»Frieden praktizieren«

Interview mit Swami Prem Jagran

 

Der italienische Heiler und Reiki-Lehrer Swami Prem Jagran lehrt seit einiger Zeit das buddhistische »Ngal So Chag Wang Reiki«. Seit 15 Jahren reist er um die Welt und heilt dort, wo man ihn braucht. Oliver Klatt traf ihn im September 2003 in Berlin und führte das folgende Interview mit ihm.

 

Oliver Klatt: Jagran, zunächst einmal vielen Dank für das Interview. Du bist als Heiler und als Reiki-Lehrer tätig. Wie bist du zu Reiki gekommen?


Swami Prem Jagran: Ich bin nicht zu Reiki gekommen, Reiki ist zu mir gekommen. Wenn man wahrnimmt, dass man bestimmte Gaben besitzt, die man selber nicht verstehen kann, und wenn man das schon als Kind bemerkt, dann denkt man, dass alle anderen die gleichen Gaben besitzen. Das Problem ist aber, dass nicht alle gleich sind, und dann beginnt man sich anders zu fühlen als die anderen. Besonders im Italien der 1960er Jahre gab es, wie man vielleicht verstehen kann, keine Möglichkeiten der Erziehung, um einem solchen Kind zu helfen, damit es sich nicht »schlecht« mit diesen Gaben fühlt. Die Reaktion, die ich im Alter von sechs Jahren hatte, war einerseits, dass ich fühlte, dass, wenn es jemanden gab, der Schmerzen hatte, ich zu diesem Menschen hingehen und meine Hände auflegen sollte. Diese Menschen fühlten dann eine Wärme, und die Schmerzen wurden gelindert. Andererseits habe ich das Wissen um diese Gabe für mich behalten. Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, sprach ich mit einer Psychologin, die Reiki-Meisterin war. Ich erzählte ihr von meinen Träumen, und sie meinte, dass das, wovon ich ihr erzählte, die Reiki-Symbole seien. Sie half mir - nicht, indem sie mir zeigte, wie ich das traditionelle Reiki anwenden könne, sondern indem sie mir die Geschichte von Mikao Usui erzählte, damit ich meinen eigenen Weg finden könne. Das Ziel ihrer Arbeit mit mir war nicht bloß Heilung, sondern die Entwicklung meines Potenzials, meines Bewusstseins. Es ist auch meine Erfahrung, dass man durch Reiki das eigene Bewusstsein unglaublich entwickeln kann. Und die Heilung ist praktisch ein Kapitel für sich. Um auf deine Frage zurückzukommen: Wenn man über die Technik spricht, kann man fragen: Wann hast du Reiki in einem Seminar gelernt? Aber Reiki ist nicht nur das, Reiki ist alles, Reiki ist die universelle Liebe. In diesem Sinne ist Reiki zu mir gekommen. Es hat eine Begegnung stattgefunden zwischen meiner Seele und diesen Symbolen, und es war eine sehr feine Begegnung. Es war mein Wille, in der Nähe von Gott zu sein, der mich dazu gebracht hat.

Oliver Klatt: Hast du im weiteren Verlauf deines Lebens dann eine Ausbildung als Reiki-Lehrer erhalten oder hast du einfach damit begonnen, das, was auf diese Weise zu dir gekommen ist, andere Leute zu lehren?


