Spirituelle Disziplin

Der Begriff „spirituelle Disziplin" löst oft zwiespältige Reaktionen aus. Für viele klingt er nach Strenge, Regeln und Zwang. Jedoch kann ein disziplinierter Umgang mit spirituellen Energien auch freudvolle und erweiternde Aspekte zu Tage fördern. Carolin Toskar reflektiert das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln – und weist auf die Geschenke hin, die die Integration einer regelmäßigen spirituellen Übung in den Alltag mit sich bringen kann.

Vor vielen Jahren hat mir ein Freund ein Foto geschenkt, das er von einer Skulptur in Colmar gemacht hatte. Es hängt seitdem an meinem Arbeitsplatz und zeigt einen männlichen Torso, der sich mit Hammer und Meißel selber aus einem groben Steinklotz heraus arbeitet. Der Oberkörper ist bereits frei gelegt, der Rumpf noch im rohen Stein gefangen. Was für ein geniales Sinnbild für die schöpferische Arbeit am eigenen Selbst: sich aus eigener Kraft zu formen, in einen gestalteten Wachstumsprozess einzutreten, um immer mehr Freiheit zu erlangen; dass dies möglich ist, fasziniert und motiviert mich bei jedem Betrachten des Bildes von neuem.

Seit Jahrmillionen durchlaufen wir Menschen eine Evolution des Bewusstseins. Der heutige Stand unseres Bewusstseins, die intellektuelle Bewusstseins-Ebene, ist auch nur eine Durchgangstation zur nächst höheren, der transzendenten Ebene.(1) In uns ist dieser evolutionäre Drang zur Weiterentwicklung unseres Bewusstseins tief eingeprägt. Die regelmäßige spirituelle Praxis hilft, immer mehr in die nächste Bewusstseinsstufe hinein zu wachsen und sich in ihr zu verankern. Wird dem nicht genügend Raum gegeben – und das wird ihm in der Regel nicht, mit den heute gängigen Lebensmodellen und Institutionen unserer sehr materiell orientierten Gesellschaft –, dann führt dies zu einem spirituellen Mangelempfinden. Dieses äußert sich im besten Fall durch ein unbestimmtes Gefühl der Sehnsucht, oft aber auch durch tiefe Unzufriedenheit, Missmut, ein Gefühl der Sinnlosigkeit oder sogar durch Krankheit an Seele und Körper.

Im Leben der meisten Menschen nehmen die Lebenssäulen Familie, Arbeit und Gesundheit eine zentrale Stellung ein. Viele vernachlässigen die vierte Säule „Sinn und Spiritualität" vollständig oder wissen gar nicht um sie. Neueste Studienergebnisse zeigen, dass Spiritualität häufig erst mit zunehmendem Alter oder durch Krankheit oder schmerzhaften Verlust mehr Bedeutung bekommt. Und sofort stellt sich dadurch ein Gefühl tiefer Sinnhaftigkeit des Lebens ein. Eine echte Sinnerfahrung setzt sich dabei aus drei wesentlichen Komponenten zusammen: 1. einem Gefühl des Erfülltseins, 2. dem Vorhandensein von echten Zielen und Werten, 3. einer Struktur und Ordnung, die Halt gibt.(2) Diese Ergebnisse freuen mich, denn sie zeigen, dass es offensichtlich nie zu spät ist für die Integration von Spiritualität und deren heilsamen Auswirkungen. Allerdings frage ich mich auch, warum diese entscheidende Säule nicht durch Freude motiviert und freiwillig, sondern meist erst durch Leid als wesentlich anerkannt und gelebt wird.

