"Ich war noch nie so gläubig wie jetzt" - Über die Arbeit einer Sterbeamme

Stromabwärts, auf der südlichen Seite der Elbe, einige Kilometer hinter Stade, lebt und arbeitet Britta Buttkewitz. Ausgebildete Heilpraktikerin ist sie und Reiki-Meisterin; doch am meisten wird sie in ihrer Arbeit als Sterbeamme gefordert.

Es ist eine intensive Geschichte, die Britta Buttkewitz mit den Menschen hat, die ihre Dienste als Sterbeamme benötigen, fast könnte man es eine Liebesgeschichte nennen. Die Begegnungen mit den Sterbenden und den Hinterbliebenen gehen unter die Haut; und oft mitten ins Herz. Eine Persönlichkeit ist bei dieser Arbeit gefragt, die imstande ist, die Wucht der Gefühle auszuhalten, die ihr entgegenkommen und sie mitzutragen. Dabei hilft der Sterbeamme die Verbindung mit Reiki. „Wenn so unglaublich starke Emotionen auf mich zurollen“, sagt sie, „klinke ich mich in Reiki ein, ich stelle die Verbindung zum Reikifluss her.“ Dann könne sie leichter mit den Menschen arbeiten. Die Gefahr bei einer therapeutischen Begleitung wie der, die Britta Buttkewitz als Sterbeamme anbietet, sei, dass „man leicht ins Mitleiden rutscht, wenn man nicht aufpasst.“ Aber das helfe niemandem. „Mitgefühl ist das Entscheidende,“ fügt die 42-jährige hinzu. „Ich weine auch mit, wenn es mich überkommt,“ aber sie achte immer darauf, schildert sie, „an Land zu bleiben und dem, der zu ertrinken droht, an Land zu helfen.“

Trost spenden

Sterbeamme, ein ungewohnter Begriff. Er wurde vor rund zehn Jahren von Claudia Cardinal geprägt, die nach dem Krebstod ihrer kleinen Tochter einen Weg suchte, mit ihrer Trauer umzugehen. Mittlerweile ist sie Heilpraktikerin und die erste Sterbeamme. Wege bietet sie an, die von allen, die mit Trauer zu tun haben, gegangen werden können; sowohl von Menschen jeglicher Religionszugehörigkeit als auch von jenen, die weder in den Kirchen beheimatet noch religiös sind. Eine Sterbeamme begleitet den Prozess, der von schwerer Krankheit zu Sterben und Tod führen kann, sie sorgt auch für die Hinterbliebenen. Trost kann sie geben, kann die Sprachlosigkeit und Trauer mit aushalten, manchmal auch Zuversicht spenden und so Mut machen weiterzuleben. Denn nicht selten mündet eine nicht gelebte Trauer in körperliche Krankheiten. Sogar Depressionen können daraus erwachsen, die ihrerseits die Lust am Leben nehmen können. Claudia Cardinal hebt hervor: „Bei Trauernden können noch nach Jahren körperliche und psychische Probleme entstehen. Zeit ist relativ, wenn es um Abschiedsschmerzen geht. Krank­heiten, die aus der ungeheilten Trauer und schmerzhaften Sehnsucht heraus entstehen können, sind in unserer Gesellschaft und Arbeitswelt weitgehend unbeachtet.“

Britta-ButtkewitzDiese Erfahrung hat auch Britta Buttkewitz gemacht. In der ersten Zeit ihrer 2007 eröffneten Naturheilpraxis kamen immer mehr Menschen mit Beschwerden zu ihr, die sich nicht allein auf der körperlichen Ebene lösen ließen. Unbewältigte Trauer war eine Ursache, fand sie heraus. Britta Buttkewitz wurde Sterbeamme – ihre Ausbildung bei Claudia Cardinal beendete sie vor zwei Jahren. Danach ging sie ehrenamtlich in ein Altenheim in dem kleinen Ort Drochtersen, in Niedersachsen, wo sie aufgewachsen ist und heute wieder lebt und arbeitet. Alle vierzehn Tage arbeitet sie mit den alten Menschen in einer Gruppe, in der Raum ist für Trauer und ungelebte Gefühle.