Swami Prem Jagran: Viele Leute haben mich das schon gefragt, und ich habe immer versucht, eine Antwort zu vermeiden. Nicht weil ich Angst vor der Wahrheit habe, sondern weil diejenigen, die mich gefragt haben, bereits Vorurteile hatten, noch bevor sie die Frage gestellt haben. Aber da ich dir diese Frage schon einmal beantwortet habe, werde ich es jetzt wieder tun. Mein Lehrer war eine Stimme, die immer in meiner Nähe war, und aufgrund der Kraft der Wahrheit habe ich keine Angst, dies zu erklären. Ich kam zu etwas, was ich heute als Selbsteinweihung erkennen kann. Die Stimme leitete mich an und gab mir auch die Namen der Symbole, die ich im Traum gesehen habe. Sie sagte: »Siehst du diese Symbole? Nimm sie, lass? sie in dich hinein, durch dein Ohr, durch dein Herz.« Durch die Beziehung, die ich zu dieser Stimme hatte, ging meine Aufmerksamkeit immer zu meinem Herzen. Ich muss jedoch einsehen, dass ich nicht immer ein guter Schüler war. Oft hörte ich nicht auf diese Stimme, auf meine Intuition, und tat etwas anderes. Aber immer wenn ich dieser Stimme gefolgt bin, konnte ich sehen, dass genau das passierte, was die Stimme gesagt hatte. Vor einigen Jahren habe ich dann das Bedürfnis verspürt, auch einen physischen Lehrer zu haben, jemanden, den ich körperlich anfassen kann, wie alle anderen auch. Ich habe durch Reiki ein Gebet gemacht, damit ich zu ihm finden würde. In der folgenden Nacht habe ich von Buddha geträumt. Eine Woche später traf ich schließlich Lama Gangchen, der mich als Reiki-Meister anerkannt hat. Während meines ganzen Lebens habe ich zufällig, wenn man so will, obwohl ich nicht an Zufall glaube, immer weise Leute getroffen, egal aus welchem Land oder aus welcher sozialen Schicht sie kamen, die mich zum gesunden Menschenverstand erzogen haben, zu einem praktischen Verstand, und die mich zum Frieden gebracht haben. Und ich habe verstanden, dass Reiki grundsätzlich das Folgende ist: die Anwendung des gesunden Menschenverstandes und das Handeln mit dem Herzen. Die Symbole sind nicht das Reiki, sie sind nur der symbolische Ausdruck dessen, was Reiki uns sagen will. Und wenn man die Symbole in sich hat, wenn man sie in sich aufgenommen hat, dann wird man selbst zu diesem Ausdruck, dann wird man selbst zum Hauptsymbol. Du weißt wahrscheinlich besser als ich, dass es sehr schwierig ist, mit Worten auszudrücken, was Reiki ist.

Oliver Klatt: Ja, das ist wahr. Jagran, du lehrst seit einiger Zeit das buddhistische Ngal So Chag Wang Reiki. Was bedeutet »Ngal So Chag Wang« wörtlich?


Swami Prem Jagran: Kurze Zeit nachdem ich Lama Gangchen getroffen habe, hat er einige Reiki-Meister aus der ganzen Welt versammelt, um eine neue Übertragungslinie zu bilden. Der Name dieser Übertragungslinie ist Ngal So Chag Wang Reiki. Denn die ursprüngliche Übertragungslinie beginnt mit dem Buddha. Mikao Usui hat nichts anderes als Instrumente gefunden, die vom Buddha kamen - zum Glück für uns alle. Und dann hat er sie, zum Glück für uns alle, verständlich gemacht. Lama Gangchen hingegen wollte eine direkte Verbindung mit dem Buddha herstellen, und das konnte er aufgrund seiner Weisheit und seiner Position. Lama Gangchen wollte sich nicht an die Stelle von Mikao Usui setzen. Meiner Meinung nach hat Lama Gangchen als weiser und friedlicher Mensch gesehen, dass der ursprüngliche Sinn des Reiki mit der Zeit immer mehr verloren geht. Und vielleicht wollte er eine neue Flamme von Liebe und Frieden in das Reiki geben. Aber dies ist meine eigene Interpretation. Um es kurz in Worte zu fassen, obwohl es sehr schwierig ist, etwas so Großes in Worte zu fassen: »Ngal« bezieht sich auf alles, was verschmutzt sein kann, egal was, das Äußere wie auch das Innere. »So« ist die Lösung für diesen Zustand der Verschmutzung. Nicht nur, um etwas bereits Verschmutztes zu lösen, sondern auch, um einer Verschmutzung vorzubeugen. »Chag Wang« bedeutet die Hand des Buddha. »Chag« die Hand, »Wang« der Buddha. Und was Reiki bedeutet, musst du sagen, ich weiß es nicht. Also, wie kann man Ngal So Chag Wang Reiki deuten? Es soll uns bewusst werden, dass wir jetzt gerade, im Inneren wie im Äußeren, Schäden verursachen. Wir sind dabei etwas zu beschädigen. Wenn uns dies wirklich bewusst ist, und wir darin ernsthaft sind, dann sollten wir unser Bewusstsein nicht dauernd diesem Problem zuwenden, sondern vielmehr durch das »So« eine Lösung finden. »Chag Wang« ist die Hand des Buddha. Wenn wir uns an den Buddha wenden, dann richten sich unsere Gedanken immer an Shakyamuni, also an diese erleuchtete Person. Ich bin mir aber sicher, dass jeder von uns das Potenzial hat, ein Buddha zu werden. Man muss jedoch dafür arbeiten. Man muss verantwortlich werden, um dies zu erreichen. Jeder von uns kann die Hand des Buddha verwenden, indem er die eigenen Energien mit denen des Universums vereinigt, um eine Lösung, also »So«, für das Problem der Verschmutzung, also »Ngal«, zu bringen. Man liest »Ngal So Chag Wang« also eigentlich, wie im Orient, von rechts nach links. Um dies abzuschließen, und ich hoffe wirklich, jetzt eine Antwort geben zu können: Wir werden imstande sein, dieses »Chag Wang« zu verstehen, wenn wir anfangen, auch andere Standpunkte zu respektieren. Die Gundlage hierfür stellt immer die Familie dar, die Gemeinschaft, in der wir dies tun können. Es ist wirklich so: Es gibt einen bestimmten Lebenszustand, in dem wir alles mit Frieden machen können. In Frieden zuhören, in Frieden sprechen. Es ist wichtig, diese Bedingungen herzustellen, bevor wir anfangen, über Heilung zu sprechen. Es ist wichtig, andere Bedingungen herzustellen, dies ist meine Erfahrung. Es ist einfach so, auch in diesen Tagen habe ich es gesehen. Ich sehe es immer wieder: Die Leute suchen Freude und Frieden.