Spirituelle Disziplin beinhaltet alle drei der oben genannten Komponenten eines sinnerfüllten Lebens. Es wäre daher mehr als wünschenswert, wenn sie in frühen Jahren, idealerweise schon in den Kindergärten und Schulen vermittelt würde. Auf unserer diesjährigen Asienreise traf ich den belgischen Achtsamkeitslehrer Dr. David Dewulf(3), der mir erzählte, dass er eine Studie mit 400 Teenagern an Schulen durchgeführt hat. 25 Prozent von ihnen zeigten klare Anzeichen depressiver Symptome, und 10 Prozent waren bereits depressiv. Durch ein 8-wöchiges Achtsamkeitstraining haben sich Stress, Ängste und die depressiven Symptome bei den Jugendlichen signifikant verringert und ihr Selbstwertgefühl erhöht, wie die Studienauswertung zeigte.(4) Warum also nicht das Schulfach „Meditation & Achtsamkeit" einführen und viel Leid und zukünftige Kosten vermeiden? Denn Spiritualität und Gesundheit sind offenkundig miteinander verbunden. Die bewusste Entscheidung, einen spirituellen Lebensweg einzuschlagen, kann zu mehr Gesundheit führen. Genauso wie Heilwerdung, im Sinne von Ganzheit auf allen Ebenen des Seins, den Menschen unweigerlich auf einen spirituellen Pfad bringt.

Zwiespältige Reaktionen

Trotz ihrer unbestrittenen Wirksamkeit ist spirituelle Disziplin ein Begriff, der zwiespältige Reaktionen auslösen kann. Für viele klingt er nach Strenge, Regeln und Zwang. Nicht ohne Grund, denn in unserer modernen Gesellschaft müssen wir von Kindheit an bis zum Erwachsenenalter rationelles Denken sowie unser Benehmen diszipliniert entwickeln. Und nun auch noch Disziplin üben auf dem spirituellen Weg? Wäre es nicht viel angenehmer, den spirituellen Entwicklungen einfach ihren natürlichen Lauf zu lassen und die geistigen Kräfte passiv von oben zu empfangen? Oder sich Spiritualität lediglich ab und zu als Hobby zu gönnen oder wie einen Luxusartikel zu konsumieren? Das Angebot dafür besteht, und dieser Weg ist natürlich möglich. Aber er verlangsamt die Bewusstseinsentwicklung erheblich und kann uns um die wirklich tiefen Erfahrungen und Früchte bringen. Man ist dann, um im Bilde zu bleiben, anteilig im Stein stecken geblieben, obwohl der Mensch die Werkzeuge bereits in der Hand hält und das Wissen für deren richtige Anwendung erworben hat.

Disziplin kann in ihrem spirituellen Kontext für viele Menschen erstmalig als etwas sehr Freudvolles, Erweiterndes und geistig Schöpferisches erfahren werden – ein echter Paradigmenwechsel also. Gewiss ist diese Erfahrung nicht mühelos oder ohne Anstrengung zu erreichen. Jedoch stellt sich so möglicherweise erstmalig eine Erfahrung ein, die nicht durch Druck und Macht von außen motiviert ist, sondern vielmehr durch den inneren Wunsch, sich spirituell weiterzuentwickeln. Und dies, weil die eigenen Erfahrungen eindrücklich gezeigt haben, welche wesentlichen Fortschritte dadurch möglich sind. Alle spirituellen Traditionen, sei es beispielsweise Reiki, Tai Chi oder Meditation, zeigen Wege auf, um Verbindungen zu neuen Bewusstseinsräumen und innerer Kraft herzustellen. Sie beinhalten aber auch ganz klar, dass es sich dabei nicht um eine Instant-Erfahrung oder schnelle Lösung handelt, sondern um einen lebenslangen Entwicklungsprozess. „Arbeite hart" heißt die vierte Reiki-Lebensregel. Es gibt keine bequemen Abkürzungen und kein ehrgeiziges Überspringen von Entwicklungsstufen, sondern einen kontinuierlichen Wachstumsprozess. So wie auch Pflanzen nicht schneller wachsen, wenn man an ihnen zieht. Eine erfolgreiche Ernte kann nur durch Arbeit, liebevolle Pflege und ein Wissen um die natürlichen Prozesse erfolgen. Und dann ist das Ergebnis reichhaltig und erfüllend.

