Geistiges Heilen heute

Was macht die Essenz des Heilens aus? Peter Michel, Autor und Gründer des Aquamarin Verlags, benennt wesentliche Aspekte von Heilung – und gibt einen Überblick über die Entwicklung geistigen Heilens in Deutschland.

Wer sich heute die bunte Vielfalt des riesigen, geistigen Kosmos „Heilung“ im deutschsprachigen Raum vor Augen führt, vermag sich vielleicht nur schwer vorzustellen, aus welch kleinen Anfängen sich jene Welt gestaltet hat, die heute etwa im Reiki Magazin so sachkundig präsentiert wird. Vor einer Beschäftigung mit den „Gesetzen der Heilung“ mag daher ein kleiner historischer Rückblick gestattet sein.

Inspiration aus England

Sieht man von ersten zaghaften Einzelinitiativen ab(1), so lässt sich wohl konstatieren, dass man seit Beginn der 1970er Jahre von einer „Bewegung“ sprechen kann. Die erste deutsche „Geistheiler-Vereinigung“ wurde zu diesem Zeitpunkt von Anni und Herbert Ziemer in Königswinter gegründet. Schon bald stießen auch die ersten Ärzte hinzu, darunter Dr. Emma Bierski und Dr. Jochen Gleditsch und seine Frau Anneliese. Später wurde die Arbeit von Anni Ziemer durch Rotraut von Carnap fortgesetzt und erweitert. Das waren die organisatorischen Anfänge. Inhaltlich – oder vielleicht sollte man besser sagen: inspiratorisch –  lagen die Wurzeln im Mutterland des „Spiritual Healing“: in England. Bedingt durch die Sympathie des englischen Königshauses, konnte sich in England im 20. Jahrhundert eine blühende Heilungsbewegung auf hohem moralischen Niveau etablieren. Ihr Nestor(2) war ein Mann, dem – mit Recht – eine wahrhaft wunderbare Heilungsgabe nachgesagt wurde: Harry Edwards.(3) Von daher kann es nicht verwundern, dass alle wichtigen Gründergestalten der Geistheilungsbewegung in Deutschland, Österreich und der Schweiz entweder direkte Schüler(innen) von Edwards waren oder von seinen Mitarbeitern ihre Ausbildung erhalten hatten. Am einflussreichsten war dabei wohl die Arbeit von Diana Craig, einer langjährigen Präsidentin der englischen National Federation for Spiritual Healers, die viele Jahrzehnte lang die Ausbildung von Heilern im deutschsprachigen Raum anführte.



Anfänglich war die Rechtslage in Deutschland und Österreich noch so problematisch, dass man zu größeren Kursen in den Schweizer Kanton Appenzell „emigrierte“, dem einzigen Landesteil der Schweiz, in dem das geistige Heilen offiziell erlaubt war. Diese Gründungsphase wurde abgelöst vom ersten Publizitätsschub, hervorgerufen durch den ersten „Geistheiler-Film“, den der Münchner Michael Pakleppa 1982 in München gedreht hatte. Damals war dies ein mutiges Unterfangen. Zuerst im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt, lief der Film kurze Zeit später in allen Dritten Programmen. Rotraut von Carnap, damals mit Pakleppa befreundet, hatte sich – in gutwilliger Ahnungslosigkeit – bereit erklärt, eventuelle Anfragen nach Kontakten zu den im Film gezeigten Heilern zu beantworten. Das sollte sich als leichtfertig erweisen: Die Zuschriften kamen körbeweise!

Mit ihren wenigen Helfern saß Frau von Carnap auf den großen Sesseln ihres Wohnzimmers, über die sie Bretter gelegt hatte. Darunter befanden sich in jedem Sessel Tausende von Anfragen, die in wochenlanger Arbeit Schritt für Schritt beantwortet wurden. Für das geistige Heilen und für die Heilungsbewegung insgesamt war dieser Film der Durchbruch. Als dann auch noch einige Zeit später der frühere ZDF-Kulturchef Karl Schnelting eine „Live-Heilungs-Sendung“ mit dem Ehepaar Wallimann ins Programm nahm, gab es kein Halten mehr! Die Bild-Zeitung machte es in reißerischer Weise zur Titelgeschichte – und das Heilen war in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Was sich von da an in Sachen geistiges Heilen in Deutschland bis heute ereignet hat, nahm seinen Anfang in nicht unerheblichem Maße im Wirken dieser Pioniere.

„Zum Heil geschickt“

Von der 1960er Jahren bis heute hat sich das Verständnis dessen, was geistiges Heilen ist, nicht unerheblich gewandelt. Galt vor fünfzig oder vierzig Jahren ein „Heiler“ noch als eine Art „Wundertäter“, so hat sich dies heute eher in Richtung Therapeut oder seelischer Ratgeber gewandelt. Das hängt natürlich auch mit dem gewachsenen Verständnis von Krankheit insgesamt zusammen. Wozu auch ein Mediziner wie Dr. Ruediger Dahlke einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Krankheit gilt heute nicht mehr als „Strafe“, sondern als „Lern- und Heilmittel“. Dr. Dahlke verwendet daher den „Schicksals-Begriff“ gerne als „Schick-sal“ (geschickt zum Heil = salus). Immer mehr Menschen haben vor allem in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts erkannt, inwiefern sie selbst „etwas mit ihrer Krankheit zu tun haben“. Krankheit hat viel mit innerer Unordnung zu tun, so dass Heilung im Grunde die „Wiederherstellung von Ordnung“ bedeutet. Deshalb gilt das alte Wort des „Wer heilt, hat recht“ auch heute nicht mehr uneingeschränkt.