Oliver Klatt: Du erwähntest deinen Lehrer, Lama Gangchen Rinpoche. Kannst du sagen, welcher buddhistischen Richtung er angehört und welche Position er dort innehat?


Swami Prem Jagran: Ich kann dir keine Antwort geben in dem Sinne wie du sie vielleicht erwartest, da ich kein Buddhist bin. Ich bin auch kein Christ. Zumindest was die Bedeutung dieser Worte angeht, wie die Leute sie für gewöhnlich verstehen. In Italien ist man Christ, wenn man am Sonntag in die Kirche geht, und in der Woche ist man ein Schurke. Christus war kein Christ, und Buddha war kein Buddhist. Aber beide haben prinzipiell zwei Dinge gelehrt. Vor allem Jesus war ein Meister der Tat, der Aktion. Jesus sagte, was man tun soll und was man nicht tun soll, und das ist alles. Liebe die anderen wie dich selbst, und das wäre schon genug, wir müssten zehn Leben daran arbeiten. Dies gilt auch für Reiki. Wenn ich die Lehren dieser beiden großen Lehrer betrachte, stelle ich fest: Ich will mir keine Bezeichnungen geben, aber ich will diesen Lehren folgen. Und ich will versuchen, meine eigene Religiosität hin zu Liebe und Frieden zu entwickeln. Ich denke es ist wichtig, dass man die Dinge miteinander verbindet und nicht trennt. Dann braucht man keine Bezeichnungen mehr, sondern es ist mehr eine Art zu sein. Natürlich ist es gut, auf diesem Weg auch die Ratschläge von weisen Leuten zu hören. Dies können tibetische Lamas sein, aber es kann auch ein Kloputzer sein. Das Wichtige ist, dass man die eigene Energie für die Leute einsetzt, die wollen, dass man ihnen hilft. Lama Gangchen ist ein tantrischer tibetischer Lama, ein Heiler, er steht in einer direkten Überragungslinie seit vielen Leben. Dies ist eine reine Übertragungslinie, in der Tradition der Gelugpa. Besser als ich könnte Lama Gangchen selbst sagen, wer er ist und wer er nicht ist. Ich möchte jetzt Lama Gangchen mit Distanz betrachten. Ich möchte nicht sagen: Ich liebe Lama Gangchen. Weil es im Leben immer so ist, dass es für jemanden, der dich liebt, auch jemanden gibt, der dich nicht liebt. Und wenn ich jetzt sage: Ich liebe Lama Gangchen, dann würde es auch jemanden geben der sagt: Ich liebe ihn nicht. Bevor ich jetzt nach Deutschland kam, hat Lama Gangchen mir den Ngal So Chag Wang Reiki-Meistertitel gegeben. Er hat mir sein vollstes Vertrauen ausgedrückt. Was aber nicht bedeutet, dass ich mich nur in der Technik auskenne, sondern, dass ich daran arbeite, mein Bewusstsein zu entwickeln - denn ansonsten ist der Rest nicht so sinnvoll.

Oliver Klatt: Ich würde mich freuen, Lama Gangchen einmal kennenzulernen.