Welches sind diese inneren Kräfte, und warum sollten wir regelmäßig bewusst Kontakt mit ihnen aufnehmen? Bildlich kann man von einem göttlichen Funken oder kosmischen Samen sprechen, der im Menschen angelegt ist. Über diesen Wesenskern, auch höheres Selbst, âtman oder Christus genannt, können wir mit den höheren Dimensionen in Verbindung treten. Doch dieser lichtvolle Kern des Menschen ist, bis hinunter zur materiellen Welt, von immer dichter werdenden Hüllen, Gedanken- und Gefühlsmustern umschlossen. Die Verdeckung dieses Kerns kann zudem durch Unwissenheit, schlechte Gewohnheiten oder Stress so stark sein, dass der Mensch die Verbindung zu seiner höheren Natur nur eingeschränkt oder gar nicht mehr wahrnehmen kann. Durch das regelmäßige Ausrichten auf hohe Bewusstseinsebenen mittels spiritueller Übungen und geistiges Studium werden die Hüllen so gereinigt und verfeinert, dass sienach und nach „transparenter" und der Mensch durchlässiger für das Licht seines inneren Funkens wird.

Dass dies nicht nur ein Bild ist für einen Prozess, sondern dass dieser tatsächlich geschieht und möglich ist, zeigen Bilder und Begegnungen mit Menschen, die ein sehr durchgeistigtes, spirituelles Leben führen. Ihr Gesicht und ihre ganze Person scheinen zu leuchten, und ihre charismatische Ausstrahlung ist weitgehend spürbar und faszinierend.

„Ist das Licht erst einmal angezündet, erlischt es nie mehr. Doch je intensiver wir praktizieren, desto heller wird die Flamme leuchten." (B.-K.S. Iyengar)

Der spirituelle Lebensweg

Ein spiritueller Lebensweg ist spiralförmig ausgerichtet, und obwohl er natürlich bei jedem Menschen individuell verläuft, gibt es übereinstimmende Stufen und Parameter. Zunächst darf man einem neuen Ideal, etwas, das die Möglichkeit der Erfüllung und Vervollkommnung verkörpert, begegnen. Dieses Ideal rührt etwas tief im Innersten an, einem heiligen Impuls ähnelnd, und weckt spontan tiefes Vertrauen. Es kann sich dabei um eine spirituelle Person, eine Lehre, ein Buch, eine geistige Unterweisung oder Erfahrung handeln. Man bekommt plötzlich eine Ahnung davon, dass es etwas gibt, das weit über die gewöhnliche Welt hinausgeht. Eine Ebene viel reinerer Geisteszustände und höheren Bewusstseins deutet sich an. Dieses Vertrauen ist anfangs eher eine intuitive Emotion und noch unreflektiert.

Nach und nach sollte man ein tieferes Verständnis für das Ideal entwickeln und es für sich prüfen. Welches Wertesystem und welche spirituellen Ziele werden vermittelt? Welcher Übungsweg wird angeregt? Welche Früchte trägt dieses Ideal? Bekanntlich erkennt man den Lehrer an seinen Schülern. Dieser kognitive Schritt sollte keinesfalls übersprungen werden und ist äußerst wichtig. Blinder Glaube kann sehr schnell in eine Sackgasse und zu großen Enttäuschungen, ja sogar zu völliger spiritueller Resignation führen. Entweder weil dieser Weg nicht zum Charakter und Temperament des Suchenden passt, oder weil sich das Ideal als unglaubwürdig heraus gestellt hat. Für beides gibt es leider viele Beispiele. Hält das Ideal dagegen der Prüfung stand, wird das Vertrauen zu echter Gewissheit. Vertiefen dann auch die praktischen Erfahrungen das Gefühl der Stimmigkeit und öffnen dem Praktizierenden spürbar neue Bewusstseinsdimensionen, wird er dem Weg mit ganzer Kraft und Hingabe folgen können.

Dieser Weg beginnt sich nach und nach deutlich auf die Persönlichkeit auszuwirken. Innere Spannungen und Konflikte werden langsam eingeschmolzen und bisher zerstreute Energien auf das Ziel des Weges ausgerichtet. Die Mittel oder Wege, durch die der Mensch seine spirituelle Entwicklung zum Ausdruck bringt, sind: Gefühl, Gedanke, Wort und Tat. Sie werden von dem neuen Ideal und seinen Werten berührt und geführt und dadurch immer häufiger von hohen Tugenden und selbstlosen Eigenschaften wie Geduld, Güte, Freude und Mitgefühl bestimmt. Auch die Lebensweise verändert sich. Denn ein integrer, spiritueller Mensch lässt sich zunehmend weniger durch Äußerlichkeiten, Druck oder Verlockungen beeinflussen, sondern orientiert sein Leben und seinen Alltag an seinen inneren hohen Werten und Maßstäben. Diese persönliche Veränderung im Bewusstsein wirkt sich dann auf das Bewusstsein im direkten Lebensumfeld und das Bewusstsein der ganzen Gesellschaft aus.

