Die Reiki-Lebensregeln: 4. „Widme dich deinem Karma!"

Die neuen Übersetzungen der Reiki-Lebensregeln nach Mark Hosak nimmt Reiki-Meister und Diplom-Psychologe Harald Wörl zum Anlass, sich neue Gedanken über die Inhalte der Lebensregeln zu machen. In Teil vier der Serie geht es um das Thema Karma.

Die vorletzte Station unserer Reise durch die Lebensregeln hat es in sich. Mark Hosak erwähnt bei dieser Lebensregel verschiedene Möglichkeiten der Aussprache, die auch unterschiedliche Bedeutungen nach sich ziehen können. Selbst bei der von ihm für am wahrscheinlichsten gehaltenen Aussprache kommt er neben der Formulierung Widme dich deinem Karma! zu den weiteren Möglichkeiten: Gib dir Mühe mit deinem Karma! Sei fleißig mit deinem Karma! Gib dir Mühe mit deinem Schicksal!(1) Ich schließe mich ihm an, wenn er schreibt: „Welche Aussprache nun mit welcher Bedeutung jene ist, die Usui gemeint hat, lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen."(2) Ich möchte diese Aussage dahingehend erweitern, dass wir weiterhin kaum wissen, was Usui damit gemeint hat, wenn er von „Karma" oder von „Schicksal" sprach. Ja, wir wissen nicht einmal genau, was er damit gemeint hat, wenn er davon sprach, dass wir uns diesem „widmen" sollen. Selbst wenn wir dies wüssten, wüssten wir damit auch noch nicht, ob Usui mit seinem Verständnis „richtig" lag. Und was wir auch nicht wissen, aber wissen sollten: welche Bedeutung diese Aussage für uns heute, in unserem jetzigen kulturellen Kontext hat.

Gefühle und Gedanken

Nach meinem Verständnis sind wir keine leeren oder unbeschriebenen Blätter, selbst wenn wir dies gern wären oder uns selber oder andere dies gern glauben machen wollten. Wenn wir Wörter wie „Karma" oder „Schicksal" lesen oder hören, lösen diese in uns etwas aus. Wir haben Assoziationen dazu, die eine bunte Mischung von Gefühlen und Gedanken sein können. Diese Assoziationen müssen uns nicht bewusst sein, um eine Wirkung zu erzielen. Ach ja, Karma wird oft mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung „übersetzt" bzw. gleichgestellt. Meinte Usui etwa, dass wir uns der Erforschung dieser Thematik widmen sollten? Dass wir herausfinden sollten, was es mit diesem Gesetz von Ursache und Wirkung auf sich hat?

Vordergründig erscheint – erst einmal – alles klar. Wir verpassen beispielsweise einer Billardkugel einen Stoß, schon bewegt die sich in eine bestimmte Richtung. Hier scheinen Ursache und Wirkung ganz klar zu sein. Aber wie ist es mit den Aus-Wirkungen in unserem Geist, in unseren Gedanken und Gefühlen? Ist uns klar – bzw. wie sehr ist uns klar? –, dass die Assoziationen, die in uns entstehen, die Aus-Wirkungen, wenn wir „Karma" bzw. „Schicksal" hören oder lesen, eigentlich Wirklichkeitskonstruktionen sind? Entstehen diese Wirklichkeitskonstruktionen – also das, was wir für wahr halten, z.B. in Bezug auf Karma oder Schicksal – in diesem Moment? Denken wir uns das in dem Moment einfach aus bzw. erschaffen dies, unbeeinflusst von unserem bisherigen Er-Leben und unseren Erfahrungen? Oder wird nicht eine Art „Prägung" abgerufen, eine Programmierung, die irgendwann in unserer Vergangenheit entstanden ist? Wäre damit nicht unser heutiges Verständnis von Karma selbst durch „karmische Prozesse" beeinflusst?

So betrachtet beinhaltet diese vierte Lebensregel eigentlich alle großen Fragen der Menschheit. Wenn Karma als Gesetz von Ursache und Wirkung verstanden wird: Gibt es dann eine erste Ursache, eine Art Karma-Urknall? Was bedeutet es, wenn wir von „Schicksal" sprechen? Sind wir einem Schicksal quasi ausgeliefert? Können wir es beeinflussen? Wenn ja, in welchem Maße? Und natürlich haben wir alle eine Meinung dazu, vielleicht sogar die, dass solche Fragen nicht wirklich wichtig sind.

Happy-End?