Inzwischen wird ihr Engagement belohnt, „ein Helfer hat dafür gesorgt, dass meine Arbeit dort bezahlt wird,“ erzählt sie.

Mittlerweile wird sie von einigen örtlichen Ärzten weiterempfohlen. Es sei „wie ein Ritterschlag“, wenn der Hausarzt der trauernden Witwe, die mit behandlungsresistenten Herzbeschwerden zu ihm kommt, rät: „Gehen Sie zu Frau Buttkewitz, die kann ihnen helfen!“ ­Typisch sei dieser Fall, so Britta Buttkewitz: die Witwe entwickelte acht Wochen nach dem Tod ihres Mannes unerklärliche Herzbeschwerden und eine rasende Angst vor einem Herzinfarkt. Einmal landete sie dadurch sogar in der Notaufnahme. Schließlich wurde festgestellt, dass das Herz organisch völlig gesund war.

Erlaubnis zur Trauer

Trauernde kommen in die Praxis der Sterbeamme, fassungslos darüber, dass ihr Umfeld von ihnen verlangt, sie sollen „doch bitte nach vier Wochen wieder funktionieren“, erzählt Britta Buttkewitz mit einem Unterton von Empörung in der Stimme. „Trauernde werden oft allein gelassen, wenn die anfängliche Anteilnahme vorbei ist.“ Man könne sich krankschreiben lassen, aber die Kassen erkennen nur einen Trauerzeitraum von zwei, maximal vier Wochen an. Danach müsse das Leben weitergehen. So die unausgesprochene Forderung an alle, die trauern. Britta Buttkewitz sagt zunächst allen diesen Trauernden: „Was du fühlst, das ist richtig!“ Und das allein sei schon eine große Entlastung: die Erlaubnis, trauern zu dürfen.

Das kommt an: im Jahr 2010 hat Sterbeamme Buttkewitz ein Wochenendseminar angeboten, zum Thema Sterben und Tod. Gut besucht sei es gewesen. Auch in diesem Jahr gibt es wieder ein solches Seminar an der Volkshochschule. So groß ist das Bedürfnis, den Umgang mit Sterben, Tod und Trauer zu lernen, dass Britta Buttkewitz, als Dozentin der Akademie von Claudia ­Cardinal, nun die entsprechende Ausbildung in ihrer Region anbieten kann; gewiss ein Erfolg, denn die anderen Orte sind Großstädte wie Hamburg oder Berlin. Ende August dieses Jahres hat der Kurs mit zwölf interessierten Frauen begonnen. Dabei geht es gleich zu Anfang ans Eingemachte. Dem Thema „Angst“, insbesondere der Angst der Kursteilnehmenden vor dem eigenen Tod, ist bereits der zweite Unterrichtsblock gewidmet. „Für mich geht es darum,“ erläutert Britta Butt­- kewitz, „eine Haltung zu bekommen, am Bett eines Sterbenden zu sitzen und zu wissen: es ist in Ordnung so.“ Wer Angst hat, könne das nicht.

„Ich erlebe das immer wieder,“ erzählt Sterbeamme Britta Buttkewitz, „dass jemand den dritten Anlauf nimmt zu sterben, aber der Sohn oder die Tochter am Bett sitzt und schluchzt, und so den Sterbenden festhält.“ Hier beginne ihre Arbeit mit den Angehörigen. „Ich bin als Sterbeamme immer auf der Suche, aus der größten Katastrophe heraus etwas Gutes zu finden, einen Frieden zu finden – das Einverstandensein.“ Britta Buttkewitz ist bestrebt, „mit den Angehörigen ein Weltbild zu erarbeiten, in dem der verstorbene Mensch zwar körperlich weg, aber sonst noch anwesend ist.“


