Eine Reise ins Unbekannte - Teil 2


Anfang 1998 begleitete Cornelia Bauer die deutsche Reiki-Meisterin Ursula Klinger-Omenka und ihren nigerianischen Mann Ikechukwu Simeon Omenka nach Avu in Nigeria, um beim Aufbau ihrer Reiki-Klinik zu helfen. In Ausgabe 1/99 berichtete sie über ihre ersten Erfahrungen in diesem Land, in dem vieles anders ist als bei uns und wo selbst alltäglich erscheinende Handlungen wie Essenszubereitung oder das Nähen von Vorhängen, das Cornelia Bauer übernahm, reichlich Geduld und Improvisationsgeschick erfordern.



Ikechukwu kümmerte sich um alle Angelegenheiten, die das Haus betrafen, Ursula schrieb weiter an ihrem Buch, und ich amüsierte mich mit der Nähmaschine. An die immer wiederkehrenden Stromausfälle hatte ich mich inzwischen gewöhnt, sie sogar teilweise in meine Arbeit mit eingeplant. Doch dass eine Nähmaschine auch streikt, wusste ich bis dahin noch nicht. Zum wiederholten Mal musste ich feststellen, dass in Nigeria alles ganz anders ist. Die Nähmaschine hörte einfach auf zu nähen, sie machte keine Anstalten mehr, sich zu bewegen. Die Hitze brachte die Maschine zum Erliegen, sie brauchte eine Ruhepause. Man sagte, nicht nur wir Menschen bräuchten mehr Pausen, auch die Maschinen.



Alle warteten auf eine Abkühlung, sei es Regen oder ein Gewitter mit Regen, nur kühler sollte es werden. Der Regen kam, und auch das Gewitter, aber in einem Ausmaß, das in Europa als Katastrophe betitelt worden wäre. Es war ein wahrer Wolkenbruch, wie aus Kübeln platschte das Wasser auf die Erde. Die Blitze zuckten über den Himmel, für Sekunden war es taghell und der Donner übertönte alle anderen Geräusche. Die Natur in solch einer Macht zu erleben, war mir bislang verwehrt geblieben. Ich sah mir gebannt dieses Naturschauspiel durch das Fenster an und war froh, an einem sicheren Ort zu sein.

Am nächsten Tag sahen wir das ganze Ausmaß des Unwetters. Der Strom war seit der Nacht ausgefallen, wir mussten nun alles über ein Notstromaggregat laufen lassen, was zu noch mehr Engpässen führte. Außerdem hatte der Regen eine der Grundmauern am Eingangstor weggerissen, und die untere Etage war überflutet. Im Hof war die Erde so massiv abgesackt, dass richtige Krater entstanden waren. Das sind die Abenteuer, von denen Ursula gesprochen hatte, die unvorhersehbaren und nicht kalkulierbaren Ereignisse. Und es sollten noch mehr folgen.


Der Termin für das erste Reiki-Treffen stand fest, bis dahin war noch vieles zu erledigen. Ikechukwu kümmerte sich um die Klimaanlagen und Ventilatoren, keine leichte Aufgabe bei ständigem Stromausfall. Ursula gestaltete den Seminarraum. Sie zauberte ein wundervolles Edelstein-Mandala, das auf einem runden Tisch inmitten des Seminarraums seinen Platz fand. Die Schwingungen der verschiedenen Edelstein- und Kristallgruppierungen brachten eine ganz eigene und besondere Atmosphäre in den Raum.

Am 13. Januar 1998 war die einzigartige Premiere: Nach fast einem Jahr Abwesenheit von Ursula und Ikechukwu fand in Avu das erste Reiki-Treffen in der ersten Reiki-Klinik Nigerias statt. Ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis, dem ich beiwohnen durfte. 22 Reiki-Freunde teilten mit uns dieses denkwürdige Ereignis, freuten sich und tauschten Neuigkeiten aus, planten neue Aktionen. Ein tiefes Gefühl der Verbundenheit und Gemeinsamkeit herrschte an diesem Tag.

Es erstaunte mich sehr, unter den 22 Anwesenden nur eine einzige Frau anzutreffen, und zwar Ikechukwus Schwägerin. Später erfuhr ich, dass alles Neue von den Männern „erforscht“ wird, inwieweit es der Familie von Nutzen sein kann. Das Leben der Frauen dreht sich um die Kinder und den reibungslosen Ablauf im häuslichen Bereich, was wahrlich einen hohen Aufwand an Zeit und Improvisationstalent erfordert.

Reiki arbeitet in Nigeria

Eine neue Reiki-Aktion kristallisierte sich heraus: Informationen über Reiki sollten den Mitarbeitern der Shell AG nahegebracht werden. Zum ersten Mal hörte ich zwei wichtige und entscheidende Worte, die eine intensive, wegweisende und energetische Aussage bildeten: „Reiki works“ – Reiki arbeitet für sich.