Beleuchten wir diese Fragen auf einer praktischeren Ebene, erscheint es möglicherweise wieder einfacher. Wenn ich Gutes tue, ernte ich Gutes, wenn ich „Böses" tue, fahre ich schlechte Resultate ein. Wahrscheinlich stimmt das – aber ist dies die ganze Wahrheit? Was ist mit den Menschen, die ihr ganzes Leben lang Gutes tun, um dann irgendwie schrecklich zu enden oder deren Geschichte kein Happy-End hat? Oder umgekehrt: mit dem Verbrecher oder Bösewicht, der sein ganzes Leben auf Kosten anderer lebt und ihnen Schaden zufügt, aber damit „durchkommt"? Wir hätten gerne, hier möchte ich mich mit einschließen, dass ein Schicksal gerecht ist. Mir gefällt die Vorstellung, dass Gottes Mühlen manchmal langsam, aber letztlich gerecht mahlen. Ich hoffe, „er" weiß das auch – und vergisst es nicht zwischendurch(3) ;-)

Problematisch wird es für uns, wenn wir, bezogen auf sehr lange Zeiträume in unserem Leben oder die uns nahestehenden Menschen, den erhofften Ausgleich oder die ersehnte Gerechtigkeit nicht erkennen können. Das Verständnis des Karma bietet uns hier eine noch größere Perspektive als die des einen, jetzigen Lebens, die zwar mit bestimmten Vorteilen verbunden ist, zugleich aber auch mit bestimmten Fallstricken verknüpft sein kann. Geht man davon aus, dass es mehr als dieses eine Leben gibt, d.h. Reinkarnation, Wiedergeburt, dann können Ursachen für das, was uns heute begegnet, in früheren Leben liegen, und die Aus-Wirkungen von dem, was wir heute säen, auch erst in zukünftigen Leben geerntet werden.

Karmische Gründe?

Aus psychologischer Sicht, das beobachte ich häufiger, besteht dabei die „Gefahr", dass die früheren Leben zu einer Art Sündenbock werden, die für alles Mögliche und Unmögliche verantwortlich gemacht werden können. Entweder offen oder auch subtiler verdeckt enthält dies dann den Beiklang von „selbst schuld." Mit der Bedeutung: Der Mist, der mir jetzt begegnet, den habe ich mir früher eingebrockt. Wenn ich früher nicht so „böse" gewesen wäre, ginge es mir heute besser. Oder, bezogen auf die Zukunft, bekommt das dann die Bedeutung, dass in diesem Leben aus „karmischen Gründen" Bestimmtes nicht mehr möglich oder machbar ist bzw. scheint, man braucht nur auf das nächste Leben zu warten. Betrachten sich Menschen dann noch als „spirituell", ist dies häufig damit verbunden, dass sie genau zu wissen meinen, was es mit diesen Zusammenhängen auf sich hat. Im Extrem wird mit einem Andersdenkenden um die Wahrheit gestritten oder einem Andersgläubigen das Leben genommen – oder gar nicht gehandelt und alles als karmisch oder schicksalhaft hingenommen.

Ich unterstelle Usui einmal, dass er dieses nicht im Sinn gehabt hat, als er uns die Empfehlung gab, uns unserem Karma zu widmen. Ich möchte mir gleichzeitig aber auch nicht anmaßen, nur annäherungsweise zu verstehen, was er dazu dachte. Ich weiß es nicht. Für eine Weiterentwicklung nützlich halte ich generell eine bestimmte Haltung des Nicht-Wissens, verbunden mit einer bestimmten Offenheit. Was Karma und Schicksal ist bzw. sein können, erscheint mir im Rahmen dieses Artikels schon aus Platzgründen nicht möglich zu erörtern. Bezogen auf diese grundsätzlichen und trotzdem wichtigen Überlegungen möchte ich es deshalb bei den folgenden zwei Hinweisen belassen, über die man spätestens dann nachsinnen kann, wenn es an der Zeit ist, das eigene (Denk-)System wieder für Neues zu öffnen:

Zum einen: Buddha selbst hat nicht alles als karmisch angesehen. (4) D.h. manche Dinge geschehen einfach so. Als Konsequenz hat das beispielsweise, das nicht alles determiniert und vorherbestimmt oder beeinflussbar ist, man also mit einer bestimmten Unsicherheit leben und klarkommen muss. Das gefällt uns meist nicht, das haben wir nicht so gern. Zum anderen: Während Buddha vom „Ausstieg aus dem Rad der Wiedergeburten" sprach, wird das manchmal versucht so zu lösen, dass man erklärt, dass dies das letzte Leben sei, als ob man dies einfach so entscheiden könne, weil man die Nase von bestimmten Sachen voll hat. Oder aber die Wiedergeburt kommt als eine Art Hoffnung daher, die beinhaltet, dass unser „Ich" wiedergeboren wird, so wie wir es bzw. uns derzeitig verstehen. Auch wenn wir dies gerne so hätten, ist es aber zugleich fraglich, ob dem auch tatsächlich so ist. Ich muss zugeben, auch mein Ich findet es nicht so toll, wenn es sich vorstellt, eines Tages weg vom Fenster zu sein.