Mögliche Hindernisse

„Wir sind, was wir wiederholt tun." (Aristoteles)

Wer einem spirituellen Weg folgt, weiß, dass der oben skizzierte Ablauf möglich und wahrscheinlich ist, aber eben nicht immer ganz so reibungslos und spiralförmig verläuft. Dem Menschen wurde zwar die freie Willensentscheidung gegeben, aber oftmals fällt es ihm schwer, sich aus eigener Kraft für die höhere, geistigere Natur seines Wesens zu entscheiden.

In jedem von uns wirken gleichzeitig hemmende sowie aufbauendeKräfte, und alte Gewohnheiten können äußerst kraftvolle hemmende Faktoren in unserem Leben sein. Hier sind die Wertesysteme spiritueller Wege große Orientierungshilfen und stärken die Willenskraft. Sie helfen, einen kurzfristigen, dem spirituellen Weg nicht zuträglichen Impuls, eine Ablenkung oder eine Zerstreuung dem höheren, langfristigen Entwicklungsziel unterzuordnen. Sie lehren unter anderem, die Verletzung von Lebewesen zu unterlassen, Gewaltlosigkeit in den Gedanken zu pflegen, unwahres Reden und Habsucht abzulegen und die Einnahme von Getränken und Mitteln, die den Verstand und das Herz übermäßig trüben, aufzugeben. Denn alle diese Verhaltensweisen schließen ein echtes spirituelles Erlebnis aus.

Auch bestimmte geistige Haltungen führen zu Stagnation, manchmal sogar zu Rückschritten. Als Hindernisse können auftreten: Angst vor Veränderung; Faulheit; Ungeduld; übergroßer Ehrgeiz; Zweifel; Stolz und Arroganz (vermeintlich schon sehr weit gekommen zu sein) und das persönliche Umfeld. Für das letzte Hindernis müssen geschickte und liebevolle Wege gefunden werden, dem Wunsch nach der eigenen spirituellen Entwicklung treu zu bleiben, ohne andere, meist nahestehende Menschen zu verletzen oder unnötige Konflikte zu erzeugen. Die Umsetzung ist unter Umständen eine sehr große Herausforderung und echte Prüfung, aber ihr Ergebnis zeigt den Grad der spirituellen Reife und Integration an.

Hierzu ein klärendes Zitat von Omraam M. Aivanhov:„Es ist wünschenswert, dass alle Männer und Frauen arbeiten, eine Familie gründen und sich als soziale Wesen verhalten können; aber gleichzeitig brauchen sie eine Disziplin und Methoden, um dieses familiäre und gesellschaftliche Leben zu verbessern. Wie viele sind noch an dem Punkt, wo sie ihre Angelegenheiten vernachlässigen, sobald sie sich dem spirituellen Leben widmen oder wo sie das spirituelle Leben vernachlässigen, sobald sie sich um ihre Angelegenheiten kümmern! Nein, es braucht beides, man muss beides vereinen."(6)

Ein gutes, umfassendes spirituelles Lehrsystem oder ein erfahrener Lehrer ist mit allen oben genannten Hindernissen vertraut und weiß damit klug umzugehen und Antworten zu geben. Oftmals kann der Praktizierende sich aber auch aus eigener Kraft darüber erheben. Nämlich dann, wenn er die Achtsamkeit und Ehrlichkeit aufbringt, die hemmende geistige Haltung zu durchschauen und schlichtweg ohne Umschweife zur spirituellen Praxis zurückzukehren. Diese besitzt die Kraft, die aufbauenden Energien zu entwickeln, um alte Gewohnheiten und Geisteshaltungen abzulegen. Der indische Gelehrte Patanjali sagt im Yoga-Sutra 1.14: „Langes, hingebungsvolles Üben bildet eine sichere Grundlage für das Eindämmen der Schwankungen des Bewusstseins".

