Im Informationszeitalter ist Üben immer noch der beste Lehrer


In den letzten Jahren hat sich so manche/r Reiki-Schüler/in einen Computer zugelegt und ist im Internet auf die Suche nach Informationen zu Reiki gegangen. Was man dort vorfindet, ist jedoch oft enttäuschend. Es mag ein Klischee sein, das Internet als „Informationsdschungel“ zu bezeichnen, aber in gewisser Weise ist es wirklich so. Auf der Suche nach Reiki im Internet wird man mit einem dichten Gewirr von Informationen konfrontiert. Und in Buchhandlungen ist es leider nicht viel besser, so berichtet Barbara McDaniel von ihren Erfahrungen.



Ich wünschte mir, eine Art Schnellkurs oder Handbuch „Auf der Suche nach Reiki im Internet“ oder eine ausführliche Bibliographie mit Schlagwörtern anbieten zu können, aber das kann ich nicht. Statt dessen möchte ich jene kaum vergangene Zeit in Erinnerung rufen, da die „mündliche Überlieferung“ noch bedeutete, dass es keine Bücher über Reiki gab und wir den Geschichten, die wir von den Reiki-MeisterInnen und anderen Praktizierenden hörten, vertrauten.

Frau Takata, wurde uns gesagt, war eine kleine, temperamentvolle Frau, die absolute Autorität in ihren Kursen verkörperte. Sich Notizen zu machen war nicht erlaubt, und Fragen wurden selten zugelassen. Den Reiki-SchülerInnen wurde gezeigt, wo sie die Hände aufzulegen hatten, dann wurden sie aufgefordert, sich Reiki zu geben. „Reiki wird dich lehren“, war einer von Frau Takatas berühmtesten Sätzen. Ihre Kompetenz stellten SchülerInnen nie in Frage. Sie wussten, dass sie durch Frau Takata die Fähigkeit erhalten hatten, Reiki zu geben, und gingen aus dem Kurs mit der Bereitschaft, ihre Hände jederzeit aufzulegen.

Frau Takata pflegte auch zu sagen: „Reiki ist eine mündlich überlieferte Tradition!“ So war die Reiki-Welt bestürzt, als Barbara Weber Ray 1983 ihr Buch „Der Reiki Faktor“ herausgab. In Anbetracht von nicht mehr als 50 Reiki-MeisterInnen in der ganzen westlichen Welt und relativ wenigen Reiki-Praktizierenden bezweifle ich, dass die erste Auflage gut lief. Aber das Buch war die erste Flocke jener Lawine, die in der folgenden Zeit ins Rollen kam.

Ich habe Barbara Weber Rays Buch nicht gelesen, bis ich bereits über fünf Jahre Reiki praktizierte – lange genug, um zu unterscheiden, wo ihre maßgeblichen Aussagen mit meinen Erfahrungen übereinstimmten und wo sie es nicht taten. Zu dieser Zeit erschien in Deutschland ein neues Buch über Reiki: „Reiki – Universale Lebensenergie“. Die internationale Reiki-Gemeinschaft war erstaunt. Ich las das Buch, sobald es in Englische übersetzt war. Meiner Auffassung nach sagten Bodo Baginski und Shalila Sharamon hierin alles über Reiki, was dazu zu sagen war, und noch viel, viel mehr. Ich befand also, dass dies wohl das letzte Buch über Reiki sein würde.

Kann man sich die Unschuld dieser Tage vorstellen? Wir konnten nicht verstehen, wieso ein Buch über Reiki nützlich sein sollte. Wir hörten die Erfahrungen von Phyllis Furumoto und anderen Reiki-MeisterInnen und nahmen die Geschichten über Takata auf. Wir tauschten Geschichten und Reiki-Behandlungen mit unseren FreundInnen aus. Wir lernten, unseren Händen zu trauen, für uns selbst zu experimentieren, und fanden großen Frieden in der einfachen, geradlinigen Form von Reiki, die wir damals lernten.

