Jesus als Heiler

Wie die Reiki-Legende besagt, wurde Mikao Usui, nachdem er vor einer Gruppe von Schülern von den Heilungen Jesu erzählt hatte, von diesen gefragt, ob er ihnen auch sagen könne, wie Jesus diese Heilungen zustande gebracht habe. Inwieweit diese Begebenheit sich tatsächlich so zugetragen hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Es ist aber bekannt, dass Usui – laut Inschrift des Gedenksteins für ihn –, sich mit christlichen Schriften gut auskannte. Der Legende nach soll ihn diese Frage seiner Schüler so sehr beschäftigt haben, dass er danach den Dienst als Lehrer quittierte und sich auf die Suche nach einer Antwort auf diese Frage machte – was den Ausgangspunkt seiner Suche darstellte, die ihn zur Begründung des Usui-Systems des Reiki führte.

In diesem Artikel schildert Franziska Rudnick die Zusammenhänge rund um das heilerische Wirken Jesu wie auch den historischen Kontext, in dem dieses Wirken stand. In einem weiteren Artikel, in der kommenden Ausgabe, soll es um das heilerische Wirken Buddhas gehen.

 

Jesus hat in seinem Auftreten eine Macht vermittelt, die nicht aus ihm selbst kam, nämlich Gottes Macht. Damit hat er die Gemüter erhitzt. Er polarisierte die Menschen mit seiner Lehre, aber auch durch seine Taten: Kranke hat er geheilt. Eine Ungeheuerlichkeit in der Welt, in der er vor etwa 2.000 Jahren lebte. Denn damals war klar definiert: Wer krank ist, hat selbst schuld. Krankheit wurde etwa im jüdischen Glauben angesehen als eine Strafe Gottes für ein Leben, das nicht nach den über 600 religiösen Geboten und Verboten geführt wurde, die es damals in Israel gab. Diese regelten die Beziehung zwischen den Menschen und Gott, und wer sie nicht einhielt, bekam ein Problem.

Medizin und Wunderglauben

Deutlich offenbar wurde dieses Problem, entsprechend diesen Richtlinien, an all denen, die eine ansteckende Krankheit hatten, taub, blind, gelähmt oder stumm waren. Oder schlimmer, die von „bösen Geistern" besessen waren oder schienen. Untermauert wurde diese Sicht von den Priestern am Jerusalemer Tempel, die sich vor allen anderen seit undenkbaren Zeiten dadurch auszeichneten, dass sie körperlich wohlgestalt und gesund zu sein hatten, um für dieses hohe Amt berechtigt zu sein. Völlig unerheblich, dass es immer wieder in all den Jahrhunderten, die seit Fixierung dieses und anderer Gebote vergangen waren, Kritik an dieser Denkart und Theologie gegeben hatte; gelehrt wurde, dass aus dem Ergehen eines Menschen auf dessen Tun und Gottesbeziehung zu schließen sei.

Doch nicht allein religiöse Gründe machten den Kranken zu schaffen. Die medizinische Versorgung im römischen Reich zur Zeit Jesu war eher dürftig, die Lebenserwartung nicht besonders hoch, viele Menschen starben schon, ehe sie vierzig Jahre alt wurden. Oft kam es zu verheerenden Seuchen, und die weit verbreitetekörperliche Arbeit war hart und gefährlich. Zwar gab es Ärzte und Chirurgen, doch deren Eingriffe samt ihren Folgen waren mitunter schlimmer als das Leiden, das sie zu beheben versuchten: von Antibiotika und Narkose wusste man seinerzeit nicht viel.

Zur Zeit Jesu gab es schon lange die Asklepios-Heiligtümer in Griechenland, in denen eine sanftere Medizin ausgeübt wurde. Die Heilungssuchenden wurden in Schlaf versetzt, und ihnen erschien im Traum der Heilgott Asklepios, entweder selbst heilend wirksam oder die notwendigen Therapien nennend. Die Grenze zwischen Medizin und Wunderglauben war fließend. Sie verschwamm auch dort, wo die Menschen ihr Schicksal in die Hände von Wunderheilern legten, die seinerzeit zahlreich durch die Lande zogen – Jesus schien zunächst nur einer von ihnen.

