Gedanken zu den Lebensregeln - Teil 3


"Ehre Deine Eltern, Lehrer und die Älteren."

Von Harald Wörl


Die ersten zwei Lebensregeln richten sich auf die relativ klar definierten Zustände „sich ärgern“ und “sich sorgen“. Bei der dritten jedoch werden wir dazu aufgefordert, jemanden zu ehren. Dies scheint auf den ersten Blick heikler oder komplexer zu sein. Harald Wörl geht in seinem dritten Beitrag zu den Lebensregeln darauf ein, was es bedeutet, jemanden zu ehren. (Dieses ist Teil eins seiner Ausführungen zu dieser Lebensregel, in der nächsten Ausgabe des Reiki Magazins folgt Teil zwei.)


Wir kennen alle, dass Sieger “geehrt“ werden. Ehrenurkunden werden zu verschiedenen Anlässen ausgestellt. Personen werden für bestimmte Leistungen geehrt, häufig mit ziemlich inhaltsleeren Ritualen. Wenn es also um die Leistungen geht, die geehrt werden sollen, was sind dann die “Leistungen“ der Eltern, Lehrer und Älteren? Bei manchem mag hier die Frage auftauchen, warum er oder sie seine Eltern oder frühere Schullehrer für das auch noch ehren soll, was diese sich ihm gegenüber “geleistet“ haben.

Dies trifft einen wichtigen Kernpunkt der Lebensregel. Auch wenn dir nicht hundertprozentig klar sein sollte (wem geht´s nicht so?), was ehren für dich bedeutet, geht es doch in die Richtung, dass man mit dem angesprochenen Personenkreis “gut“ umgehen sollte.

Ein Grund, der allein es schon wert ist, diese Angelegenheit näher zu beleuchten, taucht mit der Frage auf: “Was würde passieren, wenn ich es nicht täte?“ Eine wesentliche Antwort darauf ist: Du schadest in erster Linie dir selbst. Du nimmst dir die Möglichkeit, dich wirklich wohl in deiner Haut und in dieser Welt zu fühlen. Du nimmst dir auch die Möglichkeit einer spirituellen Entwicklung im echten Sinne. Sollten diese Aussagen sehr provokativ für dich sein, so habe ich zumindest dein Interesse geweckt.

Die Eltern

Die Personen, die uns am nächsten standen, waren unsere Eltern oder dementsprechende Bezugspersonen. Vielleicht stehen sie dir heute sehr fern, aber es gab eine Zeit in deinem Leben, in der du eng mit ihnen verbunden warst. Und diese Zeit, diese Beziehungen haben ihre Spuren hinterlassen – in dir. Die Prägungen der Eltern, ich meine damit im Folgenden auch immer sinngemäß dementsprechende Bezugspersonen, sind schon deshalb tiefgehend, weil sie unsere ersten Prägungen waren. Durch unsere Eltern haben wir diese Welt kennen gelernt, sie waren unsere ersten Lehrer und verkörperten für uns ein entscheidendes Modell für diese Welt. Es mag schwierig sein, sich an diese frühe Zeit – wie es uns damals ging, wie wir damals die Welt erlebten – zu erinnern, da gerade die ersten Lebensjahre für uns alle schon weit zurückliegen.

Interessant ist die Frage, ob bei den Gedanken an deine Eltern dir als erstes oder vor allem scheinbar positive oder scheinbar negative Prägungen einfallen. Die Wahrheit dürfte sein, dass uns nur ein winzig kleiner Ausschnitt sämtlicher Prägungen bewusst, ihr Einfluss dagegen beachtlich ist. Während die Frage, wer uns das Essen mit Messer und Gabel beigebracht hat, noch relativ uninteressant sein dürfte, ist es schon nachdenkens-werter, wer uns unsere Kultur mit den damit verbundenen Werten vermittelt hat. Welche Werte haben uns z.B. ermöglicht, das Eigentum andere Menschen zu achten? Worauf ich hinaus will ist, dass vieles von dem, was wir glauben und was wir nicht glauben, für falsch oder richtig erachten, was wir für gut oder für böse halten, aus der Beziehung zu unseren Eltern resultiert. Auch wenn wir es heute kaum mehr für möglich halten, unsere Eltern waren für uns die ersten Götter, die ersten Vertreter eines göttlichen Prinzips.

