Mystik – eine Annäherung

Was ist eine mystische Erfahrung? Geht es dabei (auch) um bedingungslose Liebe? Gibt es so etwas wie eine „Reiki-Mystik“? Franziska Rudnick reflektiert das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln.

Wer Reiki gibt oder empfängt oder beides in einer Selbstbehandlung vereint, kann währenddessen etwas erleben, das sich mit Worten schwer beschreiben lässt. Es ist nicht nur Ruhe oder tiefste Entspannung. Es ist nicht nur ein Glücksgefühl. Es kann mehr als all dies sein – und anders, wie Reiki-Praktizierende berichten.

Da werden Erfahrungen gemacht, wie diese, dass Reiki das Gefühl gebe, „Energie aus dem fernen Zuhause zu bekommen.“ Oder man weiß: „Reiki verbindet mich mit dem Ganzen und dem Nächsten ... verdeutlicht mir, dass alles untereinander verbunden ist mit einer einzigen Energie.“ Die Essenz wird dabei oft benannt als „bedingungslose Liebe“.

Mystische Erfahrung

Die Erfahrung, Lebensenergie zu geben und zu empfangen als eingebunden in „bedingungslose Liebe“ schlägt eine Brücke von dem Augenblick, in dem jemand sie macht, zu all jenen, die sie vor ihm gemacht haben. Sie verbindet denjenigen, der dieses erlebt, mit den Mystikern aller Orte, Religionen und Zeiten. Bedingungslose Liebe scheint die gemeinsame Schnittmenge aller mystischen Erfahrung zu sein.

Mit solchen Erfahrungen können Reiki-Praktizierende womöglich dem nahe kommen, was christliche Mystiker des Mittelalters berichten. Der christliche Mönch Meister Eckhart, der im 13. Jahrhundert lebte, ist einer der bekanntesten Zeugen für mystische Erfahrungen. Für ihn besteht deren Kern darin, dass im tiefsten Seelengrund des Menschen sich Gott und Mensch treffen können. Und wenn der Mensch dies erfahre, in Stille und Gewahrsein, dann erlebe er das Licht Gottes in sich, dann gehe er durch Liebe in Gott ein.

Gleiches findet sich in den jüdischen und muslimischen Formen der Mystik. Einer der größten Mystiker im Islam ist Rumi, der im 13. Jahrhundert in Kleinasien lebte. Seine Sprache ist universell, wie auch die mystischen Erfahrungen letztlich universell sind und keiner Religion speziell angehören.

Mystik ist nicht gleichzusetzen mit organisierter Religion. Mystische Erfahrung kann zwar im Rahmen einer religiösen Zugehörigkeit geschehen und wird dann von dem, der sie erlebt hat, durch das Vokabular seiner Religion beschrieben. Doch sie kann sich auch unabhängig von der Beheimatung in einer Religion oder einem Weltbild ereignen.

Vielleicht könnte der Unterschied zwischen Mystik und Religion dadurch beschrieben werden, dass die Mystiker direkten Kontakt mit der Quelle haben und, bildlich gesprochen, von deren Wasser trinken. Während die Religion versucht, den Lauf zu beschreiben, den das Wasser der Quelle nimmt, und Regeln aufzustellen, wie mit diesem Wasser umzugehen sei.

Der Sufi-Mystiker Rumi beschreibt diesen Unterschied, indem er davon berichtet, wie er Gott suchte: „Ich versuchte, ihn zu finden am Kreuz der Christen, aber er war nicht dort. Ich ging zu den Tempeln der Hindus und zu den alten Pagoden, aber ich konnte nirgendwo eine Spur von ihm finden. Ich suchte ihn in den Bergen und Tälern, aber weder in der Höhe noch in der Tiefe sah ich mich imstande, ihn zu finden. Ich ging zur Kaaba in Mekka, aber dort war er auch nicht. Ich befragte die Gelehrten und Philosophen, aber er war jenseits ihres Verstehens. Ich prüfte mein Herz, und dort verweilte er, als ich ihn sah. Er ist nirgends sonst zu finden.“

