Reiki und die asiatische Philosphie

Teil 2: Die Fünf Elemente

Als Eleni Duplessis anfing, ihre Gedanken niederzuschreiben, hatte sie ständig die Berührungspunkte vor Augen, die sie zwischen Reiki und der asiatischen Philosophie entdeckt hatte. In der letzten Ausgabe hat sie über die Yin/Yan-Lehre berichtet. Hier betrachtet sie einen weiteren wichtigen Bestandteil asiatischer Philosophie: die Lehre der Fünf Elemente.


Die komplementären Gengensätze Yin und Yan beschreiben, wie die Dinge zueinander und zum Universum stehen. Sie dienen dazu, den immerwährenden Prozeß der natürlichen Veränderung zu erklären. In diesem Denksystem werden einzelne Phänomene als Teile eines Ganzen gesehen. Das ist auch in der asiatischen Medizin von besonderer Bedeutung.

Die Lehre der Fünf Elemente ist der Versuch, mit dem Symbolen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser Dinge und Vorgänge im Universum zu erklären. Sie drückt, wie die Yin/Yang-Lehre, den Wunsch der Menschen nach Harmonie aus, sowohl im eigenen Organismus als auch zwischen Menschen und Natur. Die Elemente sind nicht starr, sondern repräsentieren Phasen, die bei natürlichen Prozessen durchlaufen werden. Deswegen werden die Fünf Elemente auch die Fünf Wandlungsphasen gennant.

Ärger schadet Leber, schwache Nerven dem Herzen

Das erste Mal, als ich mit der praktischen Seite dieser Lehre konfrontiert wurde, erzählte mir ein koreanischer Großmeister im Taekwondo, wie die Fünf Elemente den Prozeß der Veränderung im Organismus und im Leben bestimmen. Als Beispiel dafür sagte er: „Die Leber ist dem Element Holz zugeordnet, während das Herz Feuer symbolisiert. Beide Organe verhalten sich ähnlich bzw. weisen auf eine ähnliche Wirkung hin, wie wir es von den Elementen Holz und Feuer kennen. Auch die verschiedenen Emotionen entsprechen den Elementen und stehen dadurch in Verbindung zu den jeweiligen Organen. So schadet der Ärger der Leber, während die Nerven zu verlieren, auch im Sinne übergroßer Freude, das Herz schwächt.“

Diese Art und Weise, bestimmte Phänomene zu erklären, ist über Jahrhunderte, dank genauer Beobachtungen, entwickelt worden. Ich fand das Beispiel faszinierend und erkannte, dass viel Weisheit in diesem Denksystem liegt.

Jedem Element bzw. jeder Phase werden Funktionen und Qualitäten zugeordnet:

Das Element Holz steht für Wachstum, Entwicklung, Aufwärtsstreben. Die Farbe Grün und der Frühling sowie Leber und Gallenblase entsprechen dieser Phase.

Das Element Feuer steht für Jugend, geistige Suche, Intuition. Die Farbe Rot und der Sommer sowie Herz und Dünndarm sind dieser Phase zugeordnet.

Erde ist die nährende und ausgleichende Wandlungsphase. Zu ihr gehören die Farbe und der Spätsommer sowie Milz und Magen.

Das Element Metall steht für Durchsetzungskraft, Gerechtigkeit, scharfen Verstand. Die Farbe Weiß und der Herbst sowie Lunge und Dickdarm sind ihm zugehörig.

Das Element Wasser steht für den Lebensabend, Weisheit, Bescheidenheit. Die Farbe Schwarz und der Winter sowie Nieren und Blase entsprechen dieser Phase. 

Weiter Aspekte wie klimatische Entsprechungen, menschliche Laute und Geschmacksrichtungen beschreiben jede Wandlungsphase noch detaillierter. Aber auch Farben, Nahrungsmittel, Gefühlszustände, Himmelsrichtungen und vieles mehr können zugeordnet werden. Alles Existierende im Universum entspricht einem bestimmten Element. Obwohl diese Entsprechungen für den Laien manchmal schwer nachzuvollziehen sind, stellen sie ein gutes Modell dar, um die Dynamik einzelner Prozesse besser zu begreifen.

Es gibt zahlreiche Beziehungen zwischen den Fünf Elementen

Zur Veranschaulichung der Lehre von den Fünf Elementen bedient man sich oft eines Kreises. Darin können die Beziehungen der Elemente untereinander dargestellt werden. Einer von mehreren Beziehungskreisläufen, der Ernährungskreislauf, besagt, daß das Holz das Feuer nährt. Was übrig bleibt (Asche), ernährt die Erde. Daraus entsteht Metall, dessen Mineralien das Wasser beleben. Und Wasser ist Nährstoff für Holz. Daneben gibt es weitere Beziehungen, über die sich die Elemente untereinander kontrollieren, schwächen oder irritieren können.

