Gedanken zu den Lebensregeln - Teil 5


"Verdiene dein Brot ehrlich."

Von Harald Wörl


Bei einem Reiki-Kinderseminar bemerkte ein Junge zutreffend, dass bei dieser Lebensregel „nicht nur das Brot gemeint ist, das wir beim Bäcker kaufen können“. Das Seminar bestand überwiegend aus Kindern, die als verhaltensauffällig und lerngestört bezeichnet wurden. Die ihnen zur Diskussion vorgelegten Lebensregeln verstanden sie intuitiv richtig, ihre Ausführungen dazu waren bemerkenswert. Es kann sich durchaus lohnen, sich von Kindern die Bedeutung der Lebensregeln erläutern zu lassen. Wenn du dabei mit offenem Herzen zuhörst, wirst du erstaunt sein!

Solltest du aber gerade keine Möglichkeit haben, ein Kind als weisen Ratgeber zu befragen, wirst du dir auf eine erwachsene Art und Weise deine Bedeutung dieser Lebensregel erschließen müssen. Dies ist gar nicht so einfach. Einerseits ist sie bei oberflächlicher Betrachtung sehr eingängig und erweckt nicht so leicht irgendwelche Widerstände oder Stirnrunzeln, wie vielleicht die ersten drei Lebensregeln. Dass sie es andererseits auch in sich hat, wirst du spätestens dann bemerken, wenn du dich etwas tiefgehender mit ihr beschäftigst.

Ehrlich sein anderen gegenüber

Man kann sich dieser Lebensregel über das Thema Ehrlichkeit nähern. Ehrlich kann ich in zwei Richtungen sein: mir selbst und anderen gegenüber. Mein Brot, meinen Lebensunterhalt auf eine unehrliche Weise zu verdienen, kann bedeuten, dabei andere „über den Tisch zu ziehen“. Dieses Verhalten ist in der Geschäftswelt nicht unüblich. Man sieht vor allem den eigenen Vorteil und übervorteilt dabei gern den anderen. Nach dem Motto: Hauptsache, ich habe meine Schäfchen im Trockenen, der andere soll doch sehen, wo er bleibt.

Seinen Lebensunterhalt ehrlich zu verdienen heißt, sich ehrlich Gedanken über die kurz- und längerfristigen Konsequenzen und Auswirkungen seines Handelns in allen Bereichen zu machen.

Warum soll es verkehrt sein, nur an den eigenen Vorteil zu denken? Zum einen, weil es eine Illusion ist zu glauben, dass dies langfristig funktionieren kann. Wir leben auf dieser Welt nicht isoliert, sondern bilden eine Gemeinschaft. Besonders deutlich wird dies an unserem Umgang mit der Umwelt und der Natur. Das Wasser, das wir hier verschmutzen, fließt in andere Gebiete und beeinflusst das Leben dort. Die Luft, die anderswo verschmutzt wird und zu uns herüberweht, beeinflusst unser Atmen hier. Die Umweltverschmutzung macht nicht vor Ländergrenzen halt.

So können wir zwar eine Zeitlang glauben, dass wir selbst nicht von den Auswirkungen unserer Handlungen betroffen sind, letztendlich müssen aber auch wir die Konsequenzen tragen. Es mag manchmal Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis wir aus unserem Dornröschenschlaf erwachen, doch zum Beispiel der Zustand unserer Umwelt macht in vielen Bereichen immer deutlicher, dass wir als Menschen nur gemeinsam zu Lösungen kommen können. Denken wir über Ehrlichkeit unter diesem Aspekt nach, müssen wir alle mehr lernen, unsere Handlungen nicht nur im Rahmen unseres engen sozialen Umfeldes zu beurteilen, sondern auch unter der Perspektive, was sie für andere Menschen in unserem Land und für die Menschheit insgesamt bedeuten.

Auch in der Geschäftswelt ist Ehrlichkeit von Vorteil

In der Geschäftswelt wird dies inzwischen – zumindest teilweise – erkannt. Dass sich Ehrlichkeit in der Berücksichtigung der Bedürfnisse des Geschäftspartners finanziell auszahlt, ist unter der Bezeichnung „win – win“ bekannt. Gemeint ist damit, dass beide Seiten einen Gewinn und Vorteil haben sollen und müssen. Wenn du darüber nachdenkst, wirst du mir wahrscheinlich zustimmen können, dass auf längere Sicht gesehen bei jedem zwischenmenschlichen Austausch entweder beide Seiten einen Gewinn haben oder keiner. Wenn du dein Gegenüber nicht ehrlich berücksichtigst, wirst du selbst langfristig auf der Strecke bleiben. Wenn du deine Erfahrungen von Konkurrenzdenken und -handeln vergleichst mit Erfahrungen, wo du gemeinsam mit anderen kooperieren konntest, wo fühltest du dich wohler? Auch wenn die Vorstellung einer umfassenden Kooperation von uns Menschen, im Kleinen wie im Großen, für manche nur ein schöner Traum ist – haben wir als Menschheit wirklich eine andere Alternative, als ihn zu verwirklichen?

