Eine Reise ins Unbekannte - Teil 1

Das Reiki Magazin hat bereits über die Reiki-Klinik berichtet, die Ursula Klinger-Omenka und Ikechukwu-Simeon Omenka in Nigeria aufbauen. Cornelia Bauer war vor Ort, packte mit an und erzählt von den Erfahrungen, die sie bei dieser Reise in ein unbekanntes Land machte.


Im Sommer 1997 fiel die Entscheidung: Ich fliege mit nach Nigeria in die Reiki-Klinik. Noch nie war ich in Afrika, ich war glücklich und aufgeregt zugleich. Nun musste ich mich um das Visum kümmern und in Deutschland alles soweit regeln, dass ich für drei Monate verreisen konnte. Alles klappte ziemlich reibungslos, und am 28. Dezember 1997 saß ich im Flieger nach Zürich, wo ich Ursula und Ikechukwu treffen sollte ­– die beiden leiten die erste Reiki-Klinik in Nigeria. Gemeinsam mit einer Frau aus der Schweiz bestiegen wir die Maschine nach Lagos und landeten nach sechs Stunden Flug relativ pünktlich. Durch die Passkontrolle gelangten wir ohne Schwierigkeiten – nach Ikechukwus Erzählungen war das früher nicht so einfach.


Nun begann das Abenteuer: Ein Nigerianer und drei weiße Frauen am Flughafen von Lagos auf der Suche nach einem Taxi ... Unzählig viele Schwarze kamen auf Ikechukwu zugelaufen und bedrängten ihn – so sah es für mich aus. Dann erfuhr ich, dass sie ihre Hilfe anboten, natürlich nicht unentgeltlich. Der Handel um den Fahrpreis gestaltete sich sehr lebendig, es war ein Durcheinander, Geschreie und hektisches Gefeilsche um den Preis, bis wir nach einigem Hin und Her dann friedlich im Taxi saßen. Ich erhielt einen ersten Eindruck der nigerianischen Mentalität.

Hitze Staub und viele Menschen

Wir fuhren durch Lagos – Hitze, Staub, viele Menschen auf den Straßen und viel Müll –, das also war Nigeria. Ich schaute wie ein Kind mit großen Augen aus dem Autofenster. Das Hotel, in dem wir unterkamen, war für nigerianische Verhältnisse sehr komfortabel ausgestattet, mit Klimaanlage, sauberem fließendem Wasser aus dem Wasserhahn, Moskitogitter vor den Fenstern und vorzüglichem Essen, das nach den europäischen Gesundheitsansprüchen ausgerichtet war – dazu komme ich später. Der Preis war dementsprechend hoch, circa 160,- D-Mark kostete die Übernachtung in einem Doppelzimmer, das entspricht etwa einem durchschnittlichen Monatslohn in Nigeria. Kein Wunder, dass viele Nigerianer Europäer für reiche Menschen halten. Wir beendeten den Abend mit einem genussvollen Abendessen.

Am nächsten Morgen sollte uns ein Flieger vom Inlandsflughafen in Lagos nach Owerre bringen, der nächstgrößere Ort in der Nähe der Reiki-Klinik. Wir mussten rechtzeitig am Flugplatz sein, denn Inlandsflüge sind nur direkt am Flughafen zu kaufen. Ikechukwu managte die Situation perfekt, innerhalb kurzer Zeit hatten wir unsere Tickets, in etwa einer Stunde sollte das Flugzeug starten. Wir konnten uns etwas ausruhen, das tat sehr gut. Langsam spürte ich den Klimawechsel in meinem Körper, der Temperaturunterschied betrug über 30 Grad, und die hohe Luftfeuchtigkeit ließ meinen Körper schlapp werden.

„Ich saß da und schickte Reiki in die Situation.“

Plötzlich, aus heiterem Himmel, erlebte ich ein weiteres Abenteuer, dessen Ausmaß ich nicht im geringsten erahnen konnte. Von Ursula wusste ich von unvorhersehbaren Ereignissen, die für uns Europäer, die gern planen und alles unter Kontrolle haben, wahrlich eine Herausforderung sind, da sie Improvisationstalent erfordern. Der Flug nach Owerre war gestrichen worden. Man sagte uns, dass ein technischer Defekt die Ursache gewesen sei. Die wahre Ursache erfuhren wir erst viel später. Es gab ein ziemliches Durcheinander am Flughafen; keiner wusste, ob und wann ein Flug nach Owerre oder in die Nähe stattfinden würde.

