„Leben ist Bewegung ..." - Ein Interview mit Shri Balaji També

Dr. Shri Balaji També ist als spiritueller Lehrer, Ayurveda-Arzt, Musiker und Kosmologe international bekannt. Seit Jahrzehnten erforscht er die gesundheitsfördernde Wirkung von Mantren und heilender Musik, entwickelte ein spezielles Hormon-Yoga und hocheffektive Medikamente. Oliver Klatt traf ihn in Hamburg und führte ein Interview mit ihm. Dabei ging es auch um das Thema Lebensenergie.

Oliver Klatt: Ein Grundgedanke in Ihrem Buch heißt: „Leben ist Bewegung ..." Derzeit gibt es viel Bewegung auf dem Planeten Erde. Damit scheint es eine sehr lebendige Entwicklung zu geben. Diese wird von vielen als herausfordernd empfunden. Was können wir tun, um sie zu unserem Wohl zu gestalten?

Shri Balaji També: Bewegung kann in zwei Richtungen gehen. Leben ist Bewegung, aber es kann in die evolutionäre Richtung gehen oder in die entgegengesetzte Richtung. Evolution ist die Bewegung, die letztlich zu Frieden führt. Die Bewegung in die entgegengesetzte Richtung führt letztendlich zu Zerstörung.

Konstruktive Bewegung

In der vedischen Sichtweise beziehen wir uns nicht zuallererst auf uns selbst. Wir würden vielmehr sagen: Wenn der Raum, in dem ich mich aufhalte, kalt ist, dann ist mir auch kalt. Mein erster Gedanke ist also nicht: Mir ist kalt. Sondern vielmehr: In diesem Raum ist es kalt. Bewegung sollte konstruktiv und kreativ für jeden sein.

Oliver Klatt: Was können wir tun, damit dies gelingt?

Shri Balaji També: Die Hinweise, die die Veden dazu geben, zielen darauf ab zu verstehen, wie Bewegung entsteht und wie sie fortgeführt wird. Dies wird Yadnya genannt. Yadnya beschreibt, was zu tun ist, damit eine Bewegung kreativ wird und bleibt. Es beschreibt den Moment, wo Bewegung in kreative Entwicklung übergeht.

Oliver Klatt: Beim Lesen Ihres Buches hatte ich das Gefühl, es geht eigentlich darum zu verstehen, wie man die göttlichen Schwingungen am besten auffangen, verinnerlichen und leben kann.

Shri Balaji També: Jede Bewegung beinhaltet drei Aspekte. Zwei davon stehen in einer Polarität zu einem dritten. Einerseits sind da Materie und Energie. Auf der anderen Seite, in Polarität dazu, ist das Programm, die Intention, der Zweck. Wir haben also Materie und Energie auf der einen Seite, und auf der anderen Seite das Programm. Materie und Energie sind immer zusammen, da brauchen wir nichts dazu tun. Wir müssen beides nur in angemessener Weise nutzen. Um eine Handlung auszuführen, müssen Materie und Energie mit dem Programm zusammenkommen. Wenn dies geschieht, beginnt Leben. Das Programm enthält Entwicklung und Erweiterung, und es enthält Bewegung. Deshalb ist Bewegung Leben. Nur wenn das richtige Programm dazu kommt, entsteht eine kreative Bewegung. Darum geht es bei Yadnya.

„Es braucht einen Zündfunken."

Oliver Klatt: Wie kommen wir zu dem richtigen Programm?

Shri Balaji També: Um sich am Masterplan zu orientieren, man könnte auch sagen an Gott, am göttlichen Bewusstsein, benötigt man ein Instrument. Unser Instrument ist unser Körper. Dieser ermöglicht die Verbindung zwischen Materie und Energie. Damit allein ist er aber noch nicht lebendig. Er benötigt ein Programm, das von außen kommt. Damit dies geschehen kann, müssen wir die Außenwelt einladen, sie integrieren. Damit der Körper sich entwickeln kann, benötigt er Nahrung. Diese ist nötig, um etwas in Gang zu bringen, um einen kreativen Prozess zu beginnen und zu erhalten. Damit es dazu kommen kann, braucht es einen Zündfunken. Dieser sollte möglichst klein sein, damit nicht alles durch ihn verbrennt. Wie bei einem Motor. Ein kleiner Funken reicht aus, denn es soll nicht der ganze Motor explodieren, sondern er soll lediglich zum Laufen gebracht werden. Damit der Prozess kreativ bleibt, gibt es bestimmte Mantren, das sind Programme, die einen Einfluss in die richtige Richtung ausüben. Es ist wichtig, Gott, das göttliche Bewusstsein, einzuladen.

