Reiki, Weisheit und Gemeinschaft

Don Alexander ist seit vielen Jahren international in Reiki-Gemeinschaften zu Hause. Dieses Jahr ist er zum ersten Mal auf dem Reiki-Festival in Gersfeld zu Gast. Peter Mascher, ausgebildet von Don und Mitorganisator des Festivals, stellte ihm Fragen rund um das Thema Gemeinschaft.

Peter Mascher: Don, ich möchte mit einem Zitat beginnen: „Der Buddha, Shakyamuni, unser Lehrer, prophezeite, dass der nächste Buddha, der Buddha der Liebe, Maitreya sein würde ... Es ist möglich, dass der nächste Buddha keine individuelle Form annimmt. Vielleicht hat er die Form einer Sangha, einer Gemeinschaft, die Verstehen und liebevolle Zuwendung übt, einer Sangha, welche die Kunst des ‚Achtsamen Lebens' praktiziert." (Thich Nhat Hanh) Welche Formen von Gemeinschaften kennst du aus deiner buddhistischen Praxis, und welche Rolle spielen dort deren spirituelle Meister? Findest du bestimmte Merkmale und Eigenschaften auch in einer Reiki-Gemeinschaft wieder?

Don Alexander: Das ist interessant! Es scheint mir, dass Thich Nhat Hanh hier eine bedeutende Beobachtung gemacht hat. Eine achtsame und liebevolle Gemeinschaft wird ein Gruppenbewusstsein ausstrahlen, welches Heilung und Erwachen nicht nur innerhalb der Gemeinschaft fördert, sondern es auch hinaus in die Welt, zu anderen Menschen trägt. Für mich ist jedoch der einzige „wahre Lehrer" in mir selbst, in meinem Bewusstsein – und alle Lehrer außerhalb von mir lenken mich in diese eine Richtung.

Im Laufe der Jahre sammelte ich Erfahrungen in verschiedenen Gemeinschaften, von der traditionellen Klostergemeinschaft bis hin zur Gemeinschaft mit einem spirituellen Lehrer, und auch in spirituellen Gemeinschaften ohne Lehrer. Ich finde, sie alle haben ihre Vor- und Nachteile. So entstand beispielsweise die ursprüngliche buddhistische Sangha, die Gemeinschaft, nur durch Einladung, und lediglich wer voll erwacht war, durfte dabei sein. Verhaltensregeln waren nicht nötig, denn es gab keine Egos, die sich dazu bestimmt fühlten, sich auf störende Weise aufzuspielen. Diese Gemeinschaft erweiterte sich sehr schnell, und bald waren Regeln nötig, um persönliches Verhalten zu lenken. Nicht alle gehörten zu den Erwachten, und während sich immer mehr Ego-Spiele verbreiteten, gab es auch immer mehr Regeln, die den Zerfall der Gemeinschaft verhindern sollten. Mit der Zeit jedoch brach die Gemeinschaft auseinander, spaltete sich oder fächerte sich auf in unterschiedliche Strömungen.

Die Wahrheit in ihrer Essenz hat nichts mit Wandel, mit Ort und Zeit zu tun, sie leitet uns fortwährend von innen. Nur Menschen und ihre Gemeinschaften haben jeweils ihre ganz eigene Wahrnehmung von Wahrheit – bis zu dem Moment hin, wo, durch die Linsen der verschiedenen, persönlichen Wahrheiten geschaut, die unveränderliche, eine Essenz der Wahrheit oft nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Wie im frühen Buddhismus, so auch in der frühen Reiki-Praxis: Selbst in den Zeiten Buddhas, wie auch zu Usuis Zeiten, gab es Menschen, die glaubten, dass die Dinge anders angegangen werden sollten. Gemeinschaften trennten sich, und jede folgte ihrem eigenen Führer. Über die Zeiten hinweg war es oft nur die Kraft und Integrität der spirituellen Essenz der Lehre und ihrer Übertragung, die die Gemeinschaften oberflächlich in Kontakt hielt. In jedem Falle gab es immer schon jene, die es vorzogen, einer Führungsperson zu folgen, und solche, die es vorzogen, sich alleine auf die Reise zu begeben.

