Schwangerschaft und Grenzen

Kolumne Janina Köck

 

Jeder Lebensabschnitt hält besondere Aufgaben für einen bereit. Dass ich während meiner Schwangerschaft Entschleunigung lernen musste, darüber habe ich ja bereits in meiner letzten Kolumne berichtet. Eine weiteres Lernfeld während meiner Schwangerschaft war für mich das Thema Grenzen.

Auf einmal wächst da in mir ein neues Leben heran. Das lässt mich den Schöpfungsprozess ganz direkt und hautnah miterleben. Ein Leben, das nicht nur aus mir und von mir geboren wird, sondern das auch vorher schon, in meinem Bauch, mein Leben maßgeblich beeinflusst. Nicht bloß, weil ich jederzeit in mir spüren muss, wo meine Belastungsgrenzen liegen und diese erkennen muss, um falls nötig weniger zu tun ... sondern auch, weil ich nach außen hin meine körperlichen Grenzen immer stärker spüre. Zum Beispiel in der überfüllten Kölner Stadtbahn, wenn ich darauf achte, dass kein Regenschirm, Fahrrad oder Ellenbogen aus Versehen an meinen Bauch prallt. Oder indem ich nicht mehr auf Demos gehe und große Menschenmassen meide, weil mir dabei zu viel herumgeschubst wird.

Es ist weniger die Angst, dass etwas passieren könnte, als vielmehr ein instinktiver Schutzmechanismus. Meine Aufmerksamkeit ist einfach stark auf meinen Bauch ausgerichtet. Schließlich wächst da etwas Wunderbares heran, und ich möchte, dass es diesem kleinen Wesen gut geht. Der Bauch wird so zum „Mittelpunkt des Seins". Ich denke, das geht den meisten Frauen so, dass sie in der Schwangerschaft sich selbst und den eigenen Körper noch einmal ganz anders wahrnehmen. Und das wird auch bei der Reiki-Selbstbehandlung offensichtlich, oder wenn man von anderen mit Reiki behandelt wird.

Interessant fand ich in der Schwangerschaft auch, wie manche Grenzen scheinbar verschwinden oder verschwimmen. Kaum war mein Bauch etwas größer geworden, zeigte sich eine interessante Eigenart meiner Mitmenschen. Viele, die wir trafen, Freunde und Bekannte, denen ich begegnete, hatten das unbändige Bedürfnis, meinen Bauch anzufassen. Einfach so, ohne vorher zu fragen „Darf ich mal streicheln?" oder „Darf ich mal berühren?". Dem gegenüber stand mein Schutzbedürfnis für meinen sehr empfindsamen Bauchbereich. Wenn ich das dann ansprach, erntete ich teils wenig verständnisvolle Blicke.

„Gerade heute ..."

Das Fass zum Überlaufen brachte der Abend, an dem mein Freund seinen Geburtstag feierte und an die hundert Personen kamen. An diesem Abend kam es so oft vor, dass mir einfach an den Bauch gefasst wurde, dass ich irgendwann, nachdem ich die ersten zehn Male noch in aller Ruhe erklärt hatte, warum ich das nicht möchte, dann doch etwas ungehaltener wurde. Das kannte man von mir nicht – und es wurde teilweise mit „Janina, dir gehen wohl die Hormone durch ..." kommentiert. Nein! Ich hätte genauso reagiert, wenn mir die Leute einfach so an den Hintern gefasst hätten :)

Natürlich kennen wir alle die erste Reiki-Lebensregel: „Gerade heute, ärgere dich nicht." Die Erlebnisse dieses Abends brachten mich dieser Lebensregel und der Beschäftigung mit ihr wieder näher. Hm ... warum ärgerte mich das so? Nun, der Bauch einer Frau ist ja eh schon ein sensibler Körperbereich, und ich bezweifle, dass es viele Menschen gibt, die einfach so den Bauch eines anderen Menschen anfassen würden. In der Schwangerschaft kommt hinzu, dass der Bauchbereich unglaublich sensibel ist. Und bei mir noch, dass ich auch die Energien von Berührungen stark spüre. Und da möchte ich selbst entscheiden, von wem ich mich dort berühren lasse, und wann und wie ich das zulassen möchte.

Reiki-Schüler und Menschen, die mich gut kennen, reagierten interessanterweise sehr viel achtsamer und respektvoller darauf. Diese Personen gingen nicht über meine Grenzen. Bei unserem Reiki-Kreis, der zwei Mal monatlich stattfindet, wurde ich immer gefragt, ob es okay für mich sei, wenn der Bauch mitbehandelt wird ... und dann wurde sich an meine Wünsche gehalten. Damit wurde auch der Tatsache Rechnung getragen, dass es an einem Tag so sein kann, und an einem anderen Tag wieder anders. Da wir über die Zeit schon mehrere schwangere Frauen im Reiki-Kreis gehabt hatten, hatten viele schon erfahren, dass viele Schwangere es gerade in den ersten drei Monaten nicht mögen, so viel Energie auf ihren Bauch zu bekommen. Die energetische Berührung ist ja ganz stark spürbar in dieser besonderen Zeit. Der Fötus im Mutterleib zeigt sehr klar an, ob er gerade Reiki möchte oder nicht. Das war an den Reiki-Abenden immer ganz spannend mitzuerleben, dass es bei Schwangeren zwei Persönlichkeiten gibt, die Energie empfangen.

Ganz offensichtlich ging es mit dem Thema „Bauch anfassen oder nicht" nicht nur mir so: Auf einer Website habe ich doch tatsächlich einen Button gefunden, auf dem steht: „Den Bauch bitte nicht anfassen! Danke!".

Die Entstehung eines neuen Lebens scheint große Neugier in den Menschen zu Tage zu fördern. Oder vielleicht gar den Wunsch, ein bisschen an diesem Prozess teilzuhaben, ihn miterleben zu dürfen?! Für eine Frau ist die Schwangerschaft eine wunderbare Gelegenheit, sich wieder mehr mit sich selbst, den eigenen Emotionen und Ängsten zu beschäftigen. Und für jene, die Reiki praktizieren, auch, sich wieder mehr mit den Lebensregeln zu beschäftigen und mit der Wahrnehmung von (Reiki)Energien. Ist doch in so besonderen Lebensphasen oft alles anders als man es sonst kennt – was spannende Möglichkeiten für das eigene innere Wachstum bereit hält.

 

Janina Köck, klassische Homöopathin, körperorientierter Coach, Reiki-Lehrerin. Praxis Leben im Einklang in Köln. Organisation Reiki Convention, Gründungsmitglied ProReiki.

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