Gedanken zu den Lebensregeln

Fünf Beiträge aus Ausgabe 3/97


Phyllis Lei Furumoto:

Ich hörte diese Lebensregeln das erste Mal gesprochen von meiner Großmutter. Wir waren in Puerto Rico. Ich hielt es für meine Aufgabe, mich darum zu kümmern, daß meine Großmutter rechtzeitig zu ihren Verabredungen kam. Die Leute, die uns anboten, uns mitzunehmen, kamen oft bis zu einer Stunde zu spät, wenn sie uns abholten.

Gewöhnlich ging ich dann vor dem Hotel auf und ab und wartete darauf, daß der Fahrer käme, und brummelte Sachen über die Zeit vor mich hin. Ich wollte ein Taxi rufen oder ein Auto mieten und selber fahren.

Wenn ich mich dann in eine totale Frustration hineingearbeitet hatte, pflegte Takata zu sagen: "Gerade heute sorge Dich nicht!" Und ich drehte mich um und hätte sie gern vom Reden abgehalten! Dann fragte ich mich: "Wie kann sie das sagen?" Da ich ärgerlich war, fuhr sie stets fort mit "Gerade heute ärgere Dich nicht!" Meine Antwort: "Viel Glück!" Dann kam sie jedesmal zu "Ehre Deine Eltern, Lehrer und die Älteren". An dieser Stelle war ich kurz davor zu explodieren, und mir blieb nichts anderes übrig, als stattdessen etwas anderes zu tun. Ich durfte nicht so ärgerlich mit meiner Großmutter sein. Ich erinnere mich nicht, was ich dann machte.

Aber mir beginnt aufzufallen, daß wir anscheinend überall genau zum richtigen Zeitpunkt ankamen; mitunter nicht von der Uhrzeit her, aber zeitlich perfekt für die Verabredung. Ich merke auch langsam, welche Auswirkungen mein Auf- und Abgehen und mein Zorn auf mich und auf meine Großmutter hatten. Ich war fertig, und sie war gelassen.

Wenn dies die Regeln waren, dann gab es keine Möglichkeit, ihnen jemals zu gehorchen. Nun, da ich all diese Jahre mit ihnen gelebt habe, wird mir erst klar, auf welch wunderschöne Weise sie mich dazu geführt haben, die Fragen hinter den Situationen, hinter den Emotionen, hinter den Gefühlen zu stellen.

Wenn man sie zuerst liest, scheinen sie nichts zu bedeuten. Sie haben keine Logik. Die Reise besteht darin, die Schönheit und Wahrheit in jeder Zeile zu finden. Sie sind nicht zu verstehen. Eigentlich scheinen sie völlig unerheblich zu sein, wenn wir sie mit unseren Situationen im "wirklichen Leben" in Verbindung bringen. Das ist die Quelle ihres Zaubers. Darin liegt ihre Weisheit. Nun, was bedeutet "Erweise Dankbarkeit allem Lebendigen"? Soll ich wirklich Vegetarier sein? Aber Gemüse ist lebendig. In dem Maße, wie ich meine Reiki-Praxis vertiefe, komme ich mehr mit dem universellen Leben in Berührung, das alles umgibt und in allem ist. Ist „dankbar sein“ anders als „Dankbarkeit erweisen“? Was bedeutet dies in meinem täglichen Leben?

Diese kleinen Feststellungen durchbrechen logische Gedanken und alte Glaubenssysteme. Diese sind auseinandergebrochen. Eine Lücke ist geblieben, um mit Neugier und Staunen gefüllt zu werden. Am Ende hat ein Lernender das Erlebnis, jeder Situation am Tag mit unschuldigen Augen zu begegnen. In anderen Worten: Ohne alte Reaktionen kann die Reaktion auf jede Situation einzigartig sein und innerhalb der augenblicklichen Umstände liegen. Dies wird nicht in ein paar Wochen oder einigen Jahren erreicht. Dies ist eine Übung für das ganze Leben.

(Übersetzung: Antje Holte)


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Dagmar Schneider-Damm:

Die Reiki-Lebensregeln stehen seit der ersten Ausgabe des Reiki Magazins im Mittelpunkt einer Reihe, zu der die Redaktion, aber auch die Leser mit eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen beitragen. Nachfolgend geht es nicht um die Reiki-Lebensregeln als Ganzes, auch nicht um die Betrachtung einer einzelnen Regel, im Blickpunkt steht vielmehr nur ein Wort: "gerade".

