Geduld und Hingabe auf dem Weg mit Reiki


In unserer materialistisch orientierten Welt geht es meistens darum, von dem, was uns gefällt, möglichst viel zu bekommen. Auch unter Reiki-Praktizierenden besteht die Tendenz, sich möglichst schnell die verschiedenen Grade „anzueignen“. Großmeisterin Phyllis Furumoto weist darauf hin, dass der eigentliche Wert immer in der Qualität der eigenen Praxis liegt. Über hingebungsvolle Selbstbehandlung lernen wir, unsere tatsächlichen Bedürfnisse zu erkennen.



Reiki im Usui-System gibt es auf drei verschiedenen Ebenen. Ich nenne sie: erster Grad, zweiter Grad und Meisterschaft. Im ersten Grad haben wir die Gelegenheit, in eine bewusste Beziehung mit der Reiki-Energie zu kommen. Alles, was ihr braucht, nämlich die eigentliche grundlegende Praxis, euch selbst zu behandeln, wird gelehrt. Es gibt viele von Takata eingeweihte Menschen, die nur den ersten Grad erworben haben. Das war alles, was sie wünschten und verlangten. Sie haben Reiki angewendet, indem sie über 40 Jahre lang sich selbst und andere behandelt haben. Ihr Prozess war sehr tief und hat eine Qualität, die durch so langes Praktizieren aufgebaut wird. In der heutigen Welt ist es schwierig zu wissen, wie wir uns selbst aufbauen können. Zu versuchen, jeden Tag eine Stunde Zeit für sich allein zu haben, scheint oft unmöglich. Das ist der Wunsch im ersten Grad: uns jeden Tag eine Stunde für uns selbst zu nehmen und Reiki anzuwenden. Wenn ihr das könnt, dann geht ihr weiter zum nächsten Schritt. Es geschieht für die meisten Menschen nicht automatisch, und manchmal sind Jahre der Arbeit erforderlich. Wenn ihr dorthin kommt, denkt ihr: „Das war aber leicht“, doch ich ermutige euch, nicht die Arbeit zu vergessen, die ihr in der Vergangenheit geleistet habt.

Die Qualität der eigenen Praxis

Wenn Leute kommen und sagen: „Ich würde gern den zweiten Grad machen“, bitte ich sie, sich ihre Beweggründe eingehend zu betrachten. Wenn der Beweggrund ist, mehr zu haben, dann bitte ich sie, noch einmal zu schauen. Viele Leute möchten mehr Kraft, mehr Einweihungen, mehr Klarheit. Mein Rat an diese Leute ist, dass sie noch weiterhin den ersten Grad ausüben. Was ich von SchülerInnen des zweiten Grades möchte, ist, dass sie wissen, dass sie aus ihrer eigenen Praxis des ersten Grades heraus den Ruf verspüren, dies zu tun. Dies mag innerhalb eines Jahres kommen, es könnte nach zwanzig Jahren kommen. Es mag vielleicht niemals kommen, und das ist in Ordnung.



Dann, wenn die SchülerInnen den zweiten Grad praktiziert haben, könnte es sein, dass sie den Ruf verspüren, MeisterIn zu sein. Für mich bedeutet dies, das Leben auf allen Ebenen Reiki zu widmen. Es ist eine sehr weitreichende Verpflichtung. Ich fordere MeisterkandidatInnen auf, jede Verpflichtung, die sie in ihrem Leben haben, ändern oder loslassen zu können. Dazu wird auch der Umgang mit ihrer Familie gehören, das Loslassen ihrer üblichen Arbeit, das Loslassen ihrer Überzeugungen und ihrer Einstellungen zu sich selbst. Dies ist unsere lebenslange Praxis und Arbeit.

Meisterschaft aus Berufung

Die andere Frage ist: Ist dies die Zeit für dich? Wenn ihr eine Verpflichtung habt, von der ihr fühlt, dass ihr sie in diesem Augenblick nicht ändern könnt, dann müsst ihr vielleicht nur auf die richtige Zeit warten. Das macht eure Berufung nicht geringer, tatsächlich lässt es sie wachsen. Oft befürchten Leute, dass sie vielleicht davongeht, dass dieser Augenblick, diese Gelegenheit, eingeweiht zu werden, sie verlässt und niemals wiederkommt. Wenn es wirklich das Richtige für dich ist, wird sie immer wieder zurückkommen. Wenn nicht, dann hast du dich nicht auf einen Weg gemacht, der möglicherweise eine Ablenkung für dich war. Stell dir vor, dass diese Berufung dich von allem fortführen würde, das du heute kennst. Dies ist die Verpflichtung und die Herausforderung einer Meisterschaft. Reiki-MeisterIn zu werden gibt euch nicht mehr Energie oder mehr Kraft. Es gibt euch ein weiteres Werkzeug, eingehend mit euch selbst zu arbeiten. Zusammen mit diesem Werkzeug kommt die entsprechende Ebene der Verantwortlichkeit. Ich rate euch, nicht leichtfertig in diese Ebene hineinzugehen. Diese Verantwortung wird euch nicht von mir übergeben, sondern sie kommt ganz natürlich zu euch, wie alles andere bei Reiki. Oft sagen Leute: „Nun, ich möchte mein Leben Reiki widmen“. Dies kannst du im ersten Grad tun. Die Frage ist: Macht ein einzelner Mensch etwas aus?

