Aus dem Herzen singen

Ein Interview mit Rolf Holm – von Petra Timmermans

Während eines Reiki-Treffens in Belgien sprach sich herum, dass Rolf Holm eine CD herausgebracht hat. Da Rolfs Lieder mich immer schon durch ihre Einfachheit, ihren Humor, und ihr „Aus-dem-Herzen-Kommen“ berührt haben, suchte ich ihn sofort auf, um eine CD zu kaufen. Wir kamen ins Gespräch über sein Singen, seine Kreativität und die CD. Irgendwann fragte mich Rolf dann, ob ich ein Interview mit ihm machen würde. Daraus ist dieses Gespräch entstanden. Die Fragen, die sich mir stellten, waren Fragen, die ich über Rolf als Mensch, als Sänger und als Reiki-Meister hatte.


Petra: Rolf, wie entsteht eigentlich ein Lied?

Rolf: Zuerst schreibe ich den Text. Ich fühle in meinem Bauch und in meinem Herzen, ob ich ihn schreiben kann oder soll. Es muss etwas aus mir heraus, in solch einem Moment. Die meisten Wörter kommen von selbst, ich schreibe sie einfach auf. Immer auf Englisch, da das die Sprache unserer Gemeinschaft ist. Dann, manchmal viel, viel später, fange ich an zu singen, mit oder ohne Gitarre. Einfach Melodien, die aus mir herauskommen. Nach einigen Malen habe ich es dann plötzlich, und die Melodie steht. Das kann sehr schnell gehen. Wenn es zu lange dauert, ist es oft nicht gut oder nicht nötig. Dann will ich etwas, was im Moment nicht gebraucht wird. Oft, wenn die Melodie dann „steht“ und ich das Lied ein paar Mal singe, werde ich emotional und muss weinen. Ich verarbeite dann sozusagen das Lied. Nach mehrmaligem Singen ist das vorbei.

Die Lieder über das „innere Kind“ haben erst mein eigenes inneres Kind geheilt. Ich spürte eine Art Entladung von dem erfrorenen Kind in mir. Ich hoffe, dass so etwas nicht passieren wird, wenn ich für andere Menschen singe.

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Petra: Gibt es Momente, in denen du nicht singen kannst?

Rolf: Nachdem ich zurückkam von dem inzwischen berühmt gewordenen Songworkshop mit Susan Osborne, ging ich 1988 zur Konferenz der Reiki Alliance auf Vlieland. Dort probte ich auf meinem Zimmer die Lieder, die ich während des Workshops geschrieben hatte (u .a. „It’s  so easy to be with your angel“), mit meiner Gitarre. Das war unmöglich. Ich hatte zwar meine Stimme, aber das Gefühl war weg. Sobald ich mit meiner Gitarre spielte, verschwand das Gefühl. Auch danach haben ich das Engellied nie singen können, weder mit noch ohne Gitarre. Weil es dann aber so bekannt wurde und man mich fragte, ob ich es doch singen wollte, habe ich es schließlich getan, aber immer mit Widerstand und sehr zurückhaltend. In mir war es nicht fertig, noch nicht geheilt.

Früher war ich ein Folksänger und hatte viele Auftritte in Clubs, Restaurants usw. Manchmal versuche ich, meine neuen Lieder auf die gleiche Weise zu singen wie damals, aber mein Gefühl führt mich in eine andere Richtung. Ich habe fünf Jahre auf Curacao gewohnt und fünf Jahre nicht gesungen. Jetzt, im Prozess der Herstellung der CD und bei verschiedenen Treffen der Reiki-Gemeinschaft, hat sich dies geändert: Ich singe gerne.

Petra:
Wann fühlst du dich beim Singen am Besten, wie fühlt sich das an?