Häufig waren die Menschen in dieser Zeit, wenn sie erkrankten, auf sich allein angewiesen. Bei etlichen Krankheiten gab es oft nur Isolation der Betroffenen, Ausschluss aus der Gemeinschaft, denn man fürchtete sie: Dämonen, böse Geister hatten nach allgemeiner Ansicht den Menschen befallen, und man konnte nie wissen, ob diese nicht auf einen selbst übergriffen. Eine häufige Krankheit im Orient der Antike war Lepra, der sogenannte „Aussatz". Diese Infektionskrankheit wird durch Bakterien verursacht, sie befällt die Nerven sowie die Haut, wo es zu Knoten und Wucherungen kommen kann. Die Betroffenen haben kaum noch Empfindungen in Fingern und Zehen, so dass Verstümmelungen durch Unfälle die Folge sein können und damals auch waren. Schwere Formen der Lepra führen zudem zum Erblinden. Manche Form dieser Krankheit war und ist hochansteckend. Wer an Lepra oder irgendeiner auffälligen, unheilbar scheinenden Hautkrankheit litt, wurde seinerzeit aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Eine Kraft Gottes

Die Priester am Jerusalemer Tempel, dem Ort, wo nach dem jüdischen Glauben jener Zeit Gott selbst anwesend war, hatten neben allem anderen auch die Aufgabe, als medizinische Experten an den Erkrankten festzustellen, ob eine Krankheit unheilbar sei und diese bei Verdacht sieben Tage in Quarantäne zu schicken. Heilte etwa ein Ausschlag nicht während dieser Zeit oder veränderte sich zum Schlechteren, hatte der Kranke sich auf eine genau vorgeschriebene Art zu verhalten: „Es soll aber der Aussätzige, der die Krankheit an sich hat, zerrissene Kleider tragen, die Haare frei flattern lassen und den Bart verhüllen und er soll rufen: Unrein, unrein! ... Er ist unrein; abgesondert soll er wohnen ..."Und nun kam einer daher, der kein Priester war und von dem behauptet wurde, er sei von Gott beauftragt, ja „Gottes Sohn" – und heilte die Kranken.

Der erste, der Jesus gleichsam als Beauftragten Gottes bezeichnete, war ein Dämon. Das älteste Evangelium, das einem Verfasser namens Markus zugeschrieben wurde, erzählt, wie das geschah, als Jesus mit seinen Jüngern in die Stadt Kafarnaum gekommen war: „Und gleich am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Da waren sie bestürzt ob seiner Lehre. Denn: er lehrte sie als einer, der Vollmacht hat ... Und gleich war da in ihrer Synagoge ein Mensch mit einem unreinen Geist. Und der schrie auf und sagte: Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zugrunde zu richten. Ich weiß wer du bist: der Heilige Gottes. Aber Jesus herrschte ihn an und sagte: Verstumme und fahr aus von ihm! Und (...) aufheulend fuhr der unreine Geist von ihm aus. Und sie erschauderten alle, so dass sie miteinander stritten und sagten: Was ist doch das? Eine neue Lehre aus Vollmacht! Und den unreinen Geistern gebietet er und sie gehorchen ihm." Jesus vermittelte eine Kraft Gottes, die sein Leben verändert hatte und das Leben anderer mitbeeinflusste. Er lehrte und wirkte, besonders beim Heilen, auf eine Art, die deutlich machte, dass er sich nicht auf eigene Macht stützte, sondern auf die Macht Gottes, zu dem er eine solche Beziehung hatte, dass er ihn „Abba", nannte, Vater.

Die Aufgabe des Heilens hat Jesus nicht gesucht – sie wurde von den Menschen an ihn herangetragen. Von sich aus heilte Jesus selten jemanden, er griff häufig erst dann ein, wenn er um Hilfe gebeten wurde. Sein Verhältnis zu den Heilungen, die durch ihn geschahen, scheint zudem widersprüchlich und wird auch so überliefert – oft ermahnte er die Geheilten, dass sie niemandem etwas erzählten. Und doch verbreitete sich die Kunde von seinem Tun derart, dass er zuweilen regelrecht belagert wurde: „Als es Abend geworden, die Sonne gesunken war, brachten sie zu ihm alle, die übel dran waren, und die vom Abergeist Besessenen. Und die ganze Stadt hatte sich am Tor zusammengedrängt. Und er machte viele heil, die mit mancherlei Gebrechen übel dran waren und trieb viele Abergeister aus." Jesus suchte immer wieder die Möglichkeit, in der Einöde allein sein zu können, doch „sie kamen zu ihm – von überall her."