„Nutze deine Möglichkeiten!"

Es gibt eine starke Tendenz in uns, an dem zu hängen, was wir meinen zu sein, uns mit liebgewonnenen Denk- und Fühlgewohnheiten zu identifizieren. Dies unabhängig davon, ob uns das wirklich nützt und wir in unserer Essenz tatsächlich so sind oder nicht. Mir gefällt die Vorstellung, dass „Gott" uns am Ende unseres Lebens fragt, warum wir nicht zu dem Menschen geworden sind, der wir in Wahrheit sind, und dass dies die einzig relevante Frage ist. Wir können uns diese Frage natürlich auch schon früher stellen, eigentlich immer wieder neu, wer wir wirklich sind und was für uns wirklich wichtig im Leben ist. Dies scheint mir ein Aspekt zu sein, wie man die Aufforderung Widme dich deinem Karma! verstehen könnte. Diese Lebensregel bekäme dadurch auch die Bedeutung „Gestalte (selbst) dein Schicksal!" bzw. „Erkenne und nutze deine Möglichkeiten!", im Sinne von „Erkenne und entfalte dein wahres Sein!". Es steht uns quasi frei, wie wir das machen sollten, aber wir sollten es tun. Wir sollten etwas aus unserem Leben „machen", es nutzen, uns entwickeln.

In unserer heutigen westlichen Kultur wird das oft dahingehend (miss-) verstanden, dass wir ein bestimmtes Image entwickeln sollen, etwas „darstellen" sollen, materielle Güter anhäufen usw.. Mark Hosak hat auch schon darauf hingewiesen, dass Usuis Formulierung nichts damit zu tun hat, dass wir „hart arbeiten" sollen. (5) Dieser Irrweg westlicher Prägung wird heutzutage beispielhaft an der stetigen Zunahme von Burn-out-Erkrankungen deutlich. Widme dich deinem Karma! würde darauf bezogen bedeuten, dass wir möglichst frühzeitig erkennen (können), dass wir mit einer solchen Einstellung und Prägung auf dem „Holzweg" sind statt auf dem Weg, unser wahres Selbst zu entfalten.

Auf die Gefühle achten

Um das eigene Schicksal selbst zu gestalten, gibt es viele Möglichkeiten, sogar sehr viele (seine eigene „Bestimmung" zu verfehlen und unser wahres Selbst verkümmern zu lassen wahrscheinlich genau so viele ;-) Ein Ansatzpunkt, der mir bedeutsam erscheint, ist in einer Formulierung zu finden, die wahrscheinlich auf ein chinesisches Sprichwort zurückgeht:

„Achte auf Deine Gefühle, denn sie werden zu Gedanken. Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal."

Auf die oben genannten Aspekte zu achten bedeutet auch, Achtsamkeit zu entwickeln, da diese nicht automatisch vorhanden ist, ganz im Gegenteil. Es sind gerade die automatisch ablaufenden Prozesse in uns, die uns zu schaffen machen. Hier lohnt es sich deshalb, seine eigene Achtsamkeitspraxis zu entwickeln. Nicht zufällig finden deshalb Methoden aus der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction – MBSR) oder dem Vipassana nicht nur im psychotherapeutischen Kontext zunehmende Verbreitung.(6) Zugespitzt formuliert könnte man sagen, dass wir die Wahl haben, welche Art von Achtsamkeitspraxis wir entwickeln wollen – dass wir aber nicht die Wahl haben, gar keine Achtsamkeitspraxis zu entwickeln. Zumindest dann nicht, wenn wir uns unserem Karma widmen wollen. Ich denke, „nur" die Reiki-Lebensregeln zu rezitieren und uns und anderen Reiki zu geben, reicht (dafür) nicht aus. Die Lebensregeln wollen auch im alltäglichen Leben angewendet sein, be-herz-igt werden.