Ich saß da, schickte Reiki in die Situation und schaute mir das Treiben an: Menschen, die telefonieren wollten, es gab ein einziges Telefon im ganzen Flughafen, dementsprechend lang war die Schlange. Viele Menschen liefen an die Schalter, wollten das Geld für ihr Ticket zurück und einen anderen Flug kaufen. Dies alles geschah mit einer für mich doch sehr erstaunlichen Ruhe eines jeden Beteiligten – ich glaube, in Deutschland wäre alles wesentlich hektischer und aggressiver abgelaufen. Während ich mich meinen Beobachtungen und Gedanken hingab, organisierte Ikechukwu neue Tickets und überbrachte uns die frohe Botschaft, dass wir in einigen Stunden nach Port Harcourt fliegen würden. Das war wie ein Wunder. Wir stiegen mit sechs Stunden Verspätung in den Flieger, erschöpft, aber froh, endlich die Reise fortsetzen zu können.

Eine alte und klapprige Maschine flog uns zu einem Flughafen, der drei Stunden Autofahrt von der Reiki-Klinik entfernt lag. Glücklich gelandet erlebten wir eine Überraschung: Ikechukwus Brüder standen in der Empfangshalle, um uns abzuholen. Ursprünglich hatten sie uns in Owerre am Flughafen erwartet; als sie von der Streichung unseres Fluges hörten, kombinierten sie geistesgegenwärtig und fuhren nach Port Harcourt, wo der letzte Flug des Tages landen sollte. Eine große Freude verbreitete sich in und um uns. Meine ersten Eindrücke: Man braucht Kreativität und Improvisationstalent, Ausdauer und Geduld als wichtige Überlebensstrategien in diesem Land, und eine Familie, auf die man sich verlassen kann.

Nun begann die Autofahrt zur Reiki-Klinik. Ein Abenteuer, weil in Nigeria Autofahrten in der Dunkelheit nicht ganz ungefährlich sind. Banden überfallen Autos, rauben die Menschen aus; es sollen schon ganze Familien verschwunden sein ... Das Militär steht diesen schrecklichen Vorkommnissen machtlos gegenüber. Eines ihrer Mittel sind Straßenkontrollen, von denen wir an diesem Abend mehrere passieren mussten.

Eine völlig neue Welt

Die Nacht war sehr dunkel, ich erkannte Hütten am Straßenrand, vereinzelt mit elektrischem Licht beleuchtet, vorwiegend jedoch mit Windlichtern oder Kerzen, und ich sah die Lebendigkeit, ob jung oder alt, alle wirkten sehr geschäftig. Eine völlig neue Welt tat sich vor mir auf, ich war neugierig und sehr gespannt auf alles, was ich noch erleben sollte.



Wir erreichten die Reiki-Klinik in Avu, ein unvergesslicher Augenblick: Wir fuhren durch ein großes Eingangstor auf den Hof, und da stand sie, majestätisch und für einen kurzen Moment hell erleuchtet – wie ein Blitz, der uns die ganze Schönheit dieses „Palastes“ zeigen wollte. Ich war gerührt, auch über die liebevolle Begrüßung durch Ikechukwus Geschwister und das Personal. Wir waren angekommen! Und genau zum richtigen Zeitpunkt, denn die Familie hatte bis zur letzten Minute den Umzug in die Klinik durchgeführt.

Der Tag endete mit einem vorzüglichen nigerianischen Essen bei Kerzenschein. Ich liebe romantische Augenblicke – dieser jedoch entstand gezwungenermaßen, denn es gab keinen Strom. Das Thema Strom beschäftigte uns über die gesamte Dauer meines Aufenthaltes. Mit Einbruch der Dunkelheit begannen die Tiere mit einer mir bis dahin unbekannten Lautstärke ihr „Konzert“ – es dauerte lange, bis ich einschlief, und ich wusste schon jetzt, dass ich diese Nachtmusik in Deutschland vermissen würde.

Am Morgen sah ich die Schönheit der Landschaft und bestaunte die Klinik, die mit den einfachsten Mitteln erbaut worden war. Wichtig und überlebensnotwendig sind die Eisengitter vor den Fenstern. Sie schützen die Menschen vor den Banden, die Häuser plündern und nicht davor zurückschrecken, Menschen zu töten. Die Gitter der Reiki-Klinik sehen wunderschön aus wie eine strahlende Halbsonne. Der ganze fertiggestellte Teil der Klinik ist sehr geschmackvoll eingerichtet. Für nigerianische Verhältnisse ist die Klinik wahrlich ein Palast. Es gibt täglich fließendes Wasser, die Fenster sind mit Moskitogittern abgeschirmt, in jedem Raum steht ein Ventilator, und an den Wänden hängen Klimaanlagen. Zum Haushalt gehören ein Kühlschrank und eine Kühltruhe. Später wird eine Waschmaschine dazukommen. Einer der Nachtwächter ist als Hausmann für die Wäsche verantwortlich und als Putzmann tätig – was ich als ganz besonderen Luxus empfand. Ein ganz normaler Job für einen Mann in Nigeria.