In welchem Stadium befindest du dich?

Der Übersichtlichkeit halber könnte man die menschliche Entwicklung in drei Stadien unterteilen: Das erste wäre dadurch charakterisiert, dass wir alles übernehmen und richtig finden, was uns unsere Eltern vorleben und glauben machen. Dies wird schon allein dadurch begünstigt, dass wir in unserem physischen und psychischen Überleben von ihnen existentiell abhängig sind. Während viele von uns wahrscheinlich nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben, gibt es ganz sicher eine Reihe von Überzeugungen aus dieser Zeit, die wir immer noch für richtig halten.

Während man das erste Stadium der Kinderzeit zuordnen könnte, ist das zweite durch die Rebellion der Jugend charakterisiert. Hier müssen wir alles ablehnen, was von unseren Eltern kommt, um in der Abgrenzung zu ihnen uns selbst zu definieren. Interessant dabei ist, dass wir in diesem Stadium nicht Ja sagen können zu dem, was von den Eltern kommt, da dieses Stadium von einer generellen Anti-Haltung bestimmt ist. Ohne hier weiter auf dieses für unsere Entwicklung notwendige Stadium eingehen zu wollen, eins können wir zu dieser Zeit mit Sicherheit nicht: den Beitrag und die Leistungen unserer Eltern adäquat würdigen und ehren.

Während man scherzhaft behaupten könnte, dass wir die Stadien der Kindheit und Jugend innerlich nie überwinden, fordert uns die dritte Lebensregel auf, in ein Stadium des innerlich Erwachsenen einzutreten. Dieses ist dadurch gekennzeichnet, dass wir das, was wir von unseren Eltern übernommen haben, eigenständig überprüfen und mit unseren ureigensten, inneren Werten vergleichen. Ich darf eigene Werte, Meinungen, Übersetzungen, Verhaltensweisen etc. haben, die sich von denjenigen meiner Eltern unterscheiden, ohne dass ich gleichzeitig gegen diese rebellieren muss. Ich muss nicht automatisch “dafür“ oder “dagegen“ sein, sondern habe die freie Wahl, meinem Inneren entsprechend unabhängig von Eltern oder anderen Autoritätspersonen meinen Standpunkt zu finden und zu vertreten.

Wenn ich mir die Welt so anschaue, denke ich, dass wir alle von Realisierung eines innerlich erwachsenen oder reifen Menschseins noch entfernt sind. Die Lebensregel “Ehre Deine Eltern, Lehrer und die Älteren“ kann uns entweder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn wir im Höhenflug der Gefühle der Meinung sind, dass wir “die Weisheit mit Löffeln gegessen haben“. Anderseits können wir diese Lebensregel auch als Ermutigung für uns nutzen, unser Leben auf dieses Ideal immer wieder neu auszurichten und ihm ein Stückchen in unserem Alltag näherzukommen.

Du fragt dich vielleicht: “Wofür sollte ich meine Eltern, meine Lehrer und die Älteren ehren?“ Diese Frage stellt sich nicht mehr, wenn wir die Stadien der Kindheit und Jugend in ausreichendem Maße hinter uns gelassen haben. Von einem reifen Standpunkt aus betrachtet gibt es genügend, was uns unsere Eltern (und auch Lehrer und Ältere) mitgegeben haben, wofür wir sie ehren könnten. Das, was wir heute sind, haben wir zu einem maßgeblichen Teil ihnen zu verdanken.