„Ist das echt?“

Was ist denn Mystik? Was ist das, was eine Erfahrung zu einer mystischen Erfahrung macht? Wovon berichten die Mystiker, wenn sie erzählen, was sie erlebt haben? Und die Frage aller Fragen an die Mystiker: „Ist das echt?“

Die Erfahrung, von der ein Mystiker überwältigt wird und die er sich bemüht, wiederzugeben, ist im Kern eine unbeschreibliche, überwältigende Erfahrung, weiß Paul Mommaers, ein Kenner der abendländischen Mystik. In ihr geht es um etwas, das strenggenommen als Begegnung mit dem Göttlichen oder Gott umschrieben wird. Es gibt mystische Erfahrungen, die geschehen in der Begegnung mit der Natur. Wer kennt es nicht, dass er sich plötzlich für einen Augenblick eins fühlt mit der Natur, die ihn umgibt, wo immer er sich befindet? Einen Wimpernschlag lang nur, und doch scheint alles verwandelt? Die Natur wird zum Medium einer besonderen Erfahrung.

Die mystische Erfahrung, die als unmittelbare Begegnung mit dem Göttlichen beschrieben wird, hat noch eine andere Qualität. Den mystischen Erfahrungen ist gemeinsam, dass es plötzlich keine Grenze mehr zwischen dem Ich, das sie macht, und dem Geschehen selbst geben soll. Wer versunken ist in den Anblick des Sternenhimmels etwa: der verliert sich darin, wie der Volksmund sagt. Dieses „Sich-verlieren“ in der Betrachtung ist schon ein Element der mystischen Erfahrung.

Reiki-Mystik?

Wer Reiki gibt und dabei in der Begegnung des Reiki-Gebens aufgeht, der macht eine ähnliche Erfahrung. Wenn dann nur noch Reiki-Geben da ist oder Reiki-Empfangen ohne jemanden, der es kommentiert: könnte das nicht schon in den Bereich mystischen Erlebens fallen?

In der mystischen Literatur gibt es den Begriff des „Seelenfunkens“. Damit gemeint sei jener Bereich, wo der Mensch vollkommen befreit sei von der Vorstellung eines „Ichs“. Da gebe es zunächst nur Erfahrung, wie Jan van Ruys­broeck, ein niederländischer Mystiker aus dem 14. Jahrhundert beschreibt: „Wenn der Mensch in seinen Sinnen leer und ohne Bilder … ist, dann kommt er auf rein natürliche Weise zur Ruhe. Und diese Ruhe können alle Menschen in sich selber finden und besitzen, aus reiner Natur und ohne Gottes Gnade …“ Diese Erfahrung kann sich in gewisser Weise „machen“ lassen, sie ist ein Teil des großen Ganzen, des Universums mystischer Erfahrungen.

Doch die mystische Erfahrung geht noch weiter und tiefer, wie Paul Mommaers hervorhebt. Dann, wenn sie durch menschliches Bemühen oder Tun weder gemacht noch erreicht werden kann. Dann, wenn die Einheit mit Gott – geschieht. Und sie geschieht, weil Gott sie möglich mache, weil er sie schenke. Der Mensch könne sich vorbereiten auf eine solche Erfahrung, durch Meditieren und Gebet. Doch „machen“ oder erzwingen könne man sie nicht.

