Der Amida-Buddha

Reiki-Reflexion - von Oliver Klatt


Draußen beginnt der Frühling: Bäume blühen, Gräser wachsen, Vögel singen, Käfer krabbeln. Der Wind wirbelt die Blüten des Kirschbaums durch die Luft, und ich denke an Japan, wo die Kirschblüte jedes Jahr ein besonderes Ereignis ist, das von allen bestaunt und feierlich begangen wird.



In dem immer wieder gerne von mir erwähnten, weil so gelungenen Buch „Die neun Weltreligionen“ von Stephen Prothero las ich kürzlich einen Absatz über den Amida-Buddha. Dieser steht in engem Zusammenhang zu einer spirituell aufgeladenen Silbe einer Sanskrit-Schrift, die Mikao Usui wohl als Grundlage für die Schaffung des Mentalheilungssymbols diente. Bei Stephen Prothero ist zu lesen (S. 226):

„Der nach Gautama populärste Buddha ist der Buddha des unermesslichen Lichtglanzes Amithaba (in Sanskrit) oder Amida (auf Japanisch), der aus seinem unermesslichen Vorrat an gutem Karma einen himmlischen Palast der Seligkeit erschaffen kann – das Reine Land, neben dem der christliche Himmel oder das muslimische Paradies wie Disneyland nach Feierabend erscheint. In Japan wurde der Buddha von Honen (1133-1212) (...) eingeführt, der versprach, dass man einfach den Namen des Buddha „Namu Amida Butsu“ viele hundert Mal am Tag aussprechen müsse, damit er eine Einfachfahrkarte in das „Westliche Paradies“ oder „Reine Land“ ausstellen würde, von wo die Weiterfahrt ins Nirvana sichergestellt sei. Nichts sonst sei erforderlich. Keine Meditation. Keine Entsagung. Kein Studium. Man müsse nur seine Hingabe zeigen, indem man diese drei Worte als Mantra vor sich hin sagte. Der Amida Buddha würde sich um den Rest kümmern.“

Selbst wenn ich nicht wüsste, dass es einen – manche sagen großen, manche entfernten – Bezug von diesem Buddha zu Reiki gibt, würde ich bei diesen Zeilen wahrscheinlich sofort an Reiki denken. Das heißt: an Reiki-Praktizierende. Lässt sich doch eine weit verbreitete Grundhaltung unter vielen Reiki-Praktizierenden in etwa so formulieren: „Einfach nur Reiki machen, einfach die Hände auflegen, nichts weiter ist erforderlich, alles wird gut!“ Ob da ein Zusammenhang besteht, zwischen dem Versprechen des Amida-Buddhas („Ami“ heißt auf französisch „Freund“) und der Haltung, alles werde schon gut, wenn man sich einfach nur die Hände auflege? So heißt es über diesen Buddha an anderer Stelle auch: „Er ist der große Freund, der uns niemals aufgibt. Diejenigen, die ihm folgen, werden von allen Übeln befreit.“ (Sacred Calligraphy of the East, John Stevens, S. 56)

Hingabe

Was bedeutet Hingabe im spirituellen Sinne, ob nun in Form häufiger Wiederholung des Namens eines Buddhas oder in anderer Weise? Zur Beantwortung dieser Frage habe ich einen guten Zugang über Erläuterungen zu einer der vier Hauptformen des Yoga gefunden: dem Bhakti Yoga. Das ist der Yoga der Hingabe, der durch die Kraft der Liebe motiviert wird und Gott als die Verkörperung aller Liebe sieht. Durch Gebet, Verehrung und Rituale wandelt man dabei seine Gefühle in bedingungslose Liebe bzw. Hingabe zu Gott.

Wie kann gelebte Hingabe an einen Buddha, an das Göttliche, im Alltag aussehen? Es ist meine Erfahrung, dass diese schlicht darin besteht, nach bestem Wissen und Gewissen, mit aufrichtiger Bemühung, zu jedem Zeitpunkt zu erkennen, was gerade jetzt („Gerade heute ...“) das Göttliche unterstützt, die Pläne Gottes mit mir, die Hilfe eines Buddhas für mich, und dabei bestmöglichst mitzuwirken – und natürlich stehe ich nie alleine da, sondern andere Menschen sind mit einzubeziehen, die mir nahe stehen wie auch jene, die mir ferner sind.

Und damit sind wir auch schon bei den Reiki-Lebensregeln angekommen, die dafür eine gute Anleitung geben: Wer sich nicht ärgert oder sorgt, hat schon mal zwei Hauptgeistesgifte ausgesondert, was dabei hilft, aufrichtig an sich und in der Welt zu arbeiten, sich in Dankbarkeit zu üben und gut zu seinen Mitmenschen zu sein. Und darüber hinaus sind einfach jene Dinge zu tun, die für uns anstehen (manchmal auch „unangenehme“), auf unserem spirituellen Weg, weil sie das sind, was ihn gehen hilft, ihn ausfüllt, ihn im Kern ausmacht. Was das jeweils ist ... ja, das wissen wir oft nur selbst, für uns – aber wenn wir mal ehrlich sind: wir wissen es, oder?

Draußen wirbelt der Wind weitere Kirschblüten durch die Lüfte, wie zarter Schnee rieseln sie herab, ein warmer, göttlicher Segen, sanft, frühlingshaft, im ewigen Lauf der Zeiten.  




Oliver Klatt, Reiki-Meister/-Lehrer, Hrsg. Reiki Magazin, Buchautor

Website: www.einfach-nur-reiki.de