Hawayo Takata, Reiki und Spiritualität

Über Hawayo Takata gelangte Reiki in den späten 1930er Jahren in den Westen – und verbreitete sich schließlich, viele Jahrzehnte später, weltweit. Immer wieder gibt es verschiedene Annahmen und Behauptungen über Takata und ihre Lehre des Reiki. Doch was davon entspricht der Realität? Der US-amerikanische Reiki-Meister Robert Fueston hat nachgeforscht.

Als ich 1996 den 1. Reiki-Grad machte, ermunterte mich mein Lehrer dazu, keine Bücher über Reiki zu lesen, sondern stattdessen meine Aufmerksamkeit auf die Praxis zu richten. Ich hielt mich nicht an seinen sehr guten Rat, denn der wirkte etwas engstirnig auf mich und meinen Daten sammelnden Geist, der mich später dazu brachte, einen Universitätsgrad in Informations- und Bibliothekswissenschaften anzustreben.

Übereinstimmungen und Unterschiede

Ich fand schnell heraus, dass ich derjenige war, der eingleisig dachte. Nachdem ich alles gelesen hatte, was ich in die Hände bekommen hatte und mit jedem Reiki-Praktizierenden gesprochen hatte, den ich treffen konnte, stellte ich fest, dass ich über alle Maßen verwirrt war. Alles, was ich las oder hörte, stand in Gegensatz zu irgendetwas anderem, das ich ebenfalls gelesen oder gehört hatte. Der eine Punkt, auf den sich alle gemeinsam bezogen, war Hawayo Takata – aber es gab viele unterschiedliche Ansichten über sie.

Alle stimmten darin überein, dass Hawayo Takata und ihr Reiki-Meister, Chujiro Hayashi, in den späten 1930er Jahren Reiki in die USA gebracht hatten. Hayashi kehrte nach Japan zurück, und Takata führte Praxis und Lehre fort, bis zu ihrem Tod im Dezember 1980. Daraufhin verbreitete sich die Reiki-Praxis der Usui/Hayashi/Takata-Linie innerhalb eines Jahrzehnts um die ganze Welt – und damit kamen die Veränderungen. Eine kleine Gruppe von Reiki-Meistern versuchte so nahe wie möglich an Takatas Lehre zu bleiben. Aber viele veränderten die Praxis, ohne darauf hinzuweisen, dass sie dies taten.

Mein Bestreben als Forscher war es, zur Quelle zu gelangen – oder zumindest so nahe wie möglich an sie heranzukommen. Der einzige Weg, die Wahrheit über Takatas Lehren herauszufinden, schien mir, ein weites Netz auszuwerfen und von so vielen ihrer Schüler wie möglich zu lernen – und schließlich zu sammeln und zu vergleichen, was sie lehrten. Und, natürlich, mir selbst täglich Reiki zu geben.

In den 18 Jahren, die seitdem vergangen sind, hatte ich persönlichen Kontakt zu zehn der 22 von Takata ausgebildeten Meister. Ich nahm außerdem Kontakt auf zu Meistern, die von den Takata-Meistern ausgebildet worden waren, die mittlerweile verstorben sind; einige davon waren auch Mitglieder der jeweiligen Familie. Andere Personen, die Quellenmaterial über Takata hatten, kontaktierten mich und halfen mit, (noch) leere Seiten zu füllen, nachdem sie gesehen hatten, dass ich etwas über ihren Lehrer oder eines ihrer Familienmitglieder geschrieben hatte.

Tonaufnahmen von Takata

Außerdem erhielt ich mehrere Tonaufnahmen, auf denen zu hören ist, wie Takata Reiki unterrichtete. Die Bänder ermöglichten es mir aus erster Hand zu hören, wie Takata den 1. und den 2. Reiki-Grad lehrte. So konnte ich Vergleiche ziehen zu dem, was ich von anderen darüber gehört hatte, und Ähnlichkeiten sowie Unterschiede erkennen. Andere wertvolle Quellen waren von Takata selbst verfasste Notizen, die einige ihrer Meister-Schüler sowie einige ihrer 1. und 2. Grad-Schüler mir überließen. Außerdem fand ich Videoaufnahmen, die zeigen, wie Meister-Schüler von ihr Geschichten über sie erzählen und ihre Lehren teilen. Zeitungsartikel aus der Zeit von 1930 bis 1970 brachten weitere Einsichten.