Swami Prem Jagran: Wir laden ihn nach Berlin ein. Aber man muss vorher die Bedingungen herstellen. Ich habe ihm schon von meinen Projekten erzählt, und Lama Gangchen hat gesagt: Geh voraus und schaff die Bedingungen! Und dann werden wir ihn einladen, er wird kommen, und es wird für alle ein Geschenk sein. Wenn ein so weiser Mensch auch nur in deiner Nähe ist und du siehst ihn einfach nur vorbeikommen, dann ist dies bereits ein Geschenk.

Oliver Klatt: Ich habe noch eine letzte Frage zu dem Zusammenhang zwischen Reiki und Buddhismus, bevor ich zu weiteren Fragen übergehen möchte. Gibt es deines Wissens buddhistische Schriften, die einen konkreten Zusammenhang deutlich machen zwischen dem Reiki nach Mikao Usui und dem buddhistischen Reiki bzw. dem Ngal So Chag Wang Reiki? Und wenn ja, welche?


Swami Prem Jagran: Es gibt keine buddhistische Übertragungslinie, die man Reiki nennen kann. Wenn es sie gibt, dann darf man sie nicht Reiki nennen. Weil Reiki eine Technik, eine Methode ist, die von Mikao Usui so benannt wurde. Aber wenn wir die Bezeichnungen wegnehmen und uns die Motivation von Mikao Usui anschauen - denn er suchte mit einem reinen und ehrlichen Herzen, weshalb ihn das Leben belohnt hat, es hat gesagt: Du suchst, und hier hast du gefunden! - also, wenn man das so betrachtet, dann ist es genau das Gleiche. Man findet es in allen Religionen, überall, in der Bhagavadgita, im Koran, in den Evangelien, in den Sutren... Wie konnte Jesus, wie konnte der Lehrer die Menschen heilen? Er hat sie nicht geheilt. Er schaffte Friedensbedingungen, damit diese Menschen in ihren Herzen einen Ruf verspüren. Ihr Herz flammte auf, sie sahen Jesus als ein Bild von etwas, das in ihnen selbst war. Sie wollten ihn nur einen Moment lang anfassen, um eine Segnung zu bekommen, um geheilt zu werden. Und was sagte ihnen Jesus? Ich habe dich nicht geheilt, dein Glaube hat dich geheilt. Wir müssen immer da sein, anwesend sein. Was wir brauchen sind wir selbst. Der Konflikt, der sich daraus ergibt, wenn man z. B. dem Reiki nach Mikao Usui mehr Wichtigkeit gibt, oder der Konflikt mit dem tibetischen Reiki zum Beispiel, das alles findet nur auf der intellektuellen Ebene statt. Und wenn es Konflikte gibt zwischen diesen Richtungen, dann gibt es kein Reiki, sondern eine Trennung. Es gibt eine Spannung, einen Kampf, und keine Entspannung, keinen inneren Frieden. Wir haben von Jesus, Buddha und Mikao Usui ein großes Geschenk bekommen. Aber auf dieser Welt ist es so, dass wir alle die Hauptrolle spielen und sagen wollen: Ich bin besser als du. Doch wo bleibt dann unsere Motivation? Dies ist meine Meinung. Ich weiß aber, dass es tantrische Texte gibt, und das ist ein Geheimnis, - das Tantra ist keine Serie von pornographischen Zeichnungen, es wird so verkauft, weil die Leute nur auf ihren Genuss aus sind, und diejenigen, die es so verkaufen, machen Geld damit und benutzen dafür den Namen Tantra, der eigentlich »energetisches, mentales Kontinuum« bedeutet -, also: im höheren Tantra-Yoga von Naropa, im Tantra der Geheimnisvollen Einweihungen, gibt es Schriften des Medizin Buddha hierüber. Aber wozu sollte man sie den Menschen bekannt machen? Die Leute haben bereits Reiki, auch das von Mikao Usui. Das ist ja schon etwas Fantastisches. Sie haben es, aber sie benutzen es gar nicht, sie wollen nur immer mehr haben. Aber wenn es dich interessiert, werde ich für dich Lama Gangchen danach fragen. Da es eine neue Übertragungslinie ist - es sind drei Jahre, dass sie gegründet wurde -, wird man wohl demnächst ein Buch darüber schreiben, damit die Leute verstehen können. Die tantrischen Lehrer sind gewohnt, diese sehr tiefen Lehren an einen Schüler weiterzugeben, wenn sie sehen, dass eine besondere Begabung in einem Schüler ist. Aber wenn die Leute auf der Suche nach diesen Texten sind, um sich zu vergewissern, ob Jesus oder Mikao Usui oder der Buddha die Wahrheit gesagt haben, dann würde es reichen, dass die Leute in ihr Herz schauen, um zu spüren, dass diese Lehrer die Wahrheit gesagt haben. Dies ist nur meine Meinung. Jeder soll selbst experimentieren und nicht an meine Worte glauben.

