"Man sollte nichts außer Acht lassen, um die Welt zu retten.“

Ein Interview mit Margarethe von Trotta

Von Oliver Klatt

In ihrem Film „Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ erzählt die renommierte deutsche Filmemacherin Margarethe von Trotta die beeindruckende Lebensgeschichte der bekannten deutschen Äbtissin, Seherin und Heilkundigen aus dem Mittelalter. In einem Interview mit dem Reiki Magazin spricht die langjährige Regisseurin darüber, was sie an der Person Hildegard von Bingen fasziniert – und erzählt dabei auch von eigenen spirituellen Erfahrungen.


Oliver Klatt: Ihr Film über das Leben und Wirken Hildegard von Bingens hat mich sehr beeindruckt: die Lebensgeschichte einer Frau, die auf ihrem spirituellen Weg immer mehr in ihre Stärke kommt. Was hat Sie an dem Stoff fasziniert? Und an der Person Hildegard von Bingen?


Margarethe von Trotta: In einer Zeit, in der man an den Teufel geglaubt hat, in der man davon ausging, dass die Erde eine Scheibe ist, dass die Hölle unter uns und der Himmel über uns ist, in der also bestimmte Auffassungen eine Art Grundausrüstung der menschlichen Erkenntnis bildeten, in dieser Zeit hat sie Erstaunliches erreicht – gewünscht, gewollt und auch realisiert –, was Frauen normalerweise nicht zugestanden wurde.

Starker Glaube

Dies hat sie unter anderem mit einem starken Glauben erreicht – an Gott, aber auch an sich selbst. Dabei hat sie ihre eigene Person nie vor ihren Glauben gestellt. Und ist teils auch recht listig vorgegangen, indem sie sich beispielsweise als schwache, demütige Frau präsentiert hat. Wenn man ihren Brief an Bernhard von Clairvaux liest, kann einem der Gedanke kommen: ‚Mein Gott, die hat es aber wirklich verstanden, jemandem Honig um den Mund zu schmieren.‘ Vielleicht war es aber auch ehrlich von ihr gemeint und es war keine List, was sie da schrieb. Jedenfalls hat sie es auf dieser Basis geschafft, als Seherin anerkannt zu werden, ihre Visionen aufschreiben und damit hinaus in die Welt gehen zu dürfen – und schließlich sogar, ihren Visionen folgend, ihr eigenes Kloster zu errichten, auf dem Ruperts­berg. Dabei hat sie nicht gesagt: „Ich will mein eigenes Kloster!“, sondern sie musste sagen, dass diese Vision von Gott zu ihr kam. Das hat sie auch geglaubt, in einer Art Verbindung zwischen eigenem Wunschdenken und der Einverleibung dieses Denkens als inneren Auftrag.

Oliver Klatt: Sie würden also sagen, diese Visionen kamen nicht von Gott zu ihr, sondern sie bildete sich lediglich ein, sie von Gott empfangen zu haben?

Margarethe von Trotta:
Nun, wer oder was ist denn Gott? Ich möchte Ihnen dazu etwas erzählen, aus meinem Leben: Früher habe ich eine Zeitlang eine Verbindung zu meinem Schutzgeist gesucht. Ich fand eine Frau in Italien, die mir dabei half. Über sie konnte ich mich mit ihm verbinden. Heute kann ich das auch selbst. Ich habe ihn dann innerlich gefragt: Wer bist du? Und erhielt die Antwort, er sei auch ich selbst. Das, was Gott ist, ist ja auch in uns. Insofern denke ich: Natürlich war das für Hildegard von Bingen Gott, der da zu ihr sprach – aber es war auch ihre eigene, innere Stimme. Man muss nur lernen, darauf zu hören.


Handauflegen

Ich lege mir heute noch manchmal die Hände auf, oberhalb des Bauchnabels, schließe meine Augen, und dann stelle ich Fragen und bekomme Antworten. Diese Antworten gebe ich mir aber gewissermaßen selbst. Wobei ich auch nicht weiß, woher sie kommen. Manchmal erhalte ich sehr erstaunliche Antworten, die ich mir bewusst so nie gegeben hätte.

Oliver Klatt: Beim Reiki legen wir uns ja auch die Hände auf ...

Margarethe von Trotta:
Ja. Und diese Stelle, oberhalb des Bauchnabels, so kenne ich es, ist die Zone, wo man mit sich selbst in Verbindung treten kann, und mit dem eigenen Unbewussten. Es ist das, was wir in uns tragen. Auf diese Weise kann man es erfahren.

Oliver Klatt:
Mögen Sie noch ein weiteres spirituelles Erlebnis mit unseren Leserinnen und Lesern teilen?