Zweimal findet sich die Vokabel "gerade" in den Lebensregeln: "Gerade heute sei nicht ärgerlich." "Gerade heute sorge Dich nicht." Zufall, daß sich diese beiden Aufforderungen "gerade" zu Beginn der Lebensregeln finden? Liegt darin nicht auch eine besondere Betonung? Und noch etwas fällt auf, wenn man die Lebensregeln aufmerksam wahrnimmt. Sie sind im Präsens, in der Gegenwartsform, geschrieben. Für mich beinhaltet dieses Präsens auch die Hinführung zur Präsenz, zur Bewußtheit, ständig im Hier und Jetzt zu leben, verantwortungs-bewußt zu denken und zu handeln. Und genau darum geht es bei den gesamten Lebensregeln und bei dem Wörtchen "gerade".

"Gerade" ermutigt uns, im Jetzt zu sein, die Vergangenheit und die Zukunft loszulassen. Die Vergangenheit ist vorbei. Ich kann sie nicht ändern, nur meine Lehren, meine Erkenntnisse ziehen und aufgrund dieser gemachten Erfahrungen von einem Standpunkt der Reife jetzt in der Gegenwart entsprechend denken und handeln. "Gerade" ist die Authentizität, die Frische des Augenblicks. Das Hinschauen, das Hinhören und das Hinspüren, was das Leben jetzt von mir möchte.

Wie oft hören wir von Menschen Sätze wie "Als ich noch damals in ... lebte, da war die Welt noch in Ordnung", "Ja früher, da war alles anders, viel besser", "Ach, hätte ich doch damals die Schule beendet, diesen Beruf nicht ergriffen, diesen Mann nicht geheiratet, dann wäre alles ganz anders ... "

Neben diesen "Gestrigen" gibt es noch die "Künftigen". Das sind die Menschen, die alles in die Zukunft verlegen. Das klingt dann so: "Wenn ich erst diese neue Stelle habe, endlich Urlaub ist, der neue Chef kommt, ich in Rente komme, der Lottogewinn eintrifft .... ja, dann wird aber alles garantiert anders / besser."

Was passiert bei diesen auf die Vergangenheit oder Zukunft ausgerichteten Haltungen? Man vergißt die Gegenwart und flüchtet in eine andere nicht mehr / noch nicht greifbare Zeitebene. Dabei ist die Gegenwart das einzige, was zählt. Die Vergangenheit ist passé, die Zukunft ist ungewiß. Warum sich also aufregen, sorgen, Ängste haben? Diese Ängste und Sorgen über "ungelegte Eier", über Ereignisse, die nie oder, wenn überhaupt, dann garantiert ganz anders eintreffen, wirken lähmend. Sie stehlen unsere Zeit, rauben uns Kräfte und Energien. Wieviel Potential liegt in uns, wenn wir uns gerade heute nicht sorgen?

Und was ist mit dem Ärger? Wieviel Nerven kosten Störgefühle wie Wut, Zorn und Ärger? Wieviel Energie wird verschwendet, wenn man Streitereien von gestern nachhängt? "Gerade heute ärgere Dich nicht" fordert uns zum Loslassen von "Altlasten" und zur steten Behutsamkeit in jeder Minute auf – im Umgang mit anderen, aber auch mit uns selbst.

Wieviel Gutes – Freundschaften, Projekte etc. – werden durch Ausbrüche von Ärger kaputt gemacht? Ich sollte mir ganz genau dessen bewußt sein, daß ich durch mein Denken, Fühlen, Handeln und mein ganzes Sein im Jetzt, im "Gerade", die Gefühle und das Geschehen der Vergangenheit integrieren und damit heilen kann und daß durch das, was in der Gegenwart geschieht oder auch unterlassen wird, Konsequenzen bezüglich der Zukunft entstehen. Denn jede Ursache, die gesetzt wird, hat auch ein Ergebnis. „Gerade heute" ist also ein Appell an unsere Achtsamkeit.

Und noch etwas: "Gerade" hat auch mit Vertrauen zu tun. Vertrauen, daß gerade in diesem und jedem Moment das gerade Richtige und Wichtige geschieht gemäß der kosmischen und karmischen Ordnung. Und daß ich mir darum keine Sorgen machen muß. Dieses "Gerade heute sorge Dich nicht" hat mit Hingabe zu tun, mit Loslassen. Das "Gerade heute ärgere dich nicht" mit Eigenverantwortung. Für mich ist dabei die Verwandtschaft von "gerade" mit dem Wort Geradlinigkeit (Klarheit, Aufrichtigkeit) augenfällig.