Es gibt noch einen weiteren guten Grund, weshalb es sich lohnt, nicht nur auf den eigenen Vorteil zu schielen. Verdiene ich zum Beispiel mein Geld auf Kosten anderer oder auf eine unehrliche Art und Weise, muss ich zwangsläufig damit rechnen, dass andere Menschen auf die gleiche Weise mit mir umgehen. Das Resultat davon ist eine tiefsitzende Angst, dass mir andere das wegnehmen, all das wieder verloren gehen könnte, was ich mir so mühsam unehrlicherweise erworben habe. Wer kennt nicht Dagobert Duck, der ständig damit beschäftigt ist, sein Geld zu zählen, und der immer auf der Hut sein muss, nicht von der Panzerknacker AG seines Vermögens beraubt zu werden.

Anders ausgedrückt: Nicht nur unser Schlaf ist besser, wenn wir auf allen Ebenen ehrlich mit unserem Gegenüber umgehen. Wir können vor unserem unehrlichen und unethischen Verhalten eine Zeitlang die Augen verschließen, unser schlechtes Gewissen zeitweise betäuben oder verdrängen. Es wird uns aber auf Dauer nicht gelingen, uns von den Mahnungen unserer inneren Stimme gänzlich abzuschotten. Bis wir diese vielfältigen Mahnungen richtig verstehen und dementsprechend handeln (können), wird unser Leben durch bewusste Unehrlichkeit viel an Lebensqualität einbüßen. Sind die kurzfristigen Vorteile unehrlichen Verhaltens das wert?

Ehrlich sein dir selbst gegenüber

Was auch immer „dein Brot verdienen“ für dich bedeuten mag, es dürfte wohl mit der Bedeutung „deinen Lebensunterhalt, dein Geld verdienen“ und auch mit dem Wort „Beruf“ verknüpft sein. Hier gibt es ein bemerkenswertes Phänomen: Die meisten Menschen, die mich wegen Fragen oder Problemen in diesen Bereichen aufsuchen, stellen sich vor allem die Frage: „Wie kann ich Geld verdienen?“.

Die wichtigere Frage, die erst an zweiter Stelle – wenn überhaupt – gestellt wird, wäre dagegen: „Was ist meine Berufung, wozu fühle ich mich berufen?“. Diese unterschiedlichen Fragestellungen sollen verdeutlichen, dass es in unserer Gesellschaft nicht unüblich ist, die Aufmerksamkeit primär auf das Geld verdienen zu fixieren und nicht auf unsere Berufung oder das, was uns wirklich Freude macht und innerlich erfüllt. Sind wir uns selbst gegenüber ehrlich, wenn es um die Frage geht, wie wir uns bei dem fühlen, womit wir uns hauptsächlich im Leben beschäftigen?

Folgst du deiner Berufung? Das ist nicht nur wichtig in bezug auf die materielle Seite. Es ist ebenso wichtig, wenn etwa eine Frau den nicht so anerkannten Vollzeitjob einer „Mutter und Hausfrau“ ausübt und sich vor allem „nur“ der Erziehung ihrer Kinder widmet. Auch bei Tätigkeiten, die nicht direkt mit Geld entlohnt werden, ist die aufrichtige Frage an dich selbst wichtig, ob du „deiner Berufung, dem Ruf deiner Seele“ folgst.

Weshalb diese Frage so wichtig ist, kann anhand eines kleinen Modells veranschaulicht werden. Grob vereinfacht könnte man das Leben (oder einen Tag) in drei Teile einteilen: Ein Drittel verschläft man, diesen Teil dürften die meisten von uns nicht zu ihrer bewussten Verfügung haben. Geht man von einem Acht-Stunden-Tag aus, wird das zweite Drittel zum Verdienen des Lebensunterhalts, für die „Arbeit“ aufgewendet. Übrig bleibt das letzte Drittel für die sogenannte „Freizeit“. Meiner Erfahrung nach schlagen sich (zu) viele Menschen mit einer Arbeit oder Tätigkeit herum, die ihnen innerlich nicht entspricht und die ihnen keine Freude bereitet. Ihre ganzen Hoffnungen richten sie deshalb auf das verbleibende Drittel ihres Lebens mit dem Etikett „Freizeit“.

Wer diesem natürlich grob vereinfachenden Schema einer Dreiteilung des Lebens folgen mag, wird sich mit der Frage konfrontiert sehen: „Warum die Erfüllung des Lebens nur auf ein Drittel, auf die sogenannte „Freizeit“ reduzieren?“ Eine Arbeit, eine Tätigkeit auszuüben, die dich nicht erfüllt, hieße unter diesem Blickwinkel, ein Drittel deines Lebens zu vergeuden. Wofür denn eigentlich? (Zu) Viele Menschen sind aus inneren Ängsten heraus („Gerade heute, sorge dich nicht ...“) so sehr auf die vermeintliche Sicherheit des Geldes ausgerichtet, dass sie sich gar nicht zu fragen wagen, wozu sie sich berufen fühlen. Das Geldverdienen wird zu einer Art „Lebensversicherung“, wobei man sich fragen könnte, ob es sich lohnt, sich gegen das Leben zu versichern, beziehungsweise ob man das Leben überhaupt versichern kann?!

