Die Anwendung der Reiki-Lebensregeln auf die Reiki-Praxis

Von Phyllis Furumoto

 

Dass die Reiki-Lebensregeln im Alltag zur Anwendung kommen können, leuchtet ein. Phyllis Furumoto verdeutlicht hier, dass sie auch im direkten Zusammenhang mit der Reiki-Praxis von Bedeutung sind. Dabei erzählt sie u. a. von ihren Erfahrungen mit ihrer Großmutter Hawayo Takata und wie diese die Lebensregeln und die Praxis des Reiki verkörperte. Dieser Artikel entstand im Sommer des Jahres 2002, in Zusammenarbeit mit Barbara McDaniels vom Reiki Magazine International.

 


Foto: Nele Bendgens
Phyllis Lei Furumoto

Die Lebensregeln im täglichen Leben

Ein Beispiel: Eine Schülerin macht den 1. Grad, erhält die Lebensregeln und pinnt sie an ihre Kühlschranktür. Nach ein paar Wochen Praxis beginnt sie, sich tägliche Behandlungen zu geben, behandelt ihren Hund und ihre Pflanzen und schenkt Reiki Aufmerksamkeit. Sie ist begeistert von ihrer Praxis. Dann, ganz plötzlich, merkt sie, dass es Wut in ihrem Leben gibt.

Dies passierte einer einzelnen Frau. Die Zeit kurz bevor ihre Kinder jeden Tag von der Schule nach Hause kamen, war ihre eigene private Zeit. Am Vormittag hatte sie die ganze Hausarbeit gemacht, und der frühe Nachmittag gehörte ihr allein. Wenn die Kinder heimkamen, war sie oft genug noch nicht bereit dafür, aber da waren sie nun mal. Und natürlich wollten sie sofort etwas zu essen und zu trinken, und sie beanspruchten ihre Zeit. Eines Tages, als sie sich selbst eine Behandlung gab, kamen die Kinder heim und sie wurde wirklich wütend. Sie ging in die Küche, riss die Kühlschranktür auf, und die Lebensregeln fielen herunter. Gerade heute, ärgere dich nicht.
Nachdem sie die Kinder versorgt hatte, setzte sie sich hin und fragte sich: Was ist in dieser Situation schief gelaufen? Sie erkannte, dass sie einfach nur ihren Raum brauchte. Also erklärte sie dies ihren Kindern, die alt genug waren, mitzumachen. Sie sagte ihnen: »Ich stelle euch etwas zu essen hin, und Getränke findet ihr im Kühlschrank. Ich möchte, dass ihr so lange nicht in mein Zimmer kommt, bis ich die Tür öffne.«
Die Kinder entschieden sich, dies einmal zu versuchen, und es funktionierte. Es veränderte die gesamte Familien-Dynamik, denn wenn der Nachmittag bereits mit Ärger begonnen hatte, lief der Rest des Tages natürlich auch nicht sehr gut. Dies veränderte wirklich den gesamten Haushalt.

Die Lebensregeln in der Reiki-Praxis

Lasst uns nun annehmen, dieselbe Frau kommt drei Monate später an den Punkt, dass sie den zweiten Grad machen möchte und der kostet 500.- Dollar. Und sie ist ärgerlich. Sie hat das Geld nicht, sie weiß nicht, wie sie es bekommen kann, und sie spürt, dass es keine Alternative gibt. Was der Situation mit ihren Kindern sehr ähnlich ist. Aber wendet sie die Lebensregeln an? Nein. Sie entscheidet sich dafür, dass sie versuchen wird, den Reiki-Meister dazu zu bewegen, eine Ausnahme für sie zu machen. Wenn das nicht funktioniert, entscheidet sie, dass sie den zweiten Grad nicht will, anstatt die Lebensregeln anzuschauen und anzuwenden. Es wäre interessant, wenn sie in diesem Moment die Kühlschranktür aufreißen könnte, um die Lebensregeln auf ihren Füßen zu finden und eine Verbindung zu dem Rätsel, das ihr ihre Praxis aufgibt, herzustellen.

Ich erkenne, dass dies auch ein Muster in meinem eigenen Leben ist. Es ist einfach, die Lebensregeln auf mein tägliches Leben und meine persönlichen Beziehungen anzuwenden, aber es ist ungewohnt, sie als Führer auf dem Weg zu einer aus tiefster Seele stammenden Frage bezüglich des Systems anzuwenden. Vielleicht tue ich das unbewusst, aber bewusst tue ich es nicht.