Viele Heiler haben erkannt, dass wahre Heilung nur dann eintreten und nachhaltig sein wird, wenn sich etwas im Patienten verändert. Es gibt zahlreiche Methoden, um Menschen von Krankheitssymptomen zu befreien, doch müssen diese nicht zu nachhaltiger Gesundheit führen. Ein großer spiritueller Lehrer führt in dem Meisterwerk „Der Pfad der Heilung“ aus, warum Heilung nicht immer erfolgen „darf“ und deshalb auch nicht eintreten sollte: „Die Persönlichkeit hat die besondere Lektion nicht gelernt, die zu lehren die Krankheit geschickt worden war. Denn da so viele Krankheiten und Tragödien ein Symptom für einen tieferen Zustand von Disharmonie und Ungleichgewicht sind, würde die Persönlichkeit, falls eine Heilung erfolgt, ehe diese Ursache erkannt und beseitigt worden wäre, ähnliche Störungen nur zu einer anderen und vielleicht ungünstigeren Zeit durchleben müssen.“(4)

Verborgene Gesetze

Es ist eines der bemerkenswertesten Phänomene der Geschichte, dass alle wirklich großen Heiler immer wieder darauf hingewiesen haben, welch entscheidenden Beitrag der Erkrankte selbst zu seiner Heilung beizutragen habe. Wenn hinter allem Leben eine Ordnung waltet, die alten Griechen nannten sie Kosmos, dann wird einleuchten, inwiefern Krankheit ein „Heraustreten aus der Ordnung“ darstellt. Bemerkenswerterweise sind es heute gerade die Quantenphysiker, die von einer „impliziten Ordnung“ (David Bohm) oder von einem „verborgenen Feld“ (Hans-Peter Dürr) sprechen. Ihre Erkenntnisse führen sie dazu, immer klarer anzuerkennen, dass hinter dem physischen Geschehen eine höhere Ordnung waltet. Inzwischen greifen aufgeschlossene Mediziner diese Einsichten auf und sprechen ihrerseits von „Heilungsfeldern“ (Larry Dossey). Die alte cartesianische Trennung von Geist und Materie wird langsam überwunden, da es Brückenbauer gibt, die den alten, tiefen Graben zwischen Geistes- und Naturwissenschaft zu überwinden beginnen. Sie erkennen die verborgenen Gesetze, die in Wahrheit über Krankheit und Gesundheit walten.

Die Veränderung im Bewusstsein von Heilung-Suchenden und Heilung-Vermittelnden hat zu einer tiefgreifenden Neuorientierung im gesamten Bereich des geistigen Heilens geführt. Es geht nicht mehr um „Heilung von außen“, sondern es geht um „Heilung von innen“. Die heutigen Heiler(innen), sofern sie aus einer wahren Berufung handeln und von einer tiefen inneren Anbindung an das allumfassende „Heilungsfeld“ ausgehen, bewirken keine „Wunder“, sondern sie vermögen es, aus ihrer Verankerung in der unendlichen Heilkraft der Liebe, die gleiche Liebe in denjenigen zu erwecken, die mit der Bitte um Hilfe zu ihnen kommen. In dieser innigen Seelenbegegnung zwischen Ich und Du, die etwas zutiefst Heiliges beinhaltet, wird dann wieder eine Anbindung an jene Ordnung hergestellt, die allein Heilung zu bewirken vermag. Je weniger Ego dabei auf beiden Seiten eine Rolle spielt, desto tiefgreifender wird die Heilung sein. Die Heilerin Renée Bonanomi hat dies auf einzigartige Weise mit den Worten beschrieben: „Wahre Heilung geschieht erst dann, wenn der Heiler gar nicht mehr anwesend ist!“



Peter Michel, geb. 1953 in Dresden. 1981 gründete er den Aquamarin Verlag. Seit 1980 mehrere grundlegende Veröffentlichungen zu den Themenbereichen ganzheitliche Philosophie und neues Denken.


-------------------
Anmerkungen:
(1) Redaktioneller Hinweis: Bereits in den 1950er Jahren legte der deutsche Heiler Bruno Gröning mit seinem Wirken einen wichtigen Grundstein für das geistige Heilen in Deutschland. Ende der 1970er Jahre gründete sich der Bruno-Gröning-Freundeskreis, der das Erbe Grönings für die Nachwelt erhält. 

(2) Nestor = Ehrenbezeichnung für den ältesten Anwesenden einer wissenschaftlichen Versammlung / auch: der „Altmeister“ einer Wissenschaft, der Begründer eines bestimmten Verfahrens o.ä.

(3) Ein Porträt über Leben und Wirken von Harry Edwards erschien in Ausgabe 2/10 des Reiki Magazins (noch erhältlich!).

(4) H. K. Challoner, Der Pfad der Heilung, Grafing 2005, S. 86

---

Copyright Foto „Hände“: Damiano - Fotolia.com