Gedanken zu den Reiki-Lebensregeln - Teil 7


"Empfinde Dankbarkeit für alles Lebendige"

Von Harald Wörl



Die  Lebensregel »Empfinde Dankbarkeit für alles Lebendige« umfasst für Harald Wörl unsere gesamte Lebenseinstellung und wird somit auch zum Prüfstein für die Umsetzung der anderen vier Lebensregeln.


Wir nähern uns dem Ende unserer Reise durch die fünf Reiki-Lebensregeln und sind nun bei der Dankbarkeit angelangt. Vielleicht stellst du dir selbst einmal die Frage: Warum soll ich Dankbarkeit empfinden? Was für einen Nutzen hätte ich davon? Du brauchst dir diese Fragen nicht sofort zu stellen. Aber ich möchte dich dazu ermuntern, dich auf dieses Experiment einzulassen. Denn die Antworten, die dir persönlich auf diese Fragen kommen werden, werden deine Erfahrung sein. Und ich glaube, dass die eigenen Erfahrungen mehr Wert haben als alles, was du liest.

Ein Gefühl empfinden?

Die Formulierung der fünften Lebensregel in der Form „Empfinde Dankbarkeit für alles Lebendige“ ist keine leichte Aufforderung für uns Bewohner der westlichen Erdteile. Die Formulierung löst Widerstände aus, da wir nicht gewohnt sind beziehungsweise es uns schwer vorstellen können, quasi wie auf Knopfdruck ein ganz bestimmtes Gefühl hervorzurufen.

Wie sollen wir das anstellen? Und warum ausgerechnet Dankbarkeit und nicht andere positive Gefühle wie Glück, inneren Frieden oder Freude? Die Aufforderung, Dankbarkeit zu empfinden, kann manche von uns an Situationen erinnern, wo ein Kind sich mit der ihm noch eigenen kindlichen Freude völlig über ein Geschenk freut, bis eine erwachsene Stimme mahnend ertönt: „Na, und wie sagt man?“

Wenn wir uns vergegenwärtigen, was wir mit dem Wort Dankbarkeit assoziieren, werden wir feststellen, dass es nicht nur Angenehmes oder Positives ist. Vielleicht ist das ein Grund, warum es uns zumindest zeitweise schwerfällt, Dankbarkeit zu empfinden. Wenn wir als eine Art Grundgefühl Dankbarkeit permanent empfinden könnten, würde unser Leben wohl anders sein, oder? Für viele Menschen sind Gefühle aber etwas, was außerhalb ihrer eigenen Kontrolle zu liegen scheint. Gefühle scheinen in uns einfach zu entstehen, ohne dass wir dies irgendwie steuern könnten.

Dankbarkeit als innere Einstellung

Für mich können die Reiki-Lebensregeln uns dazu anleiten oder hinführen, anders fühlen zu lernen. Sie können uns Impulse geben, auf der Ebene unseres – nennen wir es einmal „Denkens“ – eine neue Richtung einzuschlagen. Da unsere Gedanken, im Prinzip jedenfalls, frei sind, ist dies die Ebene, auf der wir am leichtesten Veränderungen vornehmen können. Veränderungen im Denken ziehen Veränderungen im Fühlen und Empfinden nach sich. Sieht man Dankbarkeit mehr als eine Art Einstellung, eine Sicht- oder Denkweise, wirft die fünfte Lebensregel die Frage auf: Wie müsste ich die Welt (alles Lebendige) betrachten, um Dankbarkeit dabei empfinden zu können?

Deine Antwort auf diese Frage wird dich weiterbringen. Bezogen auf die Vergangenheit werden uns mit dieser Sichtweise eher Situationen einfallen, die wir als angenehm oder positiv erlebt haben, so dass wir dafür dankbar waren. Es können aber auch Situationen sein, die für uns damals sehr unangenehm oder schmerzhaft waren, aus denen wir aber für uns Wesentliches gelernt haben. Es gibt Menschen, die sogar für eine lebensbedrohliche Krankheit dankbar sind, da sie dadurch zu dem für sie wirklich Sinnvollen gefunden haben.

