Editorial 1/17

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am Eingang eines Krankenhauses, das sich in meiner Nachbarschaft befindet, steht seit kurzem auf dem zentralen Eingangsschild in großen, unübersehbaren Buch­staben: „Schmerzfreies Krankenhaus“. Diese Bezeichnung scheint sich auf ein Forschungsprojekt gleichen Namens zu beziehen, zu dem es auch eine eigene Website gibt, an dem dieses Krankenhaus wohl teilnimmt. Einmal außen vorgelassen, welche Ziele dieses Projekt verfolgt und ob dies erfolgreich geschieht oder nicht, finde ich die Bezeichnung „Schmerzfreies Krankenhaus“ schlicht unpassend.

Wohl auch vor dem Hintergrund des Placebo-Gedankens und in bester Absicht entstanden, kann diese Bezeichnung gar als ein Schlag ins Gesicht all jener Patienten empfunden werden, die an dem Schild vorbeigehen, es lesen – und nicht schmerzfrei sind. Es ist mir unverständlich, wie man ernsthaft annehmen kann, durch die reine Verwendung einer solchen Bezeichnung einen in der Summe positiven Effekt damit zu erzielen – der hier doch sicherlich angestrebt wird –, da die Bezeichnung bei genauer Betrachtung, rein inhaltlich gesehen, tatsächlich schlicht unsinnig ist. Es gibt kein schmerzfreies Krankenhaus. Viele Patienten in Krankenhäusern haben nun mal Schmerzen. Sicher kann man alles tun, um diese Schmerzen und das damit verbundene Leid zu lindern oder auch aufzulösen. Ein Satz wie beispielsweise „Wir tun alles, um sie schmerzfrei zu machen!“, an die Patienten gerichtet, wäre eine tolle, positive Aussage! Aber einfach per Definition „festzulegen“, dass ein bestimmtes Krankenhaus von nun an „schmerzfrei“ sei, schießt weit über das Ziel positiven Denkens und des Placebo-Gedankens hinaus und vermag in Einzelfällen, wo Patienten Schmerzen haben, die einfach nicht verschwinden, sogar dazu zu führen, deren Leid noch zu vergrößern; bekommen sie doch mit der Bezeichnung unterschwellig vermittelt, dass a) etwas mit ihnen nicht stimmt oder dass b) die behandelnden Ärzte offenbar selbst gesteckte Ziele nicht umzusetzen in der Lage sind. Ganz unweigerlich stellt man sich als Schmerzpatient, der an einem solchen Schild vorbeigeht, doch die Frage (bei eher geringem Selbstbewusstsein): Was läuft falsch bei mir? Oder man denkt (bei eher starkem Selbstbewusstsein): Wie können sie so unverfroren sein, diese Bezeichnung zu verwenden, während ich hier Schmerzen habe, die einfach nicht verschwinden?

Warum schreibe ich an dieser Stelle so ausgiebig darüber? Weil ich denke, dass genau diese Art von Denken, die u.a. dazu führt, ein Krankenhaus allen Ernstes für alle sichtbar, an zentraler Stelle und damit identitätsgebend als „Schmerzfreies Krankenhaus“ zu bezeichnen, eine der größten Fehlentwicklungen unserer modernen Zeit ist. Das wirkt auf mich so, als wolle man Probleme, die einem nicht in den Kram passen, einfach wegdefinieren. Behaupten, sie seien nicht da. Während es gleichzeitig die Erfahrung vieler ist, dass sie eben doch da sind. Einem solchen Vorgehen begegnen wir vermehrt auch und vor allem in der heutigen Politik. Was dazu führt, dass viele, die merken, wie unsinnig manche dieser Behauptungen sind, sich abwenden und ... ja, was tun? Unter anderem populistische oder extremistische Parteien bzw. Personen wählen. 

Es ist eine Sache, Angst zu schüren, was definitiv unterlassen werden sollte und nie zu etwas Gutem führt. Aber es ist eine andere Sache, Probleme und Missstände, die bestehen, die man selbst oder Freunde oder Personen, denen man Glauben schenkt, selbst erfahren haben, als solche zu benennen, die Lage zu analysieren und sich diesbezüglich nicht für dumm verkaufen zu lassen.

Ich denke, dass gerade verantwortungsbewusste Unternehmer und Politiker, ja, letztlich alle Führungskräfte und „Eliten“ dieser Welt auf lange Sicht hin besser beraten sind, wenn sie Dinge, die von jenen Menschen gespürt werden, von denen sie sich oft so weit entfernt haben, dass sie deren Lebenswelten kaum mehr nachvollziehen können, nicht einfach „wegdefinieren“, sondern sich vielmehr damit befassen, das heißt: sie ­anzunehmen, zu analysieren, sich ­ihnen zuzuwenden und gemeinsam Lösungen dafür zu finden.

In diesem Sinne wünsche ich viel Freude mit dieser neuen Ausgabe des Reiki Magazins und inneren wie äußeren ­Frieden!

 

Oliver Klatt
Herausgeber Reiki Magazin