Samuel Hahnemann

Seit es sie gibt, ist sie umstritten: die Homöopathie. Vor über 200 Jahren begründet von einem Mann, der trotz aller Widrigkeiten an seiner Entdeckung und seinen Erfahrungen mit ihr festhielt, dem die Freiheit, an ihr zu forschen und sie weiterzuentwickeln wichtiger war, als mehrere Berufungen zum Hochschullehrer.

Er hätte es einfacher haben können: zweimal erging ein Ruf an ihn, an einer ausländischen Universität als Chemiker und Mediziner zu lehren. Beide Male lehnte er ab. Samuel Hahnemann hatte damals finanziell nicht gerade das, was man eine gesicherte Existenz nennt. Außerdem gab es noch Frau und Kinder zu ernähren, zuletzt deren neun. Elf Kinder hat seine Frau Henriette ihm geboren, von denen eines als Säugling an den Folgen eines Kutschenunfalls starb, als die Familie wieder einmal umziehen musste, weil der Vater eine neue Stelle als Arzt antreten wollte oder einfach eine günstigere Bleibe suchte. In den ersten 25 Jahren seiner Existenz als Arzt wohnte Samuel Hahnemann an 21 Orten, darunter Dresden, Leipzig, Hamburg, Altona und Mölln. An keinem blieb er lange, oft drückte die Not. Noch häufiger allerdings machte ihm der Neid seiner Kollegen oder die Feindschaft der Apotheker zu schaffen.

Hauptsächlich aber blieb er in Sachsen, wo er 1755 in Meißen geboren und in die Schule gegangen war. Der Schule verdankte er das Motto, das ihn sein Leben lang begleiten sollte und das auch seinen Zeitgenossen Immanuel Kant, den Königsberger Philosophen, geprägt hatte: „Sapere aude!" – „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen; wage es, weise zu sein!"

Als Arzt fühlte Hahnemann sich einem Ethos verpflichtet, das schon im Eid des Hippokrates beschrieben ist: dem Kranken nicht zu schaden. Hahnemann selbst definierte es später so: „Des Arztes höchster und einziger Beruf ist es, kranke Menschen gesund zu machen, was man heilen nennt."(1) Gerade das fand er selten in der zeitgenössischen Medizin des 18. Jahrhunderts, die kaum am Krankenbett gelehrt wurde und hauptsächlich aus Spekulationen bestand. Die Grenze zwischen Laienmedizinern und akademischen Ärzten war fließend. Als Therapeut gewählt wurde von den Kranken meist derjenige, der den besten Ruf hatte. Zu den Methoden gehörten etwa Aderlässe, bei denen jedes Mal einem Patienten ein halber Liter Blut oder mehr abgezapft wurde, um „Stauungen" zu beheben, innere und äußere Anwendungen von Quecksilber, das Anbringen künstlicher Wunden, die durch darin eingelegte Haarseile zum Eitern gebracht wurden, um die Krankheit von einer Stelle des Körpers an eine andere, auf der Haut liegende zu bringen, wo man meinte, sie besser ableiten zu können.

Gewissheit in der Medizin?

Als kompetenter Arzt galt für die medizinischen Autoritäten damals jener, der über die inneren Ursachen einer Krankheit Bescheid wusste. Ein Zeitgenosse Hahnemanns, selbst Mediziner, beschreibt – als einer von vielen – die Lage zum Ende des Jahrhunderts: „Der Apparatus medicaminum ist weiter Nichts als eine sorgfältige Sammlung aller Trugschlüsse, welche die Ärzte von jeher gemacht haben (...) Wo von keinem Wissen die Rede ist, wo alle nur meinen (...) Derjenige, der imstande ist, mir Gewissheit in der Medizin zu zeigen, der werfe den ersten Stein auf mich!"(2)

Eines der Opfer dieser Medizin war 1792 der damalige Kaiser Österreichs, Leopold II., der vermutlich eine Blinddarmentzündung hatte. An dieser gestorben ist der 45jährige nicht, wohl aber an den innerhalb von 24 Stunden erfolgten viermaligen Aderlässen durch seine Ärzte. Dies brachte den damals 37jährigen Mediziner Samuel Hahnemann derart in Rage, dass er eine Streitschrift verfasste, in der er öffentlich den kaiserlichen Arzt eines Kunstfehlers bezichtigte. Und eine Diskussion auslöste über die richtige oder falsche Therapie.

