Gedanken zur fünften Lebensregel

Von Oliver Klatt


In der ersten Zeit nach meiner Einweihung in Reiki habe ich die Lebensregeln nie so richtig ernst genommen – ganz nett, ja, aber alles in allem doch wohl etwas überholt und irgendwie nicht wirklich wichtig.

Mittlerweile jedoch bin ich auf die Lebensregeln gekommen. Gerade die ersten beiden haben es in sich, und auch in den drei anderen entdecke ich zunehmend bislang ungeahnte Tiefen und Dimensionen.

Seitdem ich berücksichtige, dass die Lebensregeln ursprünglich aus dem Japanischen stammen, und mit dem Wissen darum, dass es für japanische Schriftzeichen selten wirklich eindeutige Übersetzungen gibt, bin ich den Lebensregeln schon ein ganzes Stück näher gekommen.
Zwischen den Zeilen lesend und über die in der deutschen bzw. englischen Fassung enthaltene Bedeutung hinausgehend, versuche ich mittlerweile regelrecht zu erspüren, was sie tatsächlich tief in ihrer Essenz für eine Botschaft an mich in sich tragen.

„Empfinde Dankbarkeit für alles Lebendige.“

Selbst im Deutschen gibt es ja unterschiedliche Übersetzungen der Lebensregeln, zum Beispiel für die fünfte. Mit ihr hatte ich einmal ein beachtliches Aha-Erlebnis, als ich die mir zunächst bekannt gewordene Version „Sei dankbar für alles, was lebt“, mit der ich noch nie so recht was hatte anfangen können, einfach hinter mir ließ, und mich stattdessen mit der Version „Empfinde Dankbarkeit für alles Lebendige“ anfreundete. Diese leuchtete mir irgendwie sofort ein, da sie die Erlebnisebene anspricht – also: Dankbarkeit empfinden (= einen Zustand erleben) und nicht – ohne Anlass – einfach nur dankbar sein (= eine Eigenschaft übernehmen).

Als ich dann eines Morgens mit einem Bus durch die Stadt fuhr, in dem eine eher triste, unlebendige Stimmung vorherrschte, während ich selbst gerade auch nicht so gut drauf war, und dann auf einmal die Türen aufgingen und eine Gruppe von kleinen Kindern hereinströmte und eine quirlige, lebendige Stimmung verbreitete, die mich sofort belebte und erquickte, da dachte ich, wie schön es doch ist, dass gerade jetzt diese Gruppe kleiner Kinder in den Bus gekommen war, und spürte Dankbarkeit für diesen Umstand. Plötzlich kam mir die fünfte Lebensregel in der gerade neu von mir entdeckten Version in den Sinn, und mir wurde bewusst, dass ich sie gerade praktizierte, dass ich gerade Dankbarkeit empfand um mich herum, und ich war tief berührt.

Seitdem stehe ich in Beziehung zu dieser Lebensregel und kann sie nun, da ich ein konkretes Erlebnis mit ihr gehabt habe, immer besser verstehen.

Mittlerweile bin ich sogar in der Lage, wieder eine Brücke zu schlagen zu der vor einiger Zeit von mir abgelehnten Version dieser Lebensregel, denn nun, da ich Dankbarkeit wirklich empfunden habe, bin ich auch mehr und mehr dazu in der Lage, Dankbarkeit als grundlegende Eigenschaft in mein Sein zu integrieren.

Eine weitere Dimension der fünften Lebensregel erschließt sich mir gerade über die englische Version „Show gratude to every living thing“, in der der Akzent ja offensichtlich mehr auf dem Zeigen von Dankbarkeit liegt, also darauf, der Dankbarkeit wirklich auch Ausdruck zu verleihen. Dies ist etwas, was mir häufig noch recht schwerfällt, aber ich bin gespannt, welche Erlebnisse die Zukunft diesbezüglich für mich bereithält.

Regeln, Leitsätze oder Prinzipien?

Was sind nun die Lebensregeln eigentlich genau?
Sind sie Verhaltensregeln, gewissermaßen Faustregeln für das Leben hier auf Erden?
Sind sie grundlegende Leitsätze, bilden eine Art Leitlinie, eine Richtschnur?
Können sie als Prüfstein fungieren?
Setzen sie Maßstäbe?
Sind sie verlässliche Grundsätze, auf denen sich aufbauen lässt?
Sind sie Prinzipien, die die Grundlage für ein sinnvolles Sein darstellen?
Oder liefern sie einfach nur Anhaltspunkte?
Sind sie eine Art Kompass, eine Navigationshilfe?
Legen sie irgendetwas fest?
Lassen sie genügend Raum?
Sind sie nur für in Reiki eingeweihte Menschen von besonderer Bedeutung?
Oder haben sie sozusagen Allgemeingültigkeit?
Warum sind es gerade fünf Lebensregeln?
Wie sind sie eigentlich aufgebaut?
Haben sie eine eigene, ihnen innewohnende Ordnung, eine Art Schema, ein Strickmuster?
Sind sie in sich stimmig?

Letztendlich kann sich wohl jeder diese Fragen nur selbst beantworten.
Wer es wirklich wissen will, lässt sich am besten erst einmal auf die Lebensregeln ein.
Und setzt sich mit ihnen auseinander.

Vorbehaltlos und offen.

Die Lebensregeln stehen dazu bereit – jetzt und immerdar.