Die Kraft der Schamanen - Interview mit Galsan Tschinag

Galsan Tschinag ist Schriftsteller, Dichter und Schamane. Dreißig Bücher hat er bislang veröffentlicht, zahlreiche Literaturpreise erhalten – und ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. Oliver Klatt führte ein Interview mit ihm.

 

Oliver Klatt: Ihr neuestes Buch trägt den Titel „Die Kraft der Schamanen". Worin besteht sie im Wesentlichen aus Ihrer Sicht, die „Kraft der Schamanen"?

Galsan Tschinag: In der Quersumme einer Vielzahl von Qualitäten wie der Ergebenheit in das eigene Geistwerk, das genauso Mund- und auch Handwerk ist, in der Führungsfähigkeit über die Geisterschar, in der Breite und Tiefe seines Wissens und in seiner Erfahrung. Von ganz besonderer Bedeutung ist dabei der Wert des Schamanen als Mensch. Sosehr in seltenen Fällen auch Gegenteiliges vorkommen mag, meine ich: Immer dort, wo Edles bezweckt wird, ist die Menschlichkeit wie Wasser und Luft gefragt.

Oliver Klatt: Sie haben bereits im Kindesalter eine Ausbildung als Schamane begonnen. Wie lange dauerte die Ausbildung – und wie war es für Sie, schon so früh in das Schamanische eingeweiht zu werden?

Galsan Tschinag: Ich bin in das Schamanentum hineingeboren worden. Als ich anfing, meine Umwelt wahrzunehmen, umgaben mich quicklebendige Mitmenschen, die entweder selber Schamanen waren oder die geistig von diesen angeleitet wurden. Da herrschten noch die archaischen Sitten und Gebräuche des Lebens im Alltag, denen die Ehrfurcht vor einer allmächtigen belebten, beseelten und begeisteten Natur zugrunde lag. Und dabei dachte man von Geistern nicht anders als von Vorfahren oder von Helden der Epen und Legenden, die man zwar selber nicht gekannt hat, die aber dagewesen sein mussten, da die Eltern und die ganze Verwandtschaft, von jenen abstammend, einen umgaben. Und so auch die Berge, Steppen, Flüsse und Wälder, die immer noch die Spuren jener mächtigen Wesen tragen.

So gehörten in meiner Vorstellung Sagen, Mythen, Leben, Geister, Vorfahren, Verwandtschaft und ich selbst zusammen und bildeten eine Einheit, so wie die Einzelteile der Natur den Altai* ergaben und die vielen Menschen mit ihren unterschiedlichen Gesichtern und Gestalten, Stimmen und Launen, ihrer gleichen Sprache und ihrem gleichen Glauben die Sippe ausmachten.

Meine Anfangslehre bei der großen Schamanin Pürwü, vorerst die nächste unter den zahlreichen Tanten und Ehefrau des einzigen Bruders meines Vaters, dauerte an die drei Jahre. In diesen traumhaft langen, rund tausend Tagen der märchenhaft schönen Kindheit lebte und bebte ich als Kinderschamane, dessen Auftrittsbühne die Altai-Steppe hieß und dessen Publikum aus dem Kindervolk bestand, das Dung und Wurzeln sammelte, Kälber und Lämmer hütete, Ziesel und Murmeltiere jagte und schließlich Tag um Tag sich in einer Mulde zusammenfand.

Große Freiheit

Dann musste ich in die Schule, wo der Geist der modernen Zeit, genauer, des Kommunismus herrschte. Nun, jedes Spiel hat an unterschiedlichen Orten voneinander leicht abweichende Regeln. So war es auch mit diesem tragisch-heroischen Drama der Menschheitsgeschichte im Weltenwinkel Altai: Die Vertreter des Zeitgeistes waren junge Menschen, die ausnahmslos von der Urgesellschaft unseres Hirten- und Jägervolkes abstammten und daher leicht rückfällig wurden. Also erfüllten sie tags beim Unterrichten zwar ihre Pflicht vor Partei und Staat, indem sie alles, was mit dem Glauben zusammenhing, für Lug und Trug erklärten. Abends jedoch ließen sie mich vom Internat heimlich abholen und ersuchten mich um Rat – mein Ruf als Schüler bei der berühmten, begehrten wie gefürchteten Schamanin musste ihnen ans Gehör gedrungen sein. Was mir, dem Kind, hinter dessen Stirne die Glut des Selbstwertgefühls kaum zahmer geglommen haben dürfte als bei jedem anderen menschlichen Wesen, nun recht verführerisch schmeichelte. Und in den langen Pausen des Unterrichtsbetriebes entließ die Schule uns, und wir wurden wieder der großen Freiheit überlassen, dem Nomadentum zurückgegeben.