"Gerade heute" kann man aber auch als Anregung für einen guten Vorsatz – der dann natürlich auch ausgeführt wird – nehmen. Nämlich gerade heute die Lebensregeln, insbesondere das "Ärgere Dich nicht" und das "Sorge Dich nicht", zu praktizieren. Gerade heute ist eine Zeitspanne, die überschaubar ist. So nehme ich mir diesen Vorsatz täglich von neuem vor, bis eine Gewohnheit entsteht. Gerade wegen des unscheinbaren Wörtchens "gerade", das es in sich hat, lohnt es sich, über die Lebensregeln nachzudenken. Und sie gerade heute zu praktizieren.

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Maria Gorischek:

Die Lebensregeln – was bedeuten sie mir?

Diese Frage sprang mir beim ersten Durchblättern dieser Zeitschrift sofort ins Auge. Ich bekam sie – die Lebensregeln – mit meiner Urkunde zum I. Grad von meinem Reiki-Lehrer. Wunderschön gedruckt, zu schade zum Wegwerfen. Das war im Frühjahr 1995.

Später, als ich Reiki anzuwenden begann, wurden sie ebenso wie die Urkunde gerahmt und aufgehängt. So hatte ich sie tagtäglich vor Augen, las sie, wenn es mir gut ging, vor jeder Behandlung und besonders oft, wenn es mir schlecht ging.

Damit wurden diese Regeln ein Teil meines Lebens, der mir wichtig war, ein Anhaltspunkt, ein Sammelpunkt, und ich begann, sie auch immer mehr zu leben. Mein Weg mit Reiki ist auch ein Weg nach diesen Lebensregeln. Inzwischen habe ich den II. Grad gemacht und bewege mich hin zum Meistergrad. Begleitet von einem wundervollen Lehrer, der immer versucht hat, mir diese Regeln vorzuleben.


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Maria Kumb:

Seit zehn Jahren sind mir nun schon die Lebensregeln vertraut. Mein Umgang mit ihnen unterlag einigen Schwankungen, Höhen und Tiefen, Achtung und Vergessenheit.

Ich bekam die Lebensregeln in der Form, wie sie im Blauen Buch der Reiki Allianz aufgeschrieben sind. Zuerst waren es nur Worte, die ich las, und es gefiel mir, daß es begann mit: Gerade heute. Das war es, was ich wollte, leben im Hier und Jetzt. Und wenn ich es heute nicht schaffe, habe ich morgen wieder eine Chance, ohne daß ich mich schlecht fühlen muß.

Ich hatte so meine Erlebnisse mit den fünf Lebensregeln. Die wenigsten Konfrontationen hatte ich mit der vierten Regel: „Verdiene Dein Brot ehrlich.“ Ich verdiente mein Geld auf ehrliche Weise, bezahlte für alles, was ich kaufte, und zahlte meine Steuern pünktlich. Bis sich mein Leben änderte.

Nach circa sechs Jahren hörte ich zum ersten Mal die englische Version der Lebensregeln. Da heißt die vierte Regel: „Earn your living honestly.“ Verdiene Dein Leben ehrlich. Nanu, dachte ich, das ist mehr als Brot verdienen. In meinem Leben gab es viele Beziehungen, Begrenzungen, Freiheiten, Gefühle und gesellschaftliche Regeln. Wie ehrlich ging ich damit um?

Es passierte in meinem Leben, daß ich einem Menschen begegnete, den ich plötzlich sehr liebte. Mein Leben stellte sich auf den Kopf, und ich hatte nur die Gefühle in meinem Herzen, um mich zu entscheiden, wie mein Leben weitergehen sollte. Die Lebensregeln waren für mich wie ein Erste-Hilfe-Koffer. Ich fand darin ein Pflaster für die Wunden oder einen Abbindeschlauch für zu starke Blutungen, kurz alles, was ich brauchte. Ich lernte sehr tiefe Ebenen meiner Ehrlichkeit kennen, die nicht die von anderen verlangte Ehrlichkeit sein muß. Heißt es nicht auch: Verdiene Dein Leben ehrlich. Das hat etwas mit Grenzen zu tun, und so lernte und lerne ich noch immer, mit meinen eigenen Grenzen umzugehen.

