„Ich glaube an die Kraft der universellen Lebensenergie!“ Ein Interview mit Majella Lenzen

Majella Lenzen war 33 Jahre lang im Dienst der Katholischen Kirche in Afrika tätig. Nach einem Konflikt mit der Kirche wurde sie 1995 von ihren Gelübden als Nonne entbunden. In ihrem Buch „Das möge Gott verhüten – warum ich keine Nonne mehr sein kann“, schreibt sie über ihre Zeit als Missionarin in Afrika und schildert, wie es zum Austritt aus ihrem Orden kam. In ihrem heutigen Leben spielt auch Reiki eine Rolle. Oliver Klatt führte ein Interview mit ihr.



Oliver Klatt: Frau Lenzen, Sie waren lange Zeit als Missionarin in Afrika tätig. Sie leiteten ein katholisches Krankenhaus in Tansania und hatten später die Leitung der Ordensprovinz in Simbabwe. Wie sehen Sie aus heutiger Sicht diese Zeit?

Majella Lenzen: Es war eine wunderbare Zeit, in der ich viele Herausforderungen zu bewältigen hatte, in der ich vieles erlebt habe, was mich auch zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Etwas problematisch war, dass wir für unsere Arbeit dort nur mangelhaft vorbereitet worden waren, und dass wir in dem Buschkrankenhaus in Tansania ziemlich isoliert waren. Das Krankenhaus war, wie Sie sagen, katholisch, aber wir waren für alle Menschen da, egal welcher Konfession. Vor einer Behandlung wurde nicht nach der Religionszugehörigkeit gefragt, die spielte keine Rolle für uns. Von der nächsten Stadt waren wir hundert Kilometer entfernt, es gab kein Telefon, wir hatten kein elektrisches Licht. Einmal in der Woche mussten wir die hundert Kilometer fahren, was mehrere Stunden dauerte, um unsere Post zu holen, Nahrungsmittel zu kaufen und Medikamente zu holen. Die Straße war kaum asphaltiert, man geriet oft ins Schleudern, gerade in der Regenzeit, es gab Schlaglöcher, und man wusste nie, was einem vielleicht über den Weg springt.

Ausnahmesituation

Oliver Klatt: Können Sie ein Erlebnis schildern, das Sie während Ihrer Hilfstätigkeit in Afrika hatten und das Sie besonders berührte?

Majella Lenzen: Es gab ein Erlebnis mit einem kleinen Baby, das todkrank war und mit dem ich drei Tage und Nächte zusammen war. Da habe ich zum ersten Mal erlebt, was es wohl für eine Mutter bedeutet, sich um ihr kleines Kind zu kümmern.

Oliver Klatt: Wie kam es dazu, dass Sie das Baby drei Tage lang ununterbrochen in ihrer Obhut hatten? 

Majella Lenzen: Die Mutter hatte es uns gebracht, weil die Situation für das Kind lebensbedrohlich war. Es war eine Notgeburt gewesen, zu Hause. Das Baby war sehr schwach, und wir versuchten es zu stärken. Wir führten ihm eine Sonde durch die Nase ein, denn es war am Verhungern, die Rippen kamen schon durch. Es war so klein, dass ich es praktisch in einer Hand halten konnte. Ich musste an eine Stelle aus einem biblischen Psalm(1) denken: „Wir sind in Gottes Hand gehalten ...“. Ich konnte dieses kleine Menschlein sicher festhalten. Ich sah das kleine Köpfchen, die Augen waren riesengroß, aber es schaute mich nicht an, denn das eine Auge war ganz vereitert und das andere geschlossen. Und dann die Nasensonde ... Es war einfach ein Bild des Erbarmens.

Meine damalige Vorgesetzte übertrug mir die schwierige Aufgabe, mich um das todkranke Baby zu kümmern. Auch wenn nicht viel Hoffnung bestand, so habe ich es immer wieder tropfenweise gefüttert, ihm gut zugesprochen und wenigstens mit meinem Dasein versucht, Beistand zu geben. So hatte ich es drei Tage lang ganz bei mir, auch mit auf meinem Zimmer, was vorher oder nachher so nie wieder der Fall gewesen ist, weil man das als Nonne eigentlich nicht tun darf. Aber niemand kümmerte sich um dieses Kind, man hatte es abgeschrieben, und so nahm ich es in meine Obhut. Und fast ehrfürchtig drückte ich ihm einen vorsichtigen Kuss auf die kleine Stirn, um meine Liebe zu zeigen. Leider ist es dann doch noch verstorben.

