Ich erforschte alles Mögliche

Ein Interview mit Mary McFadyen

 

Es ist immer wieder spannend, mit langjährigen Reiki-Meistern zu reden. Dieses Mal hatte Jürgen Kindler die Gelegenheit, von Mary McFadyen in Berlin ein Interview zu erhalten. Wie Mary zu Reiki gekommen ist, wie sie Reiki nach Europa gebracht hat, was sie zu Reiki in diesen Tagen zu sagen hat und vieles mehr erfahrt ihr in dieser und der nächsten Ausgabe des Reiki Magazins.


Mary McFadyen

Reiki Magazin: Wie bist du zu Reiki gekommen?


Mary McFadyen: Anfang der siebziger Jahre ging ich zu einem Medium und neben anderen Sachen sagte sie: »Du bist eine Lehrerin und eine Heilerin.« Ich dachte: »Das ist interessant!« Damals arbeitete ich in der Büroverwaltung. Wovon sie sprach, war eine ganz andere Welt. Es ging mir nicht aus dem Kopf und immer dachte ich: »Großartig, aber ich habe nichts, was ich lehren könnte, und ich kann auch nicht heilen.« Ich sah mich um. Ich dachte darüber nach Psychotherapeutin zu werden. Ich nahm ein paarmal an Ausbildungsprogrammen teil. Ich erforschte alles Mögliche, aber nichts davon war wirklich das Richtige für mich.

Dann, 1974, lernte ich Vincent, meinen Mann, kennen und wir begannen, die »Autobiographie eines Yogi« von Paramahansa Yogananda zu lesen. Ein paar Jahre später machten wir uns auf, um in einer spirituellen Gemeinschaft namens Ananda in Nordkalifornien zu leben. Ich habe wirklich viel sehr harte spirituelle Arbeit geleistet. Ich war sehr an Bachblüten interessiert, darum begann ich sie zu studieren und Beratungen für die Leute in der Gemeinschaft durchzuführen. Zu dieser Zeit wusste ich, dass ich wirklich heilen wollte, obwohl ich nicht wusste, welchen Weg ich dafür einschlagen sollte. Ich wusste, dass es da draußen irgendetwas gab, aber ich hatte keine Ahnung, was es war. Am Ende wurde ich sehr ungeduldig, ich wollte wirklich wissen, was es war.

Dann, im Jahr 1979, gingen Vincent und ich zur Findhorn-Gemeinschaft in Schottland. Wir verbrachten dort drei Wochen und nahmen an einem Seminar über Manifestation teil. Während des Seminars sagte der Leiter: »Entscheidet euch, was ihr manifestieren wollt.« Ich wollte meine Zukunft als Heilerin manifestieren. Am Ende der Woche habe ich mich wirklich geärgert, dass sich nichts manifestiert hatte, niemand war zu mir gekommen und hatte so etwas gesagt wie: »Dies ist deine zukünftige Laufbahn.«

Wir gingen nach Kalifornien zurück und ich beschloss, nichts anderes zu tun als mich hinzusetzen, solange bis ich wüsste, was ich tun würde. Das habe ich gemacht! Ich habe ein paar Tage damit verbracht herumzusitzen und nachzudenken und Fragen zu stellen und zu verlangen, dass mir gezeigt wird, was meine zukünftige Arbeit sein würde. Als Ergebnis daraus ging ich zu einem der Seminare von Elisabeth Kübler-Ross. Bald darauf lernte ich Patricia Bowling kennen (ihr Name ist jetzt Ewing) und - ich erinnere mich nicht, wie wir darauf kamen, - sie erwähnte Reiki. Ich hatte keine Ahnung, worüber sie redete. Alles, was ich wusste, war, dass ich es wollte, sobald ich davon gehört hatte. Ich fragte sie, wer ihr Lehrer war und wie ich es machen könnte. Es hat dann noch einige Monate gedauert, bis ich im Dezember bei John Gray in Reiki eingeweiht wurde. Dann ging ich nach Ananda zurück, begierig es anzuwenden, und stellte fest, dass niemand an Reiki interessiert war.