Seit fast 30 Jahren bin ich nun in der besonderen Lage, verschiedene Gruppen in Nordamerika und Europa zu treffen, mit ihnen Zeit zu verbringen und Reiki zu praktizieren. Mir fiel dabei auf, dass es ganz oft ein Mensch mit Führungskraft ist, der die jeweilige Gruppe inspiriert sich zu treffen und regelmäßig Reiki zu praktizieren. Es scheint, dass starke Persönlichkeiten geradezu Magneten für die Ausbildung stimmig zusammenhängender Gruppen sind. Wenn der Führer stirbt oder die Gruppe verlässt, dann zerbricht sie mit der Zeit, spaltet sich oder bildet unterschiedliche Strömungen aus. Das ist der Lauf unserer Welt und der Wandel der Zeit.

Peter: Kannst du benennen, welche Formen und Inhalte der Reiki-Praxis Weisheit in einer Gemeinschaft fördern?
Don: Da wir in die Linie von Usui-Sensei eingeweiht sind, verbinden wir uns mit seiner ursprünglichen Erfahrung, der ursprünglichen Übertragung, wenn wir Reiki praktizieren. Natürlich geht das Wahre niemals verloren, aber unsere Wahrnehmung kann in einem solchen Ausmaß getrübt sein, dass wir nicht mehr in der Lage sind, das Wahre in dieser von Raum und Zeit geprägten Welt zu manifestieren. Wir fühlen uns zu Menschen hingezogen, mit denen wir in Resonanz sind, und wir fühlen uns abgewiesen von jenen, mit denen wir uns nicht im Einklang fühlen. Form und Inhalt einer Praxis können dazu beitragen, die Gruppe intakt zu halten; sie können aber auch das Formlose und Inhaltsleere verdecken. Es zahlt sich aus, beides, Vorteile und Grenzen aller äußeren Ausdruckformen einer Praxis, wahrzunehmen.

Peter: Du hast mich gelehrt, „Meister" innerlich mit einem kleinen „m" zu schreiben. Ist Demut nötig während der respektvollen Arbeit und Lehre in einer Reiki-Gemeinschaft, genauso wie im Umgang mit mir selbst auf meinem Weg als Meister?

Don: Wenn Reiki „universelle Lebenskraft" ist, ein „Ausdruck der Liebe", eine „Manifestation der Wahrheit", wie könnten wir uns dann nicht demütig fühlen, ob wir nun praktizieren oder lehren. Wer bin ich, vorzugeben ein „Meister" zu sein?

Peter: Wie erfährst du menschliche Verbindung, wie begegnest du Menschen wirklich, während du unterrichtest in deinen Seminaren?

Don: Nun, das ist eine Frage! Es geschieht, wenn immer ich das „Ich" in mir vergesse; wenn mein Herz sich öffnet und ich einfach Reiki selbst erlaube zu lehren.

Peter: Ich erlebe manchmal in Gemeinschaft, wie Konflikte verdrängt werden oder eskalieren. Hast du Antworten dafür, wie sich eine Gemeinschaft besser selbst erkennen kann?

Don: In der einen Wahrheit gibt es keinen Konflikt und keinen Konflikt in Reiki. Nur wenn wir Reiki aus den Augen verlieren, dann tauchen Konflikte auf. Kehre von deinem Selbst zurück in die eine Wahrheit, und alle Konflikte werden sich auflösen. Das ist natürlich einfacher gesagt als getan, aber es ist der einzige Weg.

Peter: Du bist dieses Jahr zu Gast auf dem Reiki-Festival in Gersfeld. Was wünschst du dir für den Meistertag und das Festival an Begegnungen und Erfahrungen?

Don: Ich habe keine Erwartungen; nur, dass ich eine gute Zeit haben werde und in Reiki weiter wachsen werde. Einen Weg mit anderen zu gehen ist wie eine gemeinsame Pilgerreise, die einem selbst zugutekommt.

Peter: Wie können wir die Gemeinschaftserfahrungen eines Wochenendes in unseren Alltag integrieren? Hat eine achtsame Gemeinschaft eine reale Chance in unserem täglichen Leben?

Don: Vielleicht ist es so etwas wie „unsere Batterien aufladen" und uns an unsere „höhere Bestimmung" erinnern. Das ist der Wert einer achtsamen Gemeinschaft.

Peter: Ich danke dir für deine Antworten und bin schon gespannt darauf, wie wir mit dir auf dem Reiki-Festival 2014 tiefer in die Fragen persönlicher und essentieller Wahrheiten eintauchen können. Ich freue mich darauf!

 

 

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