Heilung und Spiritualität

Teil 2 des Interviews mit Mary McFadyen - von Oliver Klatt

 

Oliver Klatt sprach mit Mary McFadyen - einer der 22 MeisterInnen, die von Hawayo Takata eingeweiht wurden - über Reiki, Heilung und Spiritualität.


Oliver: Mary, nachdem wir über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von spirituellen Disziplinen und Heilmethoden gesprochen haben: Was hältst du von Meditation? Meditierst du regelmäßig?

Mary: Nun, ich bin nicht gerade groß im Meditieren... In den ersten Jahren mit Reiki habe ich herausgefunden, dass ich, obwohl ich in einer spirituellen Gemeinschaft lebte, nicht gerade gut darin war, morgens um vier Uhr aufzustehen, um zu meditieren oder andere spirituelle Methoden auszuüben. Ich war immer aufrichtig bei der Sache und hatte viel Hingabe, aber ich war nie groß im Meditieren - nicht, dass ich darüber erfreut bin, es ist einfach so. Aber ich habe herausgefunden, dass, wenn man Reiki intensiv anwendet - was ich getan habe, d. h. vor allem anderen Menschen Behandlungen zu geben - dass einen dies an denselben inneren Ort bringt. Reiki ist ein spiritueller Weg, und für mich ist es eine der Stärken von Reiki, dass es ein spiritueller Weg ist. Die Energie selbst ist „Gott-in-Aktion“, sie ist bedingungslose Liebe und göttliches Licht. Und wenn man ständig mit dieser Energie arbeitet, dann kann man nicht umhin, daran zu wachsen und dabei in die richtige Richtung gelenkt zu werden. Dafür muss man sie natürlich häufig anwenden. Ich denke aber immer noch, dass Meditation nötig ist. Es gibt nichts, was sie wirklich ersetzen kann, insgesamt betrachtet. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass Reiki ein spiritueller Weg ist. Und dessen Stärke ist in jedem Fall, dass man keiner Gruppierung angehören muss, dass man an niemanden glauben muss, dass man kein Anhänger von jemandem oder irgendetwas sein muss, dass man sich keinem Glaubens- oder Regelsystem verschreiben muss - und so ist dieser Weg zugänglich für alle, überall auf der Welt, egal, welcher Religion man angehört, welches Glaubenssystem man hat...

Oliver: Ich sehe das auch als einen großen Vorteil des Reiki-Systems. Für mich erklärt dies, warum es weltweit so verbreitet ist... Und dann, manchmal, fühlt es sich für mich so an, als habe es etwas von seiner Essenz verloren... oder irgendetwas...

Mary: Das Reiki, das von Dr. Usui gegeben wurde und zu uns über Mrs. Takata kam, ist ausreichend... Aber es ist dazu gekommen, dass es verzerrt worden ist, es ist verwässert worden, und es ist verändert worden. So weit, dass vieles von dem, was heute als Reiki gelehrt wird, kein Reiki ist. Es mag dann eine Energie da sein, und etwas davon ist auch klar eine Heilenergie, es funktioniert, es ist okay... Aber vieles davon ist keine wahre Heilenergie, es ist nicht die Energie, die uns Mrs. Takata gab... und es ist nicht Reiki. Meine Annahme ist - und es ist nur eine Annahme, weil man es unmöglich wissen kann -, aber meine Annahme ist, dass mehr als 70 Prozent von dem, was heute als Reiki gegeben wird, kein Reiki ist. Es wurde verändert: Die Symbole wurden verändert, die Einweihungen wurden verändert, in einigen Reiki-Systemen wird den Schülern nicht die volle Anzahl von vier Einweihungen beim ersten Grad gegeben. Viele erhalten nur eine Einweihung, als wenn das dasselbe wäre wie vier Einweihungen zu erhalten. Aber es ist natürlich nicht dasselbe. Ich habe in Büchern Symbole gesehen, dass mir die Haare zu Berge stehen - sie sind anders herum, stehen auf dem Kopf, das Kraftsymbol wird sogar ziemlich häufig anders herum gelehrt, und das eigentliche Symbol wird dann als ein zusätzliches Symbol gelehrt... Nun, das eine gibt Energie hinein, das andere nimmt Energie heraus, also, was ist da los? Die Leute denken, sie könnten Veränderungen vornehmen, und das sei okay so... Es mag sein, dass es okay ist, und es mag nicht so sein... Meine persönliche Sicht ist, dass es nicht so ist. Ich versuche, dem treu zu bleiben, was Mrs. Takata gelehrt hat. Reiki hat sich entwickelt, seitdem sie gestorben ist. Es gibt auch viele Techniken, bei denen die Reiki-Symbole verwendet werden und die sehr wertvoll sind. Aber sie stehen immer noch in der Tradition dessen, was gelehrt worden ist.