Als Nonne haben wir solche intensiven Erlebnisse mit kleinen Kindern ja eigentlich nicht. Ich konnte dabei zum ersten Mal nachempfinden, was es für eine Mutter bedeuten muss, einem Kind das Leben zu schenken, sich liebevoll um es zu kümmern und es dann auch wieder abzugeben. Das hat mich sehr tief berührt. Auf der anderen Seite hat es mich auch konfrontiert mit dem Problem, das wir in der Entwicklungshilfe oft erleben, dass Menschen sich nicht ausreichend um ihre eigenen Kinder kümmern können, sei es durch Unvermögen, Unwissen oder auch durch hinderliche Traditionen. Es kam oft vor, dass eine Mutter mir in der Aufnahme ihr schwer krankes Kind einfach in die Hand drückte und sagte: „Nimm du es, ich kann nichts mehr für es tun! Kümmere du dich darum!“

Einmal sagte eine Frau dabei: „Mein Mann war nicht da, ich konnte nicht eher kommen, ich hatte kein Geld.“ Da konnte ich tausend Mal sagen: „Wir helfen dir immer, auch wenn du kein Geld hast.“ Das nützte einfach nichts. Manchmal haben wir auch mit Medizinmännern zusammengearbeitet, die haben später auch schon mal Patienten zu uns geschickt haben, weil sie wussten, dass wir nicht gegen sie sind. Und ich lernte, den Patienten zu fragen, was der Medizinmann gesagt hat, um das mit einbeziehen zu können.

Kondome im Rotlichtviertel

Oliver Klatt: In Ihrem Buch schildern Sie Ihren Lebensweg als Nonne und auch, wie Sie durch Ihre Aufrichtigkeit und Ihr kontinuierliches Bemühen um konstruktives und pragmatisches Handeln in der Hilfsarbeit bei den verschiedensten Stellen innerhalb der Kirche angeeckt sind – bis zu dem Punkt, wo Sie anfingen, im Rahmen kirchlicher Aids-Arbeit Kondome in einem Rotlichtviertel zu verteilen, in Ihrem Ordenskleid. So kam es schließlich zur finalen Auseinandersetzung mit Ihren Vorgesetzten, die darin mündete, dass Sie aus Ihrem Orden austraten, da man Sie Ihre kirchliche Arbeit nicht weiter ausführen ließ. Im Rückblick betrachtet: Bedauern Sie diese Entwicklung? Oder sind Sie vielmehr froh darüber, dass alles so gekommen ist, dass Sie auf diese Weise auch eine größere innere Freiheit erlangt haben, in Ihrer Beziehung zu Gott?

Majella Lenzen: Ja, Letzteres stimmt so. Die Entwicklung musste sich wohl zuspitzen. Ich möchte dazu sagen: Es war nur ein einziger Besuch im Rotlichtmilieu. Und der fand noch nicht einmal im Rahmen des Projektes statt, das ich damals leitete. Es waren auch nicht meine Kondome. Aber ich stehe dazu. Es war eines dieser Erlebnisse, die mich tief beeindruckt haben. Man denke nur an Christus und Maria Magdalena ... Wie ging Christus mit Frauen um, die, wie es heißt, nicht erwünscht waren? Und was tun wir? Ich war dankbar, diesen Frauen begegnen zu können. Und dass mir überhaupt so ein Gedanke kam: ,Du, als Ordensfrau, hättest hier normalerweise nichts zu suchen ...‘ Wo kam das eigentlich her, fragte ich mich dann später.

Oliver Klatt: War das der finale Punkt, wo es begann auseinanderzugehen, mit Ihrem Orden? Von da an hat man ihre Arbeit dann so behindert, dass sie festgestellt haben: Hier kann ich nicht mehr bleiben?

Majella Lenzen: Das war der Punkt, an dem mir klar wurde, was mit meiner Kirche los ist. Zu dieser Erkenntnis kam ich aber eigentlich so richtig erst zwei Jahre später, als ich schon wieder in Deutschland war. Da erst sagte mir ein befreundeter Geistlicher, dass dies der Grund gewesen sei, weshalb der Bischof nicht mehr mit mir hatte arbeiten wollen. Das war mir in Tansania so nicht gesagt worden. Zum Konflikt kam es dort, weil ich mich für alles, was ich tat, ständig verantworten musste, weil ich ständig für Kleinigkeiten angeklagt wurde und als erwachsener Mensch eben nicht als Erwachsener handeln durfte – und das so nicht mehr wollte. Den Austritt aus dem Orden hätte ich aber trotzdem nicht gewagt, weil ich immer noch an das Ideal glaubte. Und da haben die Kondome mir gewissermaßen geholfen, indem mir klar wurde: Halt! Wie kannst du Aidsarbeit machen und gegen Kondome sein? Das passt einfach nicht zusammen! Egal, wie oft der Papst das in der ein oder anderen Weise spitzfindig formuliert ... Kondome sind einfach notwendig!

