Der Reiki-Bus

Eine Reiki-Geschichte von Matthias Grünewald


Herbert M. ist Ingenieur, Abteilung Konstruktion von Hochvakuumpumpen bei der Hesch in Darmstadt. Herbert M. ist neu zugezogen. Er kam aus Trossingen und wohnt seit einigen Wochen in Babenhausen. Um zur Arbeit nach Darmstadt zu kommen, fährt Herbert M. Bus. Mit dem 99234, einem typischen Zubringerbus, Schienenersatzverkehr, eingesetzt, als die Bahn begann, Strecken aus Rentabilitätsgründen stillzulegen. Abfahrt ist 6.24 Uhr an der alten Kirche, 6.54 Uhr Hergershausen und 7.28 Uhr Darmstadt Hauptbahnhof – Endstation. Tag ein, Tag aus. Sommer wie Winter.

Auch die Fahrgäste sind immer dieselben. Man kennt sich. Die meisten sitzen immer am gleichen Platz. Stammgäste auf Stammplätzen. Das Anrecht darauf mit den Jahren erworben. Wer zu dieser frühen Morgenstunde einsteigt, grüßt mit einem „Guten Morgen“, sucht seinen Platz auf und verbringt die Fahrzeit entweder mit Zeitunglesen, einem Schwätzchen mit dem Nachbarn – das tun die wenigsten –, oder in einem dämmerähnlichen Zustand, irgendwo zwischen Wachen und Schlafen. Das tun die meisten. Was gäbe es auch anderes zu tun? Die Landschaft entlang der Strecke ist immer gleich, nur die Jahreszeiten wechseln – im immer gleichen Rhythmus.

Herbert M. hatte kurz vor seinem Umzug einen Reiki-Kurs in Stuttgart belegt. Eine persönliche Krise ließ ihn nach neuen Wegen suchen. „Heilung durch Handauflegen“ erschien ihm ein verlockender Gedanke. Veränderung, ohne sich durch therapeutische Mammutsitzungen quälen zu müssen, das hatte etwas für sich, obwohl das Einweihungsritual ihn stark an Hokuspokus erinnerte. Herbert M. war als Ingenieur in der Welt berechnender Zahlenwerke zu Hause. Unerklärbare Phänomene beunruhigten ihn. Auch wenn er sich erinnerte, sser CD-Brenner, den sie für einen japanischen Auftraggeber konstruiert hatten, andere Ergebnisse brachte als die baugleiche Maschine im Darmstädter Stammwerk.

Herbert M. fuhr nun schon seit einigen Wochen mit dem Bus regelmäßig zur Arbeit. Der Reiz des Neuen war Langeweile gewichen. Beiläufig kam ihm der Gedanke, sich während der Fahrt die Hände aufzulegen. Herbert M. blickte sich vorsichtig um und entschied sich dann dafür, den Mantel über die vor der Brust verschränkten Arme zu legen. „Vorsicht ist nie verkehrt“, sagte er sich.

„Was machen Sie denn da?“, fragte wenig später der Sitznachbar, nachdem er Herbert M. einige Minuten in bewegungsloser Stille versunken beobachtet hatte. „Ich?“ schreckte Herbert M. hoch, sah seinem Gegenüber mit ertapptem Blick ins Gesicht und sagte nach kurzem Zögern: „Autogenes Training“. Sein Nachbar nickte verständig. „Bei meiner Frau hat´s nichts geholfen. Die ist dauernd krank. Immer wieder was Neues. Jetzt hat se’s an der Schilddrüse.“ „Isch war neulich beim Dokter, wesche meim Knie“, fügte ein weiterer Fahrgast hinzu, „und was hat er gefunne – nix. Un was hat er net alles unnersucht. Sogar Apostrophie hat er gemacht.“ „Des heißt Atroskopie“, korrigierte ihn sein Nachbar. „Des ham se bei mir auch schon emal gemacht.“ Und ein weiterer Fahrgast: „Des is doch alles nur Geldmacherei. Uns kleine Leut’ wollen die doch nur das Geld aus’em Portemonnaie ziehen.“ Zustimmendes Gemurmel von den umliegenden Sitzen machte sich breit.

