Die Geschichte von Batya

Eine der beiden drittplatzierten Geschichten unseres Reiki Magazin-Schreibwettbewerbs - von Walter Gäb.

Auf dem 3. Platz landete die folgende Geschichte, deren Autor Walter Gäb dazu schreibt: „Sicher ist es nicht mein schönstes Reiki-Erlebnis. Warum es nicht das Schönste sein kann, wird, nachdem man diesen Bericht gelesen hat, verständlich. Aber es ist eines der intensivsten und rätselhaftesten Erlebnisse.“


Hast du das auch manchmal? Gedanken schweifen plötzlich ab. Du denkst an Menschen, die eigentlich in deinem Leben nicht mehr „vorkommen“? Menschen, zu denen du eine Verbindung hattest, die du nie erklären konntest? Bis heute nicht erklären kannst? Menschen, die dich nur über kurze Zeit in deinem Leben begleitet haben und doch von Zeit zu Zeit immer wieder in deinen Gedanken auftauchen? Liegt es vielleicht daran, dass in dem Moment dieser Mensch dann gerade auch an dich denkt? Sicher eines der großen Geheimnisse, die es noch zu lüften gibt. Bei solchen „Gedankenausflügen“ denke ich oft an die junge Israelin. Ich nenne sie hier einfach mal Batya.
Als ich Batya damals vom Flughafen in Frankfurt abholte, war mir nicht bewusst, wie sehr sie in der Zukunft meine Gedanken beeinflussen sollte. Batya ist die Tochter von Yael, einer Israelin, die ich vor Jahren bei einer Freundin kennen lernte. Yael und ich hatten uns angefreundet. Von Zeit zu Zeit half ich ihr, da es ihr gesundheitlich nicht so gut ging. So auch diese Gefälligkeit, sie zum Flughafen zu fahren, um ihre Tochter abzuholen, die für ein halbes Jahr nach Deutschland kam.

Batya war damals Mitte 20. Sie lebte bei ihrem Vater in Jerusalem. Eine israelische Schönheit, mit großen braunen Augen, einer samtigen, leicht gebräunten Haut und einer Stimme, die für dieses feine Gesicht viel zu rauchig war und trotzdem faszinierte. Bei all dieser Perfektion spiegelten ihre Gesichtszüge das ganze Leid Israels wider. Trotz der Freude, sie kennen zu lernen, war ich im selben Moment erschrocken. Wie konnte so ein junger, hübscher Mensch mit so wenig Lebensfreude ausgestattet sein? Ich sollte ihre furchtbare Geschichte noch erfahren. Dabei musste ich wieder einmal erkennen, dass erfahren nicht gleich begreifen ist.

„Jeder Mensch ist klug...“

Batya sprach mit ihrer Mutter nur Hebräisch. Sie sprach zwar auch Englisch, aber das Schicksal wollte es so, dass ich in meiner Schulzeit dem Fach Englisch leider eine zu geringe Bedeutung beigemessen hatte. Dabei fällt mir das alte chinesische Sprichwort ein: „Jeder Mensch ist klug, die einen vorher, die anderen nachher“. Ich halt nachher. So wurde Yael zu unserer Dolmetscherin.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich Yael bereits regelmäßig mit Reiki behandelt. Einmal pro Woche packte ich meine Klappliege ins Auto und fuhr zu ihr, um ihr gesundheitliches Leid etwas zu lindern. Sie sagte mir damals, dass ihr die Behandlungen sehr gut tun.

Erste Reiki-Behandlung

An einem lauen Sommerabend, ich hatte die Reiki-Liege im Schlafzimmer von Yael aufgebaut, bat Batya darum, bei einer Behandlung dabei sein zu dürfen. Natürlich durfte sie. Neugierig beobachtete sie, wie ich meine Hände auflegte und ihrer Mutter Reiki gab. Nach der Behandlung unterhielt sie sich mit ihrer Mutter auf Hebräisch. Auch wenn ich nichts verstand von den Worten, die sie sprachen, wusste ich, dass sie über mich und die Behandlung sprachen. Irgendwann fing Yael an zu übersetzen, und Batya, die nun ihrerseits nichts verstand, wurde verlegen. Yael sagte mir, dass Batya fragte, ob ich auch sie behandeln würde. Ich sagte sofort zu. Nicht unbedingt nur aus Gefälligkeit, sondern auch aus Neugierde. Ich wollte spüren, was mir die Energien sagen würden. Sagen über diesen mir noch immer sehr fremden und rätselhaften Menschen, von dem ich bis dahin so gut wie nichts wusste. Außer, dass der Blick nicht zum Gesamtbild dieses Menschen passte. Batya bekam also ihre erste Reiki-Behandlung.