Das ging mehrere Monate so, bis ich eine große Vertrauenskrise bezüglich Reiki hatte. Auf meinem gesamten Weg mit Reiki habe ich vor jeder Reiki-Stufe eine große Krise, eine Herausforderung erlebt. Zu jener Zeit aber hatte ich eine echte Krise, ich wusste, dass dies mein Weg war, aber keiner wollte es haben. Was sollte ich machen? Ich erinnere mich, dass es ein langweiliger, nasser, windiger Märztag war und ich den ganzen Tag nur herumgesessen und hierüber nachgedacht hatte. Am Abend war ich mir schließlich sicher. Ich war an einem Punkt, an dem ich sagte: »Es ist mir gleich wie es aussieht, ich weiß, dass dies mein Weg ist. Ich werde nicht aufgeben, ich werde es machen.«

Die nächste Nacht war richtig stürmisch, mit strömendem Regen, als jemand an die Tür klopfte. Wir wohnten in einem kleinen Trailer in einem Wäldchen. Wir wohnten ziemlich abgeschieden und für gewöhnlich klopften an dunklen Abenden keine Leute an die Tür. Jemand von der Gemeinschaft war an der Tür und ich erfuhr, dass eines der älteren Mitglieder der Gemeinschaft Krebs hatte und dass sie gerade vom Arzt zurückgekommen waren, der gesagt hatte, dass es nicht mehr viel gab, was er tun könnte. Der Mann hatte schreckliche Schmerzen, aber er wollte keine Medikamente nehmen, weil er bewusst sterben wollte, mit seinem Geist auf seinen Guru konzentriert. Also sagte ich: »Geht in den Heilungsraum, ich komme gleich hinüber.« Ich begann ihn zu behandeln und ich behandelte ihn sechs Wochen lang jeden Tag etwa zwei Stunden, bis ein paar Tage vor seinem Tod. Reiki hielt den Schmerz unter Kontrolle. Er ging nicht ganz weg, aber Reiki hat ihn so weit gelindert, dass er damit leben konnte. Er konnte mit seinem Bewusstsein auf seinen Guru konzentriert sterben, was ein großes Geschenk war.

Im Laufe jener sechs Wochen sickerte durch, dass Mary dieses alte, respektierte Mitglied der Gemeinschaft behandelte, und das machte akzeptabel, was ich tat. Von da an begannen die Leute zu mir zu kommen. Ich habe an allen möglichen Körpern gearbeitet, mit jeder Art von Krankheiten und Beschwerden. Ich habe innerhalb von drei Monaten etwa 500 Stunden lang Reiki angewendet, was ich damals nicht für ungewöhnlich hielt; später merkte ich allerdings, dass es das war. Dadurch, dass ich diese Gelegenheit hatte, bekam ich sehr schnell eine Menge Erfahrung. Ich hatte immer noch erst den I. Reiki-Grad. Es war verblüffend, was nur mit Reiki I alles geschah.

Reiki Magazin: Was geschah nach deiner Einweihung zur Reiki-Meisterin?


Mary McFadyen: ich ging nach Ananda zurück. Ich hatte eine große Gruppe von Leuten, die alle sehr an Reiki interessiert waren, weil sie Reiki-Behandlungen von mir erhalten hatten. Also habe ich ein paar ziemlich große Seminare abgehalten, das erste mit 16 Leuten und das zweite mit 14 Leuten. Dann habe ich einige Monate lang winzig kleine Seminare mit ein, zwei, drei Leuten gemacht und ich habe mich gefragt: »Was ist los? Wo sind denn alle?« Einige dieser kleinen Seminare waren eine ziemliche Herausforderung. Später wurde mir klar, dass das Universum mich in einem sehr geschützten Umfeld, auf sehr freundliche Weise unterrichtet hat, damit ich lernen konnte, was ich wissen musste, bevor ich es mit großen Gruppen von Menschen in anderen Ländern aufnehmen konnte.

Im November musste ich zum Flughafen von Sacramento um einen Mann abzuholen, der nach Ananda kam, um ein Wochenendseminar abzuhalten. Es passte mir überhaupt nicht, weil man mich in allerletzter Minute gefragt hatte, ob ich hinfahren würde. Ich hatte wirklich keine Lust dazu, weil es eine Autofahrt von zweieinhalb Stunden war, aber ich fuhr hin und holte ihn ab. Er hatte eine Freundin dabei, eine Besucherin, die in letzter Minute mit ihm gekommen war. Sie hieß Brigitte Müller, die später die erste deutsche Reiki-Meisterin wurde. Sie saß auf dem Rücksitz. Innerhalb von fünf Minuten kam natürlich das Wort »Reiki« zur Sprache und Brigitte hing über meinem Sitz und wollte alles über Reiki wissen. Bei ihr war es dasselbe wie bei mir. Sie hörte das Wort, und es war, als ob eine Glühbirne in ihrem Kopf angegangen wäre. Sie blieb auf dem alten Gelände für zurückgezogenes Leben von Ananda, das sehr schön und friedlich ist, in einer kleinen Hütte. Sie blieb noch ein paar Tage länger und wir beide hielten ein kleines Reiki-Seminar in ihrer Hütte ab, wo die Sonne durch die Bäume schien und die Rehe draußen grasten. In der Zeit sagte sie: »Ich kenne eine Menge Leute, und wenn ich nach Hause fahre und anfange Reiki zu geben, werden sie es alle tun wollen. Also sagte ich: »OK. Wenn du genug Leute zusammenbekommst, um meine Überfahrt zu bezahlen, komme ich.«