Einige Tage später fuhren wir nach Port Harcourt zur Shell AG, im Gepäck Informationsmaterial und ein Reiki Magazin aus Holland. Shell beschäftigt auch Holländer, die wir erreichen wollten. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis wir endlich einen für uns zuständigen „Chef“ fanden. Der war dann leider doch nicht für uns zuständig und schickte uns zu einem anderen, welcher den ganzen Tag außer Haus war, doch sein Vertreter konnte uns empfangen. Aber Aussagen machen oder Stellung beziehen konnte beziehungsweise durfte dieser nun wirklich nicht ... und überhaupt, was sei eigentlich Reiki? ... Dieses Spiel dauerte ungefähr drei Stunden, und wir landeten wieder in der „Warteschleife“.

Plötzlich stand Ikechukwu auf, ging mit festem Schritt zur Information und fragte, ob Mr. Douglas im Hause sei. Ja, er sei da, man zeigte uns den Weg. Ursula und ich fragten uns: Wer ist Mr. Douglas? Ikechukwu kannte ihn auch nicht, er war einer Eingebung gefolgt, eben nach diesem Herrn zu fragen. Mr. Douglas war einer der Mediziner der Shell AG, leider auch außerhalb unterwegs. Aber sein Vertreter war sehr angetan von Reiki und der Idee, Informationsveranstaltungen über Reiki zu organisieren. Man würde sich melden. Reiki works. Das war die Geschichte von Mr. Douglas, den keiner von uns wirklich kannte.

Ein weitaus größerer Erfolg war die Einladung zu einem Ärztekongress mit über 100 Teilnehmern. Ikechukwu und sein Bruder Chris stellten Reiki vor und demonstrierten die einzelnen Körperpositionen. Die Anwesenden folgten mit großem Interesse den Ausführungen und stellten Fragen. Die Resonanz und das Interesse an Reiki waren größer als erhofft. Durch diese Veranstaltung ist Reiki in die Bereiche der Medizin vorgedrungen, erfreulicherweise mit Wohlwollen der Ärzte. Eines der Ziele der Reiki-Klinik rückt näher: die Zusammenarbeit zwischen Reiki-Praktizierenden und Ärzten. Reiki works.

Ahnen und wohlmeinende Geister

In Nigeria ist es Tradition, eine gemeinnützige Einrichtung wie die Reiki-Klinik zu segnen, alle bösen Geister zu vertreiben und alle wohlgesonnenen, liebevollen und unterstützenden Geister zu rufen und um Beistand zu bitten. Diese Zeremonie dürfen nur ganz bestimmte ausgewählte Dorfbewohner durchführen. Einer der wichtigsten ist der Dorfälteste, weiter gehören dazu alle am Kauf des Grundstückes beteiligten Männer und natürlich die Eigentümer der Einrichtung. Frauen sind bei dieser Zeremonie eher die Ausnahme.


Es lag ein mystischer Hauch im Raum, ich spürte eine leichte Spannung. Der Dorfälteste eröffnete die Zeremonie, sprach Worte, die ich natürlich nicht verstand, und nahm plötzlich ein kleines Horn – es sah aus wie ein Hörrohr –, murmelte etwas und goss dann Flüssigkeit auf den Erdboden. Dieses wiederholte er insgesamt drei Mal. Danach schüttelte er Ikechukwu, Ursula und mir die Hand und setzte sich auf seinen Platz. Der nächste stand auf, und die Zeremonie begann von neuem. Ich begriff, dass es ein Trinkhorn war, in dem sich Palmenschnaps befand. Mir wurde erklärt, dass die drei Tropfen Schnaps eine Segnung für die Ahnen, eine für das Gelingen der Klinik und eine für die guten Geister, die die Klinik unterstützen sollen, bedeuteten. „Na dann Prost!“ – So segnete einer nach dem anderen auf diese Weise die Klinik.

An einem lauen Morgen fuhren Ursula, Ikechukwu und ich in aller Frühe in Ikechukwus Dorf zu einem Dankgottesdienst der Familie Omenka. Es ist ein alter Brauch, Gott zu danken, wenn nach dem Tod eines Familienoberhauptes im darauffolgenden Jahr ein Kind gleichen Geschlechts in dieser Familie zur Welt kommt. Der Glaube ist, dass die Seele des Verstorbenen in diesem Kind weiterlebt. In der Familie Omenka wurden zwei Söhne geboren, welch eine Freude. Der Gottesdienst war ein Fest. Der Chor sang zu Trommeln und anderen, mir unbekannten Instrumenten, eines sah aus wie eine Tonvase. Die Menschen tanzten in ihren bunten Kleidern zum Rhythmus der Musik.

Die Feste sind bunt und fröhlich

Dann kam der Höhepunkt. Alle Familien, die danken wollten, brachten ein Opfer: Hühner wurden zum Altar gebracht und eine Ziege, Eier und Brot, Jamwurzel, Kerzen und vieles mehr. Ich war beeindruckt und gerührt zugleich, so ein farbenfrohes und lebendiges Fest hatte ich noch nicht erlebt.


