Das Schattenprinzip - Glück, Unglück und der Schatten

Der bekannte Arzt, Psychotherapeut und Autor Ruediger Dahlke reflektiert vor dem Hintergrund seiner dreißigjährigen Erfahrung essenzielle Themen rund um die Begegnung mit dem eigenen Schatten.


Als Arzt bin ich es gewohnt, mich mit den dunklen Seiten des Menschseins zu beschäftigen. Kaum ein Patient kommt wegen überschäumender Freude oder entsprechenden Glücks, aber viele wegen dessen Ausbleiben und wegen allem, was ihrem Glück im Wege steht an Symptomen und Krankheitsbildern, Unglücksfällen und Problemen. Wenn ich mir rückwirkend die Arbeit von gut dreißig Arztjahren betrachte, habe ich mich in der Praxiszeit vor allem mit solch dunklen Schattenaspekten beschäftigt, in der Seminarzeit dafür mehr mit dem Gegenpol von Glück und seiner Vermittlung.

Innere Aussöhnung

Lasse ich all jene Menschen vor meinen inneren Auge Revue passieren, denen ich beruflich begegnet bin, in der Praxiszeit vor allem Patienten, in der Seminarzeit mehr entwicklungsorientierten Suchenden, kommt eine große Zahl und damit auch ein entsprechender Erfahrungsschatz zusammen, für den ich sehr dankbar bin.

Darunter sind leider auch gescheiterte Menschen und viele, die streckenweise unter die Räder gekommen waren. Die Gescheiterten, denen ich begegnet bin, haben ihr Leben immer und ohne Ausnahme am nicht bewältigten Schatten ruiniert. Ein Patient ist tatsächlich sogar an seinem Tinnitus annähernd zugrunde gegangen. Er war einfach nicht bereit, dieses Symptom anzunehmen und sich damit auszusöhnen. Stattdessen ging er auf einen dramatischen Sturmlauf, der rasch zu einer Art Amoklauf wurde. Er forderte gleichsam ultimativ das Ende der Belästigung aus dem eigenen Innenohr. Auf diese Weise hat er zuerst seine Beziehung ruiniert und dann auch noch seine bis dahin eindrucksvolle berufliche Laufbahn. Er wurde so unausstehlich in seinem Kampf gegen seine Ohrgeräusche, dass es niemand mehr in seiner Nähe, geschweige denn an seiner Seite aushielt. Auch ich konnte ihm nur die Krankheitsbilder-Therapie anbieten, deren erster Schritt die Aussöhnung mit dem jeweiligen Symptom oder Schattenaspekt ist. Dazu war er ausdrücklich nicht bereit, was die Therapie erübrigte. Anschließend begann die in solchen Fällen des nicht erlahmenden Widerstandes übliche Odyssee von Pontius zu Pilatus. Er machte die Spezialisten der Schulmedizin und dann, genauso erfolglos, die der alternativen Szene und schließlich die Geistheilerebene durch.

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Aber den mythischen Helden Odysseus oder Herakles symbolisch in die Unter- und Schattenwelt zu folgen, dazu konnte er sich nicht durchringen. Dazu hätte er seinen Widerstand gegen die Wirklichkeit aufgeben müssen, denn in der Schattenwelt machen unsere Bedingungen gar keinen Sinn mehr, so sie ihn denn in der Oberwelt haben. Hier zählt nur noch bedingungslose Annahme dessen, was ist. Vor dem Kampf mit dem Cerberus, dem Höllen- oder heute Schweinehund genannten Ungeheuer in der eigenen inneren Unterwelt, davor hatte er zu viel Angst, hier allein aber wäre sein Chance gewesen. Von daher ist es unglaublich wichtig, solche Schattenungeheuer gar nicht erst heranwachsen zu lassen. Denn dann können sie, wie im beschriebenen Fall, soviel Macht erlangen, dass sie über entsprechende Symptome unerträglich werden.

