Silakikkio


Eine Reiki-Geschichte von Matthias Grünewald


Auf einer meiner zahlreichen Zugfahrten durch die Republik traf ich eines Tages auf dem Weg nach Flensburg Maria. Um ihren Hals trug sie eine Kette mit dem Reiki-Schriftzug als Anhänger. Sie saß neben mir und blätterte in einem Photoband über das Volk der Mentawai in Indonesien. Jedes Bild, das sie aufschlug, betrachtete sie eine endlos lange Zeit, nickte dazu stumm oder seufzte, während sich ihr Blick für einen kurzen Moment in der Ferne verlor. Manchmal lächelte versonnen, als träfe sie auf diese Weise Bekannte wieder, die sie aus dem Blick verloren hatte.

„Waren sie schon einmal in Indonesien“, sprach ich sie neugierig an. Weil der Weg weit und es für uns nichts besonderes zu tun gab, oder vielleicht nur, weil wir uns sympathisch fanden, kamen wir miteinander ins Gespräch. „Ich komme gerade von dort“, antwortete sie. Während draußen die Landschaften mit über 200 Stundenkilometern an uns vorbeiflogen, die Fahrgestelle des Waggons im immergleichen Rhythmus sanft vibrierten, erzählte sie mir die Geschichte von ihrer Zeit bei den Mentawai.

„Ich bin nach dem Assistenzjahr an der Uniklinik dorthin gegangen. Ich bin Ärztin müssen sie wissen“, erklärte sie. „Und da wir zur Zeit eine Ärzteschwemme haben“, dabei lachte sie, als fände sie die Vorstellung, dass es zu viele Mediziner geben könne absurd, „bin ich mit Missionarseifer nach Indonesien geflogen. Dort würde ich wenigstens gebraucht, dachte ich. Letztes Jahr kurz vor Weihnachten kam ich auf den Mentawai-Inseln an. Direkt von Frankfurt in den Dschungel. Es gab dort eine kleine medizinische Station, die ich für ein Jahr übernehmen sollte. Um mich herum nur Urwald und das Geschrei der Papageien. Die Luft voller fremder Düfte, und unglaublich feucht. Das Wasser tropfte von den Blättern der Palmen und Bananenstauden. Mitten darin stand ich, mit meinen Koffern und der medizinischen Ausrüstung. Außer den Beschäftigten der Station war weit und breit kein Mensch zu sehen. Ich weiß noch genau, wie ich vor dem Haus stand, auf das endlose undurchdringliche Grün der Bäume und Pflanzen starrte, und mich fragte, warum ich hierher gekommen war. Die Station lag auf einem Hügel. Das nächste Dorf war mehrere Kilometer entfernt, am Ufer eines Flusses.

Die ersten Tage ging ich mit einem Ethnologen zusammen, der auch für mich übersetzte, in die umliegenden Dörfer, um mich vorzustellen. Um dorthin zu kommen fuhren wir die meiste Zeit mit einem Einbaum aus Holz den Fluß entlang. Links und rechts vom Ufer Palmen, Mangrovenbäume und dichte Gräser, die nur wenige Meter des Regenwaldes freigaben. Dahinter wartete grüne Dunkelheit. Nur das Geschrei der Vögel und umherstreifender Affenhorden war zu hören. Es war richtig unheimlich. Die Dörfer lagen alle auf Pfählen am Ufer. Jedesmal wenn die Dorfbewohner mich zum ersten Mal sahen, gab es ein großes Gelächter. Alle deuteten auf meine Nase und – lachten. Meine westliche Langnase muss wohl komisch ausgesehen haben. Nachdem mir dann die Dorfoberen zur Begrüßung etwas zu essen angeboten hatten, gegrillte Libellen am Stock oder etwas ähnliches, packte ich in einem der Langhäuser meinen Arztkoffer aus und behandelte.“

„Kaffee, Tee oder ein Sandwich?“, unterbrach uns der Mann mit der Minibar von Mitropa. Wir verneinten, und er entfernte sich mit leichtem Geklingel seines Rollwagens.

„Impfprophylaxen, Antibiotika, das Übliche eben“, fuhr sie fort. „Der Schamane des Dorfes war immer in der Nähe und beobachtete mich. Er stand am Rand des Hauses, wie ein Indianerhäuptling, rührte sich nicht, eine Hühnerfeder in der Hand und gefärbte Grasbüschel kunstvoll zwischen Oberarmringe geschoben, der ganze Körper tätowiert. Während er dort die ganze Behandlungzeit über stand, sagte er kein einziges Wort.