Die formelle Praxis

Die spirituelle Praxis, auch sâdhana genannt, wird als ein Vogel mit zwei Flügeln symbolisiert. Der eine Flügel steht für das Wissen und der andere Flügel für die praktische Umsetzung dieses Wissens. Für das Vorankommen und das Abheben bedarf es also zum einen der Kenntnisse und zum anderen des regelmäßigen Anwendens dieser Kenntnisse. Viele Traditionen legen daher den Schwerpunkt verstärkt auf die konkrete Praxis, wie der Yoga-Meister Swami Sivananda es formulierte: „Ein Gramm Praxis ist mehr Wert als eine Tonne Theorie."Oder K. Pattabhi Jois, einer der bedeutendsten Vertreter des Yoga, der oft sagte: „99 Prozent Praxis, 1 Prozent Theorie."

Spirituelles Wachstum bedeutet, sich in Richtung einer höheren Ordnung zu entwickeln, daher sind Ordnung und Struktur in der Praxis, also auch Disziplin, unumgänglich.

Grundlage dafür ist eine regelmäßige formelle Praxis, wie eine tägliche Reiki-Selbstbehandlung oder Meditationen zu bestimmten, am besten festgelegten Zeiten, beispielsweise am Morgen und Abend. Dafür ist es von großem Vorteil, wenn man einen schönen, persönlich gestalteten Ort hat, an dem die Praxis ungestört und wiederholt durchgeführt werden kann, da so das Anknüpfen an die Energien der vorhergehenden Praxisstunden viel leichter erfolgen kann. Hilfreich sind auch einstimmende Düfte oder vertraute, spirituelle Musik, die an besondere Bewusstseinszustände erinnert und uns diese entgegen trägt. Der Platz kann am Vorabend so vorbereitet werden, dass am nächsten Morgen ohne große Umschweife sofort begonnen werden kann. So lässt sich vermeiden, am nächsten Tag direkt vor der anvisierten Praxis erst in einen inneren Dialog zu treten, ob man nun tatsächlich die Muße oder Lust dazu hat, die Yogamatte auszurollen oder die Räucherstäbchen aus der Schublade zu nehmen – und man kann direkt mit der Übung beginnen! Um Abläufe mit den Mitmenschen nicht unnötig zu stören, ist es oft hilfreich, die Praxis vor den üblichen Tagesaktivitäten durchzuführen. Es ist sowieso ein guter Grundsatz, stets mit dem Wichtigsten zu beginnen, und die spirituelle Empfänglichkeit ist in den Morgenstunden zudem am höchsten.

Für viele Menschen ist es inspirierend, spirituelle Praktiken verschiedener Art zu kombinieren oder zu variieren. Es ist aber auch eine sehr spannende Erfahrung, dieselbe Übung über einen langen Zeitraum hinweg stets zu wiederholen und dabei zu spüren, wie sie sich jeden Tag anders ausdrückt. So kann auch sehr viel Selbsterkenntnis und Bewusstsein über die eigene, jeweilige Tagesverfassung entstehen. Die Übungsweise sollte natürlich typgerecht erfolgen. Jemand, der zum Beispiel vom Wesen tendenziell faul ist oder einen zerstreuten Geist hat, braucht eher eine festgelegte Übungsstruktur und -dauer, vielleicht auch eine Übungsgruppe oder einen Lehrer, um gute Fortschritte zu machen. Wer dagegen zu übergroßer Disziplin und Strenge neigt, kann lernen, die eigenen Bedürfnisse feiner wahrzunehmen und durch sanfte Praxiselemente sowie eine ganz individuelle Dauer und Häufigkeit des Übens nach und nach liebevoller mit sich umzugehen. Hierzu ein weiteres Zitat des alten indischen Gelehrten Patanjali: „Üben bedeutet, dass wir eine passende Anstrengung auf uns nehmen, mit dem Ziel, uns dem Zustand des Yoga anzunähern, ihn zu erreichen und aufrecht zu halten."