Ich könnte die Lebensregeln auch verwenden, wenn meine Schüler mit Fragen zu mir kommen. Zum Beispiel hat ein Meister Schwierigkeiten mit einigen Aspekten der Praxis, sagen wir mit den Handpositionen der Grundbehandlung. Anstatt zu sagen: »Ich bin dankbar für das, was ich habe«, fügt er mehr Positionen hinzu. Anstatt zu sagen: »Ich ehre meine Lehrer,« findet er einen Weg, seinem Lehrer einen Fehler aufzuzeigen.

Im Zusammenhang mit dem System stellen uns die Lebensregeln vor die Herausforderung, einfach nur zu praktizieren und dem Verstand eine Ruhepause zu gönnen. Wenn man ein Problem mit der Praxis hat, kann man einfach sagen: »Okay, ich verstehe nicht, warum wir in der Grundbehandlung nicht die Beine behandeln können, aber ich werde diese Lehre ehren und praktiziere so, wie es mir beigebracht wurde.« Dann übt man einfach die Praxis aus. Es ist meine Erfahrung, dass ich am Ende die Weisheit - oder das, was sich für mich wie die Weisheit anfühlt - dieses speziellen Punktes des Systems erkenne.

Wahrheit und Nicht-Verstehen

Als ich eine junge Meisterin war, besonders in den ersten zehn Jahren, habe ich die Form niemals in Frage gestellt, in dem Sinne, dass ich mir niemals vorstellte, sie zu verändern.
Ich tat und sagte eine Menge Dinge und hatte keine Ahnung, warum ich sie tat oder sagte. Ich sagte Dinge in meinen Kursen wie: »Der erste Grad ist alles, was ihr braucht.« Ich sagte dies 15 Jahre lang, bevor ich herausfand, warum ich es sagte. Manche Leute würden sagen, dass das wirklich dumm ist, aber für mich bedeutete es, meine Lehrerin zu ehren und zu vertrauen, dass sie es wusste. Ich konnte die Wahrheit in ihrer Aussage spüren, aber ich verstand die Wahrheit nicht. Also erlaubte ich mir einfach, in diesem Platz des Nicht-Verstehens zu bleiben.

Ich weiß nicht, wie sie es machte, aber es ist für mich, als wenn Takata mir durch die Art und Weise, wie sie lehrte, ermöglichte, diesem Raum des Nicht-Verstehens zu vertrauen. Ich hoffe, dass ich meinen Schülern dasselbe anbieten kann. Für mich bedeutet es einen Absturz unserer Gesellschaft, dass wir immer sofort wissen müssen, warum. Es beschäftigt nur den Geist mit einer Frage, die zutiefst bedeutungslos ist.

Es gab Reiki-Meister, die nicht in der Lage waren, die Lebensregeln auf die Form der Lehre anzuwenden, die ihre Lehrer ihnen gegeben hatten, was zu dem Ergebnis führte, dass sie die Form änderten. Und sie taten dies ohne jegliche Erfahrung. Meister, die vielleicht ein Jahr gelehrt haben, verstehen einen Teil des Systems nicht und ändern es deshalb einfach. Das ist verhängnisvoll, denn sie haben nicht die Erfahrung, um die verzweigten Auswirkungen von dem zu verstehen, was sie tun.

Ich war schon manchmal erstaunt, dass ich all diese Jahre dieselbe Behandlungsform angewandt habe und dass es mich immer noch nicht langweilt. Warum ist das so? Ich bin davon überzeugt, dass es nicht Gewohnheit ist - dass es, wenn es nicht irgendeine Art von Wahrheit dahinter gäbe, nicht so viel Sinn machen würde, nicht so stark in mir widerhallen würde. Also tue ich es, weil ich meine Lehrerin ehre und nicht, weil es die richtige Form ist. Ich hätte lieber Menschen mit der, wie ich es sage, richtigen Motivation, als Menschen mit der richtigen Form.

