„Reiki ist die Befreiung von allen Begrenzungen ...“

Im Herbst 1997 unternahm Phyllis Lei Furumoto eine Reise durch Russland, auf der sie mehrere Vorträge hielt. In diesem Beitrag erläutert sie, was sie unter Reiki, dem großen Geschenk von Usui, versteht:


Wie Ihr wisst, kommt das Wort Reiki aus der japanischen Sprache und bedeutet universale Lebensenergie, aber die Leute fragen mich oft: „Was bedeutet das wirklich?“. Einerseits haben wir alle unsere eigene Erfahrung mit dieser Energie, andererseits ist es befriedigend, soviel Verständnis zu haben, wie wir nur können. Als ich mit der Ausübung von Reiki auf bewusster Ebene anfing – vor etwa zwanzig Jahren –, war alles, was ich euch hätte sagen können: „Nun, dies ist die Übersetzung: universale Lebensenergie.“

Es war ein Mysterium für mich, ich hörte die Worte, aber ich hatte noch keine Erfahrung, mit der ich es hätte vergleichen können. Inzwischen habe ich eine Menge Erfahrung und in vielerlei Hinsicht – dennoch ist es immer noch ein Mysterium. In den 1920er Jahren haben Wissenschaftler versucht, diese Energie zu erklären, und, nachdem sie zunächst abgestritten hatten, dass so etwas möglich sei, haben sie ihren Standpunkt geändert und erkennen an, dass es doch möglich ist. Je mehr sie forschen, desto kleiner sind die Dinge, die sie finden, aber was ist hinter dem kleinsten Teilchen? Was motiviert und bewegt dieses winzigste Teilchen des Universums?

„Reiki wohnt im Abstand zwischen den Fingern.“

In meinen Worten ist es Reiki. Also kann ich euch diese Energie immer noch nicht beschreiben. Mein neuestes und genauestes Bild ist das von Michelangelos Gemälde an der Decke der Sixtinischen Kapelle, auf dem Gott seine Hand zu der Hand des Menschen ausstreckt, und zwischen den beiden Fingern ist ein Abstand. Es ist dieser Zwischenraum, in dem Reiki wohnt. Manche Leute haben andere Worte für diesen Raum, und das ist wirklich schön, weil jeder von uns seine eigenen Worte für dieses Mysterium braucht.

Als ich anfing, von Hawayo Takata etwas über das Usui-System zu lernen, war ich dreißig Jahre alt, und es war eine sehr seltsame Erfahrung für mich, weil ich sie als meine Großmutter sah. Sie war anders als irgendeine Großmutter, die ich je gekannt habe; ich wollte eine Großmutter, die mir vertraut war. Im Rückblick sehe ich jetzt, dass es auch für sie eine schwierige Lage war. Reiki war zu einem Teil ihres Lebens geworden, und für sie war es undenkbar, ihre Meisterschaft in dieser Praxis vom Zusammensein mit ihrer Familie zu trennen.

So machte ich im Laufe dieser Jahre, seit sie gestorben ist, einen großen Heilungsprozess durch. Der Prozess bestand darin, meine Großmutter wirklich als diejenige zu akzeptieren, die sie war: eine Reiki-Meisterin. Durch diesen Prozess habe ich auch mich selbst mehr akzeptiert. Wenn sie damals über diese Form sprach, die sie praktizierte, nannte sie sie ebenfalls Reiki. Bis vor ein paar Jahren war das nicht verwirrend.

Die Form ist wie eine Formel

Also heißt die Form, die sie praktizierte, das Usui-System der natürlichen Heilung oder Usui Shiki Ryoho. Diese spezielle Form der Anwendungspraxis hat bestimmte, ihr eigene Elemente, und diese Form ist es, durch die wir als Schüler in Kontakt mit der Energie von Reiki kommen. Sie dient auch als Medium in unserer Verbindung mit dieser Energie, so dass wir selbst erkennen können, was sich in uns ändert. Sie schafft einen sicheren Ort, um mit der Reiki-Energie in Kontakt zu kommen. Oft benutzen wir das Wort Reiki in beiden Situationen: wenn wir von der Reiki-Energie sprechen oder wenn wir über diese bestimmte Anwendungspraxis reden. Deshalb ist es unter anderem dazu gekommen, dass wir auch die Merkmale dieser beiden verschiedenen Wesen miteinander verbunden haben. Die Reiki-Energie ist offenbar für jeden da. Jeder hat sie, sonst würdet ihr gar nicht hier sein. Die Reiki-Energie hat keine Grenzen, keine Einschränkungen – etwas, was unser Geist unbegreiflich findet.