Irgendwann verschwand er. Ich sah ihn erst ein paar Tage später im nächsten Dorf wieder. Er stand wie die Tage zuvor stumm an die Hauswand gelehnt und beobachtete. Vielleicht will er die westliche Medizin kennenlernen, dachte ich. Oder er hat Angst, ich könne die Seelen seiner Mitbewohner rauben. Letztere Möglichkeit erschien mir als die Wahrscheinlichere. In meiner Phantasie sah ich mich schon von einem vergifteten Rachepfeil durchbohrt.

Nach ein paar Monaten war er verschwunden. Ich war erleichtert, wie wenn man einen Geist los wird. Ich machte meine Arbeit so gut, wie das unter den erschwerten Bedingungen im Dschungel möglich war. Traumhafte Sonnenuntergänge waren der Lohn der Mühe. Wenn die vielen Mücken nicht gewesen wären, hätte ich mich wie im Film gefühlt.“

„Haben sie auch mit Reiki behandelt“, wagte ich eine Zwischenfrage. „Ich habe ihren Anhänger gesehen“, sagte ich und deutete auf ihre Kette. „Mit Reiki?“, wiederholte sie meine Frage und zog dabei die Augenbrauen nach oben. „Reiki habe ich ursprünglich für mich gemacht, wenn sie verstehen, was ich meine.“ Ich nickte stumm. „Oder genauer gesagt: meiner Freundin zuliebe, damit sie nicht allein zu dem Kurs gehen musste. Ich habe nie an außergewöhnliche Heilungen mit Reiki geglaubt. Als ich meinem Professor an der Uni während einer Visite auf der Onkologie von Reiki erzählte, schaute er mich von ganz weit oben an und sagte spöttisch: ‚Wenn Ihre medizinischen Kenntnisse nicht ausreichen, warum versuchen sie es nicht einmal mit Vodoozauber.’ Ich habe ihm gegenüber nie wieder Reiki erwähnt. Nur zum Einschlafen habe ich mir die Hände auf den Bauch gelegt, anstatt Schafe zählen.“ Dabei lachte sie. „Das hat sich erst später gewandelt.“
 
„Verehrte Fahrgäste in wenigen Minuten erreichen wir Hannover. Sie haben Anschluss an ...“ Die Ansage der Zugschaffner unterbrach für einen Augenblick unser Gespräch. In Gedanken sah ich mich durch schlammige Flüsse waten, hörte den Klang der Trommeln und fragte mich, wie gegrillte Libellen schmecken würden.

„Eines Tages begann es zu regnen. Erst leicht, aber nach einer Weile kamen wahre Fluten vom Himmel. Ein Regen, wie es ihn in Europa gar nicht gibt. Ich war gerade auf Siberut, einer Nachbarinsel, als ich vom  Regen überrascht wurde. Ich packte eilig meine Spritzen und Ampullen zusammen und versuchte, mich so gut es ging unterzustellen. In Minutenschnelle waren die Wege eine einzige Matsche. Die Dorfbevölkerung rannte ebenfalls. Alle waren auf dem Weg zum größten Langhaus, das auch als Gemeinschaftshaus diente, als vom Hügel hinter dem Dorf ein seltsames Knarren und Grummeln zu hören war. Ein Geräusch, das ich noch nie zuvor gehört hatte. So, als käme es direkt aus dem Inneren des Hügel.

Wenig später krachten unter lautem Getöse Bäume um, und dann sahen wir die Ursache der seltsamen Geräusche: einen Erdrutsch. Eine riesige Schlammlawine kam direkt auf das Langhaus zu, in das sich die halbe Dorfbevölkerung geflüchtet hatte, und wälzte alles nieder. Wer sich nicht schnell genug retten konnte, wurde unter dem Schlamm begraben, von stürzenden Bäumen oder Steinen getroffen. Es war schrecklich. Das Donnern des Hügels und gleichzeitig das Schreien der Menschen.

Ich nahm meinen Koffer und stürzte ins Freie, um den Überlebenden zu helfen. Und dann sah ich ihn wieder, den Schamanen. Er stand plötzlich da, mitten im Regen, drehte sich im Kreis und rief in einer mir unverständlichen Sprache Beschwörungen. Mein Vorrat an Verbandsmaterial und Schmerzmitteln war viel zu schnell aufgebraucht. Um mich herum nur Schmerzensschreie, Verzweiflung und Weinen. Ich hatte so ein Chaos noch nie zuvor gesehen. Ich musste einfach mit weinen. Vor mir lag eine Frau mit einer großen blutenden Wunde am Bein. Ich hatte längst keine Kompressen und Verbandsmitteln mehr, alles leer. In meiner eigenen Verzweiflung versuchte ich, die Wunde mit meinen Händen abzudecken und die Blutung zum Stillstand zu bringen. Hilfesuchend blickte ich zum Schamanen hinüber. Aber er sagte nichts, sondern nickte mir nur zu. So wie man einem Kind  zunickt, das seine ersten Schritte macht. Meine Hände lagen noch immer auf dem Bein der Frau. Mir wurde glühend heiß. Plötzlich hörte ich nichts mehr, genauer gesagt: alle Geräusche waren gedämpft, kamen von fern, wie wenn es schneit. Und dann stoppte die Blutung, von selbst.

