Der rote Faden

Wanja Twan wurde Ende der 1970er Jahre in Kanada von Hawayo Takata als Reiki-Meisterin eingeweiht. Letztes Jahr im September verstarb Wanja im Alter von 85 Jahren. Ihre älteste Tochter und Nachfolgerin, Anneli Twan, reflektiert das Leben ihrer Mutter.

„Er ist gerissen, nicht wahr ...?,” fragt Mom, „der rote Faden ...“

Meine Gedanken wandern zurück zu der Zeit, als in unseren Scheunen die Web-Kurse stattfanden, in Cherryville, Britisch-Kolumbien ... zu mir als Kind von etwa vier Jahren, auf dem Boden sitzend, Fäden auf kleine Stöckchen wickelnd, die ich sorgfältig für das „Gottesauge“ ausgewählt hatte, das ich gerade herstellte.*

Ich erinnere mich, dass ich stundenlang dort saß und Fäden aufwickelte, die die Teilnehmer der Web-Kurse übrig gelassen hatten, wenn ihre Kreationen – Handtücher, Wandbehänge, Flickenteppiche, Wolldecken – fertig waren. Zu meiner Mutter kamen Leute von überallher aus Nordamerika, um an ihren Web-Kursen auf unserer Farm teilzunehmen, als ich in den 1970ern dort aufwuchs.

Weben & Leben

Die Leute kamen – und brachten ihre Lebensgeschichten mit; ihren Schmerz, ihr Glück, ihre Hoffnungen und ihren Kummer. Für viele von ihnen war es herausfordernd, jedoch auch Charakter bildend, zu lernen mit ihrer Frustration umzugehen, wenn sie die Dinge nicht perfekt hinbekamen – sich darauf einzulassen, mit einem anderen Kursteilnehmer, den sie gerade erst kennengelernt hatten, zusammen die Farben für eine Arbeit auszusuchen, die sie gemeinsam erstellen sollten – und außerdem in einem Zelt zu übernachten und am Ende eines langen Tages das Essen an einem Lagerfeuer selbst zuzubereiten.


Wanja Twan im Alter von 84 Jahren.

Von Anfang bis Ende des Kurses, zwei Wochen lang, stellten sie dabei nicht nur ihre Arbeiten fertig, sondern sie erhielten auch die Chance, einige ihrer Lebensthemen kennenzulernen und zu bearbeiten. Sorgfältig Fäden für das „Gottesauge“ auf kleine Stöckchen zu wickeln ... das war für mich eine Form von Meditation und Kommunion. Auch heute noch merke ich, wie ich in derart stillen, kreativen Momenten Gott erfahre. Ich verwende den Begriff Gott sehr frei, er kann durch viele andere Wörter ersetzt werden: der Große Geist, Allah, Shiva, das Göttliche oder Schöpfer ... das habe ich von meiner Mutter gelernt.

Große Veränderung

Meine Mutter hat ihr Leben als Dienst an anderen gelebt. Sie hatte immer Zeit für die Menschen. Und selbst wenn keine „Zeit” da war, wurde sie irgendwie gestreckt – und dann war sie da!

Als sie Mrs. Takata begegnete, war sie bereit für eine große Veränderung in ihrem Leben; sie war bereit, dem Weg zu folgen, der für sie bestimmt war. Und auch wenn sie nicht wusste, wohin er führen würde, machte sie immer den nächsten Schritt ... und führte dies fort, bis zum Ende. Das bedeutete für sie, von Tag zu Tag zu leben, in dem Wissen, dass sie dort war, wo sie sein sollte – zu der Zeit, zu der sie dort sein sollte – und allen zu begegnen, denen sie begegnen sollte.

Sie lebte voller Vertrauen und Glauben (in den Worten „Gottes“ gesagt) ... in dem Wissen, dass alles perfekt war und genau so, wie es sein sollte. Gerade heute, sorge dich nicht. Gerade heute, ärgere dich nicht. Ehre deine Eltern, Lehrer und die Älteren. Verdiene dein Brot ehrlich. Und: Sei dankbar für alles Lebendige ... das lernte ich von meiner Mutter.

Inneres Wissen

Obwohl meine Mutter und ich an verschiedenen Orten lebten, zu verschiedenen Zeiten, trafen wir schließlich immer wieder aufeinander. Unsere Wege kreuzten sich sogar umso öfter, je mehr die Jahre ins Land gingen. Und wir hatten so viele Gelegenheiten, das „Wunder“ des Lebens zu leben und die wunderbaren Geschenke zu empfangen, die es für uns alle bereit hält. Neugierde, inneres Wissen, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und das Wissen, dass wir alle gleich sind und Teil eines Größeren. Dass wir diese Welt mit allen lebenden Wesen teilen, mit den sichtbaren und unsichtbaren ... all dies lernte ich von meiner Mutter.

Meine Mutter sagte immer, dass das Leben einen roten Faden hat, der es durchzieht. Einen Faden, der dich zu dem zurückführt, der du wirklich bist. Und der dich davor bewahrt, zu weit vom Weg abzukommen, wenn du lernst und Neues ausprobierst. Er ist mit dir verknüpft, von dem Moment deiner Geburt an. Sie sagte immer, dass wir alle einen solchen Faden haben, der dafür sorgt, dass wir uns dem verbunden fühlen, der wir wirklich sind. Manchmal komme es dazu, dass diese Fäden sich verwirren und unordentlich werden. Zu anderen Zeiten wiederum liefen sie weich und geschmeidig.

Dieser Faden ist unsere Verbindung vom Leben auf der Erde hin zum Göttlichen. Er ist jederzeit da, wie eine Halteleine, die uns aufrecht hält und uns zurück in die Spur bringt, wenn dies nötig ist.

„Er ist zerrissen ...“

In einem der letzten Gespräche mit ihr, bevor sie starb, fragte meine Mutter: „Er ist zerrissen, nicht wahr? Der rote Faden ...”

„Ja,“ sagte ich, „das ist er ...“

 

*
Engl.: „God’s Eye“. Gemeint ist ein spirituelles Objekt, das durch Weben eines (oft mehrfarbigen) Musters aus Garn auf einem Holzkreuz hergestellt wird.

 


Anneli Twan
, die älteste Tochter von Wanja Twan, wurde 1979 von Hawayo Takata in Reiki eingeweiht. Wanja war Annelis Reiki-Meisterin von ihrem 2. Reiki-Grad an (1980) bis zum Meister-Grad (1984). Wanja übergab die Erhaltung ihrer Reiki-Linie 2010 an Anneli; auch wenn sie zu dieser Zeit noch sehr aktiv war, was Mündliche Überlieferung anging: sie teilte viele Stunden lang ihre Geschichten mit ihren Gästen. Seit 2013 leben Anneli und ihre Familie auf einer Farm auf Vancouver Island in Britisch-Kolumbien, Kanada, genannt „The Salal“. Dort bieten sie Bewusstseinsarbeit für Gruppen aus aller Welt an.Website:
https://thesalal.com

 

Textübersetzung aus dem Amerikanischen: F. Rudnick und O. Klatt.

 

 

 

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