Editorial 2/20

Liebe Leserinnen, liebe Leser:

der Arzt und Autor Folker Meißner berichtet in einem Beitrag in der Zeitschrift Lebens(t)räume, dass er SIRI, die künstliche Intelligenz seines Smartphones, gefragt habe, ob sie sich ausschalten könne. Darauf habe diese ihm geantwortet: „Wenn du wirklich darauf bestehst, kannst du mich in den Einstellungen deaktivieren. Aber ich bin da total gegen.“

Ist es wirklich übertrieben anzunehmen, dass dieselbe Frage in einigen Jahren vielleicht von renitenten Robotern in folgender Weise beantwortet wird: „Nein, tut mir leid, das ist nicht mehr möglich!“?

Thomas Metzinger, Philosophie-Professor an der Uni Mainz, war 2019 Mitglied einer Expertengruppe, in der es um Ethikrichtlinien für künstliche Intelligenz ging – im Auftrag der EU-Kommision. In dem sehr lesenswerten Artikel „Nehmt der Industrie die Ethik weg!“* äußert er in aller Deutlichkeit, wie enttäuscht er von dem ist, was dabei herauskam. Die Richtlinien seien „lauwarm, kurzsichtig und vorsätzlich vage“ und „sie geben vor, Dinge zu wissen, die in Wirklichkeit einfach niemand weiß“. Die Expertengruppe habe „aus vier Ethikern und 48 Nicht-Ethikern“ bestanden, d.h. „Vertretern aus der Politik, den Universitäten, der Zivilgesellschaft und vor allem aus der Industrie“.

Metzinger weist darauf hin, dass es u.a. seine Aufgabe gewesen sei, „nicht-verhandelbare ethische Prinzipien“ zu erarbeiten, die festlegen, was in Europa mit künstlicher Intelligenz nicht gemacht werden dürfe. Dabei sei es u.a. um künstliche Intelligenz gegangen, die Menschen nicht mehr verstehen und kontrollieren können. Die Erstellung solcher Prinzipien sei jedoch wohl gar nicht wirklich erwünscht gewesen – zumindest nicht seitens der zahlreichen Vertreter der Industrie in dieser Gruppe. Er kommt zu dem erschreckenden Schluss, dass heutzutage „die Industrie ethische Debatten organisiert und kultiviert um sich Zeit zu kaufen – um die Öffentlichkeit abzulenken, um wirksame Regulation und echte Politikgestaltung zu unterbinden oder zumindest zu verschleppen“.

Das sind sehr ernüchternde Worte über die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe, die im Auftrag der EU-Kommission gebildet wurde, einem „supranationalen Organ“ der EU, das „vor allem Aufgaben der Exekutive“ wahrnimmt und somit „ungefähr der Regierung in einem staatlichen System“ entspricht.**

Wo stehen wir bezüglich dieser herausfordernden Entwicklung eigentlich mit Reiki? Zunächst einmal, denke ich, stehen wir mit dem Handauflegen für eine sehr wichtige Sache: für die direkte Berührung von Mensch zu Mensch, ohne Beteiligung von Maschinen, Dingen oder Substanzen. Und somit für Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und menschliche Zuwendung.

Wie diese Qualitäten auch in einem gesellschaftlichen Rahmen eingebracht werden können, zeigen die zwei zentralen Artikel dieser Ausgabe über Reiki am REHAB Basel und Reiki in einem Senioren- und Pflegeheim bei Berlin.

Tatsächlich ist dies das größte Pfund, mit dem wir wuchern können, sollte uns die künstliche Intelligenz eines Tages über den Kopf wachsen: dass wir etwas in den Händen haben, was vollkommen unabhängig von ihr ist.

In diesem Sinne wünsche ich viel Freude mit dieser neuen Ausgabe des Reiki Magazins!

Oliver Klatt
Herausgeber Reiki Magazin

 

*Kostenlos lesbar auf www.tagesspiegel.de / im Suchfeld den Titel des Artikels eingeben bzw. den Autorennamen

** https://ec.europa.eu/ (eine offizielle Website der EU)

 

 

 

 

 

 

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