Geistige Einsichten und Haltungen sollten natürlich nicht auf der Behandlungsliege, im Meditationsraum oder in der spirituellen Gemeinschaft bleiben, sondern in das tägliche Leben und damit in die Gesellschaft einfließen. Insofern können zu jeder Tageszeit geistige Ansätze für eine Spiritualisierung des Alltags gefunden werden. Durch diese permanente, geistige Lebenshaltung wird unser gesamtes tägliches Leben eine informelle Übung. Kurze Pausen im Laufe des Tages helfen, zu betrachten, was uns von den spirituellen Werten und Zielen entfernt – oder uns ihnen näher gebracht hat. Bereits eine einminütige Meditation kann dem Alltag die Struktur und Ordnung geben, die es uns ermöglicht, uns wieder auf unsere innere Kraft und unser Entwicklungsziel auszurichten. Egal wie turbulent und hektisch die äußeren Umstände sind.

Praktische Hilfen

Das Praktizieren in einer Gruppe, beispielsweise beim Reiki-Austauschabend, ist eine große Hilfe. Durch das gemeinsam aufgebaute Energiefeld wird jeder einzelne in der Gruppe gestärkt und kann so häufig länger und tiefer praktizieren als für sich allein. Zudem verliert sich das Gefühl der Isoliertheit, das insbesondere dann entstehen kann, wenn die Familie und Freunde einen ganz anderen Lebensweg eingeschlagen haben. Eine spirituelle Gemeinschaft mit reifen Teilnehmern hat viele Vorzüge. So können Menschen, die schon weiter entwickelt sind, die anderen durch ihr Beispiel ermutigen und bestärken. Menschen mit ähnlichem Entwicklungsstand tauschen sich über ihre Erfahrungen aus, und weniger fortgeschrittene Praktizierende werden von allen anderen unterstützt, wodurch sich die Erfahrenen im Lehren und Entwickeln von Mitgefühl üben.

Auch ein guter Lehrer kann natürlich hilfreich sein. In vielen spirituellen Traditionen gilt er sogar als unerlässlich. Er unterstützt den Schüler durch Vorleben und Teilen seines Wissens. Er ändert ihn nicht durch Druck, wenn er vielleicht auch mal Strenge zeigt, sondern durch eine Sensibilisierung des Bewusstseins des Schülers, so dass dieser aus sich selbst heraus eine innere Disziplin findet. Er lehrt mit Einfühlungsvermögen, aber ohne Abhängigkeiten zu schaffen. „Guru"bedeutet nichts anderes als: Gu = Dunkelheit, Ru = Licht. Ein Guru zeigt also den Weg aus der geistigen Dunkelheit heraus, hin zu mehr Licht.

„Dunkelheit wird zu Licht,
Unwissenheit zu Wissen,
Wissen wird Weisheit,
Weisheit zu spiritueller Seligkeit."(7)

Mit der täglichen Praxis überhaupt erst einmal zu beginnen, kann eine größere Herausforderung sein als dann die gesamte Übung, wenn man sie schlicht durchführt. Aus meiner Erfahrung und vielen Gesprächen mit spirituell orientierten Menschen weiß ich, dass es eine große Hilfe ist, sich bestimmte motivierende Bilder oder Grundgedanken zu vergegenwärtigen. Sie bauen die Anfangs-Energie auf, die uns dann an das tragende Kraftfeld anschließt, so dass wir anschließend leicht und konzentriert praktizieren können. Es genügt oft schon, sich ganz kurze Übungen vorzunehmen, zum Beispiel für die Zeit eines Räucherstäbchens (ca. 20 Minuten, oder eines halben Duftstäbchens, 10 Minuten) an seinem stillen Platz zu sitzen. Oder sich für einen Sonnengruß oder eine Sequenz von Standhaltungen (10 min) auf die Yogamatte zu stellen. Häufig ergibt sich daraus das natürliche Bedürfnis, länger oder aktiver zu praktizieren. Und wenn nicht, dann war diese kurze Übung sicherlich schon besser, als einfach nur im Bett liegen zu bleiben und viele kreative Gründe und Vorwände zu finden, warum man gerade heute nicht üben kann. Oder sich über sich selbst zu ärgern – womit wir wieder bei einer der Reiki-Lebensregeln wären.

Motivierende Gedanken

Hier eine kleine Auswahl motivierender Gedanken und Visualisierungen:

1. Wenn ich keine Muße oder Kraft verspüre zu praktizieren, weil ich mich zu müde und ausgelaugt fühle oder unter Zeitdruck stehe, ist dies der beste Hinweis, dass ich die Praxis besonders nötig brauche. Und wenn es nur für wenige Minuten ist.