Als Gelehrter war Samuel Hahnemann damals schon recht bekannt. Seinen Lebensunterhalt verdient hatte er sich nicht nur während seines Medizinstudiums in Leipzig und Wien durch Sprachunterricht, Übersetzungen und Fachartikel – auch während seiner Wanderjahre lebte er hauptsächlich als Autor und Herausgeber medizinischer Werke. Er beherrschte die alten Sprachen Griechisch und Latein, zudem Englisch, Französisch und Italienisch. Eine seiner Übersetzungsarbeiten sollte die Initialzündung für das werden, was später als „Homöopathie" bekannt wurde. Diese Übersetzung fiel in eine Zeit, in der Hahnemann samt Familie etwas länger an einem Ort lebte, während der er mehrere medizinische Werke mit einem Gesamtumfang von mehr als 4.500 Seiten übersetzte.

Haltung des Zuhörens

1792 eröffnete Samuel Hahnemann eine private psychiatrische Klinik, damals hieß das noch „Irrenanstalt", und hatte sogleich den ersten Patienten. Dieser konnte ein Dreivierteljahr später als geheilt entlassen werden. Anzunehmen ist, dass Hahnemann in seiner Therapie Elemente dessen verwandte, was heute als Gesprächstherapie bekannt ist, auch Elemente einer Arbeitstherapie. Damit war er seiner Zeit weit voraus. In Frankreich und England begann man einige Jahre später, psychisch Kranke als kranke Menschen zu behandeln. Doch nicht nur darin war Hahnemann ein Pionier. Seine Technik der Anamnese greift mit der Haltung des Zuhörens dem voraus, was Sigmund Freud anderthalb Jahrhunderte später als „freischwebende Aufmerksamkeit" bezeichnen wird.

Aus den Erfahrungen mit dem psychisch kranken Patienten hat Samuel Hahnemann einiges mitgenommen, was später in die Ausgestaltung der Homöopathie einfließen sollte. So etwa den Gedanken der „Verstimmung" der Lebenskraft – und wie diese wieder in die ihr eigene Harmonie gestimmt werden könne. Die private Anstalt indes musste Hahnemann nach der Entlassung seines geheilten Patienten mangels Nachfrage schließen.

Die Reise ging weiter: Es sollte noch zwölf Jahre dauern, bis die Familie Hahnemann längere Zeit an einem Ort blieb, im sächsischen Torgau. Hier nennt der mittlerweile 50jährige in einem Aufsatz 1805 zum ersten Mal den Begriff „homöopathisch". Da lag seine grundlegende Einsicht schon 15 Jahre zurück. Seitdem erforschte und überprüfte Samuel Hahnemann immer wieder deren Elemente, entwickelte sie weiter, wandte sie sein ganzes Arzt- und Forscherleben allmählich und beharrlich an. Bis kurz vor seinem Tod 1843 war Hahnemann mit der Entwicklung und Weiterführung seiner grundlegenden Idee befasst. Sein Maßstab für deren Wirkung war die Erfahrung.

Als Übersetzer prüfte Hahnemann das, was er las. Er fügte häufig erklärende oder kritische Fußnoten hinzu. So auch bei dem Werk eines englischen Mediziners, der über die Chinarinde und deren Wirkungen bei Malaria geschrieben hatte. Hahnemann selbst hatte in Siebenbürgen, im heutigen Rumänien, Erfahrungen mit der Malaria gemacht, als er 1777 während seines Studiums Bibliothekar und Leibarzt eines österreichischen Politikers gewesen war. Somit kannte er die Symptome des Wechselfiebers, wie Malaria damals genannt wurde, aus eigener Erfahrung, ebenso deren erfolgreiche Behandlung mit Chinarinde. Was der Engländer über die Chinarinde schrieb, dass sie seiner Meinung nach magenstärkend wirke und so das Wechselfieber heile, war exemplarisch für die Denkweise der damaligen Medizin. Dies irritierte den Übersetzer, und er machte sich daran, die Wirkung der Chinarinde selbst zu überprüfen. Er war gesund, doch sie erzeugte an ihm Symptome, die denen der Malaria glichen. Das brachte Hahnemann auf die Spur: Könnte die Wirkung von Arzneien darin liegen, dass sie Symptome hervorbringen, die denen der zu behandelnden Krankheit ähneln?