Später, in der Mittelschule, nun zwei Tagesritte weiter entfernt, widerfuhr mir einmal eine zu große Ehre, die mich wohl mitten in meinem Gehäuse durcheinander gebracht haben muss. Denn da beschloss ich mit einem Mal, alles mir bislang Vertraute und Heilige zu verneinen und so zu einem neuzeitigen Menschen zu werden. Daraufhin aber wurde ich von einer geheimnisvollen, schweren Krankheit heimgesucht, die erst dann mich verließ, als mich die bisherige Tante und Lehrerin neben ihren vielen eigenen Kindern als ein weiteres Kind adoptierte. Daher der Name Muttertante, wie sie in meinen Büchern öfters genannt wird. Also rückten wir beide noch näher aneinander. Ich, ohnehin längst ihr Laufbursche, wurde nun zu ihrem unmittelbaren Gehilfen. Diese Verbundenheit blieb die ganzen Jahre bestehen, solange sie lebte.

Besonders in der schwersten Phase meines Lebens, als ich wegen meiner politischen Überzeugung der Verfolgung von Seiten der Stasi ausgesetzt war, wurde sie meine Hauptstütze. Ihre mahnenden, ermutigenden Worte: „Du bist ängstlich geworden. Solange ich da bin, gibt es kein Messer, imstande, dich zu schneiden. Geh das Ungeheuer mutig an!" haben als Devise den Fortgang meines späteren Lebens bestimmt. Und eines Tages durfte ich, als sie auf dem Totenbett lag, ihr einen Abschiedsgesang singen. Da stand sie unter der Last von 82 Jahren, was in unserer Ecke ein sehr hohes Alter war. Also hat die Lehre angedauert, solange die Lehrerin auf Erden umherging. Nun, obwohl sie längst nicht mehr da ist, fühle ich mich immer noch als Schüler vor ihren Geistern und vor dem Blauen Himmel. Also dauert die schamanische Lehre zeitlebens an.

Oliver Klatt: Es gibt Schamanen in allen Teilen der Welt. Was zeichnet das mongolische Schamanentum aus? Welches sind die wesentlichen Eckpfeiler dieser Tradition?

Tiefe Ehrfurcht

Galsan Tschinag: Zunächst die positive Seite dieser Sache. Der Glaube an die Einheit, was so zu verstehen ist: Alles im All ist belebt, beseelt und begeistet. So sind wir Menschen winzige Splitter eines großen, heiligen Ganzen. Dieser Glaube liegt der tiefen Ehrfurcht vor der Mutter Erde, dem Vater Himmel und der engen Verbundenheit aller Wesen miteinander zu Grunde. Nun zu der negativen Seite. Ich beobachte, wie Schamanen, die eigentlich das Gleiche predigen, einander ständig bekämpfen. Was in der Tat eine Grundeigenschaft des Künstlertums ist, das von nichts anderem so sehr lebt wie von Ambitionen. Ein Großteil der neuzeitigen Schamanen zeigt sich bestrebt, möglichst viele von den vergessenen alten Sitten und Gebräuchen wieder zu beleben. Ich bin da vorsichtig und frage: Warum sind bestimmte Brauchtümer in Vergessenheit geraten? Wohl deswegen, weil sie von der Zeit überholt sind und den Bedürfnissen des heutigen Lebens nicht mehr entsprechen. Nach meiner Überzeugung braucht auch das Schamanentum ständig Erneuerungen, wenn nicht in seinem Grundgerüst, so doch in seinen Begleiterscheinungen. Hierbei denke ich an die Verwendung von Blut, Ruß, Schnaps, Edelmetallen und bestimmten Körperteilen seltener Tiere in der schamanischen Alltagspraxis.

Oliver Klatt: Sie sind auch Stammesoberhaupt der Tuwa, eines alten Volkes in der Mongolei. Welche Aufgaben obliegen Ihnen in diesem Zusammenhang?

Galsan Tschinag: Mein Vater war Sippenhäuptling, wie der von Temudschin, dem späteren Dschingis Khan, auch. Jener Spross aus der Vergangenheit hat die vielen zerstreuten, ständig einander bekriegenden Sippen und Stämme zunächst zu einem Nomadenstaat vereint und diesen zum Schluss zu einer Weltmacht vergrößert. Ich aber wollte lediglich meine kleine Volksminderheit mit ihrer eigenen Sprache, Kultur und besonderen Lebensstruktur erhalten. Das ist jedoch angesichts der Globalisierung eine sehr schwierige Aufgabe, verbunden mit der Überwindung von juristischen und moralischen Hürden und der Gewährleistung einer Existenzbasis mitten in der weltwirtschaftlichen Krise.