Genau hier beginnt die Schwierigkeit, da verständliche Gründe es uns unmöglich erscheinen lassen, sie zu ehren. Die Prägungen der Vergangenheit  haben auch Wunden geschlagen, Verletzung unterschiedlichster Art hinterlassen, an denen wir noch heute zu knabbern haben, unter denen wir heute noch leiden. Es erscheint uns unmöglich, freundliche Gefühle und Gedanken gegenüber den “Verursachern“ zu haben, sie zu ehren mag wie ein Hohn erscheinen. Dies ist verständlich.

Ohne Aussöhnung hören Leiden nicht auf

Hier komme ich zu meiner anfänglichen Behauptung, dass wir in erster Linie uns selbst schaden, wenn wir unsere Eltern nicht ehren. Solange wir ihnen grollen, innerlich Vorwürfe machen, ihnen nicht vergeben, uns innerlich nicht mit ihnen aussöhnen – so lange hört unser Leiden nicht auf. Wir stecken fest in den Wunden und Verletzungen unserer Kindheit und Jugend, wir(!) aktualisieren diese alltäglich immer wieder neu. Die obige Lebensregel fordert uns unmissverständlich dazu auf, mit unserer Vergangenheit “klar Schiff“ zu machen; wenn wir es nicht tun, sind wir die Leid-tragenden.

Es geht bei dieser Lebensregel nach meinem Verständnis auch darum, die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Reiki ist dafür ein großes und gutes Heilmittel. Mir kommt es manchmal so vor, als ob gerade auch die Symbole des Zweiten Grades vor allem dazu da und geeignet sind, die Wunden unserer Vergangenheit heilen zu helfen. Frei nach dem Sprichwort: warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Das Gute, dem wir uns zuwenden sollten, sind in diesem Falle auch wir selbst.

Die Wunden der Vergangenheit machen sich vor allem gefühlsmäßig bemerkbar, aber es sind “gedachte“ Einstellungen und Sichtweisen, die die Gefühle verursachen. Sichtweisen und Einstellungen müssen uns nicht bewusst  sein, damit wir unter ihnen leiden können. Ihre Veränderung kann wesentlich zu unserer Heilung beitragen. Und um eines vorweg zu nehmen: Bei der Veränderung von Sichtweisen geht es mir nicht darum, eine rosarote Brille aufzusetzen. Es geht mir auch nicht darum, vergangenes Leiden zu verniedlichen oder zu verharmlosen.

Beschäftigen wir uns mit der Heilung der Wunden unserer Vergangenheit, so fällt sofort ins Auge, dass diese Verletzungen eigentlich bereits vergangen sein müssten. Wie kommt es überhaupt, dass uns Geschehnisse der Vergangenheit noch in der Gegenwart beeinflussen? Ich verspreche dir, dass, wenn du auf diese Frage eine zutreffende Antwort findest und diese im Alltag umsetzt, sich dein zukünftiges Leben grundlegend zum Positiven hin verändern wird. Vielleicht gibt es von der Konsequenz keine grundlegendere Frage und daraus folgende umfassendere Wandlungsmöglichkeit in unserem Leben, die uns vom Suchen zum Finden führt.

Unsere Sichtweise bestimmt, was wir für Erfahrungen sammeln können

Ein wesentlicher Aspekt der Antwort scheint mir zu sein, dass es nicht die Ereignisse selbst sind, die eine Prägung und damit möglicherweise einhergehendes Leid verursachen. Es sind die verallgemeinerten Bewertungen einer Situation, die erhalten bleiben. Denn das Ereignis selbst ist vorbei, die oft nicht (mehr) bewusste Schlussfolgerung des Geschehens bleibt. Diese Schlussfolgerung bestimmt, wie wir uns gegenwärtig verhalten, und setzt damit den Rahmen unserer Erfahrungsmöglichkeit in der Gegenwart und der Zukunft. Falls für dich diese Gedanken nicht neu, sondern “ein alter Hut“ sein sollten, dann wende sie doch einmal wesentlich konsequenter als bisher auf dein Leben an. Frage dich, welche Prägungen, welche verallgemeinerten Einstellungen dich davon abhalten, deine Reaktionen immer auch als vergangenheitsbedingt zu erkennen, besonders deine leidvollen Reaktionen.

