Das Licht des Reiki

Zum 150. Geburtstag von Mikao Usui

Wie kam Usui zur Praxis des Reiki? Welche Zusammenhänge bestehen zu ande­ren Methoden, Traditionen und spirituellen Bereichen? Peter Mascher hat sich ­anlässlich des 150. Geburtstags Mikao Usuis Gedanken dazu gemacht – wäh­­rend eines dreiwöchigen Fasten-Retreats.

Ich sitze auf dem Blumenstein bei Kassel und denke an Mikao Usui, den Gründer unserer Reiki-Praxis. Ich habe ihm viel zu verdanken, denn ohne seine vorgelebte Praxis säße ich jetzt nicht in einem 21-Tage-Fasten-­Retreat. Wie unwahrscheinlich kommt es mir manchmal vor, dass die Kunde von seinem Werk in den Westen gelangt  ist. Viele Japaner gehen auf die Berge, viele Meis­ter aller Zeiten praktizierten in der Natur, und wir hörten niemals von ihnen.

Asketische Tradition

Usuis Praxis auf dem Berg war nicht einzigartig, nicht seine Erfindung. Sie war lebendiger Teil einer uralten asketischen Tradition. Das lange Fasten führt Körper und Geist in Todesnähe. Auch wenn dies nur ein subjektives Gefühl sein mag ... wenn ich mich darauf einlasse, dann reagiert die Seele mit Innenschau. Die äußere Aktivität wird weniger, die Innenwelt und ihre Herausforderungen werden immer stärker.

Der Berg Kurama in der Nähe von Kyoto, auf dem Usui praktizierte, ist für diese Praxis ein idealer Ort. Ein Kraftplatz der Stille und Besinnung. Die heiligen Zedern des Berges sind nach alter Tradition Träger oder Antennen für „universelle Energien“. Und da wurde Usui am 21. Tage beschenkt von einem Licht, was er Reiki nannte. Gleichzeitig erkannte er, dass bestimmte Kraftsymbole aus dem japanischen Shintoismus, dem Buddhismus und der Kunst der Kalligraphie für die Arbeit mit Reiki hilfreich sind.

Mit den Händen heilen

Nun scheint es ein universelles Gesetz zu sein, dass sich der Mythos eines Menschen wesentlich schneller verbreitet als seine persönliche Geschichte. Ein Mythos ist wie ein Märchen, er ruft Träume in uns wach und spricht unsere Seele direkt an. Der Wunsch des Menschen, mit den Händen sich selbst und andere zu heilen, ist ganz tief in vielen alten Kulturen dieser Welt verankert. Und so hat sich Usuis Methode weltweit vor allem als Heilpraxis verbreitet. Sowohl Hayashi als auch Takata, die in der Einweihungslinie Usui folgten, hatten großen Respekt vor der individuellen spirituellen Praxis eines jeden Menschen. Sie trugen die Reiki-Praxis aus Japan heraus, haben dabei niemanden „missioniert“, und die persönliche Selbstbestimmung blieb so gewahrt.

Usui war ein großer Innovator, ohne dass er dies in den Vordergrund gestellt hätte. Die heilenden Hände, das praktische Zu-sich-selbst-finden, welches gleichzeitig auch die Herzensverbindung zu anderen Menschen stärkt ... das war in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts in Kombination mit spiritueller Arbeit in Japan etwas Neues. Traditionsgemäß legt man sich weder im Buddhismus noch im Shintoismus, den beiden Hauptreligionen Japans, die Hände auf. Takata kam selbst über die Heilung körperlicher Beschwerden zu tiefen spirituellen Einsichten. Es ist eine höchst effektive Art, den Menschen durch seinen Körper in sein Herz zu führen. Oft ist es viel einfacher, als über den Weg des Verstandes. Der Japaner trennt im Sprachgebrauch Herz und Geist nicht voneinander und nennt es „Koko­ro“, Herzgeist, die Essenz unserer Seele.

Reiki-Symbole

Im Gebrauch von Kraftsymbolen war Usui sehr mutig. Jedes einzelne Reiki-Symbol ist abgeleitet aus den Lehren der alten spirituellen Traditionen. Jedoch nicht die Tradition selbst steht im Vordergrund, sondern eine neu erschaffene Essenz, die mit ihrer Kraft immer wieder zum Ursprung des Lebens weist. Reiki kann dementsprechend auch als Seele oder Licht-Aura übersetzt werden.

 

Usui hat sich nicht von Religionen vereinnahmen lassen, auch wenn er zeitweise viel von ihnen gelernt hat. Vielleicht war er deswegen im eigenen Lande nicht so populär. Manche Japaner denken noch heute, dass Reiki-Praxis aus dem Westen kommt – und sind erstaunt, dass die Praxis ihre spirituellen Wurzeln direkt in Japan hat. Usuis Vision seiner Praxis war eher universell. Seinem Wunsch zufolge sollte Reiki sich weit verbreiten.

Wer bei ihm lernen wollte, musste weder Shintoist noch Buddhist sein. Seine Methode war offen und wurde schon kurz nach seinem Tode von einigen seiner Schüler weiterentwickelt. Auch hat er wohl sehr individuell unterrichtet. Dementsprechend erfreuen wir uns heutzutage einer Vielzahl von Linien und Stilen, die sich auf Mikao Usui zurückführen lassen. Reiki wird mittlerweile weltweit von vielen Menschen praktiziert.

Kraft und Demut

Wenn ich ein Bild von Usui anschaue, dann sehe ich einen kraftvollen und zugleich demütigen Mann. Ich glaube dann seinen universellen Geist zu spüren, und bin dankbar, dass ich in seiner Linie die spirituelle Lebenskraft Reiki weitertragen kann. Dabei habe ich kein ­Reiki, Reiki hat mich.

Herzgeist

Dieser Kraft und Weisheit bedingungslos zu folgen und gemeinsam in unserer Herzenskraft zu wachsen, bleibt unsere größte Aufgabe. Wenn wir in einer Reiki-Gemeinschaft etwas für diese Welt tun wollen, in Gedenken an Usuis 150. Geburtstag, dann sollten wir lernen, uns von Herzen zu begegnen und offen zu sein für anders denkende und fühlende Menschen. Nur in dieser Vielfalt ist Essenz, Herzgeist, wirklich erfahrbar.

In tiefer Dankbarkeit geschrieben am 13. Tage des ­Fasten-Retreats am Blumenstein.              

 

Peter Mascher                                                

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Peter Mascher arbeitet seit vielen Jahren als Reikimeister, Meditationslehrer und zertifizierter Prozessbegleiter(prozessorientierte Psychologie) sowohl mit energetischen wie auch seelischen Elementen zur ganzheitlichen Heilung von Menschen. Durch mehrere Japanreisen hat er sich in die Ursprünge der Reiki-Praxis und die unterschiedlichen Formen des Shugendo, Eins-werden mit der Natur, vertieft. Im Haus Morgenstern in Krefeld unterrichtet er in eigener Praxis und gibt auch auswärts Seminare zu Themen der Bewusstseinserweiterung und Konfliktverarbeitung.

 

Info

www.reikiprocess.com