Die Anwendung der Lehre der Fünf Elemente ist breit gefächert. Sie findet auch in der asiatischen Medizin Anwendung. Die Yin/Yang-Lehre  (siehe Teil 1 in der letzten Ausgabe) besagt, daß ein Mangel oder ein Übermaß von Yin oder Yang eine Disharmonie ist und auf einen krankhaften Zustand hinweist. Das Modell der Fünf Elemente funktioniert ähnlich und wird in der Diagnose und Behandlung von Krankheiten mit der Yin/Yang-Lehre verbunden. Ein Beispiel:

Es wird ein Yin-Zustand (Schwächung) im Funktionskreislauf Leber diagnostiziert. Nach der Lehre der Fünf Elemente bedeutet dies: Das Holz ist zu schwach und kann das Feuer (Herz) nicht nähren. Eine mögliche Therapie könnte folgendermaßen aussehen: Das Element Wasser wird gestärkt, denn Wasser nährt das Holz. Dadurch wird die Energie im Holzelement, sprich: der Leber, aufgebaut. Allerdings ist es auch möglich, dass eine Belastung im Funktionskreislauf Lunge, der dem Metall zugeordnet ist, vorliegt und diese somit zu sehr das Holz kontrolliert bzw. an der Entfalltung hindert, also die Leber geschwächt wird. Dann wäre es sinnvoll, das Metall zu regulieren.

So kann sich der traditionelle asiatische Arzt ein Gesamtbild einer Disharmonie machen. Aufgrund der Beziehungen der Elemente zueinander sucht er die passende Behandlungsform aus. Dafür stehen neben diesem Modell noch andere zur Verfügung, die bei Bedarf verwendet werden können.

Reiki in dieser Dynamik

Reiki entwickelt in der westlichen Kultur eine Eigendynamik. Dabei wird zunehmend der praktische bzw. technische Aspekt hervorgehoben. Man denke z. B an Qigong, Taijiquan oder asiatische Kampfkünste, die auf lang bewährten Traditionen beruhen. Wenn man asiatische Kunst ausübt, nur um den vom Verstand erklärbaren Aspekt zu stärken, entfernt man sich von deren ursprünglichem Geist.

Reiki ist für mich – wie Qigong oder Taijiquan – eine Form der Meditation, eine Meditaiton in der Ruhe. In der äußeren Bewegung, die sich in den Handpositionen widerspiegelt, wird die Seele ruhig und der Geist gefestigt. In meiner langjährigen Ausübung von Taekwondo habe ich gelernt, in der Bewegung meinen Geist so zu lenken, dass ich ganz von der Außenwelt abschalten kann. Im entscheidenden Augenblick entfaltet sich eine unvorstellbare Kraft. Mit Reiki finde ich diese innere Ruhe wieder, und auch diese unvorstellbare Kraft.

Das eigene Leben zu meistern, indem man ein inneres Gleichgewicht anstrebt, ist eine Kunst. Diese erfordert ständige Achtsamkeit, die Essenz ist eine innere Erkenntnis. Im Reiki habe ich die verschiedenen Aspekte der Fünf Wandlungphasen wiedergefunden:

Holz = Lebensregeln           
Feuer = Anwendung der Handpositionen
Erde = persönlich Wachstum       
Metall = Fernheilung
Wasser = spirituelle Lehre

Holz symbolisiert die mit dem Wachstum verbundene Aktivität. Die Lebensregeln vermitteln Tiefe und Einsicht, die die äußerliche Ruhe mit innerlichem Aufruhr verbinden.

Feuer zeigt dagegen auf eine maximale Aktivität hin. Die Handpositionen bilden den aktiven Teil im Usui-System.

Das Element Erde fungiert als neutrale Zone zwischen Yin und Yang. Das persönliche Wachstum erfolgt in Reiki in der aktiven (Yang) sowie in der inaktiven (Yin) Phase.

Metall steht für verminderte Aktivität. Die Fernheilung benötigt wenig Aktivität in ihrer Anwendung.

Wasser steht für Stillstand: Die spirituelle Lehre setzt sich im Augenblick des Stillstands wieder in Bewegung, sie gibt dem System einen Rahmen – der sich allerdings ständig der neuen Lage anpasst.

Reiki Praktizierende gehen durch alle Phasen, so wie die Fünf Wandlungsphasen im Kreislauf der gegenseitigen Erzeugung stehen – so wie jeder Prozess und jedes Menschenleben diesem Ablauf folgt.

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Glossar

Hinweis: Wenn Eleni Duplessis von Asien bzw. asiatisch spricht, ist damit der chinesisch-japanische Kulturkreis gemeint. Es gibt in Gesamtasien weitere medizinische bzw. philosophische Modelle, die sich grundlegend von der chinesisch/japanischen Sichtweise unterscheiden, wie z. B der Ayurveda in Indien.

Funktionskreislauf: Bezeichnet die verschiedenen Funktionen auf körperlicher, geistiger und psychischer Ebene, die nach chinesischer Auffassung das jeweilige Organ ausmachen.

Qigong: aus China stammende Übungen zur Erhaltung bzw. Wiedererlangung
der Gesundheit sowie zur spirituellen Entwicklung, die aus einem Zusammenspiel von Atmung, Körperbewegung und Vorstellungskraft bestehen.

Taekwondo: eine in Korea entstandene Kampfkunst, bei der den Beintechniken große Bedeutung zukommt.

Taijiquan: eine chinesische Kampfkunst, die heutzutage überwiegend als Bewegungsmeditation und Gesundheitsübung ausgeführt wird. Kennzeichnend sind langsame und runde Bewegungen.












 

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