Der Kult um den Duft


Aus Japan stammen einige der edelsten Düfte, die als Räucherwerk erhältlich sind. Was gibt es Wissenswertes zur Herstellung und Verwendung japanischer Räucherstäbchen? Duft-Expertin Cornelia Schütt bringt uns die faszinierende Duftkultur Japans näher.


Von unseren fünf Sinnen wird dem Geruchssinn oft am wenigsten Beachtung geschenkt. Dabei ist gerade er es, der subtile Botschaften von der Außenwelt in unser Innerstes sendet. Redensarten wie „eine gute Nase haben” oder „den kann ich gut riechen” verdeutlichen, wie sehr unsere Wahrnehmungen, Gefühle und Erinnerungen von Gerüchen geprägt sind. Der warme Duft von frisch gebackenem Weihnachtsgebäck kann uns unweigerlich in die Kindheit zurückversetzen, und wer kennt nicht ein Parfüm, das für ihn auf romantische Weise mit einem bestimmten Menschen verknüpft ist.

Mit der wachsenden Anwendung von Aromatherapie in der alternativen Heilkunde und der allgemeinen Beliebtheit ätherischer Öle und Duft-Lampen erlebt auch das Räucherwerk derzeit eine regelrechte Renaissance. Doch in keinem Land gewannen Räucherstäbchen eine so große Bedeutung wie in Japan. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass die kostbarsten und edelsten unter den Räucherstäbchen noch heute aus dem Land der aufgehenden Sonne stammen.

Verglichen mit der japanischen Teezeremonie, genannt Cha-Do, dem „Weg des Tees“, und dem traditionellen Ikebana Ka-Do, dem „Weg der Blumen“, ist die Räucherwerkzeremonie Koh-Do, der „Weg des Duftes“, ein bei uns weniger bekannter Kunst-Weg der japanischen Kultur. Der japanische Begriff Koh bedeutet soviel wie „Räucherwerk-Duft“, wobei die englische Bezeichnung „incense” oder das französische „encens” dem feinen Rauch abglühender Essenzen lautsprachlich noch eher gerecht werden. Do ist der Weg oder genauer gesagt: die zeremonielle Handlung, die, zur Kunst erhoben, zu einer Bewusstseinserweiterung führen soll.

Lange Tradition

Die Tradition des Räucherwerks wurde in Japan im sechs­ten Jahrhundert, also zeitgleich mit der Einfüh­rung des Buddhismus, von China übernommen. Zu­nächst wurde Koh fast ausschließlich bei religiösen Anlässen verwendet, beispielsweise zur Würdigung von Buddha-Statuen, zum Gedenken an Verstorbene und als Symbol der Reinigung. Man wusste aber auch um seine heilenden Kräfte und kannte verschiedene Behandlungsformen: Aromatherapie, die besonders bei psychischen Beschwerden Anwendung fand, Einreibungen mit feinem Koh-Pulver und sogar dessen Einnahme. Leidende führten beim Betreten eines Tempels den aufsteigenden Koh-Rauch mit einer sanften Handbewegung zu der erkrankten Stelle ihres Körpers, eine Geste, die wir in Japan noch heute oft beobachten können.



Im achten Jahrhundert, zur Zeit der Heian-Ära, fanden die Adeligen am Kaiserhof Gefallen an dem edlen Rauch exotischer Hölzer. Die Düfte wurden immer mehr verfeinert und dienten sowohl zum „Parfümieren“ von Räumlichkeiten und Kleidung als auch zum rein ästhetischen Zeitvertreib. Das Wort Parfüm stammt übrigens von dem lateinischen Ausdruck „per fumum“, was soviel wie „durch Rauch“ (freigesetzter Duft) bedeutet. Es wurde Brauch, die Gewänder wie ein Zelt über ein Gestell aus Bambus zu legen, sodass der darunter aufsteigende Rauch von Koh in das Gewebe einziehen konnte. In den Ärmeln der Kimonos trug man kleine Duftsäckchen mit Koh-Pulver, und selbst die Rüstungen der Krieger wurden vor der Schlacht mit Räucherwerk parfümiert. Koh wurde so hoch angesehen, dass die Adeligen selbst ihre ganz persönlichen Mischungen kreierten und ein wahres Wetteifern um die Herstellung der feins­ten und subtilsten Düfte entstand. In einem eisernen Mörser wurden alle Zutaten (z. B. Jinko, Nelken, Sandelholz, Seemuschelschalen und Musk) in genauer Reihenfolge zerrieben und miteinander vermischt, an­schließend mit Honig oder Pflaumenmus verknetet und in kleine Kügelchen geformt, die Neriko genannt werden. Fest verschlossen in einem Steinkrug, der bis zu mehreren Monaten in der Erde begraben wurde, konnte das volle Aroma dann langsam ausreifen.

