Sebastian Kneipp

Priester wollte er sein, nur das – und war es auch, sein Leben lang. Doch sein Priesteramt erfuhr eine Erweiterung: er kümmerte sich nicht allein um die Seele, sondern um den ganzen Menschen.

Sebastian Kneipp war schwer krank, als er nach langen Kämpfen endlich Theologie studieren durfte. So krank war er, dass in den letzten beiden Jahren vor Beginn seines Studiums der ihn behandelnde Arzt fast zweihundert Mal zu ihm kam. Doch letztlich konnte dieser nichts mehr für den Lungenkranken tun. Jahrzehntelang hatte er, schon von Kindheit an, viele Stunden täglich am Webstuhl im Keller des elterlichen Hauses gesessen und Stoff gewoben, häufig aus Leinen, das seinerzeit im Allgäu angebaut wurde und eine zweite Einkommensbasis für die meisten bäuerlichen Familien bildete. Auch die Bauernfamilie Kneipp lebte im Nebenerwerb von der Leineweberei.

Herausfordernde Kindheit

Die größte Konkurrenz zum Leinen bildete die billigere Baumwolle, die aus Übersee kam und in der beginnenden Industrialisierung von Maschinen gesponnen und mit der Eisenbahn weithin verschickt wurde. Als Sebastian Kneipp 1821 als fünftes Kind seiner Eltern geboren wurde, befand sich die manuelle Leineweberei in einer tiefen Krise.

Das bedeutete für den Jungen Sebastian, dass er täglich viele Stunden mithelfen musste am Webstuhl, der im feuchten Keller stand. Feuchtigkeit, Kälte, Wollstaub – keine gute Kombination für einen Heranwachsenden. Die Weber waren häufig krank, sie hatten vor allem mit der Lunge zu tun, oft bekam sie Tuberkulose. Heute würde man das eine Berufskrankheit nennen.

Große Pläne

Sebastian Kneipp wollte Priester werden. Man versuchte, ihm den Wunsch auszureden. Er sei arm, ein Studium koste 2.000 Gulden, woher die nehmen? Außerdem sei er zu alt für die weiterführende Schule – kurz, er solle sich in die Umstände fügen. Aber Sebastian gab nicht auf. Er begann, neben der Arbeit am elterlichen Webstuhl, sich als Knecht zu verdingen. Auf die Weise lernte er vieles, was ihm später zugutekommen sollte: Wiesen entwässern, Umgang mit Vieh und Bienen, selbst in das Maurerhandwerk erhielt er Einblicke. Und er bekam Geld. 70 Gulden hatte er sich kurz vor seinem 21. Geburtstag im Mai 1842 zusammengespart. Damit wollte er von zuhause fort, sich eine Schule suchen und dann endlich studieren. Ein Feuer in seinem Heimatort zerstörte kurz darauf Kneipps Elternhaus. Seine Pläne schienen gescheitert, alles schien gegen ihn. Und doch glaubte er: „Wenn dein Gott es haben will, so kann es doch noch geschehen ..."

Und so geschah es auch. Das Studium schien jedoch gefährdet durch die Tuberkulose, die schon dem Abiturienten so zu schaffen machte, dass sich er morgens nach dem Aufstehen vor Erschöpfung eine halbe Stunde hinsetzen musste. Sein Leben schien am Ende. In der Hof- und Staatsbibliothek in München entdeckte er als Theologiestudent ein Buch, das ihm zum Lebensretter werden sollte. Über hundert Jahre war es alt, 1738 herausgegeben von einem Arzt, der die „Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen" pries und in den therapeutischen Gebrauch des Wassers einführte.

Sebastian Kneipp probierte es aus, zuerst mit kalten Waschungen, dann mit Tauchbädern im winterlichen, eisigen Fluss. Die Lungenkrankheit verschwand. In seinem Abschlusszeugnis vom Priesterseminar heißt es: „Seine Gesundheit ist sehr kräftig."

Bäder und Wassergüsse

Doch nicht nur Sebastian Kneipps Gesundheit hatte von den eisigen Bädern und Wassergüssen profitiert. Die Lektüre seines Lebensretter-Buches weckte seine Kreativität, hinzu kamen Erinnerungen, wie man auf dem Lande mit dem Wasser verfuhr: am Abend eines langen Tages wuschen sich die Bauern in fließendem Brunnenwasser die Füße und Hände, morgens wusch man sich Kopf und Brust.