Ich trug meine Hände weiter, wie ein Schild hielt ich sie vor mich, und legte sie auf die Kopfverletzung eines Mannes. Wieder das gleiche Phänomen. Die Blutungen kamen zum Stillstand. Die Schmerzen gingen zurück. Wie in Trance wanderte ich von einem Verletztem zum Nächsten. Zitternd kniete ich mich in den Schlamm, um meine Hände über die Körper wandern zu lassen. Die Augen halb geschlossen, um nicht das ganze Elend sehen zu müssen. Plötzlich sah ich durch meine zusammengekniffenen Augen schemenhafte Gestalten, die bei den anderen Verletzten standen und das gleiche taten wie ich. Ich erschrak, riß die Augen auf um besser zu sehen, doch die Gestalten waren verschwunden, aufgelöst in Nichts. Der Schamane lächelte. Es war das erste Mal, dass ich ihn lächeln sah, und angesichts der Situation erschien es mir unangebracht.

Bald darauf hatten wir alle Verletzten und Überlebenden versorgt. Der Schamane auf seine und ich auf meine Weise. Zehn Menschen blieben unter dem Schlamm verschüttet. Der Regen stoppte, so wie wenn man bei einer Dusche den Hahn langsam zudreht. Der Druck des herabfallenden Wassers wurde geringer, dann fielen nur noch einzelne Tropfen, bis auch diese versiegten.

Die Sonne kam zurück und mit ihr ein Regenbogen. Die Erde dampfte. Nebel stieg auf. Es war ein unwirklicher Anblick, denn der Regenbogen kam langsam näher. Immer weiter, bis er uns umschloss, und wir in die Farben seiner Strahlen getaucht wurden. Ich stand mit offenen Mund da, bewegungslos und still. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Ein Geschmack von Ewigkeit.  

Dann kam der Schamane auf mich zu, immer noch nickend und lächelnd. Diesmal erschien es mir wissend. Er stellte sich neben mich und begann zu erzählen, während wir im Grün des Regenbogens gebadet wurden, und unser Blick über das, was vom Dorf übriggeblieben war streifte: „Silakikkio war eine Pflanze. Sie wuchs am Ufer des Flußes Babbe. Silakikkio war eine Kannenpflanze, wir nennen sie auch das große Gefäß. Sie stand neben einer Reihe von farbenfroh blühenden Pappisblumen. Eines Tages fragte sie die neben ihr wachsende Pappisblüte, was sie tun könne, um ebenfalls so schön zu blühen wie sie. Das wisse sie auch nicht, alles was sie tun könne, sei, sich nach oben zu strecken, um möglichst viel Sonnenlicht abzubekommen, antwortete die Blüte. Also versuchte Silakikkio in der folgenden Zeit, sich ebenfalls zu strecken. Doch das Gewicht ihres Kelches zog sie immer wieder nach unten, und hielt sie gefangen im morgendlichen Tau, der sich in ihrem Kelch sammelte. In der Nacht zogen ein paar Siggegeu, blinde Geister, auf der Suche nach Kisei vorbei. ‚Sanitu kisei pulijat, Sanitu kisei pulijat’, sangen sie. Wo ist das Wasser, das uns wieder sehen lässt. Bei ihrer Suche stieß ein Siggegeu zufällig an eine Silakikio, und ihre mit Tau gefüllte Kanne entleerte sich über dem Geist. Im gleichen Augenblick bekam der Geist sein Augenlicht zurück. Seine Zeit als Geist war damit beendet, und Silakikkio wusste nun, welchen Schatz sie bei sich trug.“ Als er geendet hatte, drehte er sich um und ging. Im Gehen rief er Silakikio zu mir, und dann war er verschwunden. Mit ihm der Regenbogen.“

„Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Hamburg Hauptbahnhof.“ „Oh, ich muss aussteigen“, rief meine Nachbarin. Sie nahm eilig ihre beiden Koffer. Bevor sie im Gang verschwand, rief sie mir lachend „Silakikkio“ zu. Ihr Gepäck in beiden Händen haltend, deutete sie mit ihrem Kopf auf meine Hände.




Matthias Grünewald, geb. 61, Schauspieler, seit ‘95 Reiki-Meister in der Linie Usui - Furumoto und Heilpraktiker in eigener Praxis in der Nähe von Hanau.

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