Gedanken zu den Reiki-Lebensregeln - Teil 6


"Verdiene dein Brot ehrlich"

Teil 2 dieses Artikels

Von Harald Wörl

 

Im ersten Teil seiner Gedanken zu der vierten Lebensregel beschäftigte sich Harald Wörl mit der „Ehrlichkeit" - sich selbst und anderen gegenüber. Im zweiten Teil steht der Aspekt des „Verdienens" im Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

Ich kann mir vorstellen, dass dir schon Einwände gekommen sein könnten, warum es nicht geht, seiner Berufung zu folgen. Sonst würden wir es ja einfach tun. Ein Einwand, dem ich häufiger begegnet bin, hat mit der Bewertung zu tun, ob ich etwas Bestimmtes „verdient" habe. Diesen Aspekt zu klären halte ich für wesentlich. Die Lebensregel „Verdiene dein Brot ehrlich" bedeutet auch in der englischen Form „Earn your living honestly" nicht, dass das Leben an sich erst verdient werden müsste.

Wir gestatten uns viele Dinge nicht – insbesondere die Entfaltung und Realisierung unserer vielfältigen Möglichkeiten –, weil wir oft unbewusst der festen Überzeugung sind, dies nicht „verdient" zu haben. Wir halten uns für nicht gut genug, vertrauen unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten nicht. Wir sind bestimmte Dinge nicht wert, halten uns für nicht wertvoll genug. Die Überzeugung, etwas Besseres nicht zu verdienen, sitzt dabei oft so tief beziehungsweise so versteckt, dass wir sie gar nicht bemerken. Sie wirkt aber auf unser Bewusstsein, zum Beispiel wenn es um unsere Berufung geht. Die Überzeugung, dass wir etwas „Besseres" als unsere jetzige innere und äußere Situation „nicht verdient" haben, kann sich zum Beispiel daran zeigen, dass wir erst gar nicht auf diese Idee kommen, uns nichts dazu einfällt oder aber nur lauter Gründe, warum etwas nicht geht.

Noch einmal: Mit der Lebensregel „Verdiene dein Brot ehrlich" ist nicht gemeint, dass wir unser Leben verdienen müssen. Sie unterstützt nicht unsere oft seit der Kindheit existierenden Überzeugungen, „etwas nicht verdient zu haben". In Computersprache ausgedrückt sind diese Überzeugungen schon sehr früh installierte Programmierungen auf unserer Festplatte Gehirn, für die noch kein „Update", keine Aktualisierung stattgefunden hat. Unsere Überzeugungen sind leider nicht auf dem neuesten Stand, sondern Jahrzehnte alt.

Unser Leben müssen wir uns nicht verdienen, weil es uns geschenkt wurde. Welches Wort oder welchen Begriff wir verwenden, um zu bezeichnen, von wem wir dieses Leben geschenkt bekamen, ist unerheblich. In den großen Religionen hat dieses „Etwas" unterschiedliche Namen. Der gemeinsame Nenner dürfte aber sein, dass unser Leben ein Geschenk einer höheren Macht oder Instanz ist, das zum Nutzen von uns selbst und anderen Menschen gelebt werden kann und gelebt werden darf. Würde der gemeinsame Nenner hinter den unterschiedlichen Bezeichnungen der Religionen besser verstanden werden, müssten sich wohl nicht mehr so viele Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen, sondern könnten dieses Geschenk besser würdigen.

Betrachten wir die Natur um uns herum, können wir feststellen, dass diese sich stetig entwickelt, verändert und optimiert. Wenn wir die Baupläne der Natur studieren – ob scheinbar Unbelebtes, Pflanzen, Tiere oder Menschen –, sind wir mit Wundern konfrontiert. Eines dieser Wunder ist, dass es Reiki gibt, dass es wirkt und wie es wirkt. Die Entwicklung der Natur wird Evolution genannt. Wir Menschen sind Teil dieser Natur, dieser Evolution. Wir sind dazu bestimmt, uns stetig zu erweitern, uns entwickeln zu können und zu dürfen. Selbst wenn wir Menschen mit unserem begrenzten Bewusstsein meinen, dass „wir es nicht verdient" hätten, uns zu entwickeln und zu verbessern, so findet diese Entwicklung in uns auf lange Sicht gesehen trotzdem statt. Wir können mit unserem „Mißverständnis" unsere Entwicklung nur verzögern und es uns unnötig schwer machen.

Verdienen

Es gibt aber gleichzeitig einen Gegenpol. Denn die vierte Lebensregel besagt ja auch, dass – wenn nicht das Leben – doch etwas „ver-dient" werden muss. Hierzu finde ich das Erlebnis des Dr. Usui in der Bettlerstadt sehr aussagekräftig. Für mich ist es unerheblich, ob dieses Erlebnis historisch gesehen genau so stattgefunden hat. Bettler gab es damals, „Bettler" gibt es heutzutage in unterschiedlichen Formen, und eine „Bettlermentalität" können wir sowohl in anderen Menschen als auch in uns selbst finden. Für mich ist die Geschichte des Dr. Usui, die Geschichte von Reiki, in erster Linie ein Gleichnis, eine Lehrgeschichte, deren Botschaft es richtig zu verstehen gilt.

Was genau ist mit einer „Bettlermentalität" gemeint? In einer niedergeschriebenen Version der Geschichte fragt Dr. Usui einen Bettler, den er vor längerer Zeit geheilt hat, warum er nicht unter einem neuen Namen ein neues Leben angefangen habe. Zur Antwort erhält er, dass dies zu schwierig gewesen sei, Bettler zu bleiben sei einfacher gewesen. Nach meinem Verständnis spricht sich die Lebensregel ganz deutlich gegen diese Bettlermentalität aus. Da uns unser Leben geschenkt wurde, haben wir auch die Verpflichtung, das Recht und die Möglichkeit, es zu nutzen und etwas aus ihm zu machen. Anders ausgedrückt ist es einfach schade, wenn Menschen unterhalb der Möglichkeiten leben, die sie eigentlich haben.