Oliver Klatt: Ich denke, die Motivation vieler Reiki-Praktizierender und -Lehrer, nach den Hintergründen des Reiki oder nach mehr zu suchen, ist das Gefühl, und so geht es auch mir, mit der Form des Reiki, wie wir es erhalten haben, an einen Punkt gekommen zu sein, von dem an eine gewisse Weiterentwicklung nicht mehr möglich scheint. An diesem Punkt angekommen, wo man das Gefühl hat, sich irgendwie im Kreis zu drehen, halten viele Ausschau nach mehr, mit dem Ziel, sich spirituell weiterzuentwickeln.


Swami Prem Jagran: Ich bin deiner Meinung. Es ist eine Frage der Erziehung und der Weitergabe der Erkenntnisse. Die Leute wollen Kenntnis erlangen. Ich möchte es einmal anders formulieren: Die Leute wollen eigentlich wissen. Dieses Wissen-wollen bezieht sich jedoch immer auf die rationale Ebene. Aber erst wenn das Lernen zum Sein wird, wird man zu dem, was man tut. Und es braucht eine sehr lange Zeit, um dies zu erreichen. Wenn es erreicht ist, dann ist es eine echte Kenntnis, die man erlangt, ein echtes Wissen. Und dieses Wissen ist dann der Ausdruck der eigenen Erfahrung. Das Problem von vielen ist, glaube ich, dass sie Reiki zu sehr als eine Technik sehen und denken, dass diese Technik zu spiritueller Entwicklung verhilft. Es ist ja auch kein Fehler, die Technik als einen Antrieb zur Suche zu benutzen. Aber die Suche muss nach innen gehen, nicht nach außen. Ich weiß nicht, ob die Geschichte über Mikao Usui wahr ist, aber sagen wir mal, sie ist wahr. Lass uns den folgenden Punkt einmal näher betrachten: Mikao Usui hat einige Jahre in einem Bettlerviertel verbracht und dann gemerkt, dass viele der Leute dort gar nicht lernen wollten, sondern lieber weiter um Almosen gebettelt haben. Das bedeutet, dass die Leute nicht wirklich heilen wollen, sondern sie erwarten immer, dass du sie heilst. Aber so funktioniert es nicht. Sie müssen es selber wollen. Also ist Mikao Usui zu dem Entschluss gekommen, er sollte nicht nur die Leute heilen, sondern ihnen helfen, ihr Bewusstsein zu entwickeln. Im Tantra, im tibetischen Reiki, gibt es Formen, die man vom Lehrer lernt, aber jeder findet dann damit seinen eigenen Weg. Der Zweck ist nie irdisch, sondern immer spirituell. Wenn man über Reiki spricht, schafft man oft Unklarheiten. Was die Symbole angeht und das Tantra, die Sutren, aber auch die Symbole, die man jetzt im Reiki verwendet, die von dorther kommen, diese waren ursprünglich nicht für irdische Zwecke gedacht, sondern um eine höhere spirituelle Ebene zu erreichen. Heute hingegen denken wir, dass wir alles über Reiki wissen, und wir konzentrieren uns nur auf das physische Wohlsein, das durch diese Formeln erreicht werden kann. Aber ursprünglich waren diese Formeln dazu gedacht, eine spirituelle Entwicklung zu erreichen. In früheren Zeiten, als es noch die wahre Weisheit gab, da ging man, wenn es einem schlecht ging, zum Arzt. Aber der Arzt war damals mehr auf einer spirituellen Ebene tätig. Wenn man damals den physischen Zustand verbessern wollte, sagte der Arzt: Du musst vorher deinen geistigen Zustand verbessern. Von dort wird dann die Erneuerungswelle hin zum Physischen kommen. Die Leute glauben, dass man im Reiki wenig zu lernen braucht, weil Reiki etwas Einfaches ist. Aber ich möchte die Reiki-Meister fragen, die mir in diesem Moment zuhören: Wie oft habt ihr die Selbsteinweihung praktiziert? Das ist etwas Wichtiges. Denn durch Visualisierung kannst du dabei erkennen, dass dein physischer Körper von deinem spirituellen Lehrer, von deinem Astralkörper, die Einweihung erhält. Ich tue das, seitdem ich dreizehn bin. Für mich ist das etwas Normales. Lama Gangchen sagt, dass Reiki acht Ebenen oder Grade kennt, aber es sind nicht acht technische Ebenen, sondern acht Bewusstseinsebenen. Je mehr dein spirituelles Niveau wächst, desto mehr kann auch die Kommunikation zwischen uns wachsen. Ich kann dir dann Dinge sagen, die du dann verstehen kannst. Aber wenn du nicht hier bist, können wir nicht kommunizieren. Von diesen acht Ebenen oder Graden gibt es fünf, bei denen die Einweihungen zwischen dem Lama und mir stattfinden, und drei finden durch Selbsteinweihung statt. Als ich gehört habe, dass Lama Gangchen von Selbsteinweihung spricht, habe ich gesagt: Wow! Es gibt vieles zu sagen. Es gibt z. B. 22 Symbole für die mentale Behandlung. Ich habe viel zu sagen, viel zu geben. Ich fühle mich voll mit dem, was ich den anderen geben möchte. Aber mit folgender Motivation: Ich will nicht als besser angesehen werden, weil ich das Glück habe, dies zu kennen und zu praktizieren. Je mehr Instrumente ich habe, desto mehr kann ich an meinem eigenen Bewusstsein arbeiten. Meine grundsätzliche Motivation ist das Erreichen der Erleuchtung zum Wohle aller Wesen. Es ist interessant. Je mehr ich mit den anderen teilen kann, umso mehr bin ich auch bereit, Neues zu bekommen. Es gibt auch viele Einweihungen, nicht nur die, die Mikao Usui gelehrt hat. Es würde mir gefallen, das alles mit dir zu teilen, denn Ngal So Chag Wang Reiki gehört mir ja nicht. Ich betrachte es als etwas Heiliges. Jesus sagte: Wirf keine Perlen vor die Säue!