»Takata verkörperte die Praxis.«

Alle Meister von Takata haben eine Hauptsache gemeinsam, wenn wir uns treffen. Es sind nicht unsere Handpositionen, es ist dieser Satz: »Nun, ich lehre genau so, wie meine Lehrerin es mich gelehrt hat.« Und das ist faszinierend. Wie kommt ein Lehrer dazu, soviel Einfluss zu haben?
Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber es hat etwas mit der Art und Weise zu tun, wie sie die Praxis verkörperte. Sie hatte soviel Vertrauen und Ehrfurcht für die Lehre, dass sie dies einfach durch ihr Sein vermittelte. Manchmal schien es mir, als ob sie nur die Oberfläche von Dingen berührte, aber jetzt wird mir bewusst, dass ihr »Berühren der Oberfläche« mir eine sehr viel tiefere Lehre vermittelt hat, als ich sie jemals von jemand anderem bekommen habe.

I ch ging zu ihren Kursen und hörte ihre Geschichten über ihre Heilungen. Und es waren immer und immer wieder dieselben Geschichten. Es ist nicht so, dass ich neue Geschichten gelernt hätte; ich hörte nur die alten Geschichten. Und sie sprach über Geld. Das waren ihre zwei Themen. Und ich dachte: »Ich weiß nicht, ob dies eine wirkliche Lehre ist.«
Jetzt weiß ich es besser. Ich weiß nicht, wie sie es tat, aber ihre Lehre war sehr stark... und durchdringend. Sie vermittelte jeden Aspekt der Praxis, indem sie einfach nur dasaß, Menschen behandelte und ihre Geschichten erzählte.

Dankbar für die Erfahrung

Takata lebte wirklich die Lebensregeln und wendete sie nicht nur in ihrem täglichen Leben sondern auch auf ihre Praxis an. Ich denke daran, wie sie in ihren Kursen war. Sie machte sich keine Sorgen darum, dass Menschen die Handpositionen vergessen könnten. Sie sorgte sich nicht um deren Unsicherheiten. Sie wurde nicht ärgerlich, wenn Menschen sagten »Aber was ist damit? Und was ist hiermit?« oder »Ich habe nicht genug Geld.« Sie sagte einfach nur: »Nun, dann komm später wieder.«
Ich erfuhr, wie sie die Lebensregeln auf ihre eigene Praxis anwendete, indem ich ihr zuhörte, wenn sie Geschichten über ihr erstes Jahr als Reiki-Schülerin erzählte. Hayashi schickte sie zu den Leuten nach Hause, um Behandlungen zu geben. Sie erhielt eine prinzipielle, nicht sehr klare Richtungsangabe, musste ihren Weg durch die Mitte von Tokio hindurch finden, ihre Behandlung geben und danach den Weg zurück finden. Sie lernte, sich nicht zu sorgen und nicht ärgerlich zu werden, wenn es Verspätungen gab, pünktlich zurück zu sein und nicht zu ihrem Lehrer zu sagen: »Ich weiß nicht, warum du mir aufträgst, dies zu tun. Es ist unmöglich es zu schaffen.« Sie tat es einfach und war dankbar für die Erfahrung. Ich spüre, dass dies für sie ganz wesentlich im Mittelpunkt stand. Ich wüsste nicht, dass dies für mich bewusst im Mittelpunkt gestanden hätte.

Wenn Takata in ihren Kursen die Lebensregeln lehrte, sagte sie sie einfach auf. Sie waren nicht niedergeschrieben. Die meisten Leute schrieben sie auf, aber sie präsentierte nichts Schriftliches bzw. gab sie ihnen nicht mit. Sie sagte einfach: »Danach leben wir: Gerade heute, ...« Das wars. Man hat sie einmal gehört. Wenn man sie sich nicht gleich gemerkt hatte, war es Pech. Sie sorgte sich nicht darum.

Manche Leute fragen: »Wenn wir die Lebensregeln anwenden und das System ohne jede Frage einfach so akzeptieren, ist das nicht so, als ob ein Blinder einem Blinden vertraut?« Ich denke, dass das so sein kann. Aber ich bemerke an mir selbst - und bei anderen Schülern - dass, wenn ich praktiziere und der Zusammenhang der Praxis immer deutlicher wird, die Elemente des Systems sehr offensichtlich werden. Für mich ist dies Teil der Disziplin der Praxis.

Ich frage mich, was passieren würde, wenn wir die Lebensregeln zurück in den Rahmen des Systems stellen. Natürlich versteht jeder, dass dies genau dort ist, wo sie herkommen. Aber ist es auch dort, wo wir sie anwenden? Es würde mich sehr interessieren, von den Menschen darüber etwas zu hören.

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Erstveröffentlichung in Englisch
im Reiki Magazine International
Ausgabe 18, Aug./Sept. 2002, S. 4-7
www.ReikiMagazine.com

 

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