Heutzutage gibt es eine Vielzahl von Reiki-Büchern. In den New-Age-Buchläden füllen die Reiki-Bücher mindestens einen Meter im Regal, und ständig kommen neue Titel hinzu. Viele AutorInnen haben es auf sich genommen, das Verborgene, das „Geheime“ aufzudecken. Sie erarbeiten Anleitungen für jede Lebenslage, Pläne für Diäten, Reinigungsphasen und schreiben darüber, wie Reiki anzuwenden ist.

Eine noch größere Auswahl an Informationen ist im Internet zu finden. Man kann an „Reiki-Online-Kursen“ teilnehmen, eine Vielzahl zusätzlicher Einweihungen empfangen und esoterische Symbole und Mantras lernen. Selbsternannte ExpertInnen wetteifern im Internet, prahlen mit ihren gechannelten Verbindungen zu Dr. Usui und verraten Frau Takatas Integrität.

Ich sehe, wie verschieden die Erfahrungen dieser Menschen von meinen sind. Alle diese AutorInnen empfinden sicherlich ihre eigene Art von Liebe und Respekt für Reiki und wissen wohl, dass sie und andere davon profitieren. Doch frage ich mich manchmal, ob da nicht irgendwo etwas verlorenging. Wir können lesen und lesen und lesen und denken, dass wir verstehen – aber Reiki können wir dadurch nicht bekommen. Die Erfahrung muss schon selbst gemacht werden, um zu wissen, worum es bei Reiki geht. Die Einweihungen müssen von Meisterin oder Meister an die SchülerInnen – von einer Person zur anderen – weitergegeben werden; sie können nicht aus einem Buch, einem Video oder über das Internet erfolgen. Das ist es, was mit „mündlich überlieferter Tradition“ gemeint ist.

Ich sage nicht, dass man aufhören sollte, über Reiki zu lesen. Wir leben im Zeitalter der Information. Da möchten wir natürlich immer mehr lernen und mehr lesen. Einige Bücher sind auch wirklich wunderbar, einige der AutorInnen im Internet aufrichtig und gedankenvoll. Dennoch möchte ich folgendes vorschlagen, und das kann auch als Herausforderung betrachtet werden: Praktiziere in den nächsten drei, sechs oder zwölf Monaten Reiki, ohne während dieser Zeit irgendein Buch oder im Internet über Reiki zu lesen. Lege deine Hände auf die Arthritis deines Hundes, gib Reiki auf deinen eigenen (grauen) Alltag.

Wenn du ein bisschen mehr Erfahrung mit Reiki hast – wie es sich in deinen Händen anfühlt, wie es in deinem Leben funktioniert, was zu erwarten und was nicht zu erwarten ist, wie du das daraus Entstehende annehmen kannst –, wenn du einige dieser Dinge wirklich erfahren hast, ...

... dann wird das Lesen eines Reiki-Buches oder das Suchen nach Informationen über Reiki im Internet dir eine andere Erfahrung bieten. Dann hast du einen Hintergrund, eine Grundlage, um mit dem umgehen zu können, auf was immer du dabei stoßen wirst. Du wirst fähig sein zu fühlen, was authentisch ist und was aufgesetzt, was die „universale Essenz“ und was eine „persönliche Meinung“« ist. Und vielleicht wirst du tatsächlich herausfinden, dass du diesen ganzen Stoff gar nicht mehr brauchst oder lesen willst. „Lass Reiki dich lehren« ist ein wunderbares Leitmotiv, um Reiki zu leben.

Wirklich, lege dieses Reiki Magazin beiseite. Geh und behandle etwas, wie auch dich selbst. Gerade jetzt.



Barbara McDaniel, Reiki-Meisterin seit 1988, praktiziert und lehrt am Reiki Healing Arts Center in Seattle. Sie koordiniert auch die Kommunikation innerhalb der Reiki Alliance.

 

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