Oliver: Hast du davon gehört, dass manche sagen, dass Dr. Hayashi viel verändert hat, d. h. dass er Reiki anders gelehrt hat als Mikao Usui?

Mary: Ich denke, ich habe davon gehört, am Rande. Ich habe darüber gelesen - und ich weiß nichts darüber. Ich müsste wissen, was er verändert hat und wie das, was er verändert hat, vorher gewesen ist, bevor ich mir Sorgen darüber machen würde, was ich tue. Weil ich weiß, dass das, was ich tue, funktioniert. Und, dies ist meine persönliche Sicht: Ich verstehe es so, dass er die Form der Behandlung bis zu einem gewissen Grad systematisiert hat und die ersten Aufzeichnungen darüber vorgenommen hat. Aber ich nehme an, dass er die Symbole nicht verändert hat...

Oliver: Es scheint so, ja...

Mary: Und wir haben drei Symbole im Zweiten Grad: Das Erste verbindet uns mit der Kraft des Universums. Das zweite Symbol verbindet uns mit dem göttlichen Geist. Und das dritte Symbol transzendiert Zeit und Raum! Was gibt es sonst noch Wichtiges? Warum benötigen wir mehr Symbole? Es gab eine Zeit, in den späten 80er und frühen 90er Jahren, da schienen alle unablässig auf der Suche nach neuen Symbolen zu sein. Ganz so, als wenn das, was sie taten, dadurch irgendwie besser würde. Das ist nicht wahr! Alles, was wir tun müssen, ist zu wissen, wie wir das, was wir erhalten haben, anwenden! Und, aus meiner Sicht haben wir nur ein kleines Stück des Ganzen. Vielleicht gibt es tatsächlich mehr Symbole. Aber die drei, die wir haben, sind unglaublich!

Oliver: Ja, das stimmt! Mary, ich würde gerne noch zu einem anderen Punkt kommen: In deinem Buch Die Heilkraft des Reiki schreibst du über Heilungskrisen, und darüber, dass du sie häufig erfahren hast, bevor tiefe Heilung stattfand. Kannst du etwas dazu sagen, wie du mit Heilungskrisen umgehst? Um den Menschen ein paar Empfehlungen zu geben...

Mary: Nun, das Wichtigste ist, ihnen zu sagen, dass sie vielleicht eine haben werden! (Lachen) Ich nenne es nicht „Krise“, ich sage einfach Heilreaktion... und dass eine solche Reaktion ziemlich normal ist, wenn der Körper sich selbst auf natürliche Weise heilt. Ich sage meinen Schülern, dass es wichtig ist, der Person, die man behandelt, gegenüber zu erwähnen, dass es dazu kommen kann, jedoch keine große Sache daraus zu machen. Man sollte zurückhaltend damit sein, aber es in jedem Fall erwähnen. Und dann, wenn jemand nach seiner ersten Reiki-Behandlung anruft und erzählt, dass es ihm schrecklich geht, dann kann man sagen: „Wunderbar!“ (Lachen) Weil es so ist. Ich sage meinen Klienten, dass so etwas selten länger dauert als zwölf Stunden. Und wenn sie fragen: „Was kann passieren?“, dann sage ich: „Die Symptome verschlimmern sich vielleicht für eine kurze Zeit, und danach geht es dir besser!“ Und genau so passiert es. Vor einiger Zeit hatte ich... es war keine Heilungssituation von mir, es war die einer meiner Schülerinnen, sie hatte eine Abwesenheitsheilung gegeben...

Oliver: Du sprichst von „Abwesenheitsheilung“(1) bzw. „Heilung einer abwesenden Person“ anstelle von „Fernheilung“?

Mary: Der Begriff „Fernheilung“ impliziert, dass man Reiki aussendet, dass es „durch den Äther“ fließt, und dann, nach einer gewissen Zeit, beim Empfänger ankommt. Das läuft aber nicht so. Weil das Abwesenheitssymbol(2) den Raum transzendiert. Und so gesehen ist die Person tatsächlich da... also sage ich lieber Abwesenheitsheilung...

Oliver: Danke für die Erläuterung... Und worum ging es bei der Geschichte, die erzählen wolltest...?