Ein weiterer Aspekt, der es sinnvoll macht, deine Eltern zu ehren, ist der, dass du sie ansonsten in irgendeiner Form ablehnen würdest – und damit auch dich selbst. Manchmal vergleiche ich Kinder mit “Kopierautomaten“. Sie kopieren sämtliche Einstellungen, Verhaltensweisen, Meinungen etc. aller wesentlichen Bezugspersonen, unabhängig von deren Qualität und unabhängig davon, ob sie nützlich für sie sind oder nicht. Wenn ich Anteile meiner Eltern aus irgendwelchen Gründen ablehne, lehne ich wahrscheinlich diese von ihnen übernommenen Teile in mir ebenfalls ab. Die oft unbemerkte und unbeabsichtigte Ablehnung dieser Anteile lässt sie allerdings nicht verschwinden. Ihre Nicht-Annahme macht eine wirkliche Heilung unmöglich. Ich kann nur diejenigen problematischen Strukturen in mir verändern, von denen ich bemerkt habe, dass sie vorhanden sind.

Habe ich Schwierigkeiten, meine Eltern zu ehren, kann es hilfreich sein, auch sie als die Kinder ihrer Eltern zu betrachten. In der Familientherapie wird oft deutlich, wie bestimmte Problematiken bereits früher von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Wir sind als Kinder unserer Eltern nur das bislang (vor)letzte Glied in dieser Kette. Was werden wir an unsere Kinder weitergegeben? Wir haben die Möglichkeit, die Muster unserer familiären Vergangenheit zu unterbrechen, uns selbst und allen Betroffenen zum Nutzen.

Niemand ist perfekt, auch nicht deine Eltern

Es kann bei der Aussöhnung mit dem Eltern hilfreich sein, sich klar zu machen, dass alle Eltern begrenzt sind. Ihre eigene Entwicklung war nicht optimal, wir selbst sind nicht perfekt, warum sollten wir es von den Eltern erwarten? Ich denke, dass es gut ist, nach Perfektion im Sinne einer immer weiteren Entwicklung zu streben, wir aber dieses Ideal nicht auf normal sterbliche Menschen richten sollten.

Es kann sein, dass unsere Vergangenheit von derart schwerwiegenden Verletzungen gekennzeichnet ist, dass wir regelrecht traumatisiert wurden. Es kann sein, dass wir unter diesen Traumata noch heute leiden, dass wir die traumatischen Beziehungen unser Vergangenheit in den Beziehungen der Gegenwart wiederholen. Dann dürfte es mit dem Ehren der eigenen Eltern besonders schwierig sein.

Sollte das bei dir der Fall sein, dann suche dir einen Menschen deines Vertrauens mit der nötigen Kompetenz, der dir bei der Heilung dieser Traumata behilflich sein kann. In keiner der Reiki-Lebensregeln steht, dass du dir nicht helfen lassen darfst. Ich bin der Meinung, dass wir gerade zur Meisterung von schwierigen Situationen ein Anrecht auf Hilfe haben und wir in bestimmten Phasen unseres Lebens auf die Unterstützung durch ein Gegenüber angewiesen sind. Manchmal hilft mir Reiki bei der Einsicht, dass ich es nicht alleine schaffen kann, und unterstützt mich dabei, die angemessene Hilfe zu finden.


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Harald Wörl, geb. 1957, Klinischer Psychotherapeut BDP und Supervisor BDP, Psychologiestudium in Hamburg und Berlin, Aus- und Weiterbildungen in zahlreichen Therapien, Reiki-Meister seit 1992, Leiter des „Instituts für Psychotherapie, Kinesiologie und Reiki“  in Berlin, arbeitet mit Kindern, Erwachsenen und Familien in eigener Praxis und gibt Seminare, interessiert sich dafür, wie der Menschen „funktioniert“ und sich entwickeln kann, arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an dem unmöglichen Versuch, Beiträge zu Reiki zu liefern, die seriös, tiefgründig und gleichzeitig einfach zu verstehen sind.





 

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