Lebenslanger Prozess

Es geht dabei auch darum, eine bestimmte, ich nenne es mal vorsichtig Reflexions- bzw. Wahrnehmungsfähigkeit zu entwickeln, um zu erkennen, was in uns vorgeht. Es geht also nicht nur darum, das „Gerappel im Kopf" einfach abzustellen oder „nur" „positiv zu denken". Wie mit obigem Sprichwort deutlich gemacht wird, geht es dabei auch nicht nur darum, sich der Gedanken und Bewertungen bewusst zu werden, die in einem ablaufen, sondern eben auch – ganz wichtig! – unserer Gefühle und Empfindungen. Praktisch gesehen geht damit auch die Entwicklung der Fähigkeit des Nicht-Bewertens einher, denn wie sollten wir uns unserer (automatisch ablaufenden) Bewertungen sonst bewusst werden können? Beim Nicht-bewerten ist es in der Praxis auch ganz wesentlich, uns selbst (oder andere) nicht ab-zuwerten, irgendwie/teilweise/bestimmte Aspekte in uns abzulehnen. Ich kenne niemanden, der damit nicht zu tun hätte. Ich glaube auch, Usui hat nicht behauptet, dass dies alles zu entwickeln, sich seinem Karma zu widmen, einfach sei. Nach meinem Verständnis ist dies ein lebenslanger Prozess, der nie aufhört, sondern der immer weiter vertieft werden kann. Wie heißt es so schön: „Die ersten 40 Jahre der Kindheit sind immer am schwierigsten."

Beim Umsetzen der Aufforderung, uns unserem Karma zu widmen, finde ich ein Gleichnis hilfreich, mit dem im Buddhismus der mittlere Weg beschrieben wird: die Saite eines Musikinstrumentes. Ist sie zu wenig gespannt, entsteht kein schöner oder gar kein Klang. Ist sie zu stark gespannt, entsteht auch kein schöner Klang oder sie reißt sogar. Nur wenn eine Saite die richtige Spannung hat (zwischen den beiden Extremen), kann sie einen schönen Klang erzeugen.(7) „Negativ" formuliert bedeutet das, gerade auch im Bezug darauf, uns unserem Karma zu widmen, dass wir uns dabei oft zu viel oder zu wenig anstrengen, uns zu sehr in einer unproduktiven Nabelschau verlieren oder im nur nach außen gerichteten Handeln, und dass wir oft zu viel oder zu wenig handeln, wir zu „zwanghaft" sind oder zu „locker" etc. Anders formuliert: Sich seinem Karma zu widmen bedeutet auch, sich immer wieder bewusst(er) zu werden, wo man sich gerade befindet, hinsichtlich der gegensätzlichen Aspekte der Anspannung und Entspannung, bezogen auf jede Saite des Lebens. Es geht darum, die Gegensätzlichkeiten des Lebens immer wieder erneut in die im jeweiligen Moment stimmige Balance zu bringen.

„Vermeide Extreme!"

Man könnte dies einfach formulieren mit „Vermeide Extreme!". Hatte ich schon erwähnt, dass auch das einfacher gesagt ist als getan? ;-) Wer Anregungen dazu haben möchte, bei welchen Aspekten es wesentlich ist, Extreme zu vermeiden, kann sich vertiefend dazu mit einem zentralen Element des Buddhismus beschäftigen, dem Edlen Achtfachen Pfad. Hier wird verdeutlicht, welche Bereiche wesentlich sind, denen man sich widmen sollte/könnte: Rechte („Recht" immer im Sinne von „vollkommen") Erkenntnis, Rechte Gesinnung, Rechte Rede, Rechtes Handeln, Rechter Lebenswandel, Rechtes Streben, Rechte Achtsamkeit, Rechte Sammlung.(8) Wer von mehreren Leben ausgeht, hat Glück, für die Verwirklichung dieser Ideale etwas mehr Zeit zu haben.

Last but not least gibt es einen Aspekt, den ich für das Sich-seinem-Karma-widmen bzw. das Gestalten unseres Schicksals für entscheidend halte: Es ist der Umgang mit dem vermeintlich Negativen bzw. dem „Schatten" in uns. Wenn ich eingangs davon schrieb, dass wir keine unbeschriebenen Blätter sind, bedeutet dies auch, dass wir bei der Beschäftigung und dem Wahrnehmen der in uns ablaufenden Prozesse zwangsläufig mit „Material" in Berührung kommen, das wir nicht für so toll halten, das mit unserem idealen Selbstbild keinesfalls in Übereinstimmung steht, kurz, über das wir alles andere als erfreut sind. Wenn wir davon ausgehen, dass Karma bedeutet, dass auch wir dem Gesetz von Ursache und Wirkung quasi unterworfen sind, bedeutet das eben auch, in einer aufrichtigen und ehrlichen Beschäftigung mit uns selbst Wirkungen in uns aus vergangenen Zeiten zu finden, die „negativ" und schmerzhaft sind. Sich damit nur zu identifizieren bringt genau so wenig, wie sie nicht wahrzunehmen und einfach zu verleugnen, was gerade auch in „spirituellen Kreisen" nicht selten geschieht. Der „rechte Umgang" gerade mit den Schattenseiten in uns ist eine Kunst für sich.