Oliver Klatt: Ich verstehe es so, dass wir dies aktiv tun sollen ... ?!

Shri Balaji També: Zu Beginn geschah alles allein durch die Natur. Das Universum entstand. Es breitete sich aus. Die Sonne bewegt sich, der Mond bewegt sich, alles hat einen Zweck, aus sich selbst heraus, ist expansiv. Erst durch den Menschen entsteht die Frage: Was kann ich zur Welt beitragen? Ein wichtiger Aspekt dabei ist Nahrung. Diese kann verschiedene Auswirkungen haben. Im Ayurveda heißt es, man solle Nahrung nicht schlucken, sondern trinken. Das bedeutet, sie so klein zu kauen, so fein, dass sie fast schon flüssig geworden ist. So kann sie optimal aufgenommen werden. Ebenso wichtig ist es, dass man die richtige Nahrung zu sich nimmt, also eine, die zu einem passt. Je nach Typ kann das sehr unterschiedliche Nahrung sein. Das alles tut man, um gute Bedingungen für die Menschheit zu schaffen, für jeden. Dies ist das Interesse von Gott.

Göttliche Präsenz

Oliver Klatt: Es gibt also Nahrung auf der physischen Ebene, für den Körper, und auf geistiger Ebene, durch das Göttliche ...

Shri Balaji També: ... und wir müssen uns darum kümmern, dass wir sie erhalten! Das Problem ist: Als der Mensch entstand, war die Evolution an einen Punkt angelangt, wo das Individuum entstand. Und damit entstand auch das duale Denken. Von da an gab es den Gedanken: Ich bin – und Gott ist. Seitdem ist das Individuum selbst dafür verantwortlich, sich zu entwickeln. Im Tierreich existiert dieses Problem nicht. Tiere haben kaum Probleme mit Verdauung, sie haben kaum Probleme mit Sex. Die Natur kümmert sich automatisch darum. Wenn ein Löwe hungrig ist, jagt er vielleicht eine Gazelle, aber diese ist einfach nur Nahrung für ihn. Ihm geht es nicht um eine bestimmte Gazelle. Er blickt nicht auf sie als „Gazelle", sondern als „Nahrung". Mit dem Menschen kam das Problem der Individualität. Seitdem sind wir selbst dafür verantwortlich, uns weiterzuentwickeln.

Gott ist überall, aber wenn wir ihn nicht einladen, wird er nicht kommen. Seine Präsenz ist in Form von Lebensenergie spürbar: Praan. Gott ist in mir, also bin ich lebendig. Wenn er nicht da ist, bin ich nicht lebendig. Praan ist Gottes Präsenz. Wann immer man ihn einlädt zu kommen, wird er kommen. Aber er kommt nicht von selbst. Gott macht keine Unterschiede, in der Art: Du bist ein guter Mensch, du wirst mehr von mir erhalten. Du bist anders, du erhältst weniger. Oder: Wir sind hier in Deutschland, weil du Deutscher bist, erhältst du mehr als ein Ausländer. Es geht vielmehr um den Grad meiner Fähigkeit, wie sehr ich ihn einladen kann.

Oliver Klatt: Ich übe seit vielen Jahren Reiki als spirituelle Praxis aus. Dabei lege ich mir die Hände auf und übertrage Lebensenergie auf andere Menschen oder mich selbst. Ich verstehe das so, dass ich damit Gott einlade ...