Dann würde deren Einnahme gleichsam eine „Kunstkrankheit" erzeugen, stärker als die natürliche. Daraufhin würde die dem Körper innewohnende geistartige „Lebenskraft" reagieren, indem sie die künstlich erregten Symptomen beseitigte und damit jene der natürlichen Krankheit. Man bräuchte nicht über die Ursache einer Krankheit zu grübeln, da diese ohnehin nicht zu finden ist, sondern allein zu beobachten, wie die Krankheit sich beim Erkrankten zeigt. Und dann eine Arznei anwenden, die sehr ähnliche Erscheinungen bei einem gesunden Menschen hervorruft.

Immer kleinere Dosen

Krankheit ist nicht normal. Sie stört das ursprüngliche Bild des Menschen, wie er als Gottes Ebenbild von Gott geschaffen ist. Der ursprüngliche Mensch ist die Norm, an der Hahnemann sich orientiert. Es ist der an Leib, Seele und Geist gesunde Mensch, der in sich harmonisch ist. Diesen reinen Typus gibt es nur als Ideal. Die Krankheit nun, entstanden durch die Verstimmung der Lebenskraft, stört dieses ursprünglich harmonische Bild und zeigt ein neues, ein verzerrtes. Gleichzeitig ist für Hahnemann klar, dass sie untrennbar mit dem Menschen selbst verbunden ist und nicht, wie man damals dachte, ein eigenes Wesen, von außen kommend. Es geht also nicht darum, Krankheiten zu behandeln, sondern kranke Menschen.

So könnte die Intuition Samuel Hahnemanns damals ausgesehen haben. Tatsächlich ist diese Zusammenfassung das Ergebnis seiner jahrzehntelangen, lebenslangen Erfahrung und steten Überprüfung und Überarbeitung dessen, was er zunächst geahnt haben mag. Paracelsus hatte einst gesagt, die Dosis mache das Gift. Vielleicht war es dieses Wort und die zeitgenössische Praxis, bei ausbleibendem Erfolg immer höhere Dosen eines Mittels (wie etwa Fingerhut) zu geben, die oft zum Gegenteil einer Genesung führte, was den Arzt Hahnemann nun bewog, mit immer kleineren Dosen eines einzigen Arzneistoffes zu experimentieren. In einem war er sich ziemlich sicher: Die Arznei, die es dem Patienten zu geben galt, dürfte nur eine einzelne Substanz sein, nicht das, was er in der zeitgenössischen Medizin vorfand. Deren Medikamente bestanden aus teilweise abenteuerlichen Mischungen und dienten seiner Ansicht nach nur dazu, die Krankheit niederzuhalten, zu verschlimmern oder gar eine weitere zu erregen.

Mit der Kirche und ihren Vertretern wollte Hahnemann nichts zu tun haben. Dennoch hatte er ein Menschenbild, das angelehnt ist an die biblische Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Er schreibt: „Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft unumschränkt und hält alle seine Theile in bewunderungswürdig harmonischem Lebensgange (...), so daß unser innewohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkezeugs frei zu dem höheren Zwecke unsers Dasein bedienen kann."(3)