Es gibt aber auch Berichte, laut denen er den Geheilten ausdrücklich auftrug, von der Heilung zu erzählen: „Geh heim zu den Deinen und berichte ihnen alles, was der Herr dir getan und wie er sich deiner erbarm hat." Dies etwa war ein Auftrag an einen Mann, der von etlichen Dämonen oder auch„Abergeistern" besessen war und nahe dem See Genezareth in Höhlengräbern lebte, weil er von den Menschen vertrieben worden war. Wer konnte, mied den Ort, an dem dieser Kranke schreiend und tobend zu hören war. „Denn oft war er mit Fußeisen und Ketten gefesselt, aber zerrissen waren von ihm die Ketten und die Fußeisen zerrieben worden. Keiner war stark genug, ihn zu bändigen. ... Und als er Jesus von ferne sah, lief er, verneigte sich tief vor ihm und schrie mit gewaltiger Stimme: Was willst du von mir, Jesus, du Sohn Gottes, des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht! Denn er hatte zu ihm gesagt: Fahr aus, unreiner Geist, aus dem Menschen! Nun fragte er ihn: Wie heißt du? Legion heiße ich, sagte er ihm. Denn viele sind wir ... Dort aber am Berg, wurde gerade eine große Herde Schweine gehütet. Und so ermutigten sie ihn und sagten: Schick uns in die Schweine, damit wir in sie einfahren. Er gewährte es ihnen. Und heraus fuhren die unreinen Geister und hinein in die Schweine. Und die Herde schoß den Steilhang hinab in den See (...) und ersoff ..." Die Schweinehirten flohen und erzählten in Stadt und Höfen, was geschehen war. Wer konnte, eilte gleich zum See und sah Jesus, neben sich den „vom Abergeist Besessenen, wie er dasitzt, bekleidet und gesunden Sinnes – ihn, der die Legion gehabt hatte. Und sie fürchteten sich ... Und sie begannen, ihn zu ermutigen, er möge wegziehen aus ihrem Gebiet." Als Jesus sich anschickte wegzugehen, wollte der Geheilte mit ihm gehen. Doch er bekam einen Auftrag von Jesus – den Menschen von der Heilung zu erzählen. In dieser Geschichte steckt überdies eine subtile politische Komponente im Hinblick auf die Veränderungen, die sich die Menschen durch Jesus erhofften: „Legion" ist eine Anspielung auf die Römer, die damals Besatzungsmacht in Israel waren. Man könnte diese Heilungsgeschichte auch dahingehend interpretieren, dass Dämonen, obwohl sie sich hier in großer Anzahl zeigen, machtlos sind gegenüber Gott.

„Geh, zeige dich!"

Besonders die Aussätzigen forderte Jesus nach deren Heilungauf, zum Tempel zu gehen und sich den Priestern zu zeigen – wohl, damit diese feststellen konnten, dass der ehemals Kranke, als „unrein" Bezeichnete wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden durfte. „Und ein Aussätziger kommt zu ihm, mutet sich ihm zu, und kniefällig sagt er zu ihm: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. Und es ward ihm weh ums Herz; und er streckte die Hand aus, hielt ihn fest und sagt zu ihm: Ich will, werde rein." So erzählt das Markus-Evangelium und fährt fort: „Und gleich schwand der Aussatz ... und er ward rein." Jetzt reagiert Jesus so, wie man es eigentlich nicht erwarten würde: „... jäh fuhr er ihn an und trieb ihn gleich heraus: Sieh zu, sagt er ihm, dass du zu keinem etwas sprichst. Doch geh, zeige dich dem Priester ..." Ob der Geheilte sich daran hielt und zum Tempel ging, ist nicht überliefert, wohl aber, dass er überall „begann, eifrig zu verkünden und ... herumzureden".