2. So, wie ich meinen physischen Körper jeden Tag reinige und pflege, sollte ich auch meinen feinstofflichen Körper reinigen und zum Strahlen bringen.

3. Dankbarkeit – Ich bin dankbar und weiß, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass ich Zugang zu spirituellem Wissen erhalten habe. Und über die Zeit und Ressourcen verfüge, dieses Wissen auch praktisch anzuwenden.

4. Mit der spirituellen Praxis gehe ich durch eine geistige Tür und betrete einen neuen Bewusstseinsraum (hell, weit, farbenfroher, höher gelegen etc). und werde von diesem Bewusstsein erfüllt.

5. Die Visualisierung einer geöffneten Lotusblüte – Im Buddhismus werden die Entwicklungsstufen des Menschen als Lotusblüten in einem Teich versinnbildlicht. Einige befinden sich noch im trüben, schlammigen Wasser, andere haben bereits dicht über dem Wasserspiegel eine Knospe entwickelt, manche ragen schon hoch aus dem Wasser empor und die Blüten öffnen sich zur Sonne hin.

6. Ich verbinde mich mit meinem höheren Selbst und empfange aus dieser Bewusstseinsebene Kraft und gutes Entscheidungsvermögen für den Tag.

7. Die Praxis ist wie ein Berg. Selbst wenn unruhige Wolken und Stürme um ihn kreisen, bleibt sein Fundament unerschütterlich und stabil.

8. Dank meiner Praxis erweitert und klärt sich mein Energiefeld. Diese hoch schwingende Hülle wirkt auf mich und die Menschen ein, denen ich heute begegne.

9. Trotz des aufgepeitschten, trüben Wassers an der Oberfläche, liegt tief darunter eine ruhige und klare Ebene. Ich begebe mich in diesen stillen Bereich und gleichzeitig verringert sich die Oberflächenbewegung.

Zum Abschluss noch eine besondere, vielleicht auf den ersten Blick widersprüchliche Metapher: Die Perle der Disziplin. Perlen bilden sich, wie bekannt ist, im Innersten einer Muschel durch einen langen Prozess, Schicht um Schicht, und ausgelöst durch eine innere Reibung mit einem Sandkorn. Ist der Wachstumsprozess aber erfolgreich, ist sie das Kostbarste, was die Muschel hervor bringen konnte. Das wertvollste Gut jeder spirituellen Disziplin ist es, diesen inneren Reichtum und Glanz im Menschen zu wecken und alle Lebensbereiche und Lebewesen damit zu veredeln und zu erhellen.

 

 

Carolin-Toskar

Carolin Toskar ist Autorin des Buches „Gesundheit als Weg zum Selbst" und Co-Gründerin der Stiftung für Spirituelle Gesundheit. Gemeinsam mit ihrem Mann Alexander Toskar führt sie die Zentren für Geistige Aufrichtung in Zürich und Köln.

Weitere Infos:

www.geistige-aufrichtung.com

www.stiftung-spirituelle-gesundheit.org

 

Gesundheit als Weg zum Selbst – ein Handbuch zur Heilung und Gesundwerdung im Alltag. Es enthält weitere Gedanken zur spirituellen Disziplin und über 70 leicht anwendbare Übungen und Techniken, vom Atem über die Chakras bis zu Yoga-Stellungen. Erhältlich u.a. über: www.aquamarin-verlag.de.

 

Anmerkungen

(1) Nach Willigis Jäger und der Buddhistischen Bewusstseinsevolutionslehre.

(2)Quelle: Forschungen an Patienten der Palliativmedizin im Klinikum Großhadern in München, Interview mit dem Psychologen Martin Fegg, Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.

(3) Autor von „Das Arbeitsbuch der Achtsamkeit", Arbor-Verlag. Sein Spezialgebiet ist die Mind-Body-Medicine.

(4) Die entsprechende Studie ist derzeit noch nicht veröffentlicht.

(5) âtman heißt soviel wie „Atem" oder „Hauch" und wird oft mit Geist oder Seele übersetzt.

(6) Tagesgedanke vom 8. Februar 2010, Prosveta-Team.

(7) Aus: Licht auf Yoga, B.-K.S. Iyengar.

 

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