Falls du noch ein weiteres Argument brauchst, beim Verdienen deines Brotes ehrlich dem Ruf deiner Seele zu folgen, kommt hier eines: Wer in seinem Leben schon einmal eine Zeitlang einer nicht so erfüllenden Tätigkeit nachgegangen ist, weiß aus eigener Erfahrung, dass die obige Rechnung, sich auf das verbleibende Drittel zu konzentrieren, nicht aufgeht. Die unangenehmen und belastenden Erfahrungen der Arbeit wirken nämlich weit in die sogenannte freie Zeit hinein, die dadurch gar nicht mehr so frei ist. Man ist vielmehr damit beschäftigt, sich von den unangenehmen Auswirkungen zu erholen, man ist erschöpft, ausgelaugt, frustriert, schlecht gelaunt ... Bis man sich davon erholt hat, um seine Freizeit so richtig genießen zu können, ist es schon wieder Zeit schlafen zu gehen, um am nächsten Tag fit zu sein.

Ehrlichkeit in Beruf und Freizeit

Will man die Strategie, seine Lebensqualität aus dem verbleibenden Rest zu ziehen, noch weiter übertreiben, bliebe da ja noch das Wochenende. Den Samstag brauche ich jedoch zum Ausruhen, um mich von den Anstrengungen und Frustrationen der fünf vergeudeten Tage zu erholen. Am Sonntag will keine rechte Freude aufkommen, da ich in Gedanken schon beim kommenden Montag bin und dem Frust, wieder in diesen nie endenden Kreislauf einzutreten. Wäre da nicht unser Jahresurlaub! Wenn man diesen mit durchschnittlich vier Wochen ansetzt, sehen wir uns vor der Aufgabe, die Frustrationen der letzten elf Monate in dem verbleibenden Monat auszugleichen und jetzt so richtig zu leben!

Wieviele Menschen leben nur im Hinblick auf ihren Jahresurlaub, verdienen und sparen ihr Brot, um dann dort (vergeblich) zu versuchen, so zu leben, wie sie es sich wünschen? Arbeitnehmer haben nicht ohne Grund das Recht, ihren Urlaub am Stück zu nehmen, da die Erholung so richtig erst in der dritten Woche einsetzt. Dann ist die Hälfte der Zeit aber schon wieder vorbei, der Urlaub neigt sich dem Ende zu, und die Gedanken an die kommenden elf fürchterlichen Monate beginnen sich langsam wieder in unserem Bewusstsein breit zu machen.

Leider ist diese Beschreibung keine Satire. Wie ehrlich und aufrichtig bist du dir selbst gegenüber beim „Verdienen deines Brotes“? Ist unsere Lebenseinstellung und die Einteilung unserer Lebenszeit nicht bei uns allen mehr oder weniger von dieser Feierabend-, Wochenend- oder Urlaubsmentalität geprägt? Können wir uns diese Einstellung leisten? Den Aspekt, auch uns selbst gegenüber beim Brotverdienen ehrlich und aufrichtig zu sein, halte ich deshalb für so wesentlich, weil er so oft vernachlässigt wird. Wir vernachlässigen uns selbst, wir vergeuden unser Leben, wenn wir nicht unserer Berufung folgen. Und in welche Zukunft führen wir diese Welt, wenn wir nicht unsere Kinder ehrlich dabei unterstützen und sie ermutigen, ihre eigene Berufung zu erkennen und dieser dann zu folgen? Wozu sonst sind wir hier?

Es lohnt sich sehr, darüber nachzudenken und nachzuspüren. Der Hinweis soll genügen, dass dir Reiki dabei helfen kann. Es dürfte klar sein, dass eine einmalige Kurzbehandlung von 15 Minuten wahrscheinlich nicht ausreichen wird, dich für den Ruf deiner Seele zu öffnen und dich mit konkreten Hinweisen zu versorgen, wie du ihn praktisch umsetzen kannst.


> Fortsetzung in Ausgabe 2/99



Harald Wörl, geb. 1957, Klinischer Psychotherapeut BDP und Supervisor BDP, Psychologiestudium in Hamburg und Berlin, Aus- und Weiterbildungen in zahlreichen Therapien, Reiki-Meister seit 1992, Leiter des „Instituts für Psychotherapie, Kinesiologie und Reiki“ in Berlin, arbeitet mit Kindern, Erwachsenen und Familien in eigener Praxis und gibt Seminare, interessiert sich dafür, wie der Mensch „funktioniert“ und sich entwickeln kann, arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an dem unmöglichen Versuch, Beiträge zu Reiki zu liefern, die seriös, tiefgründig und gleichzeitig einfach zu verstehen sind.

 

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