Eine Auszeit nehmen

In ihrer Rolle als Großmeisterin des Usui Shiki Ryoho-Systems der Reiki-Heilung war Phyllis Furumoto viele Jahre lang weltweit unterwegs, gab Workshops und lehrte auf Reiki-Schülertreffen. Jetzt macht sie ihren Terminkalender frei, um zu einer Reise nach innen aufzubrechen. Barbara McDaniel sprach mit Phyllis Furumoto.

 

Barbara: Das klingt nach einer Auszeit von unbestimmter Dauer.


Phyllis: Nun, ich könnte sagen, sie dauert ein Jahr, aber wann beginnt das Jahr? Ich habe noch vier Veranstaltungen nach Juni 2003. Bis zum nächsten Sommer werde ich ein Gefühl dafür haben, ob ich irgendwelche Termine für 2004 annehme.

Barbara: Also keine Schülertreffen und keine Workshops mehr nach Mai, stimmt das? Was ist mit Meisterkandidaten?


Phyllis: Mein Kontakt mit ihnen wird individueller sein und weniger geplant. Dies sind Verpflichtungen, die weiterlaufen, und ich werde mit ihnen in dieser Zeit in Kontakt bleiben.

Barbara: Wie kam es dazu? Hast du darüber schon länger nachgedacht?


Phyllis: Seit ungefähr sieben Jahren haben die Leute zu mir gesagt, ich solle häufiger zu Hause bleiben. Als ich das Grundstück in Idaho kaufte, dachte man, ich würde mich niederlassen, aber das habe ich nicht getan. Ich reiste mehr. Aber ich hatte alles an einem Ort, und das war sehr erdend, festigend. Ich hatte einen Platz zum nach Hause kommen, an dem meine Arbeit und mein Leben ihren Mittelpunkt hatten, und das war gut für mich. Jetzt sagt mir das Wissen in meinem Körper, dass es Zeit ist, aufzuhören und dass ich nach Santa Fe zurückgehen muss. Dort ist eine Energiequalität, die mich zu einem anderen Ort in mir selbst katapultieren wird.
Ich wusste, dass dieser Punkt kommen wird, ich wusste nur nicht, wann. Jedes Jahr habe ich in Erwartung dessen mit meinen Terminen experimentiert. Im April diesen Jahres war ich in New Mexiko, und als ich draußen auf einem Felsen saß, meditierte, sang und das tat, was ich so tue, verstand ich einfach, dass die Zeit gekommen war. Seitdem habe ich meinem Terminkalender nichts Neues mehr hinzugefügt.
Ich möchte mich selbst in den Fluss zurückbringen, wo Reiki mich führt. Ich möchte in diese Richtung gehen, und dann einfach sehen, wie weit ich komme. Ich tat das, als ich gerade Meisterin geworden war. Ich gab ein Seminar, steckte das Geld, das ich verdient hatte, in mein Handschuhfach, verschloss es und fuhr, wohin immer ich wollte. Ich habe ziemlich viel über mich selbst gelernt und darüber, wie Reiki mich führt.

Dann erlaubte ich Reiki, meinen Verstand zu nehmen und mich in den Prozess zu führen, Worte zu einer Erfahrung zusammen zu stellen, die jeder hat, aber niemand erklären kann: Was ist eine Reiki-Behandlung? Was ist das System? Was ist die Form? Alle diese Fragen, auf die die Menschen eine Antwort haben wollten. Dies war meine Arbeit während der letzten 15 Jahre, und sie hat mir wirklich Freude gemacht. Nun spüre ich, dass ich mich ausruhen muss.
Es gibt genug Meister und Schüler, die diese Worte verkörpern und die verstehen, dass die Worte nicht das System sind, und dass das System nur durch die Praxis lebt. Paul Mitchell und andere Menschen in der Gemeinschaft, inklusive dieser Zeitschrift (das Reiki Magazine International, Anm. d. Ü.) können diese Lehre weiter nach draußen tragen, um die Praxis der Menschen zu stabilisieren.
Am Ende kommt man immer wieder zu derselben Frage: Wo liegt die Quelle der Praxis eines Schülers? Innen. Auch für mich ist es wichtig, diese Erkenntnis als Lehre anzunehmen. Es ist an der Zeit, alle meine Worte beiseite zu legen und meine Praxis zu leben, nur Reiki zu leben und zu sehen, wo es mich hinführt.