Während seines Studiums half er heimlich ebenfalls lungenkranken Kommilitonen. Auch die erholten sich wie er. Das zog Kreise, die Wasserkur fand Nachahmer. Doch Kneipp nahm sich vor, sollte er Priester sein, nichts mehr mit der Wasserkur tun zu wollen. Schon in der ersten Gemeinde sollte er diesem Vorsatz untreu werden. Als Seelsorger wurde er manches Mal zu Menschen gerufen, die im Sterben zu liegen schienen – und konnte nicht anders: er wandte sein therapeutisches Wissen an. So sprach es sich herum, dass der dörfliche Seelsorger mehr konnte als predigen. 1854 herrschte zudem eine Cholera-Epidemie im Münchner Umland und in Oberbayern; auch hier half Kneipp den Erkrankten, an deren Sterbebett er gerufen wurde.

Einer Magd konnte er mit heißen Wickeln binnen weniger Minuten gegen das Erbrechen und die Leibkrämpfe helfen, sie genas innerhalb weniger Tage. Über vierzig Fälle behandelte Kneipp auf diese Art erfolgreich. Damit griff er jedoch in die Domänen der Ärzte und Apotheker ein, was ihm schon bald den ersten Gerichtsprozess wegen „Kurpfuscherei" bescherte. Kneipp fand einen milden Richter, der ihn letztlich aufforderte, allen zu helfen, denen die finanziellen Mittel für Ärzte fehlten. Und der sich, da er an Gicht litt, vom Angeklagten eine Kur zusammenstellen ließ.

Zeit in Wörishofen

Bald danach wurde Sebastian Kneipp nach Wörishofen versetzt. Das dortige Nonnenkloster brauchte einen Seelsorger, der sich zusätzlich um die dort aufgenommenen Waisenkinder zu kümmern hatte. Kneipp packte an. In den folgenden Jahren richtete er einen von ihm und den Nonnen geführten modernen landwirtschaftlichen Betrieb auf dem Klostergelände ein, samt Klosterbrauerei und Viehzucht. Er schrieb Fachbücher für Landwirte, Viehzüchter und Imker, in denen er seine Erfahrungen vermittelte, die er in den fast 20 Jahren Landwirtschaft auf dem Kloster gemacht hatte. Er erhielt Ehrendiplome des Landwirtschaftlichen und des Bienenwirtvereins.

Im Laufe der Jahre konnte sich das Kloster selbst tragen und die Waisenkinder mit ernähren. Parallel dazu entwickelte sich des Pfarrers Wasserkur, von der er auch in Wörishofen nicht lassen konnte und wollte, gemäß dem Rat, den der Richter ihm gegeben hatte. Auch das Vieh profitierte von Wasseranwendungen. Die Kranken kamen zahlreich, nicht nur aus der näheren Umgebung, sondern auch aus München. Sie standen zuweilen Schlange vor der Waschküche im Kreuzgang des Nonnenklosters. Auch Priesterkollegen Kneipps kamen, für die richtete er ein eigenes Badehaus ein. Pfarrer litten häufig an Übergewicht und damit verbundenen Krankheiten. Für Geistliche gehörte sich körperliche Arbeit nicht, sie waren meist Stubenhocker und hatten zudem auf ihre Würde zu achten. Der Ansturm wurde mittlerweile so groß, dass Sebastian Kneipp Personal einstellen musste für die Wasseranwendungen.

„Kurpfuscherei"?

Es gab während dieser Zeit zweimal Bestrebungen, Kneipp am Zeug zu flicken und ihn auf seine Seelsorge zurechtzustutzen. Ärzte und auch Apotheker der Gemeinde prozessierten gegen den Pfarrer, die Anklage lautete stets: „Kurpfuscherei" – doch beide Prozesse verliefen für Kneipps Gegner erfolglos. Ein paar Jahre später, 1873, erschien das Gesetz über die „Kurierfreiheit", das auch medizinischen Laien zubilligte, Menschen zu behandeln.