Der Mensch ist von diesem Ideal weit entfernt. Heute würde man vielleicht sagen: entfernt davon, achtsamer Bewahrer seiner selbst und der Schöpfung zu sein. Die Verstimmung der Lebenskraft lenkt ihn ab von diesem Ideal. Ist sie behoben und der ursprüngliche Ton, das ursprüngliche Bild wiederhergestellt, hat der Mensch Ressourcen zur Verfügung, die vorher durch das Kranksein gebunden waren. Nun wäre es möglich, achtsam mit der Schöpfung Gottes umzugehen, die er selbst ist und die ihn umgibt. Oder, wie ein buddhistischer Meditationslehrer dieser Tage formulierte: „Frieden beginnt damit, dass sich jeder von uns jeden Tag um seinen Körper und seinen Geist kümmert." Das wäre möglicherweise der „höhere Zweck" des menschlichen Daseins, den Hahnemann, der Konfuzius verehrte, postuliert hatte.

In der Mitte seines Lebens sah es düster aus für Samuel Hahnemann. Nicht nur, dass eine zweite Therapie mit einem psychisch Kranken, den er in Hamburg in seine Familie aufgenommen hatte, an dessen Gewaltexzessen scheiterte. Auch Hahnemanns Ruf als Chemiker litt, weil er einen Aufsatz veröffentlicht hatte über seine vermeintliche Entdeckung eines damals bereits bekannten Stoffes. Am Ende des Jahres 1800 schien es, als sei der Arzt und Chemiker Hahnemann von allen guten Geistern verlassen und sein Ruf zerstört.

Einige Zeit später beginnt Hahnemann, nun wieder in Sachsen, erste Patienten nach der von ihm neu entwickelten Methode zu behandeln. Hatte er zunächst jahrelang experimentiert, indem er Wirkungen von Arzneistoffen an sich und seinen Familienmitgliedern erprobte und die Seinen auch nach dieser Methode behandelte, so wagte er nun, auch gestützt durch diese Erfahrungen, seine Patienten damit zu behandeln. Sein Ruf war so gut, dass die Patienten sogar Tagesreisen auf sich nahmen, um vom ihm behandelt zu werden. Später kamen die Patienten nicht nur aus ganz Europa, sondern auch aus Russland und Amerika.

Die „Krankenjournale"

Hahnemann führte Buch über seine Praxis, die sogenannten „Krankenjournale". Aus denen geht hervor, dass er in den ersten zwei Jahren seiner Praxis in Sachsen fast 1.000 Patienten behandelte. In dieser Zeit fällt zum ersten Mal der Begriff „homöopathisch". Hahnemann grenzt seine Methode strikt ab gegen die zeitgenössische Medizin. Er schreibt trocken: „Die Heilkunde ist eine Wissenschaft der Erfahrung; sie beschäftigt sich mit der Tilgung der Krankheiten durch Hülfsmittel".(4) Seine bestanden im Erfassen der charakteristischen Symptome eines Kranken sowie in der Anwendung eines Mittels, das jenen „sehr ähnliche" erzeugte. Das Ähnlichkeitsgesetz war erstmals formuliert und floss in sein Hauptwerk, das „Organon" ein, in dem Hahnemann die Theorie der Homöopathie darlegt. Es erschien erstmals 1810 und wurde von Hahnemann bis kurz vor seinem Tod immer wieder auf den neuesten Stand gebracht. Die Anwendung dieses Gesetzes verlangt exzellente Kenntnisse in der Diagnose von Krankheiten; denn nur so können die individuellen Symptome eines Patienten abgegrenzt werden von denen, die allgemein durch eine bestimmte Krankheit hervorgerufen werden.

In den folgenden zwanzig Jahren festigt sich der Ruf von Samuel Hahnemann. Er wird zunächst in Sachsen zu einem „Modearzt". Prominente Patienten aus ganz Europa kommen, und auch Briefe, in denen Hahnemann um Rat gebeten wird – sogar aus Amerika wird nach ihm verlangt. Ein Grund für diese rasante Entwicklung lag sicherlich auch darin, dass Samuel Hahnemann – zumindest an seinem Wohnort – mithilfe seiner homöopathischen Methode eine Epidemie abwenden konnte. Diese war 1813 eingeschleppt worden von den Truppen Napoleons, die aus dem verlorenen Russlandfeldzug und nach der Niederlage in der Völkerschlacht zurück nach Frankreich flohen. Hahnemanns Ruf war so groß, dass sogar der Sieger der Völkerschlacht, ein österreichischer Feldherr, sich von ihm behandeln ließ.