Mary: Ah ja. Nun, ich hatte von meiner Schülerin erzählt, die ihre Mutter behandelt hatte, die in einem anderen Staat lebte... Sie begann mit vier aufeinanderfolgenden Behandlungen. Ihre Mutter war um die 60, ihre Gesundheit war nicht gut, sie war sehr depressiv, und sie hatte verschiedenartige Probleme. Das Schlimmste war, dass sie unter dem chronischen Müdigkeits-Syndrom litt. Sie konnte nur etwa zwei Stunden am Stück auf ihren Füßen stehen und verbrachte die meiste Zeit im Bett. Eine Sache mit der Heilung anderer Personen in deren Abwesenheit ist, dass die meisten Menschen nicht wirklich daran glauben. Wenn man sie also fragt: „Ist es in Ordnung, wenn ich dir ein paar Behandlungen gebe“, dann sagen sie: „Na klar“, weil sie nicht daran glauben, dass es etwas bewirken wird...

Oliver: Ja, diese Reaktion kenne ich auch...

Mary: Sie denken, es sei alles nur ein Spiel, das wir spielen... Also, ihre Mutter hatte zugestimmt, und meine Schülerin gab ihr vier Behandlungen pro Woche in den ersten beiden Wochen, zwei Behandlungen pro Woche in den darauffolgenden zwei Wochen, und dann eine Behandlung pro Woche für die Dauer von acht Wochen. Nach zwei Monaten hatte die Mutter endlich eine gewaltige Reaktion, emotional wie auch körperlich. Sie fühlte sich ganz schrecklich, ein paar Tage lang, schlechter als es ihr je zuvor gegangen war. Aber sie bat ihr Tochter nicht darum, aufzuhören, wahrscheinlich, weil sie nicht daran glaubte, dass das, was ihre Tochter tat, irgendeinen Einfluss darauf hatte, wie sie sich fühlte. Und dann begann es ihr besser zu gehen... Und nach drei Monaten ging sie zum Arzt, der ihr schließlich sagte, dass keinerlei Symptome mehr bezüglich ihrer Probleme vorhanden waren. Es war alles bereinigt worden, inklusive dem chronischen Müdigkeits-Syndrom. Aber in ihrem Fall hat die große Reaktion wirklich lange gedauert, weil es ein ganzes Leben voller Probleme war, das zu bereinigen war. Dabei ist es normalerweise so, dass schon in den ersten Tagen nach Beginn der Behandlung eine Heilreaktion stattfindet.
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Oliver: Mary, abschließend möchte ich noch nach...

Mary: ...nach Sai Baba... (Lachen)

Oliver: (Lachen) ...fragen, ja - auch wenn du zu vermeiden scheinst(3), über ihn zu sprechen...

