Reiki und Sterbebegleitung

Bernadette Gräwe ist Reiki-Meisterin und arbeitet als Krankenschwester in einem Hospiz. Hier berichtet sie von ihren vielschichtigen Erfahrungen und Einsichten bei ihrer dortigen Tätigkeit.

Reiki ist das heilende Licht, die unendliche Kraft der bedingungslosen göttlichen Liebe, höhere Intelligenz. Sie überflutet den Körper, Geist und Seele, berührt die Herzen der Menschen. Die Reiki-Methode in der Sterbebegleitung (ob in ambulanten, in stationären Hospizen, Krankenhäusern oder auf Palliativ-Stationen) ist einfach, unkompliziert, universal, zugleich sehr präsent und tiefgreifend. Sie handelt im Hier und Jetzt, mit tiefer Verbundenheit. Diese universale Lebensenergie fließt immer. Es reicht oft schon ein Gedanke an sie, um diese heilende Kraft zu mobilisieren. Reiki strömt von ganz allein. Mit Leichtigkeit kann sie in das alltägliche Hospizleben integriert werden. Ihre Wirkung ist direkt, inspirierend, nachhaltig, sanft und dennoch kraftvoll unterstützend und einfach einzigartig. Reiki fließt beim Atmen, Sprechen, gemeinsamen Lachen, Schweigen, Weinen, ob bei der Körperpflege oder beim Essen bzw. Trinken anreichen. Sie kann ohne großen Aufwand fließend in die Physio-, Musik- oder Kunsttherapie einbezogen werden.

Vielseitiger Einsatz

• Reiki im Singen verbindet die Kraft des Wortes oder der Melodie mit der Energie des Atems.

• Rhythmische Einreibung mit Reiki wirkt wie ein energetischer Tanz der Berührung. Der schwerstkranke Mensch kann sich oft nicht mehr spüren, verliert nach und nach die Orientierung in Zeit und Raum. Diese Methode bringt das Vertrauen und Bewusstsein hervor.

• Stille, Schweigen mit Reiki. Der Reiki praktizierende Begleiter ist einfach da, im Hier und Jetzt, aufrichtig, dem Sterbenden nah, da er die gleichen, grundlegenden Wünsche und Bedürfnisse hat, glücklich zu sein, geliebt zu werden, nicht leiden zu müssen, ebenso die Angst vor dem Ungewissen, die gleiche Traurigkeit und Hilfslosigkeit. Die Aufrichtigkeit der Stille mit Reiki öffnet Herzen, füllt den Raum mit Frieden, Verbundenheit, Liebe und Harmonie. Der Reiki-Praktizierende muss nicht Hand auflegen, Techniken verwenden – es reicht schon aus, einfach da zu sein, bewusst zu atmen, sich vom Rhythmus des Herzens tragen zu lassen. Der Körper des Sterbenden hat eine eigene Sprache der Liebe. Er spürt, was ihm guttut, wer authentisch und ganz und gar bei ihm ist, sich für ihn interessiert, ob schweigend in der Stille, singend oder im Gespräch.

Reiki mit Worten

• Reiki in Worten fließen lassen, die Worte mit Reiki umhüllen, ob bei der Begrüßung, in der Unterhaltung, beim Vorlesen. In den Worten liegt enorme Kraft und Energie, sie beeinflussen unsere Beziehungen, unser Dasein. Klang und Schwingung der Sprachmelodie kann verletzen, zerstören, aber auch etwas Neues erschaffen. Es ist wichtig, nicht nur in der Sterbebegleitung, auf die ­Energie hinter den eigenen Gedanken und Gefühlen zu achten. Mit der einzigartigen Energie ist es leichter, mit vertrauten Worten Vertrauen zu schaffen, mit den Worten der Liebe Liebe zu schaffen, mit den Worten der Anteilnahme Zuwendung zu schaffen.

• Körperpflege mit Reiki. Die Hände sind es doch, die berühren, die Lebensenergie weiterleiten, lenken. Es baut sich eine bewusste, achtsame, respektvolle Beziehung und Vertrauen auf. Der Schwerstkranke spürt, dass er so wahrgenommen wird, wie er ist, kraftlos, zerbrechlich, oft übelriechend, verzweifelt, abhängig, sich nach Akzeptanz, Zuwendung und Liebe sehnend, in seiner eigenen Emotionalität, eigenen Ohnmacht, seiner Hilflosigkeit und seinen Gefühlen der Sinnlosigkeit. Er weiß, dass ihm etwas Wertvolles gegeben wurde. Er bekommt das, was er selber ist, was ihn auszeichnet, Liebe und Einzigartigkeit. Diese Energie bringt innere Prozesse in Bewegung. Die Menschen fühlen sich getragen, geschützt, animiert dazu, über eigene Gefühle zu reden. Sie müssen sich keine Ratschläge, Wertungen anhören, sie dürfen individuell den Weg des Sterbens gehen. In der Pflege ist die Zeit von großer Bedeutung: „Jemand hat Zeit für mich, jemand nimmt sich Zeit für mich und meine Anliegen und Bedürfnisse." Mit Reiki gerät die Zeit in Vergessenheit. Die Anwesenheit dieser Energie lässt alles im Hier und Jetzt geschehen.