Ich kann heute, es mag vier oder fünf Jahre her sein, nicht mehr genau die Empfindungen wiedergeben, wie ich sie damals hatte. Aber ich weiß noch, dass es eine der heftigsten Behandlungen war, die ich je erlebte. Selten spürte ich ein solches Ungleichgewicht, geprägt von starken Emotionen. Mir war, als würden meine Hände beben. Es war wie ein Blick in die Seele, die aber diesen Blick nicht zulassen wollte. Damals dachte ich nur: ‚Was mag dir armes Kind nur widerfahren sein?’ Für Batya war es auch eine unglaubliche Erfahrung, mit großer Intensität und einer starken Erschöpftheit hinterher. Nach der Behandlung schlief sie gleich ein und wachte erst, wie mir ihre Mutter später berichtete, am nächsten Mittag wieder auf.

Batyas Geschichte

Ich habe abends noch mit Yael zusammen gesessen. Natürlich wollte sie wissen, was ich bei ihrer Tochter gespürt hatte. So berichtete ich von meinen Empfindungen. Nach anschließendem, minutenlangem Schweigen erzählte mir Yael dann Batyas Geschichte. Allein der Gedanke daran lässt mich jetzt, in diesem Moment, wieder erschaudern.

Batya war 19 Jahre. Ein Mädchen, wie die meisten in ihrem Alter. Lebenslustig, mit vielen Träumen und Zielen. Wer die Situation in Israel kennt, weiß, dass es zwar jenseits unserer Vorstellungskraft liegt, mit welcher Gefahr viele Menschen dort leben, es aber trotzdem viele sehr glückliche Menschen dort gibt. Der Mensch gewöhnt sich eben an fast alles (zum Glück). Einer von Batyas Träumen war es, mit dem Menschen, den sie am meisten liebte, ihrem Freund, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Zu heiraten, Kinder zu zeugen, gesund zu bleiben und das Leben zu genießen.

Es war damals ein Tag wieder jeder andere, genauso harmlos, genauso gefährlich. Batya und ihr Freund hatten in Jerusalem eine Diskothek besucht. Getanzt, gefeiert, das was junge Leute eben so machen. Gemeinsam verließen sie zu später Stunde, Arm in Arm, die Diskothek. Nur wenige Schritte an der frischen Luft, eine Umarmung, ein Kuss. Dann blitzte das Mündungsfeuer einer Schnellfeuerpistole auf. Von mindestens einer Kugel getroffen, brach ihr Freund zusammen und starb in den Armen seiner Batya. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort, mitten in eine Straßenschießerei geraten. Batya blieb äußerlich unverletzt.

Starke Verbundenheit

Mir fehlen im Moment die Worte, um hier den Versuch zu wagen wiederzugeben, was sich damals wohl in Batyas Kopf abgespielt haben muss. Ehrlich gesagt kann ich das auch nicht. Das Trauma begann. Jahrelang versuchten Ärzte und Psychologen, ihr dieses Trauma zu nehmen. Nun war sie in Deutschland, um zu vergessen. Aber auch, um hier Psychologen aufzusuchen, die ihr weiterhelfen sollten, dieses furchtbare Erlebnis zu verarbeiten.

Ich begleitete Batya dann ein halbes Jahr lang, behandelte sie regelmäßig, zwei Mal pro Woche, mit Reiki. Sie wurde regelrecht süchtig danach, weil es ihr so gut tat. Zwischen Batya und mir entwickelte sich schon nach kurzer Zeit eine starke Verbundenheit und Vertrautheit. Wir verstanden uns mittlerweile auch ohne viele Worte. Heute muss ich sagen, dass ich es bedauere, dass ich nicht besser mit ihr kommunizieren konnte. Vielleicht hätte ich ihr besser helfen können, wenn wir dieselbe Sprache gesprochen hätten.

Dann kam der Zeitpunkt ihrer Rückreise nach Israel. Sie sollte dort für sechs Monate in ein Kibbuz, unter psychologischer Betreuung. Auch wenn in den letzten sechs Monaten einiges an Lebensfreude in ihr Gesicht zurückgekehrt war, machte sie der Abschied von ihrer Mutter und von mir sehr traurig. Mich natürlich auch. Ich gebe zu, sie war auch mir sehr ans Herz gewachsen.