Inmitten dieser Erfolge bekam Hahnemann immer wieder Ärger. Zuletzt mit den Apothekern seines Heimatortes. Der Streit mit den Apothekern ergab sich aus der Natur des unterschiedlichen Arzneiverständnisses. Apotheken waren spezialisiert auf die Herstellung von Arzneimischungen und auf große Mengen. Hahnemann aber wählte stets nur ein Mittel, und davon eine kleine Dosis. Somit stellte er von Anfang an seine Arzneien selbst her. In der ersten Publikation über seine neue Therapiemethode schreibt er 1796 noch von äußerst kleinen Gaben. Fünf Jahre später veröffentlicht er einen Aufsatz über die von ihm inzwischen favorisierten Verdünnungen. Darin ist zum ersten Mal von einer millionenfachen Verdünnung die Rede. Das Verdünnen der Arzneien ist Ergebnis der Erfahrungen, die Hahnemann mit den Patienten gemacht hat. Die Potenzierung oder, wie er sie nennt: Dynamisation kommt erst viel später: 1828 wird er das erste Mal von dieser Form der Arzneiherstellung berichten. „Homöopathische Dynamisationen sind wahre Erweckungen der in den natürlichen Körpern (...) verborgen gelegenen arzneilichen Eigenschaften, welche dann fast geistig (...) einzuwirken fähig werden."(5) Der in der Materie wohnende Geist wird durch die Dynamisation gleichsam „erweckt", und kann so die geistartige Lebenskraft beeinflussen.

Auch führt das Verreiben oder Verschütteln, die Dynamisation, dazu, dass vorher unlösliche Stoffe zugänglich gemacht werden können. Womit Hahnemann, ohne es wissen, die Kolloidalchemie begründet hat. Er war in vielem ein Pionier. So auch 1831 bei der erfolgreichen Behandlung einer aus dem Osten gekommenen Cholera-Epidemie, die zahllose Opfer forderte. Allein in Russland sollen 1830 durch die Seuche über 200.000 Menschen gestorben sein. Hahnemann verwendet bei Ausbruch der Krankheit kleine Dosen Kampferspiritus und regt an, dass die Erkrankten zur Einnahme von Kampfer viel trinken sollen. Ganz im Gegensatz zur damaligen Praxis, die zu Aderlässen bei Cholera griff. Der Erfolg gab Hahnemann recht. Selbst in Österreich, wo die Homöopathie seit 1819 verboten war, wollten immer mehr Menschen homöopathisch behandelt werden. Hahnemanns Lehre und Methode beeindruckt sogar die britische Regierung. Als Auslöser der Cholera vermutet Hahnemann „[feinste] Tiere niederer Ordnung".(6) Das Cholera-Bakterium wurde 1884 erstmals nachgewiesen, 41 Jahre nach Hahnemanns Tod.

Tod in Paris

Gestorben ist Samuel Hahnemann in Paris, weit entfernt von seinem alten Leben in Deutschland. Nach Paris hatte ihn die Liebe gebracht. Die kam in Gestalt einer vermögenden 35jährigen Französin zu dem mittlerweile 80jährigen Arzt, von dem man allgemein erwartete, dass er nach dem Tod seiner Frau sein Leben auf dem Altenteil beschließen werde, versorgt durch zwei seiner Töchter. Aber den Gefallen tat Hahnemann niemandem. 1836 übersiedelte er mit seiner zweiten Frau Mélanie nach Paris. Die aus altem Adel stammende Mélanie d'Hervilly hatte während ihrer Karriere als Malerin die besten Beziehungen aufbauen können, und so kam es, dass Samuel Hahnemann sogleich die Erlaubnis erhielt, als Arzt in Paris zu arbeiten. Die letzten acht Jahre seines Lebens müssen wie ein Rausch für den gewesen sein, der die meiste Zeit von der Not getrieben, von einem Ort zum andern gezogen war. Wie Franz Anton Mesmer, der eine Generation vor ihm ebenfalls der angesehenste Arzt in Paris gewesen war, lebte Hahnemann in Prunk und Großzügigkeit. Bis zuletzt kamen etwa 60 Patienten täglich in sein Stadtpalais. Darunter waren Prominente aus der damaligen Oberschicht, sowie Musiker und Komponisten. Die Mittellosen behandelten er und Melanie gratis.