Mary: (Lachen) Nein, ich spreche gerne darüber. Ich liebte Yogananda von ganzem Herzen, und zugleich war es mir immer wichtig, einen spirituellen Lehrer zu haben, der verkörpert ist. 1985 entschied ich mich, nach Indien zu gehen. Eine andere Reiki-Meisterin, Marta Getty, und ich standen in guter Beziehung zueinander - und wir blieben in Verbindung und trafen uns von Zeit zu Zeit. Ich erinnere mich daran, wie wir einmal ein Treffen in einem Waschsalon hatten, in London; sie war auf dem Weg nach Australien, und ich musste irgendwohin, und wir saßen da, schauten auf die Maschinen, sprachen miteinander und aßen Eis oder irgendetwas...
(Lachen) Einen Tag vor meiner Abreise nach Indien rief mich Marta dann an und erzählte mir, dass sie gerade in Indien gewesen sei, in Sai Babas Ashram, und sie gab mir den Namen und die Telefonnummer des Hotels, wo ich in Bangalore bleiben könne, den Namen und die Telefonnummer des Taxi-Services, den ich anrufen könne, wenn ich zum Ashram fahren würde (der 160 Kilometer von Bangalore entfernt liegt), und sie erzählte mir, was ich alles brauchen würde, wie die Dinge im Ashram laufen würden... und ich saß da und dachte: „Ich fahre da nicht hin...“ Ich hatte keinerlei Absicht, zu Sai Babas Ashram zu fahren. Ich hatte einen Film über ihn gesehen, der mir gefiel, aber ich war überhaupt nicht daran interessiert, zu seinem Ashram zu fahren. Ich flog also nach Indien, und ich besuchte einen Ashram, aber nicht seinen. Jedoch spürte ich, wie seine Energie mich zog. Ich weiß, wie spirituelle Lehrer arbeiten, und ich dachte: „Ich komme nicht, ich fahre nicht nach Bangalore!“ Also fuhr ich zu Muktanandas Ashram, der im Norden von Bombay (heute: Mumbai) liegt. Swami Muktananda war Teil meiner frühen spirituellen Erfahrungen gewesen, auch wenn ich nie seine Schülerin gewesen bin. Ich fuhr also dorthin, und ich hatte eine sehr ungemütliche Erfahrung dort, nichts als Probleme (obwohl ich einige gute Erfahrungen im Heilungsraum des Ashrams machte, wo ich Reiki-Behandlungen gab). Es gibt eine westliche Cafeteria in diesem Ashram, und so konnte ich westliches Essen bekommen, was wirklich fein war, aber nach zwei Wochen, in denen ich unaufhörlich die innere Botschaft empfing, dass ich mich am falschen Ort befand, kam ich zu der Überzeugung: „Ich muss zu Sai Babas Ashram fahren. Ich möchte nicht dorthin fahren, ich bin dagegen, dorthin zu fahren, aber es sieht so aus, als müsste ich fahren...“ Ich war, vielleicht kann man sagen, spirituell ausreichend entwickelt, um die Zeichen zu sehen - es wäre ziemlich schwer gewesen, sie nicht zu sehen. Und sofort als ich mich entschied, dorthin zu fahren, war es, als wenn alle Probleme von mir abfielen. Ich traf eine junge Frau in Muktanandas Ashram, die ebenfalls zu Sai Babas Ashram wollte, im gleichen Flugzeug, und wir konnten zusammenreisen. Im Taxi zum Flughafen begann ich zu verstehen. Meine neue Freundin erzählte mir, dass zu Muktanandas Lehrer, Nityananda, stets viele Menschen gekommen waren, und wenn jemand kam um ihn zu sehen, der nicht dorthin gehörte, dann schmiss er Steine nach ihm und schrie ihn an, er solle verschwinden. Und genau das war mir passiert, bildlich gesprochen, als ich in Muktanandas Ashram gewesen war. Wir flogen von Bombay nach Bangalore, und später hatten wir eine dreieinhalbstündige Taxifahrt zum Ashram. Die Informationen, die ich von Marta erhalten hatte, erwiesen sich als wahrer Segen und machten alles einfacher... So kam ich zu Sai Babas Ashram, und es war wirklich wunderbar. Es war, als würde er einen roten Teppich für mich ausrollen. Ich war nicht sehr lange dort, aber es waren wundervolle Tage, und ich machte einige sehr tiefgehende, spirituelle Erfahrungen. Es war ein bisschen wie zu der Zeit, als ich Reiki entdeckt hatte, und ich wusste, dass es das war, was ich gewollt hatte. Und so, seit dieser Zeit bin ich eine Anhängerin von Sai Baba. Ich bin seitdem öfter dort gewesen, und einmal habe ich einige Monate im Ashram verbracht.

Oliver
: Danke für deine Worte hierzu, Mary. Ich habe eine letzte Frage: Praktizierst du immer noch täglich Reiki?

Mary: Oh ja, absolut! Was ich mindestens tue ist, mir selber Reiki zu geben. Es gab eine Zeit, wo dies zur Wahl stand - aber das ist heute nicht mehr so... (Lachen) Ich gebe Behandlungen, und ich behandle andere Menschen in ihrer Abwesenheit - in der ein oder anderen Weise gebe ich jeden Tag Reiki...

Oliver: Mary, danke für das Interview!


(1) Alle mir bekannten, von Takata eingeweihten Meister/innen sprechen von „Absent Healing“, nicht von „Distant Healing“. Ins Deutsche übersetzt würde „Absent Healing“ in etwa heißen: „Heilung eines Abwesenden“, meint also „die Durchführung eines Heilvorgangs für eine Person, die nicht anwesend ist bzw. für eine Situation, die nicht vorort ist“. Da dieser Begriff jedoch unmöglich direkt und griffig ins Deutsche zu übersetzen ist, hat sich im Laufe der Zeit bei uns der Begriff „Fernheilung“ etabliert. (Im Englischen wird „Fernheilung“ wiederum mit „Distant Healing“ bezeichnet.) Während der Begriff „Distant Healing“ das Hauptaugenmerk auf die räumliche Distanz legt, die zwischen dem Heiler und der behandelten Person existiert, legt der Begriff „Absent Healing“ das Hauptaugenmerk auf die Tatsache, dass eine Heilung stattfindet, obwohl die behandelte Person körperlich nicht anwesend ist. / Anm. von Oliver Klatt

(2) Gemeint ist das Fernheilungssymbol.

(3) Vgl. Teil 1 des Interviews, Reiki Magazin, Ausgabe 4/06, S. 44/45




Kontakt zu Mary McFadyen:
Heidi Maaßen
Tel.: (033397) 22476
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Buchtipp:
„Die Heilkraft des Reiki“, Mary McFadyen,
Rowohlt Verlag, ISBN: 3499614006

 

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