Eine regelrechte Provokation, die von Jesus ausging, wird immer wieder in den Evangelien geschildert: Er heilte am Sabbat, am wöchentlich wiederkehrenden, von Gott verordneten, als heilig geltenden Ruhetag. Der Sabbatwar in der Antike einmalig, denn nirgends, außer in der jüdischen Religion, gab es einen Tag, an dem alle wöchentlich arbeitsfrei hatten, sogar die Tiere. Nahezu niemand in Israel sollte am Sabbat arbeiten, und dessen Einhaltung war bis ins Detail vorgeschrieben – der Besuch in der Synagoge gehörte dazu. Jesus „war dabei, in einer der Synagogen am Sabbat zu lehren. Und da! Eine Frau hatte einen krankmachenden Geist – achtzehn Jahre schon. Und sie war zusammengebückt und vermochte sich nicht voll hochzubeugen. Als Jesus sie sah, rief er sie her und sprach zu ihr: Frau, du bist deine Krankheit los! Dann legte er ihr die Hände auf. Und sofort stellte sie sich aufrecht. Und sie verherrlichte Gott. Der Synagogenvorsteher aber, entrüstet darüber, daß Jesus am Sabbat heil gemacht hatte, sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen und laßt euch heilen, nicht am Sabbattag."

Jesus heilte nicht ausschließlich durch Handauflegen. Manchmal sprach er nur zum Kranken, sagte ein, zwei Worte, manchmal diskutierte er mit den um Heilung ihrer Angehörigen Bittenden – und es kam zu einer Fernheilung. Markus schildert so einen Fall, bei dem die Jesus um Heilung bittende Person nicht jüdischen Glaubens und zusätzlich Ausländerin war: Es „hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Sie kam und fiel ihm zu Füßen. Die Frau aber war Griechin ... Und sie bat ihn, dass er den Abergeist aus ihrer Tochter austreibe. Er sagte zu ihr: Laß erst die Kinder satt werden! Es ist ja nicht recht, das Brot der Kinder wegzunehmen und es den Hündlein hinzuwerfen." Hier wird Jesus der Frau gegenüber harsch. Sie aber weiß sich zu behaupten: „Sie (...) sagte: Ja doch, Herr! Auch die Hündlein unterm Tisch essen von den Bröseln der Kinder. Da sprach er zu ihr: Um dieses Wortes willen, geh – schon ist ausgefahren der Abergeist aus deiner Tochter. Und weg ging sie, nachhause, fand das Kind auf die Liege gestreckt, den Abergeist schon ausgefahren."

Heilung durch Handauflegen

Es kam auch vor, dass Jesus noch nicht einmal angesprochen wurde, und dennoch ging von ihm Heilung aus. Als er gebeten wurde, zu jemandem zu gehen, dessen Kind todkrank im Bett lag, umringte ihn eine Menschenmenge. In dieser Menge war eine Frau, „die schon zwölf Jahre den Blutfluß hatte, von vielen Ärzten viel gelitten und ihre ganze Habe verbraucht hatte. Aber nichts hatte ihr genützt, eher wars noch schlimmer mit ihr gekommen," erzählt das Evangelium des Markus und fährt fort: „Sie hatte von Jesus gehört, kam zwischen den Leuten von hinten her und hielt sein Obergewand fest. Sie sagte sich nämlich: Wenn ich auch nur seine Obergewänder festhalte, werde ich gerettet. Und gleich ward der Quell ihres Blutes getrocknet und sie merkte am Leib, dass sie von der Plage geheilt war. Und sogleich merkte Jesus in sich, dass die Kraft von ihm ausgegangen war ... Und er blickte um sich her, um die zu sehen, die es getan hatte. In Furcht versetzt und zitternd, da sie wußte, was ihr geschehen war, kam die Frau, fiel vor ihm nieder ... Er aber sprach zu ihr: Tochter! Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden. Und sei gesund, ledig deiner Plage." Auffällig ist stets die Hervorhebung dessen, dass die Kranken geheilt wurden, weil Glaube da war, sei es ihr eigener oder der Glaube desjenigen, der für den Kranken um Heilung bat.