„Eigentlich“, meldete sich Herbert M. zaghaft zu Wort, die Hände fest auf der Brust haltend, „ist es eher Reiki als autogenes Training“. „Reiki“, wiederholte sein Nachbar fragend, blickte in die Runde und schloss mit: „Isch kenn’ nur Bonsai.“ Die Buswände wackelten im Takt der dröhnenden Lacher. „Manche sagen auch Bonsai dazu“, stimmte Herbert M. zu und richtete sich etwas auf. „Aber die, die sich wirklich gut damit auskennen, sagen Reiki.“

Für einen kleinen Moment herrschte nachdenkliche Stille im Bus, bis sich ein weiterer Fahrgast zu Wort meldete. „Was is’n des Reiki jetzt genau?“ „Mit Reiki“, so Herbert M. wissend, „bleibt man frisch und hat Kraft ...“ „Meine Mutter schwört auf Ginseng“, fiel der Sitznachbar dazwischen. Herbert M. fuhr unbeirrt fort „... und verdient doppelt soviel Geld wie vorher“. Mittlerweile waren so ziemlich alle Fahrgäste aus ihrer Dämmerung erwacht. „Isch spiel’ seit zwanzig Jahren Lotto un hab noch nie was gewonne.“ „Isch ach net“, bestätigten sich zwei ältere Herren aus der Mittelreihe gegenseitig. „Ja, weil Sie immer noch der gleiche sind“, sagte Herbert M. „Es ist wie beim Fußball. Ohne Reiki spielen Sie vielleicht in der Regionalliga, mit Reiki steigen Sie auf, Bundesliga. Meinen Sie etwa, wer in der Bundesliga spielt, kriegt das gleiche Gehalt wie jemand aus der 2. Liga?“ „Nee, des is klar“, bestätigte die gesamte Busbesatzung einhellig.

„Eben“, sagte Herbert M. und lächelte wie nach dem 1:0. „Un was hat des mit Reiki zu tun“, fragte ein Herr, der von den vorderen Sitzreihen durch den Mittelgang näher kam, um dem Gespräch besser folgen zu können. „Tja“, begann Herbert M. genießerisch, „Reiki ist Wachstum, Entwicklung, innen und außen.“ „Sind Sie Pfarrer?“ unterbrach ihn eine skeptische Stimme. Herbert M. fuhr unbeeindruckt fort: „Reiki ist Energie. Und ein Vulkan hat eben auch mehr Feuer als ein Kohleofen. Bildlich gesprochen wirft Reiki ihren alten Kohleofen raus und installiert eine moderne Zentralheizung.“ Fragende Blicke trafen Herbert M. „Oder anders gesagt, fügte er schnell hinzu: „Reiki ist wie eine Beförderung.“ Die Umstehenden nickten verstehend. „Wie kann man denn aufsteigen, in die Bundesliga?“ „Mit Training“, antwortete Herbert M. seinem Fragesteller. „ändeauflegen ist die Praxis. Alles andere kommt dann von selbst.“

Bevor jemand eine weitere Frage stellen konnte, kündigte der Fahrer die Endstation „Darmstadt Hauptbahnhof“ an. Die meisten waren überrascht, schon am Fahrziel angekommen zu sein. Eilig suchten sie ihre Taschen und Mäntel zusammen. Dann hielt auch schon der Bus. Die Türen öffneten sich und entließen die Pendler ins Freie. Sie strömten in alle Richtungen auseinander „Bis Morgen“ war vereinzelt zu hören, ehe die einen im Eingang des Bahnhofs verschwanden oder in Richtung Innenstadt, wo ihre Arbeitsstätten lagen. Auch Herbert M. machte sich auf den Weg zu seinem Büro. Vor ihm lag ein anstrengender Tag am Computer.

Am darauffolgenden Morgen traf sich die gewohnte Busbesetzung wieder. Ein mehrfaches freundliches „Guten Morgen“ empfing Herbert M., als er sich auf einen freien Platz am Fenster setzte. Es herrschte eine Atmosphäre von gespannter Erwartung. Niemand sagte ein Wort. Stille, bis auf das gleichmäßige Brummen des Motors. Herbert M. schaute sich irritiert um. Ein Passagier hielt sich mit beiden Händen den Kopf. Ein anderer den Bauch. Alle anderen hatten die Hände irgendwo am Körper abgelegt und nickten Herbert M. auffordernd zu.