Berlin-J-Kindler


Wie schwer das sein könne, was es aber auch für überraschende Wendungen geben kann, hat sie erst kürzlich wieder erlebt. Da war die 80-jährige Mutter gestorben, die Tochter am Boden zerstört, sie wollte und konnte die Mutter nicht gehen lassen. Was hat die Sterbeamme da getan? „Wir haben gemeinsam die Toten­- ­wäsche gemacht,“ erzählt sie, „der Verstorbenen ein Flanellnachthemd angezogen und dicke Socken an die Füße. Das war für die Tochter das Schönste, was sie ihrer Mutter tun konnte. Außerdem haben wir ein dickes Federbett in den Sarg gelegt.“ Die Tochter habe die ganze Nacht am offenen Sarg bei der Mutter gewacht. Allein. Das Angebot der Sterbeamme, mitzuwachen, habe sie abgewiesen. Am nächsten Morgen empfing sie Britta Buttkewitz aufgeregt an der Haustür – denn mittlerweile hatte die verstorbene Mutter ein friedvolles Lächeln im Gesicht. „Wenn man mit einem Verstorbenen zu Hause sein kann, also die Totenwache halten kann, dann kann man sehen, fühlen, begreifen,“ führt die Sterbeamme aus. „Da kann so viel heil werden ...“ Man könne sehen, wenn die Seele den Körper verlassen hat.

„Sie fühlte sich umarmt.“

„Wir sind Seele,“ formuliert Britta Buttkewitz ihre tiefe Überzeugung, „und nehmen uns einen Mantel für unseren Aufenthalt auf der Erde – das ist unser Körper.“ Diese Überzeugung prägt auch ihre Sicht auf das, was ihr die Hinterbliebenen zuweilen erzählen. Gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand, denn manches passe einfach nicht in das übliche materialistische ­Weltbild, das nicht nur auf dem flachen Land an der ­Unterelbe vorherrscht. „Es hagelt Phänomene bei meinen Trauernden“, erzählt die Sterbeamme, „zum Beispiel, wenn die Witwe den Verstorbenen in der Küche sitzen sieht.“ Eine junge Frau kam, an Panikattacken ­leidend, zu Heilpraktikerin Buttkewitz. Die Mutter war vor einem Jahr gestorben, für die Trauer nicht viel Raum gewesen. Irgendwann, nach einer Zeit vertrauensvoller Zusammenarbeit, erzählte die Patientin, sie habe auf dem Sofa gesessen und geweint, weil sie ihre Mutter so sehr vermisste. „Plötzlich fühlte sie sich umarmt,“ erzählt die Sterbeamme, „und neben ihr, auf der Sitzfläche, war eine Kuhle.“

Auch andere Dinge geschähen. So hatte eine Witwe eines Mannes, der „voller Groll“ gestorben war, einen „enormen Verbrauch an Glühlampen“, da die immer wieder durchbrannten. Und nicht nur das: „Das Glühbirnchen der Nachttischlampe war jeden Abend, wenn die Frau ins Bett gehen wollte, um genau zwei Drehungen herausgedreht.“ Immer wieder habe sie die Birne fest reingedreht, doch jeden Abend fand sie die Birne herausgedreht. Die Tochter war kurz davor, ihre Mutter für verrückt zu erklären. Diese beschwor sie, doch einen Abend bei ihr zu verbringen, um festzustellen, dass niemand das Haus betrete und sie selbst auch nicht ins Schlafzimmer gehe, um an der Glühbirne zu drehen. Sie konnte sich dann selbst davon überzeugen, dass ihre Mutter die Wahrheit sagte. Unter Mitwirkung der Sterbeamme konnte anschließend der Witwe geholfen werden, eine Versöhnung mit dem Toten herbeizuführen – und so den Spuk zu beenden.

Ihre Aufgabe als Sterbeamme sieht Britta Buttkewitz auch darin, „den Lebenden zu helfen, die Toten ins Leben zu integrieren.“ Daher ist es für sie wichtig, dass es Friedhöfe gibt. „Auf dem Friedhof ist man schnell sozusagen ‘online’ mit dem Gestorbenen“, erklärt sie. „Das Grab ist ein Ort, wo eine Verbindung stattfinden kann, wo die Trauernden sich selbst etwas Gutes tun können, indem sie für den Verstorbenen Blumen pflanzen oder ihm, auch das gibt es, zum Beispiel in Mexiko, etwas zu Essen aufs Grab stellen.“ Es gehe letztlich darum, dass die Trauernden dabei etwas für sich selbst täten. Wie die Frau, der Britta Buttkewitz riet, das Lieblingsessen des nach über 30 Jahren Ehe verstorbenen Mannes zu kochen: „Wer weiß, vielleicht nimmt er den Duft wahr und freut sich ...“ Nein, das konnte die Frau nicht. Das schien ihr zu abwegig. Wochen später war sie wieder bei Britta Buttkewitz und erzählte, fast verschämt, sie habe sich dabei ertappt, wie sie ein Rosinenbrötchen gekauft habe. Dabei könne sie die gar nicht leiden. Aber ihr Mann hatte die geliebt. Und sie ging in dem Gefühl, der Verstorbene habe ihr den Auftrag gegeben.