Die Form des Usui Shiki Ryoho ist wie eine Formel, sie ist eine ganz genau festgelegte Anzahl von Dingen, die wir tun und praktizieren und die, alle zusammen, eine Dynamik bilden. Diese Dynamik verschafft uns den Weg, mit der Reiki-Energie in Berührung zu kommen und mit ihr zu arbeiten. Die Form hat sehr wohl eine Gestalt, sie hat sehr wohl Grenzen und sie hat sehr wohl ihre eigenen Plätze der Stabilität. Manchmal verstehen wir nicht warum, und das ist wirklich der Kern beim Arbeitsprozess mit jeglicher Form: anzunehmen, dass Weisheit in dieser Form ist, ob wir sie sehen können oder nicht.

Vor einigen Jahren fingen Meister an, die essentiellen Elemente dieser Form zu verändern. Manchmal durch Kommunikation, manchmal, weil sie ihren Schülern helfen wollten, manchmal wollten sie es sich auch selbst bequemer machen. Alles aus sehr gutem Herzen heraus. Alles mit guter Absicht, aber ohne zu merken, dass diese Formel ihre eigene Resonanz in sich trägt und dass, wenn man die essentiellen Elemente verändert, sich auch die Dynamik zwischen diesen Elementen verschiebt. Die Gnade dieses Systems, so wie es jetzt ist, besteht darin, dass es über die Jahre durch eine Anzahl von Leuten ausgeübt worden ist, und daher haben wir ein Gefühl der Vorhersagbarkeit.

Wenn ich ein 1.-Grad-Seminar durchführe und dieser Formel folge, kann ich Muster in der Art sehen, wie die Schüler des ersten Grades reagieren. Es nimmt nichts von der individuellen Persönlichkeit und dem individuellen Prozess, aber ich sehe wachsenden Respekt und Achtung für diese Praxis bei den 1.-Grad-Schülern. Ich sehe, wie 1.-Grad-Schüler mit einer sehr körperlichen Praxis beginnen und dass jeder in seinem eigenen Tempo sich in sein eigenes Verständnis der Praxis vertieft, wie sie ihn persönlich betrifft. Es ist für mich interessant, dass es in dieser großen Gemeinschaft von Individuen diesen Faden der Menschlichkeit gibt, wo wir sehr viel gemeinsam haben. Es ist diese große Dynamik dazwischen, uns selbst als Individuen zu feiern und zu lernen, wie wir in Wirklichkeit ein Ausdruck eines Ganzen sind, die uns herausfordert, tiefer in uns selbst zu gehen.

Ist Reiki eine Religion?

So wird oft die Frage gestellt: „Ist Reiki eine Religion?“ Dies ist eine sehr schwierige Frage; wir sprechen von dieser mysteriösen Energie des Universums. Ich bin damit aufgewachsen, sie Gott zu nennen, und dann, in meinen Tagen des Feminismus, nannte ich sie Göttin. Jetzt nenne ich sie Reiki. Das Großartige in dieser Praxis ist für mich, dass dieses Wort Reiki keine sozialen Gedankenverbindungen bei mir hervorruft. Es bedeutet nicht, dass ich Christin bin, es bedeutet nicht, dass ich Buddhistin bin, es bedeutet nicht, dass ich Feministin bin. Ich könnte alles Mögliche sein.

Dies ist etwas, das eine Menge Leute zu Reiki hingezogen hat. Weil wir etwas gesucht haben, mit dem wir in Verbindung sein können, das unserer Seele Nahrung gibt, das diese Verbindung zum Mysterium erschafft und uns gleichzeitig nicht in Kategorien einteilt. Dies ist eine solche Erleichterung, nicht, weil Christentum oder Buddhismus oder was auch immer grundsätzlich nicht okay wären, sondern weil unsere sozialen Glaubensgrundsätze rund um diese Systeme sie so begrenzend machen.