Was dann vorort passierte, war, dass meine Generaloberin mir sagte: „Der Bischof möchte nicht mehr mit Ihnen arbeiten – und wenn der Bischof keine Arbeit mehr für Sie hat, dann habe ich auch keine Verwendung mehr für Sie.“ Und ich dachte: ,Wenn das alles ist, wenn eine Generaloberin nach mehr als dreißig Jahren meiner Tätigkeit im Dienste des Ordens mir sagt, sie hätte keine Verwendung mehr für mich ... dann bin ich eben nicht erwünscht, dann kann ein Orden wie meiner mit meiner Mitgliedschaft wohl nichts mehr anfangen‘. So entschied ich mich, nicht mehr zu bleiben. Und die Sache mit den Kondomen war dafür der Auslöser.

Innere Befreiung

Oliver Klatt: Also kein Bedauern von Ihrer Seite, sondern am Ende überwiegt die Sicht, dass das für Sie befreiend war?

Majella Lenzen: Ja, richtig. Und ich habe ja lange genug gebraucht, um den Schritt überhaupt zu wagen.

Oliver Klatt:
Und was ihre Beziehung zu Gott angeht, können Sie die heute völlig unabhängig von der kirchlichen Struktur sehen, in der Sie sich den Großteil Ihres Lebens über befanden? Hat sich etwas verändert, in Ihrer Beziehung zu Gott?

Majella Lenzen: Mein früheres Leben, in meinem Orden, war dadurch geprägt, dass ich be- und verurteilt wurde, wie gesetzestreu ich meinen Glauben lebte, also nach den Regelns des Ordens. Davon musste ich mich erst befreien. Und da bin ich noch dran. Das geht nicht so einfach ...

Oliver Klatt: Es waren auch viele Jahrzehnte ...

Majella Lenzen: ... und von meiner Kindheit an. Auch mein Vater hatte schon Missionar werden wollen. Als katholischer Journalist und Buchautor war er stark geprägt vom Katholizismus. Im Alter von 60 Jahren hat er sich noch zum Diakon(2) weihen lassen. Er hat da wirklich Maßstäbe gesetzt.

Oliver Klatt: War für Ihre Entscheidung, Nonne zu werden und ganz auf ein weltliches Leben zu verzichten auch der Einfluss Ihres Vaters entscheidend? Was war der grundlegende Impuls für Sie, Nonne zu werden, Ihre wesentliche Motivation?

Majella Lenzen: Ich denke meine Liebe zu Gott. Gleich bei meiner Ersten Heiligen Kommunion(3) hatte ich ein sehr starkes Glücksgefühl. Und daraus ergab sich für mich schon damals, im Alter von sieben Jahren, eine gewisse Logik, die mir sagte: Wenn Christus, wie wir gelehrt bekamen, in der Hostie(4) mit mir eins wird, dann hat er auch das Recht, dass auch ich ihm ganz gehöre. Ich empfand das als meine Bestimmung, damit konnte ich mich sehr gut identifizieren, und ich nahm das sehr wichtig.

Oliver Klatt:
Bereits als Kind war Ihnen also im Grunde innerlich klar, dass Sie Nonne werden möchten?

Majella Lenzen: Ja. Wenn ich das so erzähle, wie jetzt gerade, dann frage ich mich manchmal auch: Wie wagst du das so zu sagen? Aber es muss so gewesen sein, sonst hätte ich es nicht durchhalten können.

Oliver Klatt: Sind Sie heute noch Mitglied der Katholischen Kirche?

Majella Lenzen: Ja.

Oliver Klatt: Sie sind also aus dem Orden ausgetreten, aber noch in der Kirche?

Majella Lenzen: Ja. Aber nicht mehr so wie früher, dass ich jeden Sonntag in die Kirche gehe. Ich sehe das jetzt insgesamt gelassener.