Oliver Klatt: Von deinem Vortrag am Montag habe ich den Eindruck gewonnen, dass die weltweite Verbreitung des Reiki in der Form, die durch Hawayo Takata geprägt wurde, nicht unbedingt deine Zustimmung findet. Ist mein Eindruck richtig?


Swami Prem Jagran: Wann habe ich so etwas gesagt? Wenn es in der Linie des Reiki nach Mikao Usui jemanden gibt, den ich wirklich schätze, dann ist es Takata. Also, ich respektiere alle, aber Takata ist für mich ein Genie. Sie gab nie zweimal dieselbe Einweihung. Sie hat immer mit Instinkt gehandelt. Sie hat sich immer auf die eigene Sensibilität verlassen. Sie war wirklich ein Lehrer. Was war ihr passiert? Sie hatte die Technik gelernt. Sie hat sie angewendet. Sie hat es getan. Und sie hat so viel getan, dass sie zu dem geworden ist, was sie getan hat. Sie war ein reiner Kanal geworden. Sie selbst drückte Reiki aus, in allem was sie tat. Ihre Sensitivität war so hoch geworden, dass es keine Technik mehr gab. Sie hat ihre Erfahrungen immer angepasst, um den verschiedenen Menschen zu helfen. Es gibt Erzählungen, dass Takata, bevor sie eine Einweihung gab, die betreffende Person von allen Seiten angeguckt hat - und dann hatte sie schon alles verstanden. Also, Mikao Usui steht innerhalb seiner Übertragungslinie für sich, als Person, wegen seiner Geschichte. Aber wenn man Usui wegnimmt, dann ist meiner Meinung nach Takata diejenige, die Reiki durch ihre Intuition am besten angewendet hat. Ich denke, dass der Moment der Einweihung das Zentrum bildet. Das ist das Wichtigste für einen Lehrer: die Einweihung. Der Rest kann immer verbessert werden, aber die Einweihung steht wirklich im Zentrum der Praxis eines Lehrers. Was ist die Einweihung? Es ist die energetische, spirituelle Transmission zwischen dir und dem anderen. Und wenn man eingeweiht wird, in den 1. Grad, den 2. Grad usw., dann ist es, als ob eine Tür aufgemacht wird. Und dann musst du selber über die Schwelle gehen und praktizieren. Deshalb ist es meiner Meinung nach nicht richtig, innerhalb von einer Woche Reiki-Meister zu werden oder den 2. Grad zwei Wochen nach dem 1. Grad zu bekommen. Und dann sagen die Leute nach einem Monat: Ich habe jetzt schon alles gemacht, es bleibt nichts mehr zu machen. Am Sonntag feiere ich 25 Jahre meiner Tätigkeit, d. h. es sind 25 Jahre, dass ich meine Erfahrungen mit anderen teile. Ich will nicht sagen, dass ich lehre. Aber glaubst du, dass ich schon alles gelernt habe? Niemals... Etwas, das mir sehr dabei hilft, ist, dass ich durch mein Gebet diesen großen Lehrer getroffen habe. Und dieser Lehrer steht in meinem Leben nicht als derjenige, der weiß, sondern als ein Freund, der da ist. Und das ist es, was wir in der Welt des Reiki tun sollten. Da zu sein.