Heilig oder schein-heilig?

In der Arbeit als Psychotherapeut ist er das „tägliche Brot", wobei Psychotherapie nicht mehr bedeuten muss, wie einst zu Zeiten Freuds auf der Couch zu liegen und seine Vergangenheit zu analysieren – sondern heutzutage haben ressourcenorientierte Vorgehensweisen wie z.B. in hypno-systemischen Ansätzen eine viel größere Bedeutung. Trotzdem gibt es auch hier eine Art Gesetzmäßigkeit. Habe ich keine Er-Kenntnis über bzw. keine Wahrnehmung von den vermeintlichen oder tatsächlichen „negativen" Spuren bzw. Erfahrungen/Defiziten in mir, kann ich diese nicht wirklich verändern und auch nicht zur Quelle von positiven Erfahrungen transformieren. Das „Negative" bleibt unerlöst, verleugnet, abgespalten und erzeugt quasi im „Untergrund" durch eine Art Eigenleben zum einen immer die gleichen karmischen Auswirkungen, die mir dann auch wiederholt im Außen „begegnen". Zum anderen passiert zwangsläufig auch, dass das „Negative" nach außen projiziert wird und ich es nicht mehr in mir wahrnehmen kann, sondern nur noch im Anderen, der dann zu meinem „Feind" wird. Das nicht wahrnehmen (wollen oder können) von „Negativem" ist also keine Abkürzung zum Heiligsein, sondern führt nur zum scheinbaren Heil-sein, weil eine echte Heilung nicht stattfinden kann. Es führt also nicht direkt ins Nirwana, sondern nirgendwohin, und erzeugt nur scheinbar Heiligkeit, eben Scheinheiligkeit ;-)

Der Lohn für die Beschäftigung mit unserem Karma, wenn wir dabei das vermeintlich „Negative" in uns nicht auszuschließen, ist groß. (Nur) die Kenntnis auch über diese Aspekte lässt uns eine innere Führung wahrnehmen, die keine „innere Stimme" sein muss, sondern auch ein inneres „Gefühl" sein kann, dem wir vertrauen können (und sollten). Wenn wir klar unterscheiden können, welche Befürchtungen etc. aus anderen Zeiten bzw. Quellen kommen, werden wir diese von Warnungen und Hinweisen unterscheiden können, die sich wirklich auf die gegenwärtige Situation beziehen. Gleichzeitig geht interessanterweise damit einher, dass wir auch unabhängiger werden von „positiven Einflüsterungen" bzw. „Irrlichtern", deren Befolgung uns nur in die Irre führen würde (bzw. es oft genug auch tut, wenn wir alles „Positive" für real halten würden).

Schicksal selbst gestalten

Die Kenntnis und die Integration auch des vermeintlich Negativen ermöglicht uns, unser Schicksal wirklich selbst zu gestalten – auch weil wir dadurch unabhängig(er) werden können von den Einflüssen und Aus-Wirkungen der uns bislang prägenden Vergangenheit. Dies ist auch die Basis dafür, wirklich freundlich zu den Lebewesen sein zu können, womit wir aber schon bei der nächsten Station unserer Reise wären.

 




Harald Wörl, Diplom-Psychologe, seit 1984 als Psychotherapeut in eigener Praxis tätig. Hilft Menschen zusammen mit seiner Frau bei der Selbstentfaltung ihres Potentials. Gibt seit 1992 als Reiki-Meister Seminare und Behandlungen.

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Anmerkungen:
(1) „Neue Forschungen über die Lebensregeln des Mikao Usui", M. Hosak, in: Reiki Magazin, Ausgabe 1/13, S. 36
(2) s.o.
(3) Wer seinen Humor mag, sei hingewiesen auf das Buch von David Safier: Mieses Karma
(4) Siehe dazu: Stephen Batchelor: Buddhismus für Ungläubige
(5) „Neue Forschungen über die Lebensregeln des Mikao Usui", M. Hosak, in: Reiki Magazin, Ausgabe 1/13, S. 36
(6) Als Einstieg z.B. Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR oder Jon Kabat-Zinn: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt
(7) siehe z.B. das Stichwort „Mittlerer Weg" bei Wikipedia
(8) siehe z.B. das Stichwort „Karma" bei Wikipedia

 

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