Barbara: Hat es so etwas in deinem Leben als Großmeisterin schon einmal gegeben?


Phyllis: Ich denke, es gab viele Punkte in meinem Leben, sogar vor Reiki, wo ich an eine Weggabelung gelangte. Ich wusste, dass es keinen richtigen und keinen falschen Weg gab. Ich musste nur herausfinden, welchen Weg ich gehen wollte.
In den 70er Jahren arbeitete ich in einer sehr kleinen Stadt in Iowa in einer psychiatrischen Klinik und war drauf und dran, ein großer Fisch in einem kleinen Teich zu werden. Und schlug Wellen - wie üblich. Ich hatte die Wahl: Vor dem Establishment zu katzbuckeln und Karriere zu machen oder aus dem Teich herauszuspringen. Also sprang ich heraus und ging nach Denver, wo ich mein Leben völlig neu begann.
In Denver erhielt ich einen Job an der Universität als Angestellte in der Registratur. In ein paar Jahren hatte ich das erste Online-Registrierungssystem für die Universität organisiert und aufgebaut. Ich bewegte mich auf einen MBA-Titel* zu, aber in diesem Winter lernte ich Ski fahren, und mein zielgerichtetes Leben war vorbei. Ich verließ das Programm und meinen Job und zog nach Winter Park.
Da war ich nun in Colorado, fuhr wunschlos und überglücklich Ski, als eines Abends plötzlich meine Mutter anrief und sagte: »Du musst diesen Sommer mit deiner Großmutter auf Reisen gehen.« Ich sagte: »Nein, danke.« Sie sagte: »Pech, du bist dran.« - Ich: »Warte, ich bin 30 Jahre alt, ich habe mein eigenes Leben.« Aber es endete damit, dass ich auf diese Reise mit meiner Großmutter ging, um ihre Koffer zu tragen... und hier bin ich nun 22 Jahre später.

Auch in diesen 22 Jahren gab es Weggabelungen. 1988 wurde mir bewusst, dass ich in die Ecke der Großmeisterin hineingestellt worden war. Es ging das Gerücht um, dass ich die Einzige sei, die die Kraft besäße, Meister einzuweihen, und für mich stimmte das nicht. Also verkündete ich, dass selbstverständlich Meister Menschen einweihen können. Indem ich das losließ, entdeckten die anderen Menschen und ich, dass Großmeisterin zu sein etwas anderes bedeutete.
Vier Jahre später kam die Frage: Was ist die Definition des Systems? Kannst du es in Worte kleiden? Das war meine Arbeitsplatzbeschreibung während der letzten zehn Jahre. Nicht nur, es zu beschreiben, sondern auch in der Lage zu sein, es mit Worten und Taten dem Rest der Gemeinschaft zu übermitteln. Das war wunderbar. Es brachte mich in alle möglichen Länder und ließ mich alle Arten von Menschen treffen. Und... es ist Zeit für mich, etwas anderes zu tun, denn auch dies ist nur eine Facette meines Berufs als Trägerin der Linie.
Ich benutze dieses Wort bewusst anstelle von »Großmeisterin«. Mit den Jahren habe ich mich mit dieser Position, die ich in Reiki habe, an einen sehr organischen Platz bewegt. »Trägerin der Linie« bietet eine sehr viel größere Bandbreite an Möglichkeiten.
Ich sehe, dass es eine meiner Aufgaben als Trägerin der Linie ist, das System zu halten. Nun, um das System halten zu können, musste ich es in seiner Tiefe verstehen. Und indem ich es verbal definiert und über zehn Jahre gelehrt habe, habe ich ein viel größeres Verständnis und Gespür für das, was ich tue. Nun fühlt es sich für mich so an, als ob ich es einfach tun kann - oder es sein kann, ohne es tun zu müssen.
Jetzt ist es Zeit für die nächste Sache... aber ich weiß nicht, was das ist. Es gibt viele verschiedene Fäden. Diese Fäden weben zusammen ein Muster. Das Einzige, was ich im Moment tun kann, ist, das loszulassen, was ich bisher getan habe, so dass das nächste Muster enthüllt werden kann.