Während des Rundganges erklärte mir Ikechukwu genau die einzelnen Bereiche und wer welche Aufgaben zu erfüllen hatte. Seine Schwester Rosanna übernimmt den hauswirtschaftlichen Bereich, und das bedeutet wirklich Arbeit. Allein das Zubereiten eines Frühstücks dauert ein bis eineinhalb Stunden. Es besteht aus viel frischem Obst – Ananas, Mango, Papaya, Bananen, die reif geerntet sehr aromatisch schmecken. Da das Wasser aus der Leitung für uns Europäer ungenießbar ist, weil die Krankheitserreger, die sich darin befinden, bei uns Krankheiten auslösen können, gegen die die Einheimischen in der Regel immun sind, muss das Wasser, das mit Lebensmitteln in Kontakt kommt, abgekocht sein. Das macht die Herstellung der Mahlzeiten sehr zeitaufwändig. Selbst zum Abwaschen des Geschirrs und zum Zähneputzen wird generell abgekochtes Wasser benutzt – welch ein Aufwand im Dienste unserer Gesundheit, für den ich sehr dankbar war. Rosanna bereitete die Mahlzeiten mit viel Liebe und erfüllte uns jeden Wunsch.

Wichtig ist das Vertrauen in das Personal

In diesem Zusammenhang erfuhr ich von Ikechukwu, welche Wichtigkeit Vertrauen zum Personal hat. In Nigeria herrscht Korruption, selbst innerhalb der Familien und unter den Armen. Ikechukwu kann sich auf seine Familie verlassen. Seine Brüder übernahmen in seiner Abwesenheit die Bauaufsicht und arbeiteten mit auf dem Bau. Die Familie organisierte den Umzug in die Klinik, und Rosanna und ihr Mann hüten die Klinik in Ursulas und Ikechukwus Abwesenheit.

Ich freute mich sehr darüber, am Aufbau der Reiki-Klinik mitwirken zu können. Meine handwerklichen Fähigkeiten kamen wie gerufen, Vorhänge für Fenster und Türen fehlten, ebenso Bettwäsche. Eine „elektrische“ Nähmaschine, die der Klinik gespendet worden war, gab mir meine Aufgabe: Ich sollte die Näharbeiten übernehmen. Eigentlich eine einfache Sache, dachte ich – jedoch leider nicht in Nigeria! Der Einkauf der Stoffe gestaltete sich für mich anstrengend. Es war ein Tagesausflug mit viel Handeln und Feilschen. Die Anwesenheit von weißen Frauen signalisiert Reichtum, so dauerte alles ein wenig länger.

Endlich war es soweit: Die Stoffe lagen bereit, und die Arbeit konnte beginnen. Es sollte doch kein Problem sein, innerhalb von drei Monaten die Vorhänge von etwa 80 Fenstern fertigzustellen. Ich schickte Ikechukwus und Ursulas Bedenken in den Wind und erlebte nun weitere Abenteuer – das Thema Strom überfiel mich mitten in der Arbeit. Bislang war ich von „normalen“ Gegebenheiten ausgegangen und hatte vergessen, dass ich in Nigeria war. Der Strom war am Tage zu schwach, so dass für den Betrieb der Nähmaschine ein besonderes Zusatzgerät notwendig war.

Es dauerte wieder einige Tage, bis das Gerät gekauft war und ich endlich mit meiner Arbeit beginnen konnte. Im Laufe der Zeit stellten wir fest, dass, wenn die Nähmaschine lief, das Bügeleisen und der Boiler nicht funktionierten. Auch die Klimaanlagen und die Ventilatoren fielen dann aus. Der Kühlschrank musste weiter angeschlossen bleiben. War die Waschmaschine in Aktion, funktionierte gar nichts mehr. Langsam begriff ich, was Ursula und Ikechukwu gemeint hatten: Alles, was ich bisher als „normal“ kennengelernt hatte und kannte, galt in Nigeria nicht. Hier war wirklich alles anders.


Fortsetzung in Ausgabe 2/99




Cornelia Bauer, geb. 1954 im Zeichen des Krebses, Sozialarbeiterin, arbeitete in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern: Aufbau eines Frauenhauses, Jugendarbeit, Arbeit mit wohnungslosen Männern. Ausbildung zur Mediatorin, seit zehn Jahren Reiki-Kanal und seit zweieinhalb Jahren Reiki-Meisterin. Hobbies: ganzheitliche Medizin und Trommeln

 

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