Reiki und asiatische Philosophie

Teil 1: Yin und Yang

Wer sich mit einer asiatischen Lebenskunst beschäftigt, wird sich früher oder später auch für den philosophischen Hintergrund interessieren. So erging es auch Eleni Duplessis, die neben Reiki die koreanische Kampfkunst Taekwondo ausübt. In einer Artikelserie beschreibt sie, wie sie sich den philosophischen Lehren Asiens nährte und welche Bedeutung diese für ihren (Reiki-)Lebensweg haben.


Als ich 1990 zum ersten Mal von Reiki hörte, hinterließ es scheinbar keine Spur in meinem Leben. Ein Jahr später kam ich erneut mit Reiki in Berührung. Während eines Gesprächs mit einer Freundin entstand ein Gefühl, das mir sagte, ich sollte diesen Weg einschlagen. Es war so, als ob ich immer darauf gewartet hätte. Diesem Gefühl nach entschloss ich mich ein paar Monate später, in den ersten Grad eingeweiht zu werden. Von diesem Moment an setzte sich ein innerer Prozess in Bewegung.

Heute sehe ich deutlich, wie sich dieser Weg angebahnt hat. Damals erlebte ich aber nur Veränderung und wusste noch nicht, wohin der Weg führen würde. Ich dachte ursprünglich, Reiki wäre eine Kunst wie Teakwondo, eine koreanische Kampfkunst, mit der ich mich schon jahrelang beschäftigt hatte. Langsam entwickelte sich aber eine Tiefe, die mir bis zu diesem Moment unbekannt war. Befreundete Koreaner halfen mir durch ihre Art, eine tiefe Einsicht zu bekommen.
So war einerseits Reiki und andererseits dieser Kontakt zu Koreanern, der durch meine Kampfsporttätigkeiten entstanden war, den Anreiz dafür, mich intensiver mit der fernöstlichen Kultur auseinanderzusetzen.

Der Ursprung von allem

Es ist allgemein bekannt, dass Asiaten sich die Weltanschauung und die philosophische Tradition Asiens – womit hier vor allem China und Japan gemeint sind – deutlich von den europäischen Denkgewohnheiten unterscheiden. Im Bereich der Medizin z. B. befassen sich Ärzte vorwiegend mit Symptomen. Der asiatische Arzt hingegen richtet seine Aufmerksamkeit auf das gesamte Individuum, denn in seinem Denken steht der Mensch als Ganzes im Mittelpunkt. Im westlichen Denken betrachtet der Mensch die Natur als ihm Untertan, im asiatischen Denken strebt er nach Harmonie mit ihr. Durch Meditation z.B versucht der Mensch, Anschluss an die kosmische Energie (Ki) zu finden und damit sein Streben zu vervollkommnen.

Im Zentrum des Wirbelsturms

Wer sich näher mit einer asiatischen Kunst auseinandersetzt, stellt schnell fest, dass dazu auch der philosophische Hintergrund gehört. Vernachlässigt er diesen, werden bedeutende Merkmale fehlen. Aus Gesprächen mit anderen Taekwondo-Sportlern und Reiki-Schülern erfuhr ich, dass viele – nach langjähriger Ausübung der Kunst – dieselbe Erfahrung gemacht hatten. Sie entdeckten im Augenblick hoher Belastung, dass sie eine besondere Erfahrungsdimension erlebten, wo Stille und Ruhe ihnen Kraft verliehen. Obwohl die Art und Weise von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, bleibt die Entdeckung des Wesentlichen, der Essenz im Grunde genommen ähnlich.

Diese Erkenntnis würde ich wie folgt beschreiben: Die Essenz ist Gefühl und Tiefe zugleich ein Wissen der besonderen Art, eine innere Klarheit. Für Einsteiger bleibt sie zunächst geheimnisvoll. In der Ausübung z. B. einer Kampfkunst geht der Weg über die körperliche Betätigung, bevor sich die Essenz im tiefen Inneren offenbart.

Ob ich meditiere, Taekwondo, Qigong oder Reiki übe, ich muss den Weg von außen nach innen gehen. Denn nur so kann ich in einen besonderen, offenen Geisteszustand kommen, um die Essenz zu erleben. Dieser Weg wird von einem Lernprozess begleitet, und es kann auch passieren, dass die Essenz verborgen bleibt. Dann setzt sich die Suche nach ihr weiter fort. Obwohl das Leben selbst aus Suche besteht, bekommt die Suche eine andere Qualität, wenn man die Essenz erkannt hat. Die Essenz wird sich jedoch nie ganz zeigen. Auf dem Lernprozess kommen immer nur Teile an die Oberfläche, die langsam eine Einheit bilden.

Die fernöstliche Philosophie, so wie ich sie in asiatischen Kreisen erfahren habe, bezeichnet die Energie (Ki) als das „absolute Nichts“, aber auch als den „höchsten Seinsgrund“. Was als Gegensatz erscheint, ist eigentlich nur ein und dasselbe. Das „absolute Nichts“ steht für das Unfassbare, das Unvorstellbare und die Unendlichkeit des Universums. Der „höchste Seinsgrund“ ist das Ziel jedes Lebewesens, zum Universum zurückzukehren. Die Yin/Yang-Lehre
macht die Abstraktheit dieser Philosophie begreibar, sie durchdringt jeden Aspekt des asiatischen Gedankenguts.