Barbara: Kannst du uns eine Idee davon geben, was du in dieser freien Zeit tun wirst?


Phyllis: Ich möchte in Kontakt damit kommen, was das wirkliche Leben für die meisten Menschen auf dieser Welt bedeutet und sehr bescheiden leben. Einfach nur eine Person sein und sehen, wo Reiki mich dabei hinführt. Eine der Triebfedern für diese Auszeit ist, Anregungen aus der äußeren Welt zu erhalten. Ich habe so lange in der Reiki-Gemeinschaft gelebt, dass ich nicht mehr weiß, was außerhalb ist. Ich lese keine Bücher über andere Disziplinen. Ich muss sie erfahren. Ich bin daran interessiert, andere Eigenschaften des Geistes zu erfahren und andere Wege, mit der menschlichen Erfahrung in Beziehung zu sein. Wie passt Reiki in den vollen Ausdruck dessen, was angeboten wird? Dies ist etwas, das ich gerne untersuchen möchte.

Barbara: Glaubst du, dass die Reiki-Gemeinschaft ohne dich zurecht kommen kann?


Phyllis: Es ist ja nicht so, dass ich die Gemeinschaft verlasse. Ich trete einen Schritt zurück. Ich spüre, dass es viele andere Wege gibt, auf denen ich dieser Gemeinschaft dienen kann, ohne dass ich die Repräsentantin des Systems bin. Reiki-Schüler müssen spüren, dass sie Repräsentanten des Systems sind, dass sie selbst das System sind. Einige Menschen werden sich ohne mich verloren fühlen, aber das gibt ihnen die großartige Gelegenheit, zu verstehen, dass das nicht wahr ist.
Die Sprache der Bedürfnisse hat zwei Seiten: Ich brauche dich in meinem Leben, ich brauche es, dass du die Großmeisterin bist, ich brauche es, dass du in meinem Land bist. Ein Teil dieses Bedürfnisses ist authentisch in dem Sinne, dass es in ein Muster dessen passt, was einen kongruenten Kreis ausmacht. Aber ein anderer Teil entsteht aus Abhängigkeit und der Verleugnung des eigenen Selbst. Dieser Teil ist ein Gegensatz zur tatsächlichen Praxis von Reiki.

Auszüge aus einem Brief von Phyllis Furumoto


»Das Gleichgewicht zwischen meinem äußeren und meinem inneren Leben war stark zu Gunsten des äußeren verschoben,« schreibt Phyllis in einem Brief, in dem sie ihren Rückzug ankündigt. »Jetzt braucht mein inneres Leben Aufmerksamkeit.«

Derzeit zieht Phyllis von Idaho nach Santa Fe um. Bereits bestehenden Verpflichtungen wird sie bis Ende Mai 2003 nachkommen, für danach jedoch keine weiteren Termine mehr annehmen.
»Ich spüre, dass diese Zeit mir die Möglichkeit geben wird, den nächsten Ausdruck meines Lebens als einer Trägerin der Linie, einer Meisterin im Usui Shiki Ryoho und der Schülerin Phyllis zu entdecken,« schreibt sie.

»Ich bin 53 Jahre alt und auf dem Gipfel meines Lebens. Am Horizont steht das Versprechen eines weiteren Ausblicks und einer achtsameren Geschwindigkeit im Leben. Wie schaffe ich es, gesund dort anzukommen und dann auch in der Lage zu sein, an dem Versprechen teilzuhaben? Was muss ich ändern, um die Richtung möglich zu machen? Was wird meinen Geist nähren?«