Fernreiki

Mit der Hilfe unserer „Dolmetscherin“ erzählte ich ihr von Fernreiki. Wir trafen folgende Vereinbarung: An zwei festgelegten Tagen in der Woche, zu bestimmten Uhrzeiten, wollte ich mit Fernreiki Kontakt zu ihr aufnehmen und ihr je 10-15 Minuten Reiki schicken. Dieser Vorschlag zauberte ihr ein wundervolles Lächeln ins Gesicht. Trotzdem war der Abschied für alle sehr hart.

Es vergingen einige Wochen. Pünktlich zu den vereinbarten Zeitpunkten schickte ich ihr Reiki. Es war immer von einer großen Intensität. Ihre Mutter Yael wurde auch weiterhin, einmal wöchentlich, von mir mit Reiki behandelt. Yael telefonierte mehrmals pro Woche mit Batya. Dabei sprachen sie auch über das Fernreiki, und oft deckten sich unsere Empfindungen, wie ich aus den Gesprächen mit Yael heraushören konnte.

Dann kam der Tag der noch intensiver verlaufen sollte als alle anderen. Ich hatte mich wieder zum verabredeten Zeitpunkt zurückgezogen, um in aller Stille mit dem Fernreiki für Batya zu beginnen. Wer Fernreiki-Behandlungen durchführt, weiß, dass es unterschiedliche Arten von Verbindungen gibt, mit unterschiedlicher Qualität. Die, von der ich hier berichte, war eine Verbindung der intensiveren Art. Ich hatte gerade die Verbindung hergestellt, als sich starke Schmerzen bei mir bemerkbar machten. Meine linke Hand schmerzte derart, dass ich die Augen aufschlug, um zu sehen, was da los war. Aber ich konnte nichts erkennen. Also fuhr ich einfach mit der Behandlung fort. Die Schmerzen wurden immer heftiger, und mir war, als würde mir jemand mit einem Messer die Hand zerschneiden. Zum ersten Mal war ich froh, als die Behandlung beendet war und die Verbindung abbrach. So plötzlich, wie die Schmerzen gekommen waren, waren sie nun auch wieder verschwunden. Ich maß diesem Erlebnis keine große Bedeutung bei und vermutete eher eine Form von Überreaktion bei mir.

„Das gibt es nicht...“

Zwei Tage danach war ich wieder bei Yael. Ich hatte das Erlebnis mit der schmerzenden Hand schon fast wieder vergessen. Yael und ich unterhielten uns kurz über Batya, und ich erzählte, dass ich ihr zwei Tage zuvor Reiki geschickt hatte. Dann fiel mir auch wieder das Erlebte ein. Spaßend fragte ich Yael, ob Batya nichts erwähnt hätte. Schließlich hätte mir die linke Hand so wehgetan, das hätte sie doch spüren müssen. Eigentlich hatte dies nur ein Scherz sein sollen, aber Yael blickte mich entgeistert an. Sie sagte nur: „Das gibt es nicht, das kann nicht sein...“

Starkes Brennen

Batya hatte ihrer Mutter am Telefon erzählt, dass sie sich kurz vor dem letzten Fernreiki bei Küchenarbeiten mit dem Messer aus Versehen in die linke Hand geschnitten habe. Ihr Betreuer habe die Wunde zwar mit einem Wundmittel versorgt und einen Verband angelegt, aber die Hand habe, während sie mein Fernreiki empfing, derart gebrannt, dass sie sich kaum auf die Behandlung habe konzentrieren können.

Ich habe Batya bis heute nie mehr wiedergesehen. Durch Umstände, die die Zeit manchmal mit sich bringt, habe ich weder zu Yael noch zu Batya den Kontakt halten können. Aber manchmal schweifen eben die Gedanken ab. Wer weiß, vielleicht denken sie dann auch gerade an mich... Und wenn es jetzt so ist, dann müssten sie auch eine Träne in jedem Auge haben...


Walter Gäb, geb. am 12. April 1960 in Stolberg: „Reiki ist seit vielen Jahren ein unverzichtbarer Bestandteil meines Lebens. Mein Lebensmotto: Betrachte die Dinge immer von mehreren Seiten, und du wirst die positiven Eigenschaften erkennen. Meine Freizeit nutze ich gerne für gemeinsame Ausfahrten mit meinem Sohn, auf dem Motorrad. Übrigens habe ich an dem Schreibwettbewerb teilgenommen, weil Hape Kerkeling in der Jury war. Als Hape-Fan hatte ich die Hoffnung, ihn so einmal persönlich kennen zu lernen. Hat leider nicht geklappt, aber ich freue mich sehr über einen der zwei dritten Plätze!“

 


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