Mit einer Bettlermentalität haben wir die Erwartung, dass die Welt für uns sorgt, ohne dass wir etwas dazu tun müssen, obwohl wir selbst einen Beitrag liefern könnten. Dies entspricht der Mentalität eines Kindes, das nicht für sich sorgen kann. Mit einer Bettlermentalität haben wir die Erwartung, dass das, was wir von „der Welt" haben wollen und erwarten, gefälligst umsonst zu sein hat. Oder wenn es nicht ganz umsonst ist, so darf es zumindest nicht viel kosten. Indem wir so denken und diese Art von Erwartungen hegen, begreifen wir nicht, dass wir in Situationen etwas investieren, etwas hineingeben müssen, wenn wir etwas herausziehen wollen. Dies hat nichts mit dem Leistungsgedanken zu tun, den man in unserer Gesellschaft oft antrifft. Es geht nicht darum, dass man erst etwas leisten muss, um etwas wert zu sein. Man könnte es einfach als ein Naturgesetz oder geistiges Gesetz betrachten.

Wenn uns etwas sehr wichtig ist und wir die Möglichkeit haben, etwas zur Realisierung dazu zu tun, warum sollten wir es dann nicht einsetzen? Warum sollten wir nicht alles einsetzen, was wir haben und können, wenn uns etwas sehr wertvoll ist? Wie können wir erwarten, dass etwas zu uns kommt, wenn wir nicht bereit sind, den Einsatz zu bringen, der dafür einfach notwendig und uns möglich ist? Wenn uns etwas nicht möglich scheint oder wir es nicht wert zu sein scheinen, wollen wir dann in unseren falschen Anschauungen über uns selbst bestätigt werden?

Denke einmal darüber nach: Einerseits hättest du die Wahl, etwas ohne einen angemessenen Einsatz bekommen zu können, wobei du aber gleichzeitig ein Minderwertigkeitsgefühl, ein Gefühl minderen Selbstwertes, ein Gefühl des Mangels in dir aufrechterhalten würdest. Oder du müsstest andererseits deine Möglichkeiten einsetzen, was manchmal schwierig und anstrengend sein kann, du würdest aber dadurch zunehmend ein Bewusstsein deines Selbst, deines wahren Wertes, deiner inneren Werte und ein Gefühl von Erfüllung bekommen – was würdest du wählen? Du hast die Wahl.
Meine Erfahrung ist, dass Menschen, die alles möglichst umsonst und ohne eigenen Einsatz haben wollen, meist nicht gerade dankbar sind und den Wert dessen nicht schätzen (können), was ihnen angeboten wird. Damit wären wir aber schon bei der nächsten Lebensregel ...

Dienen

Es scheint also so zu sein, dass wir manchmal etwas einsetzen müssen, wenn wir etwas Bestimmtes haben, etwas Bestimmtes erreichen wollen. Dies unabhängig davon, ob es uns – besser gesagt, unserem begrenzten Bewusstsein von uns – nun gerade in den Kram passt oder nicht. Die obige Lebensregel bietet uns noch eine weitere Einsicht, die ich dir als letztes zum Ausprobieren anbieten möchte. Mal sehen, ob sie dir schmeckt.

In ver-dienen ist das Wort „dienen" enthalten. Dabei geht es nicht darum, dich selbst, deine eigenen Interessen oder dein wahres Ich aufzugeben. Es geht auch nicht darum, einen Katzbuckel, einen Diener vor anderen Menschen zu machen. Es geht darum, dass das, was du im Leben tust, zu irgend etwas dient, zu etwas dienlich ist, zu etwas oder für jemanden nützlich ist. Wenn du versuchst, nur deinem eigenen persönlichen Glück zu „dienen", ohne dabei auch andere Menschen zu berücksichtigen, wirst du feststellen, dass dieses „Glück" fade und geschmacklos bleibt.

Erkennst du dagegen, dass es für dich wichtig ist, mit deinem Tun gleichzeitig anderen Menschen zu dienen, wirst du inneres Glück und echte Zufriedenheit erfahren können. Wenn wir unser Leben nicht in den Dienst einer höheren „Sache" stellen, können wir den Sinn unseres Lebens nicht wirklich erfahren. Wir müssen uns nicht für besonders „spirituell" halten, es reicht, wenn wir es ganz einfach tun. Indem wir anderen auf die Art und Weise dienen, für die wir am besten geschaffen sind, dienen wir gleichzeitig uns selbst. Nur wenn wir auf diese Weise dienen, werden wir uns, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten, erkennen, entfalten und entwickeln können. Wie gefällt dir diese Bedeutung der Lebensregel „Verdiene dein Brot ehrlich"?

 

Harald Wörl, geb. 1957, Klinischer Psychotherapeut BDP und Supervisor BDP, Psychologiestudium in Hamburg und Berlin, Aus- und Weiterbildungen in zahlreichen Therapien, Reiki-Meister seit 1992, Leiter des „Instituts für Psychotherapie, Kinesiologie und Reiki" in Berlin, arbeitet mit Kindern, Erwachsenen und Familien in eigener Praxis und gibt Seminare, interessiert sich dafür, wie der Mensch „funktioniert" und sich entwickeln kann, arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an dem unmöglichen Versuch, Beiträge zu Reiki zu liefern, die seriös, tiefgründig und gleichzeitig einfach zu verstehen sind.