Oliver Klatt: Jagran, noch eine letzte Frage: Was sind deine Projekte für die Zukunft?


Swami Prem Jagran: Was die nähere Zukunft angeht, so würde ich mich freuen, wenn wir gleich alle zusammen Spaghetti essen gehen. (Lachen) Ich möchte gerne ein Projekt realisieren, und ich habe auch schon mit Lama Gangchen darüber gesprochen. Er hat gesagt: Ja, fang du an, und ich werde dann auch bei dir sein. Also, ein weiteres Reiki-Zentrum gründen, das möchte ich nicht. Ich denke, es gibt schon genügend davon, und dann sind da eben diese Unklarheiten zwischen den verschiedenen Richtungen. Meine Idee ist es, mit der Hilfe von allen eine Gruppe zu gründen, um Friedenserzieher zu formen, und Frieden bedeutet hier nicht »kein Krieg«. Innerhalb dieser Struktur kann alles Anwendung finden, sowohl Reiki als auch vieles andere. Dieses Zentrum soll auch ein Erziehungszentrum für Kinder sein, wobei es jedoch nicht um eine förmliche Erziehung geht, sondern um eine allgemeine Erziehung hin zum Frieden. Ich möchte in diesem Zentrum auch einen Treffpunkt schaffen, um mit Medizinern zusammenzukommen. Die Medizin hat ja den Zweck, Schmerzen aufzuheben durch Eingriffe. Dabei sollte es nicht wichtig sein, sich selbst zu behaupten oder darauf zu schauen, wer besser oder schlechter ist. Die Motivation sollte sein, dass alle zusammen arbeiten. Es ließe sich dann auch ein Weltkongress für eine »Medizin für den Frieden« organisieren. Damit man anfängt hierüber zu sprechen. Wenn man sich miteinander unterhält, dann findet man auch Gemeinsamkeiten. Dann kann man anfangen, sich diesbezüglich einzusetzen. Ich denke, dass dies möglich ist, denn wenn man erkennt, was man alles machen kann, dann sucht man nach Lösungen. Ich denke, dass es in Berlin viele Menschen gibt, die eine sehr starke Motivation haben, die ein großes Herz haben und die etwas tun wollen. Diese Friedensstimme wird sich von Berlin aus in ganz Deutschland verbreiten und dann in der ganzen Welt, damit wir eines Tages endlich in Frieden leben können. Natürlich ist dies nicht etwas, was sich von heute auf morgen ereignen wird. Aber es ist wichtig, irgendwo anzufangen, weil: Ohne den ersten Schritt zu tun, kommt man nirgendwo hin. Und das alles soll mit Enthusiasmus und viel Freude geschehen, denn es ist ja ein langer Weg. Aber dieser Weg muss auch ein freudvoller Weg sein. Natürlich ist es wichtig, hierfür Unterstützung zu finden, auch Sponsoren, denn das Materielle hat auch seinen Anteil an all dem. Das alles, um eine Idee wirklich zu realisieren. Ich fühle, dass ich in diesem Projekt nicht alleine bin. Ich muss nur die anderen finden, die genau so denken wie ich, die aber in diesem Moment noch schlafen. Also muss ich sie erwecken. Ich suche ein Zentrum, wo ich anfangen kann, und dieses Projekt nennt sich »Life Peace World Foundation«. Und natürlich wird es am Anfang von meiner Reiki-Familie unterstützt werden, um dann offiziell eine Organisation zu werden, die schließlich unterhalb der UNO stehen wird, um operativer zu werden. Das kann auch für die Stadt Berlin von Bedeutung sein. Ich möchte alle Leute umarmen, die sich hier in Berlin um Reiki oder um diese Thematik kümmern, denn hier spricht und bewegt man sich viel um dieses Thema. Ich möchte eine konstruktive Kritik anbringen. Natürlich kann man mich auch konstruktiv kritisieren, und deshalb will ich dasselbe tun. Ich habe oft gesehen, auf Seminaren oder Tagungen, wo es um Reiki oder tibetische oder chinesische Medizin geht, dass dort stets im Mittelpunkt steht, wie man körperliches, physisches Wohl erreichen kann. Aber Reiki ist nicht nur das. Dies ist nur ein kleiner Anfang. Anstatt immer nur von uns aus zu sprechen, verleihen wir doch dem Reiki eine Stimme. Und wie tut man das? Mit dem Herzen. Also fangen wir an, mit dem Herzen zu sprechen. Dies ist mein erstes Projekt. Und danach werden andere folgen. Natürlich weiß ich nicht, wie lange ich noch leben werde. Und es gefällt mir zu glauben, dass, wenn man stirbt, man nicht gefragt wird: Wieviele Autos hast du gehabt? oder Wieviele Frauen hast du gehabt?, sondern: Wieviel hast du geliebt? Okay, man kann sagen: Ja, ich war Reiki-Meister, ich war Schüler von Lama Gangchen, aber die Frage bleibt: Wieviel hast du geliebt? Ja, ich habe ein Interview gemacht, ja, ich wurde eingeladen, aber in Wirklichkeit geht es doch darum: Wieviel hast du während deines Lebens geliebt? Äh, einen Moment mal, da muss ich vielleicht ein Leben zurück gehen. Möglicherweise war es noch nicht genug. Ich möchte mich nicht damit befassen festzustellen, ob es die Reinkarnation gibt, und ich möchte auch keine Zeit damit verlieren festzustellen, ob es einen Himmel gibt. Ich versuche zu leben und Friedensbedingungen herzustellen. Ich versuche, ein Guthaben auf meinem spirituellen Konto zu errichten. Denn nach dem Tod macht man einen kurzen Halt im Supermarkt der positiven Gedanken, und wenn man dann auf seinem sprituellen Konto kein Guthaben hat, ist dies nicht so gut. Also ist es wichtig, nicht so viel zu reden, sondern mehr zu handeln. Man darf nicht bloß über den Frieden sprechen, man muss ihn auch wirklich praktizieren.