„Ich habe mir eine Reiki-Lebensweise angewöhnt.“

Oliver Klatt: Frau Lenzen, in der Danksagung am Ende Ihres ersten Buches danken Sie auch Ihrer Reiki-Meisterin. Sie haben demnach persönliche Erfahrungen mit Reiki, der universellen Lebensenergie, gemacht?

Majella Lenzen: Ja, das habe ich.

Oliver Klatt: Haben Sie Behandlungen mit Reiki erhalten?

Majella Lenzen: Wenn ich das Wort Behandlung höre, bin ich etwas unsicher, was gemeint ist.

Oliver Klatt: Wie würden Sie die Form nennen, in der Sie Erfahrungen mit Reiki gemacht haben?

Majella Lenzen: Nun, ich glaube an die Kraft der universellen Lebensenergie. Ich würde sagen, ich habe mir eine Reiki-Lebensweise angewöhnt. Kann man das so sagen?

Oliver Klatt:
Ich finde Ihre Formulierung interessant. Können Sie näher erläutern, was Sie damit meinen?

Majella Lenzen: Das heißt für mich, dass ich mich frage, was für mich gut ist und dass ich mich selbst wahrnehme. Für mich ist das einfach selbstverständlich. Diese Energie kommt von Gott ... ist überall ... und hilft mir, dieses neue Leben gut zu bewältigen. Die Übungen, die ich mache, ermöglichen es mir, mich immer wieder neu zu fangen. So wird es mir möglich, ins Lot zu kommen. Und auch meine Verbindung zu Gott auf eine vertiefte Art zu erleben. Meine Reiki-Meisterin und ich sind auch befreundet. Wir unterhalten uns über vieles, es sind nicht nur Behandlungen, es ist gemischt. Als ich mein erstes Buch schrieb, ging es mir manchmal körperlich schlecht, weil mich vergangene Erlebnisse aufwühlten,  die ich verarbeiten musste. Durch das Entspannen mit Reiki fand ich meine innere Ruhe wieder. Und: Reiki und Gebet gehen bei mir zusammen.

Gefühle von Dankbarkeit

Oliver Klatt: Können Sie mehr dazu sagen?

Majella Lenzen: Wenn ich die Übung mache, bete ich auch gleichzeitig.

Oliver Klatt: Sie haben Reiki also auf diese Weise in ihr spirituelles, christliches Leben integriert?

Majella Lenzen:
Ja. Ich habe auch früher als Krankenschwester schon versucht, durch ruhiges Reden oder eine leichte Berührung Patienten zu beruhigen. 

Oliver Klatt: Und hat es geklappt?

Majella Lenzen:
Man hat mir immer gesagt, dass das hilfreich sei. Ich habe das einfach als mitmenschliches Präsent-sein gesehen ...

Oliver Klatt: ... als Geste der Zuwendung?

Majella Lenzen: ... ja, verbunden mit Gefühlen von Dankbarkeit, als Erahnen des Lebens um mich herum ...

Oliver Klatt: Dankbarkeit ist ja überhaupt eine der wesentlichsten spirituellen Qualitäten ...

Majella Lenzen: ... und das Erlebnis, dass ich nicht allein bin ... dass alles um mich herum lebt. Wenn ich die Bäume sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue, dann bewegen sie sich ganz leicht ... die Baumwipfel, im Wind ... das zeigt, dass etwas präsent ist ...

Oliver Klatt: ... ein Ausdruck universeller Lebensenergie ... Frau Lenzen, vielen Dank für das inspirierende Interview!






Redaktioneller Hinweis: Das Interview wurde im Januar 2012 per Telefon geführt.

Copyright Fotos: Majella Lenzen


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Worterläuterungen:

(1) Psalmen = geistliche Lieder und Gebete
(2) Diakon = die Weihung zum Diakon ist die erste Stufe des Weihesakraments in der Katholischen Kirche; die zweite Stufe ist das Priester-, die dritte das Bischofsamt; die Tätigkeit als Diakon umfasst alle Aspekte des Dienstes am Menschen im kirchlichen Rahmen
(3) Heilige Kommunion = die Spendung und der Empfang der Gaben von Brot und Wein, die den Leib und das Blut Christi repräsentieren; mit „Erste Heilige Kommunion“ ist die Erstkommunion gemeint, die Kinder aus katholischen Familien in jungen Jahren empfangen, was allgemein festlich begangen wird
(4) Hostie = das u.a. in der Heiligen Kommunion verwendete, ungesäuerte Brot, das den Leib Christi repräsentiert

 

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