Yin und Yang

Alles wird in zwei komplementäre Kräfte – Yin und Yang – unterteilt. Diese bezeichnen gegensätzliche, aber einander ergänzende Wirkungsrichtungen. Die Yin/Yang-Lehre ist der Versuch, Teile des Ganzen einzugrenzen, um deren Funktion besser verstehen zu können. Yin und Yang werden Aspekte zugeordnet, in denen sich der Energiewandel im Universum zeigt.

Nach der asatischen Philosophie besteht das Universum aus Energie, die durch das Wechselspiel von Yin und Yang entsteht. Diese Energie ist nicht statisch, sondern sie fließt ununterbrochen. Alles Lebendige sowie die Materie selbst hängen von ihr ab. Die Asiaten erleben das Universum als eine ständige Veränderung des Energieflusses.

Das traditionelle Yin-Yang-Symbol spiegelt sehr genau diese zyklische Dynamik wider. Das Universum versucht, diesen Energiewandel im Gleichgewicht zu halten. Die daraus resultierende Harmonie oder Einheit wird als DO (chin.: Dao, Tao) bezeichnet. Innerhalb dieser Einheit (auch „das große Absolute“ genannt) ergänzen sich die zwei entgegengesetzten Energieformen Yin und Yang. In ihrem Wechsel verwandeln sie sich ineinander. Alles, was sich bewegt, kommt irgendwann zum Stillstand und umgekehrt. Aus diesem Grund sind Yin und Yang keine sich ausschließenden Aspekte, sondern sie bilden eine Einheit.

Wie alles, was lebt, diese Dualität in sich trägt, so bleibt das Ziel die Vereinigung dieser Kräfte. Wo es z. B. Leben gibt, ist auch Tod. Aus diesem Muster kommt man also nicht heraus, denn alles Lebendige strebt die Vereinigung von Geist und Körper. Wenn z. B. der Geist fehlt, bleibt nur eine Hülle, der Leichnam.

Das „große Absolute“ ist zwar unendlich (Yin), enthält aber alles in sich (Yang). Jeder der beiden Aspekte enthält gleichzeitig auch einen Anteil des anderen in sich, was durch die „Augen“ im Yin/Yang-Zeichen symbolisiert wird. Man kann jeden Aspekt wiederum unterteilen. Wenn z. B. „kalt“ Yin und „warm“Yang sind, in „eiskalt“ und „mäßig warm“. Diese Art, Bestandteile des Ganzen immer weiter zu unterscheiden, ermöglicht eine genauere Betrachtungsweise.

In Beziehung zu Yin/Yang-Lehre lässt sich folgendes über Reiki sagen: Gleiche Anteile von Yin (Nehmen) und Yang (Geben) sorgen für einen gleichmäßigen Energieaustausch. Wenn alles stimmt, fühlt man sich einerseits in seiner Mitte, anderseits an „das große Absolute“ angeschlossen.

Ein Übermaß einer der Aspekte wird als Disharmonie angesehen, und eine Disharmonie führt zu Unzufriedenheit. In der asiatischen Medizin wird Krankheit als eine Disharmonie von Yin und Yang gedeutet, die Therapie stellt die Harmonie wieder her.

Der Verlust eines „Freundes“

Vor einem Jahr machte ich eine besondere Erfahrung. Sie war die erste dieser Art. Ich verlor meinen elfjährigen Kater Kouklos. In den letzten Stunden blieb ich bei ihm und begleitete ihn mit Reiki bis in den Tod hinein. Obwohl diese Erfahrung für mich sehr schmerzlich war, hielt ich es für meine Pflicht, nach so vielen Jahren Zuwendung und Loyalität ihm in diesem Augenblick beizustehen. Reiki war für mich der einzige Weg, um ihn auf seiner Reise zu begleiten. Durch Fern-Reiki waren wir auch nach seinem Ableben eng miteinander verbunden.

Zwei Monate später, als ich ein etwa einmonatiges Kätzlein bei mir aufnahm, das mich sehr an Kouklos erinnerte, spürte ich, dass Kouklos mir ein Zeichen geben wollte, dass er noch bei mir war. So lernte ich durch diese schmerzhafte Erfahrung, dass meine harmonische Beziehung zu Kouklos gleiche Anteile von Nehmen und Geben trug.

Diese Erfahrung verhalf mir zu einem besseren Verständnis davon, wie sich das Unfassbare und das Unvorstellbare (das „absolute Nichts“) mit dem Universum (dem „höchsten Seinsgrund“) vereinigt. Einerseits konnte die Energie mit Reiki in die Unendlichkeit des Universums ungehindert fließen. Andererseits kehrte nach dem Tod (Yin) das Leben (Yang) wieder zurück. Ich hatte gegeben und erhielt etwas Kostbares zurück, nämlich die Erkenntnis, wirklich an „das große Absolute“ angeschlossen zu sein. Seitdem empfinde ich eine Zuversicht, die mir bis jetzt unbekannt war. Der „höchste Seinsgrund“ dabei ist, Teil des Universums zu werden. Reiki half mir, meinen Weg zu finden. Reiki hilft mir auf diesem Weg zu bleiben.

Gleiche Anteile von Yin (Nehmen) und Yang (Geben) sind wichtig. Das Streben nach Harmonie ist ein Naturgesetz, und Reiki bedient sich der gleichen Elemente. Diese Erkenntnis verhilft mir, in besserem Kontakt zu mir zu stehen, denn ich bin dann in meiner Mitte. Taekwondo und Reiki habe ich in meinem Leben integriert. Durch die tägliche Praxis erlebe ich die Kraft, die aus dem Zusammenspiel von Yin und Yang kommt.