Begegnung mit dem Schatten

Zu meinem großen Glück hab ich viel mehr Patienten erleben dürfen, die noch bei viel schwereren Bedrohungen die Kraft zur Schattenbegegnung und –aussöhnung fanden. Selbst bei Krebs durfte ich miterleben, wie mutige Patienten diese Bedrohung annahmen, sich ihr stellten und in bewundernswerter Weise ihren Weg aus der Krankheit wieder heraus fanden. Dazu aber mussten sie den Mut entwickeln, ihrem ureigenen Weg kompromisslos zu folgen. Eine Patientin, der ich persönlich unbedingt vor der Psychotherapie zur Operation ihres großen Magenkrebsgeschwürs geraten hatte, schlug diesen Rat aus und bestand darauf, ausschließlich die Schatten- beziehungsweise Krankheitsbildertherapie zu machen. Jahre später begegne ich ihr nun – der Krebs ist längst verschwunden – in meinen Ausbildungen und kann staunend mit ansehen, wie mutig sie Schritt für Schritt ihren Weg zu sich selbst geht.

Darüber hinaus durfte ich viele glückliche und entwickelte Menschen erleben und ein Stück begleiten. Ihr Geheimnis ist immer recht einfach: Zuerst einmal die Annahme und Bewältigung dessen, was ist und damit auch des eigenen Schattens. Wer sich in seinen Licht- und Schattenseiten annimmt, spart sich natürlich all die Energie, die andere brauchen, um die Schattenmonster unter der Bewusstseinsoberfläche zu halten. Allein schon daraus ergibt sich ein großer Energie-Schub in Richtung Glück. Hinzu kommt, dass Angst ihre Basis verliert, wenn die eigenen Engpässe erkannt und konfrontiert sind. Nach dem eigenen Schatten ist alles annehmbar und erträglich. Wer zusätzlich den kollektiven Schatten auf sich bezieht, wird auch unserer gemeinsamen (Um-)Welt in noch viel tieferem Sinne gerecht. Wenn er sich gar noch an den archetypischen Schatten, die Welt des Urgrauens, wagt, entspricht er dem Menschsein im tiefsten möglichen Sinn.

Menschlichkeit – und Göttlichkeit

Da Gott uns nach seinem Ebenbilde geschaffen hat, müssen wir, so denke ich, letztlich werden wie er, erkennend gut und böse. Deswegen mussten wir im Paradies (der Einheit) vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen (der Polarität) essen, um diese anschließend zu verlieren. Wenn wir dereinst zurückkehren wollen, müssen die Pole von Himmel und Hölle wieder zusammengebracht werden, um das Himmelreich Gottes in uns zu finden. Zu diesem gehören im Mikrokosmos unseres Organismus wie im Makrokomos der Welt immer beide Pole. Erst die Versöhnung mit beiden Seiten unserer Wirklichkeit vereinigt unsere Menschlichkeit mit unserer Göttlichkeit.

Und das Programm „Schattenprinzip“ mag zeigen, wie viel Freude es machen kann, seine eigene unbewusste und damit dunkle Seite zu konfrontieren. Denn tatsächlich gehört auch viel Wunder-volles dazu, wie all die ausgelassenen Freudenfeste, die Ekstase und das orgiastische Erleben von Sinnlichkeit, eben alles Ungelebte und Verdrängte. Aber selbst in den dunklen Bereichen der eigenen Schattenwelt ist vieles nur halb so schlimm und lässt sich leicht wieder integrieren. Etwa all das, was schon in Kindheit und Jugend unter die Räder kam und in den Abgrund des Unbewussten verdrängt wurde, weil es damals Angst machte und inakzeptabel erschien.

Schattentherapie

Vieles davon wird mittlerweile problemlos anzunehmen sein. Und sogar noch die weiterhin abgelehnten, dunkelsten Bereiche werden sich in der Beschäftigung mit der Thematik auf annehmbare und manchmal sogar witzige Weise präsentieren, etwa in den Witzen, über die man niemals lachen könnte, wie auch in denen, über die man immer besonders lachen muss. Aber auch die bevorzugten Sportarten und Hobbys enthüllen Schatten, ebenso wie Lieblingsmärchen, -verkleidungen und Mythen und natürlich auch diejenigen, die am meisten Abscheu und Angst einflößen. So lässt sich also beim Anschauen spannender Filme genauso Schattentherapie betreiben wie über Musik und ihre verschiedenen Ausdrucksformen. Möglicherweise muss dann der Pop-Fan auch einmal in die Oper und der Opern-Fan ins Popkonzert, wo beide Menschen treffen könnten, die ihren Kreis und ihr Gesichtsfeld geradezu dramatisch erweitern.




Weitere Infos zu Ruediger Dahlkes Arbeit:
www.dahlke.at
www.mymedworld.cc




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