Nach dem Gottesdienst fand ein Familienbeisammensein mit einem traditionellen Essen bei „Mama“ Omenka statt. Zur Familie zählte nicht allein die Verwandtschaft, die Kinder aus dem Dorf waren anwesend, ebenso Nachbarn und Freunde. Ich wurde von der gesamten Familie Omenka so liebevoll wie eine Tochter oder Schwester aufgenommen. Ich fühlte mich bei ihnen zu Hause, dafür möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken, ich habe mich sehr wohl gefühlt.

Wir hatten einen Turnus aufgestellt, in dem wir kurze Botschaften nach Deutschland beziehungsweise Österreich brachten. Etwa alle zwei Wochen telefonierten wir, Ikechukwu rief bei seinen Kindern an, ich bei meinen Eltern, denn mein Vater war sehr krank. Das Telefonieren war eine Halbtagsarbeit. In Owerri, dem nächstgrößeren Ort, gab es eine „Service Station“, dort konnten wir nach Übersee telefonieren und faxen. Wie in alten Zeiten meldeten wir unsere Telefonate an, mussten sie im voraus bezahlen und warten, bis die Leitung zustande gekommen war. Mit viel Glück dauerte ein Anschluss etwa eine Stunde, meistens jedoch länger. Da hieß es, Zeit und Geduld mitzubringen.

Telefonieren als Halbtagsarbeit

Von meiner Mutter hörte ich, dass alles in Ordnung sei. Doch ich spürte eine unbeschreibliche Unruhe in mir, irgendetwas zog mich nach Hause. Ein Telefonat mit meiner Freundin Tage später bestätigte mein Gefühl: Meine Mutter war ins Krankenhaus gekommen. Ich wusste sofort, ohne eine Diagnose zu kennen, dass sie sehr schwer krank war. Ich erlebte eine Nacht mit Alpträumen, und am Morgen war klar, dass die Seele meiner Mutter mich gerufen hatte, ich würde eher und allein nach Deutschland zurückfahren.


Die Organisation der Rückreise gestaltete sich schwierig. Das Umbuchen des Rückfluges nahm schon einige Tage in Anspruch. Das nächste Büro der Swissair war über 100 km entfernt, also mussten wir telefonieren ... Mein Herz war schwer, all die lieben Menschen schon jetzt, vier Wochen eher als geplant, verlassen zu müssen. Die gesamte Familie Omenka und viele Reiki-Freunde gaben mir ihre Liebe und ihr Mitgefühl sowie die besten Genesungswünsche für meine Mutter mit auf den Weg.

Teo, Ikechukwus Schwager, sollte mich nach Lagos begleiten; denn eine weiße Frau allein reisen zu lassen, ist ein sehr gewagtes Abenteuer. Chris, Ikechukwus anderer Bruder, brachte uns frühmorgens nach Port Harcourt zum Flughafen, und das Abenteuer Rückflug begann. Der Flug startete pünktlich und verlief ohne Zwischenfälle. In Lagos gingen wir an den Swissair-Schalter, um die Umbuchung zu bezahlen. Da erwartete uns eine Überraschung: keine Umbuchung und kein Rückflug auf meinen Namen! Ich war sprachlos, und das soll etwas heißen.

Ich fliege, das war klar! Nach einigen Telefonaten machte mir der Mitarbeiter Mut – er sah, wie verzweifelt ich war. Eine halbe Stunde später hatte ich den letzten Platz im Flieger nach Zürich. Erst am Flughafen erfuhr ich, dass ich den Platz nur bekommen hatte, weil ein zweites Flugzeug nach Zürich eingesetzt worden war, eine Stunde nach dem regulären Flug, niemand wusste aus welchem Grund. Mein Gefühl war: Reiki begleitet mich. Die Weisheit, die ich seit meiner 1. Grad Einweihung mit auf meinen Reiki-Weg bekam, „Reiki weiß Bescheid“ bewahrheitete sich zum unzähligen Male.

Die Hitze machte uns sehr schlapp, wir gönnten uns ein leichtes Mittagessen. Teo begab sich danach auf Zimmersuche, denn er fuhr erst am nächsten Tag mit dem Bus nach Avu zurück, und ich saß in einem Hotel in der kühlen Empfangshalle, trank Tee und beobachtete die Menschen. Am frühen Abend fuhren wir zum internationalen Flughafen von Lagos. Ich verabschiedete mich von Teo, mit herzlichem Dank für seine Unterstützung. Ich war eingecheckt für den Flug nach Zürich!

Nach fünf Stunden Wartezeit bestieg ich das Flugzeug Richtung Heimat. Mir war weh ums Herz, aber ich wusste genau: Ich komme wieder in dieses Land und zu diesen liebevollen Menschen, die mich sehr viel lehrten!




Cornelia Bauer, geb. 1954 im Zeichen des Krebses, Sozialarbeiterin, arbeitete in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern: Aufbau eines Frauenhauses, Jugendarbeit, arbeit mit wohnungslosen Männern. Ausbildung zur Mediatorin, seit zehn Jahren Reiki-Kanal und seit zweieinhalb Jahren Reiki-Meisterin. Hobbies: ganzheitliche Medizin und Trommeln.