Das kam Kneipp zugute. Ohnehin herrschte in der ländlichen Bevölkerung Misstrauen gegen akademisch gebildete Ärzte, man suchte sie erst auf, wenn die eigenen Rezepte oder die der Naturheilkundler an ihre Grenzen gestoßen waren; manchmal kam dann die ärztliche Hilfe zu spät. Außerdem war es eine Frage des Geldes, nicht jeder konnte sich einen Arzt leisten; Krankenkassen gab es damals noch nicht, die wurden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingerichtet. In den ganz armen Familien holte man meist nicht den Arzt, wenn ein kleines Kind oder ein alter Mensch krank waren – die galten als unnütze Esser. Die akademische Medizin begann sich erst zu Lebzeiten Sebastian Kneipps zu wandeln, immer mehr hin zum naturwissenschaftlich-technischen Verständnis und gezielter Behandlung einzelner Bereiche des Körpers, in denen man die Ursachen für Krankheit vermutete.

Zahllose Heilungen

Sebastian Kneipp hatte einen theologisch geprägten Blick auf den Menschen und seinen Leib: „Der menschliche Körper ist eins der wunderbarsten Gebilde aus der Schöpferhand Gottes ... Der ganze innere und äußere Mensch spielt nur die eine Weise: Alles an und in mir preise den Namen des Herrn! - Dieser Wohlklang und diese Wohlordnung, Gesundheit genannt, wird aufgehoben durch die verschiedenartigsten Störungen (...) welche man mit dem Namen ‚Krankheit' bezeichnet."

Diese Störungen entstanden seiner Meinung nach durch Unregelmäßigkeiten im Blutkreislauf oder der Zusammensetzung des Blutes. Sie ließen sich mit Wasser behandeln. Wasser erfüllte vielfältige Aufgaben. Kneipp definierte sie als: Auflösen – von Krankheitsstoffen, Ausscheiden derselben, das Blut wieder in die korrekte Zirkulation bringen und endlich den Leib zu kräftigen.

Im Laufe seiner Erfahrung mit den Wasseranwendungen löste Kneipp sich immer mehr von der Strenge seiner Vorgänger, deren Buch ihm so geholfen hatte und entwickelte Möglichkeiten, seine Therapie individuell auf die Patienten abzustimmen und auf deren Angemessenheit zu achten. So resümiert er im Vorwort zum 1886 erstmals erschienenen Grundlagenwerk „Meine Wasserkur": „Nach meiner heutigen, bereits über 17 Jahre bestehenden und durch zahllose Heilungen erprobten Überzeugung wendet jener das Wasser mit dem vorteilhaftesten Wirkungen und sichersten Resultaten an, welcher es in der einfachsten, leichtesten, schuldlosesten Form zu gebrauchen weiß."

Kenntnisse über Kräuter

In den ersten Jahrzehnten seiner Wörishofener Zeit überprüfte Kneipp fortlaufend nicht allein die vielfältigen Anwendungen des Wassers für die unterschiedlichsten Beschwerden, sondern auch seine Kenntnisse über Kräuter und deren Heilkräfte. Doch hinter all dem stand sein Glaube an Gottes Macht. Nicht Kräuter oder Wasser heilen, sondern letztlich Gott. Ohne Gottes Hilfe gäbe es kein Gelingen.

Kneipps Therapie ruht auf mehreren Säulen. Die Wasserkur wird ergänzt durch eine Diätetik, die Atmen, Bewegung, Ernährung und Kleidung umfasst. Den meisten Stadtmenschen war seinerzeit, was Kneipp lehrte, nahezu unbekannt: Lüften, Barfußgehen (am besten im Morgentau), kühle Waschungen und die kleinen Kinder aus den Wollpaketen befreien, in die sie meist gewickelt waren. Kneipp erklärte, dass gerade dieses Verpacken in etliche Schichten Wolle die Kinder krank mache. Überhaupt schienen die meisten seiner Patienten an dem zu leiden, was man heute „Zivilisationskrankheiten" nennt. Den Übergewichtigen verordnete Kneipp zusätzlich zur Wasserkur und einer geänderten Ernährung gern Bewegung, Holzhacken etwa. Den an Schlaflosigkeit Leidenden entzog er den Kaffee oder die damals beliebten Betäubungsmittel.

Pfarrer Kneipp selbst allerdings gönnte sich einen Luxus: er rauchte Zigarre. „In der Sprechstunde dampfte er von Anfang bis zum Schluss mit der Fortsetzung auf der Straße", so ein langjähriger Weggefährte. „Und machte er einmal Pause mit den Zigarren, griff er zur Schnupftabaksdose."