Für Weiterentwicklungen in der Medizin war Hahnemann stets offen. Als einer der ersten nutzt er bei der Untersuchung seiner Patienten das damals erst kürzlich erfundene Stethoskop zum Abhören des Herzens und der Lunge. In Paris entwickelt Hahnemann die Arzneibereitung weiter. Er verwendet frische Pflanzenteile und verdünnt die Mittel unvorstellbar: auf ein Teil Ausgangssubstanz kommen 50.000 Teile Trägersubstanz, wie Milchzucker oder ein Alkohol-Wassergemisch. Doch veröffentlicht wird dieses Wissen erst knapp 80 Jahre nach Hahnemanns Tod. Er selbst hatte bestimmt, dass es erst in die Welt gelangen solle, wenn die Zeit dafür reif sei.

Zu seiner Therapie gehört für Hahnemann nicht ausschließlich die Arznei. Er schätzt die Chirurgie hoch, wenn sie geboten ist, und ebenso die Methode Franz Anton Mesmers, der den Strom der von ihm so genannten „Allflut" im menschlichen Körper durch Magnete oder Handauflegen anregte. Mesmers Therapie wurde von den Zeitgenossen „Mesmerismus" genannt. Diesen beschreibt Hahnemann als eine mögliche Methode, die Schmerzen heilen könne – und als die Homöopathie unterstützend, da auf „dynamischer Einströmung von Lebenskraft" beruhend.(7)

Wie seine Mittel wirkten, wusste Hahnemann nicht. Dass sie es taten, war für ihn entscheidend. Er konnte das „Wie" nur vermuten – und führte das Wirken unsichtbarer Kräfte an, wie die des Magneten, der Eisenspäne anzieht, oder die des Mondes, der Ebbe und Flut bewirkt. Eines wusste er: „Es sind nicht die körperlichen Atome dieser dynamisirten Arzneien, noch ihre physische oder mathematische Oberfläche (...) vielmehr liegt in unsichtbarer Weise in dem (...) Kügelchen oder seiner Auflösung eine aus der Arznei-Substanz (...) frei gewordene spezifische Arzneikraft, welche (...) auf den ganzen Organismus dynamisch einwirkt (...) und zwar desto stärker, je (...) immaterieller sie durch die Dynamisation geworden war."(8)

 



Franziska Rudnick ist Redakteurin des Reiki Magazins und Autorin des Buchs „Heilende Begegnung". Als Heilpraktikerin wendet sie in ihrer Praxis Klassische Homöopathie, Reiki und andere energiemedizinische Methoden an. www.akatombo.de 

 

Quellen:
Hahnemann, Samuel, Organon der Heilkunst. Nachdruck der 6. Auflage von 1921, Kandern, 6. Auflage 2006
Classen, Carl (Hrsg.), Hahnemanns Theorie der Chronischen Krankheiten, Stuttgart, 2005
Fritsche, Herbert, Samuel Hahnemann, Borsdorf, 2014
Jütte, Robert, Samuel Hahnemann, München, 2007

Anmerkungen:
(1) Hahnemann, Organon, §1
(2) Fritsche, Hahnemann, 36f
(3) Hahnemann, Organon, §9
(4) Jütte, aaO, 82f
(5) Hahnemann, CK5, Vorwort
(6) Jütte, aaO, 180
(7) Hahnemann, aaO, §288ff
(8) Hahnemann, Organon, 69ff

 

Copyright Fotos:
Porträt Hahnemann: Georgios Kollidas - Fotolia.com
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