Kreation eines Duftes

Als ein fester Bestandteil der schöngeistigen Künste war Koh, ähnlich wie die Kalligraphie, Poesie und Musik, aus dem hochzivilisierten Leben des Kaiserhofes nicht mehr wegzudenken. Der Duft von Koh rankte sich um Liebespaare, inspirierte Gedichte, vertiefte das Empfinden der Jahreszeiten, untermalte Tee-Zeremonien, verschönerte Ikebana-Gestecke und diente als Unterstützung jeglicher Kreativität. Nirgendwo können wir diesen Lebensstil so gut nachempfinden, wie in dem altjapanischen Liebesroman „Die Geschichte vom Prinzen Gen­ji“. Er wurde im 11. Jahrhundert von der Hofdame Murasaki verfasst und gilt als Meisterwerk der japanischen Literatur. Ein wahres Kultbuch für alle, die sich intensiv mit der Tradition von Koh-Do beschäftigen.

Da zur Herstellung der exquisiten Duft-Kreationen bis zu zweihundert verschiedene Ingredienzen Verwendung fanden, entwickelte man am Kaiserhof raffinierte Spiele, welche die Identifizierung, Klassifizierung und Zuord­nung bestimmter Aromen zum Thema hatten. Aus diesem zunächst rein gesellschaftlichen Vergnügen entstand eine kunstvolle Zeremonie, in welcher der Räucherwerk-Meister und seine Gäste nach festem Ritual gemeinsam „dem Duft lauschen” – noch heute bekannt als Koh-Do. Mit Hilfe feinster Utensilien werden nach fest vorgeschriebenen Abläufen kostbare Holzschnitzel in einem mit Asche gefüllten Becher auf Räucherwerk-Kohle erhitzt und herumgereicht. Es geht dabei nicht so sehr um das Erkennen bestimmter Düfte, sondern vor allem um die dadurch erlebte innere Reise.

Koh-Do ist keinesfalls als Wettbewerb zu verstehen, sondern eher als eine zusammen erlebte, oft sogar gemeinsam in Worte gefasste Poesie. Empfindungen und Bilder tauchen auf, die an Herbstlaub, an einen Moosgarten, an weiße Wolken, eine bestimmte Landschaft oder ein sanftes Lächeln erinnern. In dem wir zur Ruhe kommen und unserem Inners­ten lauschen, erheben wir unser Bewusstsein.    
Nachdem der Genuss des kostbaren Koh fast ausschließlich dem Hochadel vorbehalten war, gewann es auch in den anderen Schichten des Volkes immer mehr an Popularität und gehörte bald zum Alltag eines jeden Japaners. Erst als durch Kriege die Beschaffung der aus fernen Ländern importierten Rohstoffe immer schwieriger wurde, geriet Koh-Do wieder in Vergessenheit.

Neben dem Abglühen der Holzschnitzel und den bereits beschriebenen Neriko-Kügelchen sowie der Verwendung von Koh-Pulver in Duftsäckchen oder als Körperduft, ist die heute in Japan beliebteste Form das Räucherstäbchen. Da es keinen Trägerholz-Kern hat, erleben wir einen reinen Duft, der nur aus edlen Naturrohstoffen entsteht: kostbare Aromahölzer, seltene Baumharze und Rinden, exotische Gewürze, Kräuter, Früchte und Blüten und anderes mehr. Viele verschiedene Zutaten können in einer Mischung enthalten sein. Die Räucherkegel wurden ursprünglich für den Export hergestellt, da die Stäbchen auf dem weiten Transport zu leicht zerbrachen.

Die sehr unterschiedlichen Preise von japanischem Räucherwerk erklären sich durch die teilweise ­extrem wertvollen Ingredienzen. Allgemein bekannt sind bei uns z. B. Sandelholz, Zimt, Nelken, Weihrauch und Anis. Fast völlig unbekannt ist jedoch Jinkoh, Adlerholz, das weiche und harzhaltige Holz des Aloebaumes, dessen exquisiter Duft sich erst über Jahrhunderte in einer Art Versteinerungsprozess unter dem Druck der Erde verdichtet. Es ist äußert selten, und nur erfahrene Jinkoh-Sammler können es im Dickicht der Tropenwälder, wo es vergraben liegt, finden. Jinkoh bedeutet auf japanisch „sinkendes Holz”. Es ist so dicht und schwer, dass es sogar im Wasser untergeht. Das außergewöhnliche Aroma von Jinkoh ist in Japan sehr geschätzt und bei der Koh-Do-Zeremonie unerlässlich.