Mein Wunsch ist eine deutsche Formulierung für die vierte Lebensregel: „Verdiene Dein Leben ehrlich.“ Diese Formulierung gibt mir eine größere Sichtweite auf mein Leben als die gebräuchliche Version: „Verdiene Dein Brot ehrlich.“

Ich habe in meiner heutigen Praxis noch eine andere Entdeckung gemacht. Vor einiger Zeit begann ich eine tägliche Meditation mit den Lebensregeln. Jeden Morgen setzte ich mich in Stille hin und wiederholte die Lebensregeln wie ein Mantra. Nach zwei bis drei Tagen stellte ich fest, daß ich nicht zu mir selbst sprach, sondern zu jemand anderem. Da ich aber für mich selbst meditierte, wollte ich mich auch direkt ansprechen. Also verwendete ich die Ich-Form.

Gerade heute bin ich nicht ärgerlich.
Gerade heute sorge ich mich nicht.
Ich ehre meine Eltern, Lehrer und die Älteren.
Ich verdiene mein Leben ehrlich.
Ich bin dankbar für alles, was lebt.

Das klang nicht nur anders, sondern verlangte sogar mehr Verpflichtung und Verantwortlichkeit für heute für mich selbst. Wenn ich die gleiche Meditation abends machte, reflektierte sie auf meinen Tag, und ich konnte sehen, was ich noch besser machen konnte oder was ich schon viel besser gemacht hatte als die Tage zuvor. Durch dieses direkte Anschauen von meinem Tag blieb mir immer ein ganz warmes Grundgefühl, daß mir die vielen Segnungen bewußt machte, die mir täglich geschenkt wurden.

Gerade heute zähle Deine (zähle ich meine) vielen Segnungen.


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Rudolf Patrna
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In der ersten Ausgabe vom Reiki Magazin schreibt Vijan Grashoff über die Verwirrung mit den ersten beiden Lebensregeln. Auch ich habe es so empfunden, daß die Lebensregeln drei bis fünf ein bestimmtes "Tun" voraussetzen, während es eher ein Gefühl ist, sich zu ärgern oder sich zu sorgen, und Gefühle eben nicht so leicht vermieden werden können, wie es die Lebensregeln eins und zwei vorsehen. Ich fühlte mich überfordert, wenn ich daran dachte, daß ich mich nie mehr ärgern oder sorgen sollte. In der Zwischenzeit ist es mir gelungen, diese Verwirrung aufzulösen.

Wie wir wissen, wurden die Lebensregeln zuerst von der japanischen Sprache ins Englische übersetzt, später vom Englischen ins Deutsche. Viele Reiki-Lehrer/innen haben Kleinigkeiten verändert oder der heutigen Zeit angepaßt. Deshalb finden wir in vielen Büchern verschiedene Versionen. Um nur einige zu nennen: Anstelle von "Verdiene dein Brot ehrlich" findet man eine modernere Version in einigen Büchern, nämlich "Lebe ehrlich“. Bei der dritten Lebensregel "Ehre deine Eltern, Lehrer und Nachbarn" finden wir in einigen Büchern den Nachsatz: „Nimm dein Essen dankbar zu dir“ oder „Schätze deine Nahrung“.

Wie die ursprünglichen Lebensregeln gelautet haben, weiß ich nicht, aber in dem Buch von Fran Brown "Reiki leben / Großmeister Takatas Lehren" habe ich eine Version gefunden, bei der der Sinn der ersten beiden Lebensregeln noch nicht verloren gegangen ist. Dort heißt es: „Für heute lasse alle Sorgen los. Für heute lasse allen Ärger los.“ Es ist doch ein wesentlicher Unterschied, sich nicht zu ärgern oder den Ärger loszulassen. Wir können nichts dagegen tun, daß wir in Situationen kommen, in denen wir uns ärgern oder sorgen, aber es liegt an uns, ob wir den Ärger oder die Sorgen für den Rest des Tages mit uns herumschleppen oder sie loslassen. Damit fühle ich mich nicht mehr so überfordert, obwohl es Situationen gibt, in denen das Loslassen schwerfällt. "Für heute" bedeutet, daß ich mir keine Gedanken machen soll, daß ich die Sorgen morgen oder nächste Woche wieder loslassen muß. Ich soll im Hier und Jetzt leben, also heute.

Vielleicht ist es ein Denkanstoß für alle Reiki-Lehrer/innen, die Lebensregeln in dieser Form weiterzugeben.