Die zwei Herren mit Knieproblemen hielten in vornübergebeugter Haltung ihre Knie in festem Griff. Das Kinn auf die Lehne des Vordersitzes gestützt. „Wie lange mss man denn so trainieren“, brachen sie als erste das Schweigen. „Isch krieg’ nämlich ‘nen steifen Hals.“ Herbert M., der das Lachen nur mit Mühe zurückhalten konnte, meinte trocken: „Training ohne Trainer, das ist wie ein Haus ohne Dach.“

„Seh`n Se, das hab’ ich Ihnen doch gleich gesagt“, rief Arthur W. aus Reihe eins. „Da muss mer bestimmt en Kurs mache oder so ‘ne Fortbildung. Mein Frau is jed Woch auf Fortbildung, die ham soviel zu tun mit der Eröffnung von dem neue Kaufhaus. Die muss schaffe für zwei, aber die finne ka Leut. Un dabei denkt mer immer, es gäb’ soviel Arbeitslose. Abber suche Se mal Verkäufer.“ „Meinen Sie den neuen Joh Markt?“, lehnte sich jemand aus Reihe zwei nach vorn. „Mein Name ist Peter K., das wäre vielleicht etwas für meine Frau, müssen Sie wissen. Wir wollen nämlich gern mal auf die Malediven in Urlaub, aber das ist immer so teuer.“ „Ach, bei uns im Reisebüro hängt ein unglaublich günstiges Angebot“, warf Reihe drei Fensterplatz dazwischen.

Im Nu war ein reges Gespräch der Businsassen in Gang. Jemand aus der letzten Reihe entdeckte im Gespräch mit Reihe eins gemeinsame sportliche Interessen. Man verabredete sich zum Squash und tauschte die Plätze. Reihe fünf suchte jemanden mit gärtnerischen Qualitäten zum Heckenschneiden und fand ihn in Reihe acht. Während der restlichen Fahrzeit bis zur Endhaltestelle erinnerte die Atmosphäre im Bus an die einer Reisegesellschaft ins Elsass. Stimmengewirr und Gelächter wechselten sich gegenseitig ab. Das Ende der Fahrt wurde als eine unpassende Unterbrechung empfunden und mit einem kollektiven „Oh, schade“ quittiert.

Herbert M. stieg als letzter aus, den Blick kopfschüttelnd auf seine Hände gerichtet. Im Büro lag eine Notiz seiner Sekretärin auf dem Schreibtisch. „Bitte beim Chef melden“, stand darauf. Herbert M. machte sich gleich auf den Weg in den dritten Stock, klopfte an die Tür und wartete. „Hoffentlich gibt es keine Schwierigkeiten mit dem CD-Brenner-Projekt“, dachte er, ehe Herbert M. hereingerufen wurde.

„Wir haben da ein kleines Problem“, begann der Chef, während sich Herbert M. setzte. „Unsere Konstruktionsabteilung in Norddeutschland liegt praktisch still“, fuhr er fort, „wir brauchen einen qualifizierten Mann, der die Abteilung neu gruppiert und während der Anlaufzeit begleitet. Und dabei dachten wir an Sie.“ „Aber ich bin doch erst seit drei Wochen hier“, wandte Herbert M. ein. „Genau das ist ein Grund, weshalb wir glauben, dass Sie der Richtige für diese Aufgabe sind“, entgegnete der Chef. Sie sind noch nicht im neuen Umfeld verwurzelt. Und bevor Sie sich hier richtig eingelebt haben, ist es uns lieber, Sie spielen Feuerwehr in Steyersberg. Ihr Projekt hier kann während Ihrer Abwesenheit Herr P. kommissarisch betreuen. Selbstverständlich bleiben Sie Projektleiter. Der einzige Nachteil“, so der Chef weiter, „da unser Werk außerhalb gelegen ist, und Sie weder Auto noch Führerschein haben, sind Sie auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Sie müssten daher mit dem Bus zum Werk fahren.“




Matthias Grünewald, geb. 61, Schauspieler, seit ‘95 Reiki-Meister in der Linie Usui - Furumoto und Heilpraktiker in eigener Praxis in der Nähe von Hanau.