Das Ergebnis all dieser Forschungen ist, dass ich einen tiefen Graben entdeckte zwischen dem, was Takata lehrte, und dem, was die meisten Leute denken, was sie gelehrt hat. Dies betrifft insbesondere den spirituellen Aspekt ihrer Lehre. Obwohl viele Reiki-Praktizierende sagen, dass Takata und ihr Reiki-Meister, Dr. Hayashi, mehr auf den Körper als auf das Spirituelle ausgerichtet waren, ist dies gar nicht der Fall. Takata betonte vielmehr, dass das spirituelle, geistige Selbst die Nummer eins sei, und der Körper Nummer zwei. Doch beide seien nötig, um eine Einheit zu schaffen. Eine andere Fehlinterpretation, die ich oft gehört habe, ist, dass Takata und Hayashi mehr an der Heilung des physischen Körpers interessiert gewesen seien als am Wohlergehen des spirituellen, geistigen Selbst. Aber das ist nicht das, was Takata lehrte.

„Das Spirituelle ist die Nummer eins!"

Takata sagt auf einer der Tonaufnahmen: „Wir sagen uns immer wieder: das Geistige und das Spirituelle sind die Nummer eins; Nummer zwei ist das Körperliche. Und dann fügt man beides zusammen und sagt: Wir sind eine Ganzheit. Wenn man das sagen kann, heißt das, man hat Reiki angenommen, und Reiki hat für einen gearbeitet."(1)

Takatas Erzählung davon, dass Usui sieben Jahre lang Bettler mit Reiki behandelt habe, war historisch nicht korrekt(2), mag aber durch aktuelle Geschehnisse beeinflusst gewesen sein. Relevant für diesen Artikel ist allein, dass Takatas Version in diesem Punkt die Spiritualität betont hat. In der Version wie Takata die Reiki-Geschichte erzählte, ermunterten die Mönche, die Usui gefragt hatte, ihn einstimmig dazu, sich auf das Spirituelle zu konzentrieren. Aber, Takatas Geschichte zufolge, sei Usui ein Stück weit eigensinnig und fixiert auf den physischen Körper gewesen, sodass er den Rat der Mönche ignorierte. (Zu diesem Teil der Geschichte kann ich eine Resonanz verspüren, habe ich doch selbst den guten Rat meines Lehrers ignoriert.)

Weisheit durch Erfahrung

In Takatas Geschichte hat Usui den Bettlern jahrelang Reiki-Behandlungen gegeben. Möglicherweise sah Usui, dass Leute, die geheilt worden waren und die so die Gelegenheit erhielten, sich in die Gesellschaft zu integrieren, sich dafür entschieden, in das Bettlerviertel zurückzukehren. Durch diese Erfahrung erkannte Usui die Weisheit seiner Lehrer. Er sah, dass es nicht ausreicht, nur den Körper zu heilen. Er begriff: „das Geistige und das Spirituelle sind die Nummer eins; Nummer zwei ist das Körperliche".

 

 

 


Robert Fueston ist Reiki-Meister und Mitglied der internationalen Reiki-Meister-Vereinigung „The Reiki Alliance". Er begann 1996, Reiki zu praktizieren, und entwickelte bald ein starkes Interesse daran, mehr darüber herauszufinden, wie Hawayo Takata Reiki lehrte. Die Ergebnisse seiner Recherchen und Forschungen werden in einem Buch veröffentlicht, das voraussichtlich Ende 2015 in englischer Sprache erscheint. Robert Fueston ist Gründer von „The Reiki Preservation Society", einer Gesellschaft die zum Ziel hat, Hawayo Takatas Lehren für zukünftige Generationen zu bewahren.
Info:
www.thereikipreservationsociety.org

 

Anmerkungen

(1) Takata Speaks: Volume 1, Reiki Stories.
(2) Mir sind andere Lehren von Mrs. Takata durchaus bekannt, vor allem die Geschichte von Mikao Usui, die heute von den Leuten verworfen wird. Jedoch habe ich einige der fraglichen Episoden erforscht und herausgefunden, dass die frühere „Forschung" dazu ziemlich unangemessen war (bei einer dieser „Forschungen" handelte es sich lediglich um ein einziges Telefonat). Ich werde in der Zukunft Forschungen veröffentlichen, die ich an der Universität von Chicago gemacht habe und die überraschende Einblicke gewähren in die Reiki-Geschichte, wie sie von Hawayo Takata erzählt worden ist.

 

Übersetzung ins Deutsche: F. Rudnick/O. Klatt

 

 

 

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