Liebe zum Leben

Doch nicht nur mit Toten und Hinterbliebenen arbeitet Britta Buttkewitz. Sie ist auch gefragt, wenn jemand die Diagnose bekommen hat, an einer möglicherweise tödlichen Krankheit zu leiden. Damit habe er gewissermaßen „ein Ticket gekauft“, wie Britta Buttkewitz es nennt. „Jetzt geht es darum, gemeinsam zu gucken: wohin geht diese Reise eigentlich?“ Sie muss nicht mit dem Tod enden. Nicht jetzt. Es kann auch sein, dass so jemand seine Liebe zum Leben erst richtig entdeckt, wenn ihm seine Sterblichkeit bewusst geworden ist. Und es schaffen kann, gesund zu werden. Es gehe bei diesem Prozess, begleitet durch die Sterbeamme, um die Aufgabe, die eigenen Anteile zu erkennen und zu würdigen, die man an seiner Krankheit oder seinem Wohlergehen habe.

Und nicht zuletzt gebe es in einem solchen Prozess die Chance, „eine Anbindung zu bekommen“. Damit meint Sterbeamme Buttkewitz die Bindung an die „Quelle, den Urgrund, an das, was man ‚Gott’ nennt“. Sie selbst kommt über Reiki an eine solche Anbindung. „Ich verwende Reiki“, erklärt sie, „um mich zu stärken und mich der Quelle angeschlossen zu fühlen. Der Quelle, aus der alles kommt und in die alles geht. So habe ich das Gefühl, ich bin stark genug, um die Wucht der Trauer auszuhalten, die mir entgegenkommt. Die Welle umspült mich, und sie verändert mich auch.“ Und sie spürt in dieser Verbindung und in ihrer Arbeit mit den Menschen, dass alles getragen wird, „dass Frieden da ist.“ 

Britta Buttkewitz wünscht sich, dass der Tod in der allgemeinen Wahrnehmung wieder ins Leben integriert wird, denn es ist eine Tatsache, dass wir sterblich sind. Doch der Tod ist nicht das Ende, davon ist die Sterbeamme überzeugt: „Ich war noch nie so gläubig wie jetzt.“



Ausbildung in Sterbe- und Trauerbegleitung
„Sterben ist eine Geburt in eine neue Welt“, so Claudia Cardinal, Begründerin der Sterbeammen-Ausbildung. So wie die Geburt, vollzieht sich auch der Übergang vom Leben in eine andere Sphäre der Existenz in mehreren Phasen. Wie eine Hebamme der Schwangeren durch Geburt und Wochenbett beisteht, so ist die Sterbeamme eine Helferin in der Phase am anderen Ende des Lebens.
Die Ausbildung zur Sterbeamme oder zum Sterbegefährten wurde von der Heilpraktikerin Claudia Cardinal im Jahr 2001 begründet, nachdem sie selbst zwölf Jahre in der Sterbebegleitung gearbeitet hatte. Die Ausbildung ist seit 2008 patentgeschützt und zertifiziert. Sie findet berufsbegleitend in mehreren Bundesländern und Städten statt und dauert etwa zwei Jahre.
Sowohl theoretische als auch praktische Kenntnisse werden im Unterricht vermittelt. Das bedeutet, auch eigene Ängste und eigene Trauer verwandeln zu lernen. Kritische Auseinandersetzungen mit religiösen, philosophischen und psychologischen Denkmodellen sind ebenso Teil des Unterrichtes wie die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen angesichts von Tod und Sterben.

Weitere Informationen: www.sterbeamme.de



Zur Autorin: Franziska Rudnick praktiziert Reiki seit 1996; sie ist Diplom-Theologin, Journalistin und Reiki-Meisterin. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!