Vielleicht kannst du für dich die Anregung aufgreifen, dir einmal die Zeit zu nehmen, dein vergangenes Leben durch die Brille der Dankbarkeit zu betrachten. Was empfindest du, wenn du gezielt die „Highlights“ deiner Vergangenheit aufrufst, die für dich einzigartig, tief bewegend und im positiven Sinne prägend waren? Was empfindest du, wenn du seinerzeit unangenehme Situationen jetzt als Lernsituationen begreifen kannst, die dich Schritt für Schritt heranreifen ließen, mit all den Möglichkeiten und Fähigkeiten, die du heute zur Verfügung hast?

Dankbar sein in der Gegenwart

Solltest du Schwierigkeiten haben, bei dieser Betrachtung deiner Vergangenheit, Dankbarkeit zu empfinden, ist dennoch nicht Hopfen und Malz verloren. Denn eigentlich gibt es die Vergangenheit gar nicht. Die Vergangenheit ist schon vorbei, und die Zukunft ist noch nicht eingetreten. Was übrig bleibt, ist allein die Gegenwart. Es ist jedoch zu beobachten, dass die Einstellung beziehungsweise das Gefühl der Dankbarkeit bezogen auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im wesentlichen gleich bleibt. Menschen, die bei der Betrachtung ihrer Vergangenheit – genauer ausgedrückt: der Bewertung ihrer Vergangenheit – nicht dankbar sein können, werden sich damit auch in der Gegenwart schwertun. Umgekehrt werden die Menschen, die bedingt durch geheimnisvolle Umstände die mysteriöse Gabe der Dankbarkeit in der Gegenwart zu besitzen scheinen, auch Dankbarkeit für ihre Vergangenheit, für ihr vergangenes Sein empfinden.

Du konntest mir bis hierher folgen und hast mich ertappt, dass ich die Zukunft nicht erwähnte. Kann man dankbar sein, Dankbarkeit empfinden, in bezug auf die Zukunft? Ja, man(n) kann es, und Frau auch. Allerdings ist unser Empfinden davon abhängig, ob wir daran glauben, dass wir eine Zukunft haben oder nicht. Hier hast du gleichzeitig einen guten Test, wie es mit der Entwicklung deiner Dankbarkeit aussieht: Was glaubst du, wie es mit unserer Zukunft als Menschheit bestellt ist? Ich glaube, wenn du Dankbarkeit empfinden kannst in Bezug auf deine Vergangenheit und deine Gegenwart, kannst du zuversichtlich und realistisch in die Zukunft schauen.

Die fünf Lebensregeln als Cocktail

Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass nicht nur der Aspekt des Vertrauens uns die anderen vier Lebensregeln in Erinnerung ruft. Die fünf Lebensregeln sind wie Zutaten für eine Art Cocktail, aus dem nicht eine einzelne für sich allein zu haben ist. So könnte man sagen, dass sich das Empfinden von Dankbarkeit (leichter) einstellen kann, wenn wir uns nicht mehr (soviel) Sorgen machen und ärgern. Solltest du Schwierigkeiten haben, Dankbarkeit für deine Vergangenheit zu empfinden, dürfte es dir auch schwerfallen, deine Eltern, Lehrer und die Älteren zu ehren. Es dürfte noch Teile (in dir) geben, mit denen du dich nicht versöhnt hast (wer hat das schon vollkommen?!).

Auch wenn du auf irgendeine unehrliche Art und Weise dein Brot verdienst, wirst du dir eher innere und äußere Konflikte und ein schlechtes Gewissen einhandeln als die Empfindung von Dankbarkeit. Wer also meint, die ersten vier Lektionen der Lebensregeln schon perfekt in seinem Lebensalltag zu meistern, hat mit der fünften einen guten Prüfstein, wie weit dies tatsächlich gediehen ist. Sie scheint mir im übrigen auch ein gutes Kriterium für die Qualität und Kompetenz von Reiki-Meistern zu sein. Wo Dankbarkeit tatsächlich empfunden wird, wird sich das auch in einem dementsprechenden Umgang mit anderen Menschen zeigen.