Rolf: Am besten fühle ich mich, wenn ich Kontakt habe. Wenn ich Kontakt habe mit den Menschen, die zuhören oder mitsingen. Wir sind dann eins und gehen zusammen darin auf. Es entsteht eine Einheit, von der ich das Gefühl habe, dass es das ist, wofür ich lebe. Und ich habe entdeckt, dass es noch eine andere Art von Kontakt gibt, die mich zu meinem Besten führt: wenn ich Kontakt zu mir selbst habe. Das ist ein Gefühl, dass sehr tief und zeitlos ist. Wenn mir dann Menschen zuhören, habe ich Kontakt mit ihnen auf Herzniveau, ohne dass mir dies bewusst ist. Das ist ein ganz neues, ganz tiefes Gefühl. Vielleicht verschiebt sich dieses Gefühl auch. Es ist so neu und so heilend, dass ich noch nicht viel darüber sagen kann. Am besten fühle ich mich, wenn die Energie heilend ist, sowohl für mich als auch für die Zuhörer.

Petra: Bist du schon mal nervös vor einem Auftritt?

Rolf: Ja, eigentlich immer. Nur wenn ich kurz vorher völlig in Verbindung bin mit der Energie, geht es gut und wie von selbst. Aber manchmal bin ich durch irgendwelche Umstände nervös und kann diese Tiefe der Verbindung nicht erreichen. Dann geht es schon manchmal daneben, ich vergesse den Text. Oder ich vertue mich. Nur meine Routine als Folksänger hilft mir dann da durch. Deswegen ist es so wichtig, ganz mit der Energie des Usui-Systems verbunden zu sein, dann läuft es von selbst.

Petra:
Wer ist der Rolf, der singt? Und der Rolf, der nicht singt, der die CD macht? Sind sie unterschiedlich?

Rolf: Ja, ich denke schon. Als Intendant eines holländischen Fernsehsenders und auch als Organisator verschiedener Theatervorstellungen, meinen früheren beruflichen Fachbereichen, war ich vertraut mit der Produktion. Diese Kenntnisse und Erfahrungen braucht man, um selbst eine CD herzustellen. Wenn ich meine eigenen Lieder singe, habe ich diese Erfahrung nicht. Früher habe ich Lieder, die von anderen geschrieben worden waren, gesungen. Das war noch mal ganz anders. Jetzt, als Sänger meines eigenen Werkes, fühle ich mich sehr verletzlich und taste mich in dem Prozess voran. Dabei fühle ich mich sehr von der Reiki-Gemeinschaft unterstützt.

Ohne diese Unterstützung wäre es wahrscheinlich nie soweit gekommen. Sie ist mein Stimulans, meine Nahrung. Eigentlich fühle ich mich auch nicht so sehr als Sänger, sondern als ein „Barde“, ein Troubadour, als jemand, der eine Geschichte erzählt und damit durch Straßen und Dörfer zieht. Das sind die Reiki-Treffen.

Petra: Hast du eine Idee oder einen Wunsch, was du „rüberbringen“ willst?

Rolf:
Ja, das hat damit zu tun, wie ich meine Aufgabe in diesem Leben sehe. Ich sehe es als meine Aufgabe, Menschen zusammen zu bringen, zu vermitteln, sie ihre Übereinstimmung spüren und hören zu lassen. Der eigene Verstand ist klug genug, dafür zu sorgen, dass man ein Individuum bleibt. Und das ist es, worin ich meine Aufgabe sehe. Manchmal versuche ich, das einigermaßen zu zügeln, und frage mich mit meinem einfachen Verstand: Rolf, müssen deine Lieder nur von Liebe sprechen, muss das so beteuernd sein. Es gibt doch auch andere Dinge, über die man singen kann.

Bis jetzt habe ich nur ein Lied über persönliche Liebe geschrieben, es handelt von der Liebe für meine Frau Li-Li. Der Titel ist „I love you“, er ist auch auf der CD. Aber sogar in diesem Lied hat meine Liebe für sie schon fast wieder einen universellen Wert. Also, ich versuche jedes Mal wieder, „normal“ zu sein und zu schreiben, aber es geht nicht. Es entsteht keine Tiefe, keine Energie.