Shri Balaji També: Praan, Lebensenergie, ist Gottes Präsenz. Richten wir das Bewusstsein auf etwas, das mit Gott verbunden ist, wie Praan, indem wir uns zum Beispiel die Hände auflegen und die Energie spüren, laden wir Gott ein. So kann man sich innerlich ausrichten. Legt man jemandem anders die Hände auf und erwirkt eine Besserung bei ihm, kann es aber sein, dass diese Besserung nicht von Dauer ist – sie kann auch wieder weggehen. Unser Leben sollte deshalb jederzeit voller Gebete sein. Damit meine ich nicht Gedichte oder Musik, sondern das Denken daran, dass ich Gott stets einladen möchte. Wer in dieser Weise „arbeitet", sollte denken, dass er für Gott „arbeitet". Wer an sich selbst denkt, vergisst Gott. Es geht nicht beides gleichzeitig. Wer denkt: Ich habe Magenschmerzen, dabei möchte ich doch die Feiertage genießen, ist schon getrennt von Gott.

Heilen durch Handauflegen

Die Füße sollten nicht zum Heilen verwendet werden. Sie befinden sich nahe der Schwerkraft, sie ziehen die Energie nach unten. Besser ist es, wenn die Energie vom Herzen ausgeht, aus der Mitte unseres Körpers, und von da aus in die Arme und Hände. Man kann auch Energie mit den Augen übermitteln. Aber die andere Person ist dafür vielleicht nicht aufnahmebereit, weil sie nicht davon ausgeht, dass in einem bestimmten Moment die Energie auf diese Weise zu ihr kommt. Und die Akzeptanz beim anderen muss da sein, dafür dass der Heiler derjenige ist, der ihn in Gottes Präsenz bringt – sonst funktioniert es nicht. Besser geht das mit den Händen, weil der andere das Auflegen der Hände bewusst akzeptiert und die damit verbundene Übermittlung von Energie so besser annehmen kann. Mit den Händen helfen wir, wir bieten etwas an, wir kommunizieren damit. Die Hände sind zum Helfen da. Sie sind „natürliche Heiler"!

Oliver Klatt: Sie beschreiben in Ihrem Buch die Vorgänge im Zusammenhang mit göttlicher Energie und Ausrichtung in einer sehr technischen Sprache. Unser Körper wird wie ein technisches Gerät beschrieben. In einer Zeit, in der die Technik immer mehr Macht über den Menschen gewinnt ... ist es da nicht unpassend, auch den Menschen selbst und seine Beziehung zu Gott in einer technischen Sprache zu beschreiben? Weil man auf diese Weise das technische Denken noch mehr unterstützt? Dieses führt ja oft genug auch weg von Gott ...

Shri Balaji També: Das ist richtig. Die technische Welt ist nicht Gott. Die Wissenschaft hat, im Bereich der Physik, einen großen Sprung gemacht, von der Newton'schen Physik zur Quantenphysik. So können spirituelle Ideen nun vermehrt auch von der Wissenschaft aufgenommen werden. Aber die Mehrheit der Wissenschaftler will davon nichts wissen. Deshalb habe ich entschieden, ein Buch in einer Sprache zu verfassen, die auch Menschen mit wissenschaftlichem Sachverstand anspricht. Dies muss nicht von Gott weg führen. Wenn es um Gott geht, muss es nicht immer um Poesie gehen, oder um schöne Worte. Das Buch ist in einer technischen Sprache geschrieben, um auch diese Dimension des Göttlichen einmal näher zu erläutern. Es geht bei einem Ritual nicht bloß darum, etwas Kraut im Feuer zu verbrennen. Es sind größere Zusammenhänge dabei wirksam, die durchaus in einer technischen Sprache beschrieben werden können. Es geht darum, die verschiedenen Wissensfelder zusammenzuführen.

Die indischen Veden

Von der wissenschaftlichen Seite her gibt es in Indien gegenüber dem vedischen Wissen zwei große Vorbehalte. Der eine ist, dass man die Veden dafür verantwortlich macht, dass es in Indien das Kastensystem gibt. Ich zeige in meinem Buch, dass dies nicht stimmt. Nirgendwo in den Veden steht etwas von einem Kastensystem. Der zweite Vorbehalt ist, dass die Veden dafür verantwortlich gemacht werden, dass religiöse Tieropfer durchgeführt werden. Auch dies steht nirgends in den Veden. Indem ich das aufgezeigt habe, konnte ich Widerstände seitens der Wissenschaft beseitigen. So etwas geht aber nur, wenn man dieselbe Sprache spricht. Und: Ich habe weitere Bücher in Vorbereitung, die in eine andere Richtung gehen.