Zehntausende Patienten

Zu seinen Sprechstunden hatte Kneipp stets einen oder mehrere Ärzte dabei, die als erste die Hilfesuchenden untersuchten und eine Diagnose stellten. Erst dann gab der Pfarrer seinen Rat zu einer Kur und deren Einzelheiten. Er achtete stets darauf, die Grenze zu wahren zwischen seinen Kenntnissen und denen der Ärzte. In den Jahrzehnten seines weltweiten Ruhms, als sein Grundlagenwerk „Meine Wasserkur" erschienen war, fanden sich oft Professoren der Medizin bei Kneipp zu dessen Sprechstunden ein, um zu beobachten und zu lernen. Eine Fülle an Patienten konnten sie dort wahrnehmen und deren Heilungsprozesse verfolgen: Hunderte kamen täglich, im Laufe der Jahre wurden es Zehntausende, die den „Wasserdoktor" Kneipp aufsuchten.

Die Patienten kamen aus aller Welt. Sogar aus Indien reiste ein Maharadscha samt Gefolge an. Grund des stetig wachsenden Ruhms war auch Sebastian Kneipps Hauptwerk „Meine Wasserkur", das weltweit verbreitet wurde. In den letzten Jahren seines Lebens unternahm er Vortragsreisen, die ihn durch ganz Deutschland führten und ein Millionenpublikum anzogen.

Errichtung von Wasserheilanstalten

In der ersten Auflage seiner „Wasserkur" beklagt Kneipp 1886 noch die mangelnde Bereitschaft der Ärzte, seine Therapiemethode anzuerkennen: „Ich selbst habe nichts sehnlicher gewünscht, als daß ein Mann von Beruf, ein Arzt, mir diese schwere Last (...) abgenommen hätte (...), daß endlich die Leute vom Fach allgemeiner und umfassender auch die Wasserheilmethode gründlich studieren und in die Hand und Aufsicht nehmen mögen."

Drei Jahre später erwähnt er 1889 im Vorwort zur sechsten Auflage, dass ein Arzt eine Wasserheilanstalt in seinem Sinne errichtet hat. Am Ende desselben Jahres, im Vorwort zur zwölften Auflage, weiß Kneipp schon von fünf weiteren Wasserheilanstalten in seinem Sinne zu berichten, die allesamt von Ärzten geführt werden. Die Wasserkur breitete sich rasant aus.

Treffen mit Papst

Sebastian Kneipp reiste 1894 nach Rom; auch dort strömen die Menschen zu ihm und wollen seine, des „Wasserdoktors" Hilfe, von der sie viel gehört hatten. Auch der damals 84jährige Papst Leo XII. wollte von ihm behandelt werden. Kneipp stellte diesem einen Therapie-Plan zusammen und behandelte ihn höchstpersönlich.

Die Begegnung mit dem Papst beeindruckte Sebastian Kneipp tief, zumal er von diesem nicht als Priester gerufen worden war, sondern als Heiler: „Ich habe schon recht viel von Ihren Kuren gehört, es sind auch hier in Rom von Ihnen Geheilte. Ich segne Sie in Ihren Unternehmungen ..." Es scheint, als schließe sich hier ein Kreis: der Priester, der zugleich auch Heiler ist, erkennt selbst und akzeptiert, dass er beides ist.

Mit 76 Jahren stirbt Sebastian Kneipp 1897 an einem Tumor im Unterleib.

Körper, Geist und Seele

Das Wichtigste für den wider Willen „Wasserdoktor" gewordenen Seelsorger war, Körper, Geist und Seele des Menschen als Einheit zu behandeln. Zum Ende seines Lebens resümiert Sebastian Kneipp, dass er erst dann umfassenden Erfolg hatte, als er begann, „Ordnung in die Seelen" seiner Patienten zu bringen.

 

 



Franziska Rudnick ist Redakteurin des Reiki Magazins und Autorin des Buchs „Heilende Begegnung". Als Heilpraktikerin wendet sie in ihrer Praxis Klassische Homöopathie, Reiki und andere energiemedizinische Methoden an. www.akatombo.de

 

Literatur:
Kneipp, Sebastian, Meine Wasserkur. Nachdruck der Originalausgabe von 1922, Hamburg, 2012
Feldmann, Christian, Sebastian Kneipp, Regensburg, 2012
Klofat, Harald, Idee, Überzeugung und Lehre, Altusried, 2010

 

Copyright Fotos:
Kneipp-Denkmal: kaschwei - Fotolia.com
Wassertreten: Jenny Sturm - Fotolia.com
Füße in Wasser: Ewald Fröch - Fotolia.com

 

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