Den Weg frei machen

Meditation und Gebet sind allerdings nicht vergebens, sie können den Weg freimachen für eine solche Erfahrung. Sie wird auch Gnade genannt. Gemäß Mommaers sind mehrere Aspekte der mystischen Erfahrung wichtig: Unmittelbarkeit des Geschehens und Passivität dessen, dem es zuteil wird. Es gibt zudem einen dritten Aspekt: Gott ist gegenwärtig in dieser Erfahrung. Und zwar gegenwärtig, wie Mommaers weiß, „als etwas, das den Menschen beansprucht und ihn aufnehmen will, als Einer, der mit sich vereinigt. Der Kern und die Krone der mystischen Erfahrung ist die Einheit mit Gott. Ihre tiefste Triebfeder ist die Liebe …“

Sinnvolles Dasein

Mommaers zitiert dazu einen modernen Mystiker des 20. Jahrhunderts, den schwedischen Diplomaten Dag Hammarskjöld, der nach einer solchen Erfahrung in sein Tagebuch schreibt: „Von dieser Stunde her rührt die Gewißheit, daß das Dasein sinnvoll ist und daß darum mein Leben … ein Ziel hat.“ Hammarskjöld war ab 1953 für zwei Amtszeiten Generalsekretär der erst acht Jahre zuvor gegründeten Vereinten Nationen (UN). Seine Stärke lag darin, dass er in mehreren internationalen Konflikten, die das Potential zu großen Kriegen hatten, so vermitteln konnte, dass gewaltsame Auseinandersetzungen vermieden wurden. Dafür erhielt er posthum, nach seinem plötzlichen Tod 1961, den Friedensnobelpreis.

Ein Mystiker ist nach Mommaers jemand, der Gott erfährt, „indem er sich auf direkte, passive und vereinigende Weise Seiner Anwesenheit bewußt ist“. Doch mystische Erfahrung hat auch ihre Tücken. Nach dem Hochgefühl kann es einen Absturz in das Gefühl geben, von Gott verlassen zu sein.

Und mystische Erfahrung sei keinesfalls gleichzusetzen mit Bewusstseinserweiterung. Dieser Begriff sei viel zu eng und klein für das, was der Mystiker meint, wenn er beschreibt, was ihm oder ihr geschehen ist und wie sich alles seither verwandelt habe. Mommaers zitiert dazu die Mystikerin Katharina von Genua, die im 15. Jahrhundert sagt: „Ich sehe ohne meine Augen, ich begreife ohne meinen Verstand … Über dieses Sehen, das kein Sehen ist, kann nichts gesagt oder gedacht werden …“

Im Kern läuft die von den Mystikern beschriebene mystische Erfahrung darauf hinaus, dass nicht der Mensch aus sich allein lebt, sondern verbunden sei mit Gott, wie der Apostel Paulus in der Apostelgeschichte predigt: „in ihm leben, weben und sind wir …“ Mystik-Kenner Mommaers benennt es so: „das Eins-Sein mit Gott als eine Dauererfahrung …“

Reiki als mystische Erfahrung

Ob die Erfahrungen, die durch und mit Reiki gemacht werden können, den strengen Kriterien einer mystischen Erfahrung entsprechen, wissen nur die, die sie erleben. Niemand kann von außen beurteilen, was und wie jemand in seinem tiefsten Inneren etwas empfindet und erlebt.

Und wer solche Erfahrungen macht, wie jene, dass Reiki „bedingungslose Liebe“ sei und von ihnen berichten kann, hat zumindest schon ein Geschenk bekommen. Eine Gabe, die den Weg ebnen kann für weitere Erfahrungen dieser Art. Und wer weiß, wohin diese Reise führen mag?

Wer Reiki anwendet und erfährt, kann in Kontakt mit dem mystischen Gefühl kommen, verbunden zu sein mit dem, das alles nährt und trägt, verbunden zu sein mit der Quelle alles Lebendigen.          


Literatur:

  • Mommaers, Paul, Was ist Mystik?, Frankfurt/Main, 1979
  • Reiki Magazin, Ausgabe 4/2020

Fotos/Abbildungen © rolffimages - 123rf.com

 

 


Franziska Rudnick ist Redakteurin des Reiki Magazins und Autorin des Buchs „Heilende Begegnung". Als Heilpraktikerin wendet sie in ihrer Praxis Klassische Homöopathie, Reiki und andere energiemedizinische Methoden an.
www.praxis-rudnick.de

 

 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.