Dankbarkeit als Wahrnehmungsperspektive

Die Perspektive der Dankbarkeit ist für uns sehr von Vorteil, weil sie unseren Blick mehr auf das lenkt, was wir schon haben, als darauf, was wir (noch) nicht haben. Sie kann uns helfen, unsere Sicht mehr auf die Fülle oder die Vollkommenheit zu lenken als auf die Mängel, die wir oder andere scheinbar haben. Du kennst wahrscheinlich das Beispiel des zur Hälfte gefüllten Glases: Je nach Betrachtungsweise ist es halb voll oder halb leer. Ohne Dankbarkeit empfinden wir ein Gefühl der inneren Leere, da wir uns vom Wesentlichen getrennt fühlen. Wir Menschen sind alle nicht vollkommen, aber es ist nicht so, dass wir noch nichts erreicht hätten.

Den Blick für das bisher Erreichte möglichst kontinuierlich beizubehalten erleichtert unser Leben und den Umgang mit anderen Menschen. Fühlst du dich nicht auch wohler, wenn ein anderer dein Sein anerkennt, als wenn er irgendeinen Aspekt davon kritisiert? Anerkennung hindert uns nicht daran, uns weiterzuentwickeln, im Gegenteil. Je mehr wir erkennen können, was wir schon erreicht haben, was wir bereits entwickelt haben, desto motivierter werden wir auf diesem Wege weiter voranschreiten. Dies ist für die eigene spirituelle Entwicklung genauso gültig wie bei der Erziehung von Kindern. Die Kunst dabei dürfte sein, gerade auch die kleinen Schritte zu sehen, auch die kleinsten Fort-Schritte wahrzunehmen und sie nicht abzuwerten. Ist unser Leben nicht eine fortlaufende Ansammlung von „kleineren“ Ereignissen?

Dankbarkeit und Anerkennung

Dankbarkeit zu empfinden bedeutet auch wahrzunehmen, was ist. Anerkennung ist die Schwester der Dankbarkeit. Was heißt das konkret? Dankbarkeit zu empfinden hilft uns nicht nur, den Blick zu öffnen für das Schöne und Wunderbare in dieser Welt, von der wir ein Teil sind. Sie hilft uns auch, uns mit dem auszusöhnen, was wir an uns, an anderen und in der Welt als noch nicht vollkommen wahrnehmen. Es ist nicht leicht, aber es lohnt sich, auch das Un-Vollkommene anzuerkennen. Es ändert sich nichts, wenn wir scheinbar negative Dinge nicht zur Kenntnis nehmen. Unsere stille Hoffnung, dass sich durch das Schließen unserer Augen die Außenwelt verändern möge, wird sich seit unserer Kinderzeit nicht allzuoft erfüllt haben. Es ist vielmehr so, dass wir auch Probleme genau wahrnehmen und an-erkennen müssen, um sie als uns herausfordernde und fördernde Aufgaben zu begreifen, wodurch sie lösbar werden.

Dankbarkeit zu empfinden hilft uns dabei, uns selbst und anderen gegenüber milder zu werden in unserem Urteil. Wir bemerken stärker die Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen, das, was uns miteinander verbindet und eint, als das, was uns voneinander trennt. Dankbarkeit lässt uns zufriedener werden mit uns selbst und unseren Mitmenschen. Es gibt auch hier einen guten Test, wie weit du mit der Entwicklung von Dankbarkeit gekommen bist. Die Frage dafür ist ganz einfach: Inwieweit kannst du die Andersartigkeit, das Unterschiedlichsein von anderen Menschen tatsächlich anerkennen? Dankbarkeit zu empfinden hilft uns, die Unterschiede der Menschen wie die verschiedenen Zweige eines Baumes wahrzunehmen, die alle einem Stamm entspringen. Dankbarkeit zu empfinden führt zu Frieden in uns und in der Welt.

Fortsetzung in Ausgabe 4/99




Harald Wörl, geb. 1957, Klinischer Psychotherapeut BDP und Supervisor BDP, Psychologiestudium in Hamburg und Berlin, Aus- und Weiterbildungen in zahlreichen Therapien, Reiki-Meister seit 1992, Leiter des „Instituts für Psychotherapie, Kinesiologie und Reiki“ in Berlin, arbeitet mit Kindern, Erwachsenen und Familien in eigener Praxis und gibt Seminare, interessiert sich dafür, wie der Mensch „funktioniert“ und sich entwickeln kann, arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an dem unmöglichen Versuch, Beiträge zu Reiki zu liefern, die seriös, tiefgründig und gleichzeitig einfach zu verstehen sind.

 

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