Die wahrhaften Schüler all dieser Systeme wissen, dass wir alle auf demselben Weg sind. Wir alle wachsen auch, manche Leute als Christen, manche Leute als Buddhisten, manche Leute, die Atheisten sind, und manche Leute, die verwirrt sind. Wir befinden uns alle auf diesem Weg des Menschlichseins, und auf unsere eigene Art erklären wir dies irgendwie. Darum kommt diese Frage so oft auf. Ich fühle, dass sie von der Stelle herkommt, woher Religion kommt, diesem Sehnen der menschlichen Seele danach, verbunden zu sein, sich wieder anzuschließen und sich zu erinnern.

Die religiösen Gemeinschaften wurden identifiziert und nun auch kategorisiert durch unsere Wahrnehmung, dass sie durch einen gemeinsamen Glauben verbunden sind. So gehörten zum Beispiel in meiner Heimatstadt alle Leute, die glaubten, das Tanzen schlecht für dich ist, zur Methodistenkirche, und all die Leute, die glaubten, dass viel Gesang gut bei einem Gottesdienst ist, zu den Baptisten. Das ist nicht korrekt im wahren Sinn dieser bestimmten Religionen, aber so habe ich über sie zu denken gelernt.

Wenn ich jeden von euch bitten würde, mir zu sagen, was ihr glaubt, warum Reiki funktioniert, würden wir viele verschiedene Antworten bekommen. Natürlich wären wir alle davon überzeugt, dass die eigene die zutreffendste ist, weil sie das für euch ist, und das ist sehr wichtig. Ich möchte nicht, dass ihr alle dasselbe glaubt; ich möchte, dass ihr mit eurer Erfahrung in Berührung seid und euch anschaut, wie ihr mit dieser Erfahrung lebt.

In diesem Augenblick ist dies, für mich, eine Gemeinschaft, die durch eine gemeinsame Erfahrung verbunden ist. Wir alle haben Einweihungen gehabt, wir alle haben die Erfahrung, uns selbst zu behandeln. Ich hoffe, dass jeder von uns die Erfahrung gemacht hat, eine Reiki-Behandlung von jemand anderem bekommen zu haben. Ich bin sicher, dass wir in unseren ersten Anfängen unserer Reiki-Praxis alle sehr ähnliche Erfahrungen von Wundern und Einsichten gemacht haben. Das gibt uns eine Gelegenheit, uns selbst als Individuen zu öffnen, und gleichzeitig diese Verbindung, als Menschen zusammenzusein, zu verstehen und zu fühlen.

Für mich ist das ein großes Geschenk, weil es mich dazu herausfordert, diese Idee loszulassen, die ich davon habe, wie die Methodisten sind oder wie Schwarze sind oder wie Russen sind oder wie Deutsche sind oder wie Männer sind. Wir alle haben diese verschiedenen Stellen, wo unsere Glaubensstruktur hineinkommt und ganze Beziehungen ausschließt.

Das Geschenk von Usui war es, den Leuten einen Weg zu geben, ganz zu sein, einen Weg zu heilen, einen Weg, eine Einheit zu werden. Es geschieht nicht einfach mit den Einweihungen. Sie sind nur wie das Anreißen eines Streichholzes für eine Kerze. Es ist das Wegbrennen der Begrenzungen in unseren Vorstellungen über uns selbst, das uns ermöglicht, uns allem, was wir sind, zu öffnen. Je mehr wir uns selbst akzeptieren, desto mehr Mitgefühl haben wir auch für andere. Ich glaube, dass dies die Botschaft aller Religionen und aller spirituellen Wege ist.

 

Transkription der Tonbandmitschnitte: Paul und Marjo Mennema, Niederlande
Bearbeitung des englischsprachigen Originals: Kate Jones, England, mit Phyllis Lei Furumoto

Übersetzt aus dem Englischen von Antje Holte
Dieser Beitrag erschien zuerst im niederländischen Reiki Magazin. Wir danken für die freundliche Genehmigung zum Abruck und die nette Zusammenarbeit.

 

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