren wichtige Pflegeprozeduren an Puppen, Eltern arbeiten parallel an ihrem Kind. Die Känguruh-Methode, bei der die Frühchen am Körper gehalten werden, ist mittlerweile Standard bei Frühgeborenen. Es wäre schön, wenn es Eltern in diesem Rahmen ermöglicht würde, ihre Kinder auch mit Reiki zu begleiten. Ist ihr Kind sediert(1) und beatmet, können die Eltern nur sehr eingeschränkt eine Bindung zu ihrem Kind aufbauen. Eine Mutter, die den 1. Reiki-Grad hat, habe ich ermuntert, ihrem beatmeten Kind Reiki zu geben und ihr Positionen gezeigt. Ich habe ihr gesagt, sie solle lieber für kürzere Zeit kommen und ihrem Kind dann Reiki geben. Wenn ihr Akku leer ist, nützt es auch ihrem Kind nichts. Ich habe gemerkt, dass Reiki eine gute Methode ist, bei Eltern Ängste abzubauen. Sie haben mit Reiki auch mehr Mut, Probleme anzusprechen.

Barbara Simonsohn: Was sehen Sie als Problem vieler Eltern mit Frühchen?

Dr. Eric Anders: Eines der Probleme ist, dass ein tiefer emotionaler Bindungsaufbau in solchen Fällen oft erst verzögert möglich ist. Viele Mütter machen sich Vorwürfe und geben sich selbst Schuld wegen der zu frühen Geburt ihres Kindes. Sie erleiden anschließend sehr häufig eine posttraumatische Belastungsstörung. Reiki hilft den Eltern selbst, sie lernen ihrem Kind zu helfen und dabei sich selbst. Reiki bietet eine gute Möglichkeit, die Väter mit einzubeziehen. Leider wird bei uns in Deutschland bei Geburten oft nur ein Elternteil von der Arbeit freigestellt. In Schweden beispielsweise sind es beide Elternteile, sodass das Frühgeborene dort von beiden Eltern betreut werden kann, bei vollen Bezügen.

Barbara Simonsohn: Sollten Kinderschwestern generell im 1. Reiki-Grad ausgebildet werden?

1. Reiki-Grad für Eltern

Dr. Eric Anders: Ich denke, die Eltern sollten im 1. Grad ausgebildet werden.Die Schwestern und Pfleger kümmern sich sehr kompetent und liebevoll um die Kinder. Problematisch erscheint jedoch die Tatsache, dass manche daraus ihren Selbstwert und ihre Anerkennung beziehen. Es sollte mindestens genauso wichtig sein, dass eine Schwester sagt: „Ich gebe meine Erfahrung an das System Familie weiter" – und damit den Eltern vermittelt, dass sie die wichtigsten Bezugspersonen ihres Kindes sind. Schwestern und Pflegern empfehle ich, Reiki für sich selbst anzuwenden, auch, um sich vor einem möglichen Burnout zu schützen. Reiki-Anwendungen für die Kinder sollten aber durch die Eltern erfolgen. Deshalb sollten die Eltern darin ausgebildet werden. In der Frühgeborenenmedizin versuchen wir im Prinzip, den Mutterleib nachzuahmen, so gut es geht. Der Kontakt zur Mutter ist deshalb sehr wichtig. Reiki könnte von den Eltern noch vor der Känguruh-Methode angewendet werden, falls das Kind noch beatmet oder zu instabil sein sollte.

Reiki ist natürlich auch eine interessante Methode für Kinder, weil es die Bindung zu den Eltern fördern kann, die wichtig ist für eine gesunde psychosoziale und spirituelle Entwicklung des Kindes. Das Urvertrauen, das dadurch erlebt wird, die Geborgenheit, trägt einen Menschen durch sein ganzes Leben. Jedes Neugeborene ist einer Flut von neuen Reizen ausgesetzt. Reiki beruhigt und schafft mehr Raum für Bindung. Ideal für die Kontaktaufnahme mit einem Neugeborenen – Kuscheln ausgenommen –, ist eine Distanz von etwa 30 Zentimetern, die bei der Reiki-Gabe eingenommen werden kann. Reiki kann vielen Eltern mehr Sicherheit vermitteln. Sie bekommen einen unmittelbaren, direkten Kontakt zum Kind, der einfach, überall anzuwenden und universell geprägt ist. Ich bin überzeugt, dass mit Reiki einige medizinische Interventionen bei Kindern überflüssig werden können. Oftmals brauchen Neugeborene mehr Zeit für die Anpassung an ihre Umwelt. Diese sollte den Kindern, wenn medizinisch möglich, eingeräumt werden. Auch einige Ärzte müssten hier umdenken, ihr Selbstbild ändern. Wenn sie aktiv sind, fühlen sie sich wichtig.

Von Mutter Natur ist es in meinen Augen so geschaffen, dass viele vorübergehende Störungen von selbst ausheilen. Unsere Aufgabe als Arzt besteht darin, dies anzuregen und invasive Maßnahmen nicht zu frühzeitig zu ergreifen. Ich bestimme nicht, sondern das Kind selbst. Wie ein Zitat aus dem Film „Patch Adams" es auf den Punkt bringt: „Wenn man eine Krankheit behandelt, kann man verlieren. Wenn man einen Menschen behandelt, kann man nur gewinnen."

Barbara Simonsohn: Welche möglichen Probleme sehen Sie bei der langfristigen Entwicklung von Frühgeborenen, und wie könnte Reiki hier helfen?

Pilotstudie geplant

Dr. Eric Anders: Frühgeborene haben – statistisch betrachtet – später eine höhere Rate an AD(H)S, Aufmerksamkeitsdefizit(hyperaktivitäts)syndrom, und auch eine höhere Rate an Asthma. Sie weisen häufiger Teilleistungsstörungen auf wie z.B. eine Lese-/Rechtschreibschwäche oder eine motorische Entwicklungsverzögerung. Hier könnte Reiki eine frühzeitige und vertiefte Bindung unterstützen, die eine gesunde Gehirnentwicklung ermöglicht. Wir planen eine Pilotuntersuchung, bei der wir Eltern in Reiki ausbilden wollen. Wir werden dann die Auswirkungen auf Frühgeborene untersuchen, was Herzfrequenz, Atemfrequenz, Stresslevel(2) betrifft, aber auch Wachstum und Nahrungsaufnahme. Zusätzlich werden wir die Eltern bitten, ihre Eindrücke zu beschreiben, warum und wie regelmäßige Reiki-Anwendungen die Bindung zu ihrem Kind beeinflussen.

Barbara Simonsohn: Herr Dr. Anders, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 

 

Anmerkungen:

(1) Der Begriff Sedierung bezeichnet die Dämpfung von Funktionen des zentralen Nervensystems durch Beruhigungsmittel.

(2) Messbar über den Cortisolgehalt im Blut oder Speichel (steigt bei Stress an).

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