Während alle anderen Führer besoldet sind, bekommt ein Häuptling für seine Anstrengung nichts außer Anerkennung; im Gegenteil, der Häuptling, der ich bin, muss mit den bescheidenen Mitteln, die von meiner schriftstellerischen Tätigkeit zusammenkommen, meinem Volk beistehen. Hatte der geniale Heeresführer es vermocht, seinen Staat recht schnell zu vergrößern, mir jedoch wollte es nicht einmal gelingen, das Sippenvolk zusammenzuhalten. Was nun tun? Nach mancher Überlegung beschloss ich, an dem Ruf meines Volkes und meiner Heimat zu putzen und zu wetzen, anstatt ihm zusätzliche äußere Last, genannt Größe, ankleben zu wollen. So schrieb ich über sie Bücher in anderen Sprachen, pflanzte in ihrem Namen Bäume und wagte etwas, das noch keinem eingefallen war: machte Regen.

Bisheriges Ergebnis der Anstrengungen dieser dreigeteilten Person, die ich bin: Drei satte Dutzend Bücher, die schon heute ausreichten, ein schamanenseliges, nomadengeistiges Sonderfach in der Bücherei der Weltliteratur aufzufüllen, sind erschienen; eine halbe Million Bäume sind gepflanzt; ein Regengerät arbeitet den dritten Sommer, von dem ich vorsichtig berichten darf, es wird wenigstens mitgeholfen haben, dass nach langen Jahrzehnten der Dürre ausgerechnet diese letzten drei Sommer von Niederschlägen voll gesegnet waren. Durch das leise, aber anhaltende Lob, erzeugt von den genannten Aktivitäten, erhaschen lauschende Ohren mindestens zwei Namen immer öfters: Altai und Tuwa.

Oliver Klatt: Als Schamane werden Sie auch in Sachen Heilung konsultiert. Was ist für Sie Heilung?

Galsan Tschinag: Anstatt „auch" in Ihrer Frage würde ich lieber „vor allem" sagen. Denn der Schamane ist in seiner ersten Funktion Heiler. Dann noch Vermittler zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Dann auch Dichter, Sänger, Tänzer – Unterhalter. Ein Dummer kann schlecht zum Schamanen taugen. Also ist der Schamane ein Denker. So auch ein Geschickter. Also ein Macher. Ein Feinfühliger. Ein Weich- und Warmherziger, gleichzeitig aber auch ein Kühner. Ein richtiger, guter Schamane hat, so gesehen, eine menschliche Auslese zu sein. Was natürlich der Idealfall wäre. Schamane ist, übrigens, keine gute, zutreffende Bezeichnung. Mehr noch: ein Unwort, nach Europa herüber geschleppt von einem sach- und sprachunkundigen Weltenwanderer. Besser hätte Heiler zugetroffen. Meinetwegen auch Geistheiler.

„Heil ist was ganz ist."

Heilung kommt von heil. Heil ist, was ganz ist. Ganz ist, wessen Urzustand noch ungestört andauert. Der Himmel, die Erde, ein Fluss, ein Wald, ein Tier, ein Mensch erkrankt, wenn ihm, dem Lebe-, Geist- und Seelenwesen, etwas fehlt oder auch, wenn ein Fremdkörper in es eindringt und seinen Urzustand stört. Heilung wird erreicht, wenn man dem Körper das Fehlende wieder gibt oder das Störende beseitigt und so den Urzustand wieder herstellt. Was nicht nur den Körper als äußere Hülle, sondern auch die Seele und den Geist als Inhalt betrifft.

Ich habe, wie es bei den Nomaden so ist, viele Berufe. Mein Ur- und Hauptberuf aber ist der Heiler. Das betrifft auch meine Literatur. Meine Bücher sind, wenn Sie es so wollen, niedergeschriebene schamanische Untersuchungen, Befunde und Ratschläge. Ich habe es, bevor ich einen Menschenleib anfassen durfte, zunächst bei den Schafen versucht. Und zwar habe ich mich gleich an ihre Seele herangemacht. Ein schweres Unterfangen für ein so kleines menschliches Wesen. Aber das Ergebnis ist erstaunlich: Die Schafmutter, die bei dem verheerenden Unwetter ihr eigenes nacktes Leben retten wollte, indem sie beschloss, ihr Lamm nicht an sich heranzulassen und es so dem Hungertod zu überlassen, wird durch meinen unnachgiebigen Gesang von ihrer Selbstsucht geheilt. Wer den Film „Das weinende Kamel" gesehen hat, wird vielleicht verstehen, was ich meine.