• Aromatherapie zusammen mit Reiki anwenden. Na­türliche Öle, „duftende Kostbarkeiten aus der Natur, ­Träger der Pflanzenenergie" und Reiki, die universale ­ebensenergie, werten sich in gemeinsamer Anwendung auf. Die Verbindung beider Energien, deren gemeinsame Heilkraft, wirkt entspannend, harmonisierend, lindert Schmerzen, Übelkeit, Atembeschwerden, Unruhe, Ängste.

Denken, Fühlen, Erleben

• Sterbende, Schwerstkranke haben eigene Sinndeutungen im Denken, Fühlen, Erleben. Auf dieser Reise unterstützt Reiki den Begleiter, damit er statt aufzugeben mitgehen kann, um dem Sterbenden die Auseinandersetzung mit den Schatten des Lebens zu ermöglichen und eigene Besonderheiten zu entdecken.

• Schuldgefühle manifestieren sich äußerst intensiv in der letzten Lebensphase. Für den Sterbenden sind sie oft eine große Last und ein Hindernis loszulassen, Abschied zu nehmen. Die Anwendung von Reiki unterstützt weitherzig und aufrichtig den Prozess der Annahme und der Vergebung.

• Angstattacken, Schlaflosigkeit, Angstzustände in der Nacht, Panik, entsetzliche Schmerzen und Verzweiflung, Atemnot und Todesangst ... In diesen Momenten hat die Medikamentengabe nicht selten eine absurde, paradoxe Wirkung. Die Anwesenheit des Begleiters und von Reiki, der heilenden Energie der Zuwendung und bedingungsloser Liebe, Handauflegen, Berührungen, sanfte, leise Worte sprechen oder einfach da sein, präsent sein, sind ein wohltuender, beruhigender Beistand und Rückhalt, um den Rhythmus des Herzens und des Atems wieder in Einklang zu bringen, so dass der Mensch sich wieder von Geborgenheit und Liebe tragen lässt.

•In der letzten Phase des Lebens sprechen Sterbende oft in Andeutungen, Gleichnissen und Bildern der Kindheit, der Vergangenheit, aus Märchen und Symbolen. Tonfall und Körperhaltung übertragen dabei sehr häufig die Stimmung und innere Haltung. Reiki bewirkt, dass die Kommunikation ohne Bewerten, ohne Verurteilen und Beurteilen stattfindet. Reiki ist ein mitfühlender, objektiver Mediator und Dolmetscher (...).

Ein Reiki-Praktizierender, der den Weg des Sterbens mitgeht, muss nicht „perfekt" sein, sondern einfach nur Mensch bleiben, den Mut haben, die Größe und Einzigartigkeit des Sterbenden anzunehmen. Er soll sich dieser speziellen Situation bewusst werden und ihr mit offenem Herzen begegnen. Die folgenden Aussagen sind Geschenke der Offenbarungen von Menschen, die ich auf den Sterbeweg im Hospiz mit Reiki begleiten durfte:

„So leicht ..."

„Wenn ich an Gott glauben würde, würde ich sagen ... er lächelt mich an ... "
„So leicht habe ich mich schon ewig nicht gefühlt ..."
„Du hast mich in wunderbare Trance versetzt ... wie hast du das gemacht?"
„Du bist ein Engel, wie kann ich dir für DAS danken?"
„Ohne Reiki kann ich verrückt werden vor Angst! ..."
„Mit dem, was du tust, spüre ich wieder mich selbst."
„Endlich geht es auch ohne Spritze – was hast du da gemacht? ..."
„Nach deiner Massage konnte ich endlich ohne Fernsehen schlafen, kannst du wieder kommen? ..."
„Wenn du mich streichelst, verschwinden alle Gedanken, das Herz hämmert nicht so ..."
„Es tut mir gut, wenn du mich in den Arm nimmst, bleib bitte! ..."
„Was ist DAS? ... "
„Wo hast du DAS gelernt? ..."

Reiki-Energie zeigt in aller Klarheit und Bescheidenheit, was Mitgefühl ist, sie tröstet, fühlt, hilft auf eine ganz leichte, anspruchslose, bescheidene Art und Weise. Der sterbende Mensch soll zuallererst Liebe spüren, die frei von jeglicher Erwartung ist – und so bedingungslos wie irgend möglich.

 

Auszug aus der rd. 30-seitigen Fach­arbeit „Reiki und Sterbebegleitung im Hospiz" von Bernadette Gräwe, erstellt im Rahmen der Staatlich anerkannten Fachweiterbildung für Palliativ- und Hospizpflege, Sept. 2012 bis März 2014, an der Akademie für Palliativmedizin und Hospizarbeit Dresden gGmbH.

 

Bernadette Gräwe, Fachkrankenschwes­ter für Palliativ- und Hospizarbeit, arbeitet als Krankenschwester im Hospiz, Reiki-Meis­terin/-Lehrerin.

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