Im nächsten Jahr, im Juni 1981, flog ich nach Deutschland. Ich hielt das erste Reiki-Seminar in Europa in Hamburg ab. Soweit ich mich erinnere, war es in einem alten Lagerhaus. Es war ein schreckliches Gebäude unten am Hafen. Zu der Zeit war es sehr schwierig, einen passenden Ort für Seminare und Workshops zu finden. Ich mußte die Einweihungen in einer Küche durchführen. In der Spüle lagen schmutzige Teller und die Tür hing nicht in den Angeln. Es war eine große, schwere Tür. Ich konnte nur zwei Leute gleichzeitig einweihen, und in diesem Seminar waren etwa 26 Personen. Ich mußte die Tür hochheben, sie beiseite tragen, die Leute hereinholen, die Tür wieder zurückstellen, die Einweihungen machen, die Tür beiseite tragen, die nächsten zwei Leute hereinholen ... Ich erinnere mich nicht mehr, wie lange es gedauert hat, aber ich weiß, dass es anstrengend war!

Es war ein wirklich wundervolles Seminar. Die Schwingung war einfach wundervoll. Ich weiß, dass zum Seminarende etlichen Männern die Tränen über das Gesicht liefen, sie waren so bewegt. Es war wirklich wundervoll. Dann fuhren wir nach Frankfurt und zwei Wochen später hielt ich dort noch ein Seminar ab. Von dort ging ich zur Findhorn-Gemeinschaft in Schottland und im Juli gab ich das erste Reiki-Seminar in Findhorn.
Im darauf folgenden Frühjahr kam ich nach Europa zurück und ging nach Hamburg und Tübingen. Von dieser Zeit an bis heute bin ich fast jedes Jahr zwei Mal hier gewesen. Dies ist meine 36. Reise nach Deutschland um Reiki zu lehren. Etliche Jahre lang habe ich überall in Deutschland unterrichtet, weil die Leute jedes Mal, wenn ich ein Seminar abhielt, sagten: »Wann kommst du wieder, würdest du in meine Stadt kommen?« Ich lehrte unter anderem in München, Nürnberg, Ravensburg, Bremen, Berlin und Zürich, und ich habe immer in Hamburg unterrichtet.

Reiki Magazin: Da du sozusagen die »Mutter von Reiki« in Deutschland bist und seit so langer Zeit hierher kommst und all die Prozesse und Entwicklungen in der Reiki-Welt siehst, was sind deine Beobachtungen?


Mary McFadyen: das ist ein hübscher Gedanke, die Mutter von Reiki in Deutschland zu sein. Jemand hat mich mal ihre »Reiki-Großmutter« genannt. Sie war von einem meiner Meister eingeweiht worden. Ich fand, dass das wirklich ziemlich nett war.

Eins der Dinge, die mich beeindruckt haben, als ich am Anfang nach Deutschland kam, war, dass die Leute einfach bereit für das Licht waren. Die Leute wollten Reiki wirklich. Es schien mir, dass Deutschland geradezu explodierte, und die Leute, die in meinen Unterricht kamen, wollten wirklich so viel über Reiki lernen, wie sie nur konnten. Ich hatte den Eindruck, dass Deutschland reif für Reiki war. Es nahm es mit ganzem Herzen in sich auf. Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass Deutschland eines der Lichtzentren der Welt ist und es ist sicherlich eines der größten, wenn nicht das größte Reiki-Zentrum in Europa. Ich habe keinen Beleg dafür, denn ich weiß, dass es Reiki in ganz Holland, Großbritannien, Italien, Frankreich und vielen anderen Ländern gibt, aber statistisch gesehen hat Deutschland wahrscheinlich die größte Anzahl von Reiki-Praktizierenden. Und Deutschland war das erste Land in Europa, das Reiki bekam. Ich habe keine Ahnung, wie der große Plan war, aber es war kein Zufall, dass ich nach Deutschland gekommen bin und Reiki hierher gebracht habe.

Reiki Magazin: Vielen Dank für dieses schöne Interview!


In Kürze erscheint ein Buch von Mary McFadyen beim Rowohlt Taschenbuch Verlag: »Die Heilkraft des Reiki. Lehren einer Meisterin.«