Harmonisches Zusammenspiel

Wie bei einem edlen Parfüm achtet der Räucherwerk-Meister bei der Kreation eines neuen Duftes besonders auf das harmonische Zusammenspiel aller Zutaten. Er berücksichtigt dabei auch die erwünschte Wirkungsweise. Es gibt Räucherstäbchen, die beleben sollen, solche, die eher beruhigend wirken, solche, die für den täglichen Gebrauch bestimmt sind, andere, die speziell für die Zen-Meditation kreiert wurden und ganz edle, die nur großen Momenten vorbehalten sind. Meist sind die Düfte auch auf eine bestimmte Tages- oder sogar Jahreszeit abgestimmt. Oft spiegelt sich die Inspiration des Koh-Meisters im poetischen Namen des neu entwickelten Duftes wider, wie in Kin-kaku (Goldener Pavillon), Haku-un (Weiße Wolke) oder Misho (Sanftes Lächeln). Die genaue Zusammensetzung der Duftkreationen bleibt stets streng geheim.

Eine der ältesten Räucherwerk-Manufakturen Japans, Shoyeido, wurde bereits 1705 in Kyoto, der Hochburg japanischer Kultur, gegründet. In denselben Räumlichkeiten, in denen damals das edle Koh für den Kaiserhof gefertigt wurde, wird heute bereits in der zwölften Generation Räucherwerk nach überlieferten Methoden und Rezepten hergestellt und die Tradition der Koh-Do Zeremonie aufrecht erhalten und gelehrt.

Die notwendige Modernisierung und Maschinisierung einiger Arbeitsprozesse hat die Qualität und Reinheit ihrer Produkte nicht vermindert. Nach Anweisung des Räucherwerk-Meisters werden zunächst alle Zutaten sorgfältig abgewogen, dann zu feinem Pulver zermahlen, gesiebt und trocken vermischt. Mit heißem Wasser wird alles wie ein Teig zusammen verknetet. Dabei eignet sich die klebrige Rinde des japanischen Tabuko-Baumes besonders gut als ein neutrales Bindemittel. Die gelegentliche Zugabe von Farbpigmenten dient lediglich der Unterscheidung der Stäbchen. Nachdem der Teig durch kleine Löcher gepresst worden ist, werden die so entstandenen spaghetti-ähnlichen Stäbchen mit großer Geschicklichkeit zum Trocknen auf Holzgitter gelegt, zum Schluss von Hand verlesen, in Papier aufgerollt oder in Schachteln verpackt. Da man in Japan auf die Ästhetik der Verpackungen großen Wert legt, werden diese meist von bekannten Künstlern entworfen.

Dem Duft „lauschen“

Auch wenn man gerne schon an den noch nicht entzündeten Röllchen schnuppert, so wird das volle Aroma doch erst durch Erhitzen freigesetzt – erst dann kann man die Qualität richtig bewerten. Allgemein gilt jedoch: Je besser die Güteklasse, um so exquisiter ist der Duft bereits vor dem Abglühen. Übrigens verfliegt der Duft nicht bei langer Lagerung, sondern wird mit den Jahren eher besser.

Das Räucherstäbchen zum Glühen bringen. Der Rauch sollte nicht direkt eingeatmet werden, da sich die feinen Duftnoten am besten in einem Abstand von ca. 30 cm bis zu einem Meter entfalten. Man kann die Stäbchen in einen dafür bestimmten Halter oder ein Gefäß mit Asche bzw. feinem Sand stecken. Dann braucht man sich nur noch zu entspannen, tief zu atmen ... und zu spüren ...

Wie ein feiner weißer Pinsel, von unsichtbarer Hand geführt, durchzieht der Rauch in sanft schwingender Bewegung den Raum. Indem wir ihn beobachten, vertieft sich unsere Entspannung. Womöglich steigen beim Wahrnehmen des zarten Duftes Bilder und Erinnerungen in uns auf. So „lauschen“ wir dem Duft ... nach der Koh-Do Tradition.



Die Zehn Tugenden von Koh

Von einem Zen-Priester im 16. Jahrhundert überliefert und bis heute Ausdruck der ­Würdigung von Koh:

• Öffnet uns die Welt des Transzendentalen
• Reinigt Körper und Geist
• Klärt die Atmosphäre
• Erweckt die Sinne   
• Ein Freund und Begleiter in Momenten der Einsamkeit
• Bringt Besinnung und Frieden inmitten der Hektik des Lebens
• Selbst im Überfluss wird man dessen nie ­müde
• Selbst mit wenigem ist man doch zufrieden
• Es verliert nicht an Duft und Wirkung durch Altern
• Selbst bei täglichem Gebrauch schadet es nicht




Cornelia Schütt - Kaïnata, Wanderin zwischen Kulturen, gilt als Expertin für japanisches Räucherwerk der traditionsreichen Räucherwerk-Manufaktur Shoyeido, deren Produkte sie seit vielen Jahren präsentiert. Aktuell bietet sie zusammen mit dem Musiker Brahm Heidl in Seminarhäusern ein Erlebnis-Event für die Sinne an: „Räucherduft & Flötenklang“ – die faszinierende Welt der japanischen Duftkultur und der warme Klang der Flöte – zwei spannend-entspannende Stunden!

Weitere Infos:
Tel.: (040) 397649
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www.kumikoh.com