Margarethe von Trotta:
Ich erzähle das eher selten, weil man bei den meisten Menschen dafür nur ein Kopfschütteln erntet – aber als ich 1985 den Film „Rosa ­Luxemburg“ drehte*, war ich einige Male bei der eben genannten Frau in Italien, weil ich mir unsicher war, ob ich mit meiner Verfilmung dem Leben und Wirken Rosa Luxemburgs überhaupt gerecht werden könne. Wir sprachen oft darüber, und irgendwann hat sie sich mit der verstorbenen Rosa Luxemburg in Verbindung gesetzt und erhielt die Antwort, dass diese der Hauptdarstellerin des Films, Barbara Sukowa, bei der Darstellung ihrer Rolle helfen würde, dass sie bei ihr sein würde, wenn sie die Szenen spiele. Bei den Dreharbeiten hatte ich dann absolut das Gefühl, dass dies so war. Auch Barbara hatte das Gefühl, dass ihr geholfen wurde. Und es kann natürlich auch wieder sein, dass sie diese Kraft letztlich in sich selbst gefunden hat. Darüber hinaus hat mir die Frau in Italien Dinge über Rosa Luxemburg gesagt, die gar nicht bekannt waren, zur damaligen Zeit. Ich nahm das in den Film mit auf, und hinterher, als der Film längst fertig gedreht war, wurde das dann von ­irgendjemandem in irgendwelchen Dokumenten plötzlich entdeckt.

Oliver Klatt:
Das finde ich interessant, dass dieser mehrfach ausgezeichnete Film über die Mitbegründerin der KPD seine Kraft so gesehen aus der geistigen Verbindung mit der verstorbenen Rosa Luxemburg zog, während ein derartiger spiritueller Zusammenhang im kommunistischen Weltbild gar keinen Platz hat bzw. nicht existent ist.

Politik und Spiritualität

Nun, ich möchte noch eine weitere Frage an Sie richten, die mich immer wieder beschäftigt: und zwar dazu, inwieweit Politik und Spiritualität zusammengehen, wo es Schnittstellen zwischen beidem gibt – oder auch nicht. Hat das spirituelle Leben z. B. ­einer Nonne wie Hildegard von Bingen auch eine politische Dimension, aus Ihrer Sicht? Und haben politische Zusammenhänge auch eine spirituelle Dimension? Wenn man beispielsweise daran denkt, dass Politiker Entscheidungen treffen, die den Klimawandel aufhalten sollen.

Margarethe von Trotta:
Ich habe in den Film über Hildegard von Bingen auch ihre Warnung mit hinein ­genommen, dass sich die Elemente – heute würden wir ­sagen die Natur – gegen uns wenden können, wenn wir sie nicht schützen und nicht vernünftig mit ihnen umgehen. Wir sind heute dabei, die Natur zu zerstören, und merken gar nicht, dass wir uns selbst damit zerstören. Wenn wir zu viel nehmen und zu viel zerstören, dann gefährden wir unser aller Überleben. An dieser Stelle besteht ein Schnittpunkt zwischen Politik und Spiritualität. Wobei es in der Politik ja viel um das „Tagesgeschäft“ geht. Da fehlt dann oft der Ausblick. Politiker wollen wiedergewählt werden, alle vier Jahre, und deshalb gehen sie immer wieder auf die aktuellen Bedürfnisse der Menschen ein. Was mit unseren Kindern, mit unseren Nachfahren geschieht oder überhaupt im Zusammenhang mit dem, was nicht direkt unseren eigenen Interessen entspricht, das wird meist außer Acht gelassen. Das ist die „arme Dimension“ der Politik. Es gibt wenige Politiker, die ein bisschen darüber hinausschauen.

Oliver Klatt: Wer tut dies beispielsweise, aus Ihrer Sicht?

Margarethe von Trotta: Ich denke da an Hermann Scheer**, der sich schon seit langem für die Sonnen­energie einsetzt, also gegen Atomkraft und für die natürlichen Energiequellen. Er ist der Einzige, den ich persönlich kenne. Und es gibt weitere Politiker, die dies auch tun.

Meditation?

Oliver Klatt: Sehen Sie auch im Rückzug aus der Welt eine Möglichkeit, sich für diese einzusetzen, z. B. in Meditation oder Kontemplation, wie auch Hildegard von Bingen es tat – auch wenn die Weltsituation damals nicht so hochbrisant war –, d. h. in Zurückgezogenheit, durch geistiges Einwirken, gewissermaßen das Energiefeld der Erde zu ändern? Es gibt ja heute eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen, die zeigen, dass beispielsweise in bestimmten Stadtteilen die Kriminalitätsrate allein dadurch gesenkt werden konnte, dass ein bestimmter Prozentsatz der dort lebenden Menschen meditierte. Ist das für Sie auch ein gangbarer Weg?

Margarethe von Trotta: Man sollte in jedem Fall nichts außer Acht lassen, um die Welt zu retten.

Oliver Klatt: Vielen Dank für das Interview.

 

Fotos: Concorde Filmverleih GmbH

 

* „Rosa Luxemburg“: Mehrfach ausgezeichneter Spielfilm von Margarethe von Trotta, über das Leben und Wirken der bekannten Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschland / ebenso wie „Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle

**Hermann Scheer: Präsident von Eurosolar; Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien (WCRE); Vorsitzender des Internationalen Parlamentarier-Forums Erneuerbare Energien; Mitglied des Deutschen Bundestags; wissenschaftlicher Publizist und Autor, Träger des Alternativen Nobelpreis 1999, des Weltsolarpreises 1998, des Weltpreises für Bioenergie 2000 und des Weltpreises für Windenergie 2004 www.hermannscheer.de

 

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