Fehlender Glaube oder gar Feindseligkeit gegenüber Jesus beeinträchtigte dagegen offenbar die Kraft der Heilung. Besonders deutlich wird im Evangelium des Markus geschildert, was geschah, als Jesus in seiner Heimatstadt war. „Und er kommt in seine Vaterstadt und seine Jünger folgen ihm. Als Sabbat war, fing er an, in der Synagoge zu lehren. Und viele, die zuhörten, waren bestürzt und sagten: Wo der das herhat? Und: Solche Krafttaten sollen durch seine Hände geschehen? Ist das nicht der Handwerker, der Sohn Marias, der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Und sind seine Schwestern nicht hier bei uns? So nahmen sie Ärgernis an ihm ... Und er vermochte dort nicht eine einzige Krafttat zu wirken – außer dass er einige Kranke heil machte, indem er ihnen die Hände auflegte. Und er staunte ihres Unglaubens wegen." Bemerkenswerterweise wird hier hervorgehoben, dass nur durch Handauflegen einige Kranke geheilt werden konnten.

Immer wieder sagt Jesus zu den von ihm Behandelten: „Dein Glaube hat dich geheilt!" Damit weist er ausdrücklich darauf hin, dass in den Menschen selbst die Kraft steckte, heil zu werden. Zugleich, so scheint es, möchte er sie frei machen von Aberglauben und Misstrauen, kurz: von Angst.

Angst war damals allgegenwärtig, nicht nur als Sorge um die Gesundheit, sondern auch schlicht die um'sÜberleben. Wer weder reich noch mächtig war, hatte es nicht leicht in der damaligen Welt. Sorglosigkeit schien ein Privileg, das den einfachen Menschen nicht zustand. Hier liegt eine explosive Komponente in der Botschaft Jesu: Er wollte den von politischen und religiösen Obrigkeiten beherrschten, sogenannten „kleinen Leuten" zeigen, dass auch sie wertvoll waren, dass auch ihr Leben Bedeutung und Sinn hatte, weil jeder Mensch ein Kind Gottes ist.

Wunderbare Veränderung

Was bedacht werden muss, bei den Schilderungen der Krankenheilungen durch Jesus, ist die Tatsache, dass die Texte erst vier bis sieben Jahrzehnte nach Jesu Wirken und seiner Kreuzigung niedergeschrieben wurden. Die vier Evangelien, die von Jesus, seinen Worten und Taten erzählen, sind keine Augenzeugenberichte. Wohl enthalten sie mündlich überlieferte Geschichten, möglicherweise sogar genau überlieferte Worte Jesu – doch letztlich verfolgt jedes dieser Evangelien seine eigene Tendenz hinsichtlich der Darstellung dessen, was Jesus gesagt und wie er gehandelt hat. Das älteste Evangelium, das des Markus, ist eine wichtige Quelle für die späteren Evangelien, die des Matthäus, Lukas und Johannes. Benannt wurden diese vier Bücher nach den Personen, die sie verfasst hatten, wie man seinerzeit glaubte.

Jesu heilerisches Wirken fand in einem großen Zusammenhang statt. Jesus erwartete für die Gesellschaft, in der er lebte, eine Veränderung, die wunderbar sein sollte. Jedoch sollte diese Veränderung nicht auf politischem Wege stattfinden, sondern von Gott bewirkt, aus dem Inneren der Menschen selbst kommen: aus einem neuen Gottesverhältnis und einer daher gewandelten Einstellung.

Anliegen Jesu war, dass er den Menschen in seinem Land zu einer direkten Beziehung mit Gott verhelfen wollte, gemäß dem, was in den heiligen Schriften Israels zu seiner Zeit längst überliefert war: zu dem Wissen darum, schon immer Kind Gottes zu sein und aus diesem Bewusstsein heraus zu handeln – in Liebe, Respekt und Achtung gegenüber Gott, sich selbst, sowie den Menschen, die einen umgeben.

 

 
Quellen:
- Beck, Eleonore (Hg.), Das Neue Testament übersetzt von Fridolin Stier, München, 1989
- Zürcher Bibel, Zürich, 1993 – für Zitate aus dem Alten Testament
- Bowker, John (hrsg.), Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, Düsseldorf, 1999
- Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, Berlin, 2004
- Roloff, Jürgen, Neues Testament, Neukirchen-Vluyn, 5. Auflage 1992
- Seidler, Christoph, Kalter Fisch gegen Fieber, S. 91ff in: Der Spiegel Geschichte, Jesus von Nazareth und die Entstehung einer Weltreligion, Nr. 6, 2011
- Theissen, Gerd, Der Schatten des Galiläers, Gütersloh, 24. Auflage 2012
- www.dahw.de/lepra-tuberkulose-buruli/fragen-und-antworten-zu-lepra/fragen-und-antworten-zur-lepra