Später ging ich daran, Menschen zu heilen, indem ich mit meinen Kinderhändchen erwachsene Menschenkörper zu kneten anfing. Noch später versuchte ich, die von Menschen der Erdmutter zugefügten Wunden zu heilen, indem ich Bäume pflanzte. Und nun bin ich dabei, den Himmelsvater von der Erde aus mit 20 gewaltigen Edelstahlrohren zu akupunktieren, um ihn von dem nuklearen Müll zu befreien.

Oliver Klatt: Im Usui-System des Reiki arbeiten wir mit der universellen Lebensenergie, die wir per Handauflegen übermitteln, zu Zwecken der Heilung. Haben Sie persönliche Erfahrungen der Lebensenergie oder mit Handauflegen?

Natürliche Heilinstrumente

Galsan Tschinag: Der Schöpfer hat uns Menschen vollkommen erschaffen. Unser Körper ist in der Lage, sich selber und durch Berührung auch andere zu heilen. So ist auch der Meinige ein rundum einsetzbares und funktionierendes Mess- und Heilinstrument. Selbstverständlich kommt da den Händen eine zentrale Rolle zu. Jeder Nomade kennt dies und kann auch damit arbeiten. Daher kommt es, dass in jedem Menschen aus dem Nomadentum ein Heiler steckt. Und um den Menschen nebenan heilen zu können, braucht man am besten Körperkontakt. Doch die Hände sind nur eines der natürlichen Heilinstrumente eines jeden Menschen.

Jedes Stück der nackten, heißen menschlichen Haut kann Heilung bewirken: Der weiche Bauch, der feste Rücken, die harten Knie und Ellenbögen, die weiche, feuchte Zunge, die weichen, spannfähigen Lippen – alles, alles, womit uns der Schöpfer gesegnet, kann uns bei der Heilung dienen. Die Zunge zum Beispiel, um die Augen des Nächsten von störenden, gefährdenden Fremdkörpern durch Abschlecken zu befreien, und die Lippen zum Absaugen von Geräuschen, so auch der Schwerhörigkeit aus den Ohren der Nächsten. Dass ich in den letzten Jahren Hunderte von Menschen durch Absaugen vom Tinnitus habe heilen können, passt freilich nicht zum Konzept der Weltgesundheitsorganisation, die dieses lästige Pfeifen und Rauschen im Innenohr zu den unheilbaren Leiden der Menschheit hinauf gestuft hat, und zu der Pharmaindustrie, für die jede Krankheit eine willkommene Quelle für weitere Gewinne zu sein scheint.

Oliver Klatt: Eine für die spirituelle Entwicklung in eigentlich allen Traditionen und Religionen sehr wesentliche Grundhaltung ist die Dankbarkeit. Können Sie etwas dazu sagen, was für Sie die Dankbarkeit bedeutet, wie Sie Dankbarkeit leben?

Dankbarkeit leben

Galsan Tschinag: Oh, dazu könnte ich eine ganze Menge sagen ... doch hier möchte ich nur zwei Dinge kurz erwähnen. Erstens, jeder neue Lebenstag beginnt für mich mit der Dankbarkeit, die ich tief in mir empfinde. Ich bin, wenn ich morgens erwache, dem Himmel dankbar dafür, dass ich lebe. Dann dafür, dass der Himmel noch da ist, mit seiner Sonne, seinem Mond und seinen unzähligen Sternen, seinem Wind und seinen Wolken, die uns bald frisches Wasser, dieses Grundelement jeglichen Lebens, herunterschicken möchten. Dann danke ich, dass der große Friede noch andauert, ohne Krieg, ohne Erdbeben oder sonstige Katastrophen. Und abends, wenn ich mich zur Nachtruhe niederlege, empfinde ich die Dankbarkeit noch einmal, dafür, dass ich wieder einen so schönen Tag habe verleben dürfen. Da decken sich Dankbarkeit und Gebet.

Diese Art zu leben halte ich für den Grundzug meiner Religiosität. Nicht gut finde ich, dass viele Menschen erst dann anfangen zu beten, wenn sie wieder einmal auf Schwierigkeiten stoßen, wie zum Beispiel, wenn sie sich mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit oder mit einem anderen Schicksalsschlage konfrontiert sehen. Das Gebet, das dann über ihre Lippen flutet, ist eher eine armselige, verspätete Bettelei.