Mit Veränderungen bei sich selbst beginnen

Als der Vietnamkrieg tobte und ich auf der High-School war und darüber nachdachte, einen Präsidenten zu wählen, dachte ich, dass ich nicht wählen würde, weil es keinen Unterschied machen würde. Das glaube ich jetzt nicht mehr. Durch meine Arbeit mit Reiki bin ich mir klar darüber geworden, dass jeder einzelne von uns individuell etwas ausmacht. Wo fängt dies an? Es beginnt damit, dass wir uns des Unterschieds bewusst sind, den wir ausmachen. Das ist das Geschenk der täglichen Selbstbehandlung. Wie viele von euch haben Reiki angenommen und sich dann so verändert, dass eure Familie und Freunde anfingen, den Wunsch zu verspüren, eingeweiht zu werden? Wie viele von euch waren von den Veränderungen bei einem guten Freund oder bei einer Schwester oder bei einer Mutter begeistert, so dass ihr beschlossen habt, Reiki anzunehmen? Wie viele eurer Familien haben sich aufgrund eurer Ausübung von Reiki verändert? Dies sind die Unterschiede von größter Bedeutung. Wenn wir die Art und Weise, wie wir miteinander, von Angesicht zu Angesicht umgehen, ändern können, hat das eine Auswirkung in der Welt.

Es ist nicht wichtig, dass zehn Millionen Menschen in zwei Jahren Reiki haben. Von Bedeutung ist, dass die Reiki-SchülerInnen dieser Praxis treu ergeben sind, wenn das ihre Berufung ist. Die Leute denken oft in großen Zahlen: Ich hätte lieber eine viel kleinere Anzahl hingebungsvoller SchülerInnen. Die Leute denken, dass viele Reiki-MeisterInnen zu haben die Welt verändern wird: Das wird es nur tun, wenn diese MeisterInnen gefestigt in ihrer Praxis, treu ergeben in der Form und einem lebenslangen Dienen verpflichtet sind. Entscheidend ist, dass wir uns klar über unsere Beweggründe und unsere Absichten sind.

Ich weiß, dass ihr alle schon die Erfahrung gemacht habt, dass jemand euch etwas gesagt hat, das sehr schmerzlich schien. Vielleicht ist es die Art und Weise, wie ihr ausseht, vielleicht, wie ihr Briefe schreibt. Jemand anders kann genau dasselbe auf eine andere Weise sagen, und es fühlt sich wie ein Akt der Liebe an. Oft liegt der Unterschied einfach in der Absicht, die dahinter steht. Wenn also jemand an euch etwas auszusetzen hat, dann ist es das, was bei euch ankommt; wenn jemand euch liebt, dann ist es das, was bei euch ankommt. Es ist die ganz grundlegende Erfahrung, die wir alle bei der Ausübung des Usui-Systems gemacht haben. Wie viele von uns sind fasziniert und bewegt durch die Weise, wie wir uns selbst berühren, wenn wir unsere Behandlung machen. Haben wir jemals in unserem Leben – vor dieser Praxis – eine Möglichkeit gehabt, uns selbst so liebevoll und ohne Tagesordnung zu berühren? Für die meisten von uns würde ich sagen, wir hatten sie nicht. Nun ist es eine Erfahrung, ohne die wir nicht leben können, aber dies kommt von unserer Absicht, nicht von der Handlung des Berührens.

Eigene Bedürfnisse verstehen

Es ist so schwer, nicht enthusiastisch zu sein. Wenn ich in ein Restaurant gehe und sehr hungrig bin, möchte ich von allem, was auf der Speisekarte steht. Wenn ich gut ernährt bin und einfach etwas Gutes zu essen haben möchte, dann weiß ich genau, was ich wählen soll, und dieses eine Gericht genügt, um mich zufriedenzustellen. Ich finde, dass die Erfahrung von Reiki ganz ähnlich ist. Ich lehre den ersten Grad, und am Ende des Seminars wollen die SchülerInnen alles. Wenn ich sage: „Geht nach Hause und wendet Reiki ein Jahr lang an, geht nach Hause und behandelt euch selbst“, brauche ich dazu eine Menge Disziplin, weil ich ihnen alles geben will. Doch ich weiß aus Erfahrung, wenn ich sie nach Hause schicke und ihnen erlaube, sich selbst aufzubauen, dass ihnen dies eine Gelegenheit gibt, jederzeit genau zu erkennen, was sie wollen. Das ist das Geschenk.



Aus einem Vortrag von Phyllis Furumoto in Moskau, Russland, 1997

Transkription der Tonbandmitschnitte Paul und Marjo Mennema, Niederlande
Bearbeitung des englischsprachigen Originals: Kate Jones, England, mit Phyllis Lei Furumoto

Übersetzung ins Deutsche: Antje Holte


Dieser Beitrag erschien zuerst im niederländischen Reiki Magazine. Wir danken für die freundliche Genehmigung und die gute Zusammenarbeit.