Oliver Klatt: Jagran, ich danke dir für dieses Interview. Zum Ende hatte ich dich eigentlich fragen wollen - da du häufig sagst, dass zu viel über Reiki geredet wird -, ob ich dir zum Abschluss des Interviews eine Reiki-Behandlung anbieten kann. Aber jetzt fühle ich mich so, als würde ich selber eine brauchen.


Swami Prem Jagran: Das ist sehr schön, was du da sagst, weil du damit sagst, was Reiki wirklich ist. Das, was wir während unseres Lebens machen - aber manchmal vergessen wir es -, ist atmen: Nehmen und geben. Du wolltest mir etwas geben, und nun bittest du mich, etwas zu bekommen. Aber das ist das gleiche. Es ist dasselbe. Wir müssen etwas mehr in die Tiefe schauen. Der physische Körper braucht die Luft, und wir brauchen Reiki. Luft und Reiki. Aber wenn wir tiefer schauen, ist die Luft ein Mittel, um Prana zu transportieren. Und Reiki? Für was ist Reiki ein Transportmittel? Es ist das gleiche. Aber hier, in der Luft, durch das Atmen, ist es etwas ganz Natürliches. Und deshalb vergessen wir uns selbst, und wir vergessen auch zu atmen. Also entsteht die Technik, damit wir uns wieder an uns selbst erinnern können. Und wir kommen wieder zum Atmen. Und wir bezahlen sogar jemanden dafür, damit wir das wieder lernen können. Es ist wie ein Kreislauf. Und jetzt sehen die Leute, dass ich bei den Konsultationen oder bei den Einweihungen puste, und sie verstehen nicht, was ich da mache. Aber es ist genau das. Es wird dir bewusst, dass es keine Trennung mehr in dir gibt. Und wenn es keine Trennung mehr in dir gibt, dann hast du keine Angst mehr, von Gott getrennt zu sein. Es gibt nicht mehr zwei Worte, die ein Wort formen, Rei und Ki, sondern es existiert nur etwas, das ohne Namen ist. Es ist die göttliche kosmische Energie ohne Namen. Aber du kannst sie erkennen, denn ihre Sprache ist deinem Herzen näher als deinen Ohren.

Weitere Infos:
»Life Peace World Foundation«, www.lpwf.com


Übersetzung aus dem Italienischen: Benedetta Grossrubatscher

Foto: Archiv Swami Prem Jagran

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