Zweitens, wir sollen und können unseren Mitmenschen helfen, wo wir es nur können. Dürfen dabei aber keinen Gegendank erwarten. Denn der Mensch scheint von seiner Natur her ein mit allen Waffen zum Rauben, Zerstören und Töten versehenes, daher wohl ein undankbares Wesen zu sein. Das mag hart klingen. Doch dieses Urteil kommt aus der Erfahrung herausgeschossen, die ich als idealistisch veranlagter Mensch in meinem relativ langen Leben habe machen müssen. Ich habe mich zeitlebens wie ein Arbeitstier vorangetrieben und deswegen auch einiges erreicht, unter anderem relativ viel Geld verdient. Ich habe aber den größten Teil dieses Geldes meinen Mitmenschen und meinem Staat mir nichts, dir nichts weiter geschenkt.

Was ist nun das Ergebnis? Die Menschen, die ich mit Geld versehe, wollen immer größere Summen haben. Und wenn ich mit der weiteren Gabe zögere, meinen sie, ich wäre vergreist und knauserig geworden. Und der Staat, dessen versäumte Aufgaben ich übernehme und dafür staatsmäßige Summen von meinem schwer verdienten Geld abgebe, hat für mich nichts anderes übrig, als mir seine kalte Schulter zu zeigen und scheint alles daran zu setzen, mein Werk totzuschweigen, aus einem Grund, wofür ich nichts kann: Ich bin zwar auch blausteißig geboren, aber trotzdem kein reinrassiger Mongole – Wortbezeichnungen, die in anderen Ländern verdächtig klängen, ja, sogar unzulässig wären, aber nicht bei den rassistisch-nationalistischen Führern unseres Staates!

Oliver Klatt: Sie sind viel auf Reisen, unter anderem auf Lesereisen weltweit unterwegs. Neben den regionalen Besonderheiten, die es in jedem Land, an jedem Ort sicherlich gibt – was eint aus Ihrer Sicht alle Menschen?

Glücklich sein

Galsan Tschinag: Unabhängig von der Farbe ihrer Haut, von dem Zuschnitt ihres Gesichts und Körpers, von der Sprache und Kultur und von der Religion, die sie prägt, wollen alle Menschen glücklich sein – möglichst weit weg von solchen unangenehmen Erfahrungen wie Krieg und Katastrophe, Hunger und Durst, Armut und Krankheit, Schmerz und Erniedrigung. Durch alle, ob weiß oder braun, schwarz oder gelb strömt rotes, klebriges Blut und aus allen Augen, ob schmal oder rund, schwarz oder braun, grün oder blau, rinnen klare, bittere Tränen.

Oliver Klatt: Vielen Dank für das Interview.

 

 

 

Große Baumpflanzaktion

Jahrzehntelang wurde in der Mongolei eine unkontrollierte Abholzung des Baumbestandes ohne Aufforstung zugelassen, teilweise sogar durch das kommunistische Regime gefördert. Ein aktuelles Herzensprojekt von Galsan Tschinag ist die Wiederbewaldung eines Teils der Mongolei und des Hohen Altai. Schon seit 2009 wurden von der Galsan-Tschinag-Stiftung an verschiedenen Stellen der Zentralmongolei die ersten Setzlinge gepflanzt. Inzwischen ist die Anzahl der gesetzten Bäumchen, die von der Galsan-Tschinag-Stiftung, dem deutschen Förderverein Mongolei e.V., dem Schweizer Verein Open-Hearts-For-Mongolia und Spenden finanziert werden, auf 400.000 Bäume angewachsen.

Weitere Infos: www.foerderverein-mongolei.de

 

 

* Altai: Mittelasiatisches Hochgebirge im Grenzgebiet von Kasachstan, Russland, der Mongolei und China. Es erstreckt sich über rd. 2.000 Kilometer Länge. Der Altai gliedert sich in drei Teile, den Russischen, den Mongolischen und den Gobi-Altai, deren höchste Gipfel über oder um 4.000 Meter aufragen und große Gletscher tragen. Nördlich des Mongolischen Altai liegt der geografische Mittelpunkt Asiens, in der Nähe der tuwinischen Hauptstadt Kysyl. Teile des Altai sind Weltnaturerbe der UNESCO.

 

Copyright Fotos: Archiv Förderverein Mongolei e.V.

 

 

 

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