Ein Stück weit ist dieses Buch eine Gratwanderung gewesen, denn es gab ebenso Vorbehalte von der anderen Seite her: von Seiten der „vedischen Gemeinschaft", die viele Schriftgelehrte vereint, welche die Veden fast in Form einer Religion verwalten und die sehr einflussreich sind. Sie gehen oft in Opposition zur modernen Wissenschaft, weil diese nicht den alten Traditionen entspräche. Mir ging es darum, auch diese Gelehrten mit ins Boot zu holen und so zu verhindern, dass es zu einem Bruch mit der Wissenschaft kommt. Ich habe 20 der höchsten Vertreter dieser Vereinigung eingeladen und mit ihnen über die Inhalte des Buches gesprochen – und sie waren letztlich auch einverstanden damit.

Oliver Klatt: Ich denke auch, dass es letztlich nur um ein Miteinander gehen kann. Wir haben, was die Reiki-Methode angeht, kürzlich einen Berufsverband gegründet, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, Reiki mit der Schulmedizin und der Wissenschaft zusammen zu bringen. Mein eigenes Wirken geht auch seit vielen Jahren in diese Richtung. In Berlin gibt es eine renommierte schulmedizinische Klinik, wo seit vielen Jahren in großem Stil auch mit Reiki gearbeitet wird. Es fühlt sich gut an, wenn beides zusammenkommt.

Shri Balaji També: Letztlich ist es gut, wenn die Menschen auf einfache Weise leicht, schnell und kostengünstig medizinisch behandelt werden können. Die Schulmedizin ist oft sehr teuer. Vieles davon ist hilfreich, aber die Menschen haben so viele Probleme. Was Reiki angeht, so steht diese Energie einfach zur Verfügung. Da ist eine Gemeinsamkeit mit dem Ayurveda. Beides hat diesen positiven Ansatz: Man tut etwas damit, und entweder es hilft – oder auch nicht. Auf jeden Fall verschlimmert sich nichts. Es entsteht kein weiteres Problem. Es geht darum, den Menschen zu stärken, ihn innerlich kraftvoll zu machen. Man führt dem Körper heilende Energie zu, damit er am besten gar nicht erst krank wird.

Das Wissen vom Geben

Oliver Klatt: Wenn Sie in wenigen Sätzen zusammenfassen sollten, was aus Ihrer Sicht das Wichtigste ist, das Sie den Menschen mitgeben möchten, vor dem Hintergrund Ihrer 75 Jahre Lebenserfahrung, was wäre das?

Shri Balaji També: Die alten Traditionen tragen viel Weisheit in sich, wir sollten sie nicht einfach außer Acht lassen. Über sie kann man sich eine ethische Lebensweise aneignen, die letztlich darin besteht, zu geben. Es geht um nichts anderes als um das Wissen vom Geben. Dies ist der Schlüssel für ein erfolgreiches Leben auf allen drei Ebenen: Körper, Geist und Seele. Je natürlicher man wird, umso mehr ist man in Liebe. Dies ist wichtig. Das Geben muss mit Liebe geschehen, vom Herzen aus, dann profitieren alle davon. Wenn Geben ohne Liebe geschieht, ist es nutzlos. Wenn man dies tut, auf natürliche Weise, hilft Gott einem in jederlei Hinsicht. Es gibt einen großen, vollständigen „Wissensspeicher" in der Welt. Auf diesen kann man zugreifen, wenn man jemandem helfen möchte, heilen möchte. Das Wissen ist da. Man kann darauf zugreifen und es in der Welt verbreiten.

 

 

Das Interview fand statt am 30. Dezember 2014 in Hamburg.

Übersetzung ins Deutsche: Oliver Klatt

Copyrightangaben Fotos:
Shri Balaji També Porträt: Copyr. Archiv Shri Balaji També
Om-Zeichen: Copyr. styleuneed - Fotolia.com

 

 

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