Könige als Heiler

Im Jahr 2012 feierte die Queen in London mit Pomp und Gepränge ihr 60. Thronjubiläum.  Doch wer hätte gedacht, dass einige ihrer königlichen Vorfahren im Ruf standen, begnadete Heiler zu sein?


Ein König als Heiler, ein ungewohntes Bild. Gewöhnt ist man eher daran, dass neben der Berichterstattung über sein öffentliches Wirken auch sein Privatleben in der Regenbogenpresse ausgebreitet und diskutiert wird. Was wohl den Eindruck vermitteln soll, es gäbe kaum eine Distanz zwischen dem Menschen, der König oder Königin ist, und dem Mann oder der Frau auf der Straße. So erscheinen Königinnen und Könige heute in vielen Aspekten als ganz normale Menschen – was sie ja letztlich auch sind, meist kaum noch mit nennenswerter staatlicher Macht ausgestattet. Ganz im Gegensatz zu früher, als durch das hohe Maß an Macht in ihren Händen die Besonderheit ihrer Stellung offensichtlich war. Zudem gab es Zeiten, da erwies sich die Besonderheit eines Königs nicht nur durch die Macht, die er besaß, sondern auch dadurch, dass er heilen konnte, wie man glaubte, „heilende Hände“ besaß.

Alte Tradition

Die Tradition der heilenden Könige ist uralt. Sie geht viele Jahrtausende zurück. Letztlich wurzelt sie in der Zeit, da das Oberhaupt eines Stammes nicht nur weltliche sondern auch priesterliche Macht besaß und die „Verbindung zu den Göttern“ aufrecht erhalten musste. Besonders im vorderen Orient wurde dies gepflegt – nicht nur im alten Ägypten. In der jüdischen und christlichen Tradition geht der Mythos des priesterlichen Königs bis hin zum biblischen König David. Der König galt gewissermaßen als eine Art Hohepriester, der Opferrituale durchführte und sein Volk segnete. Diese besondere Fähigkeit verdankte er seiner „Erwählung durch Gott“ und dem Umstand, dass Gottes Geist ihn dadurch geheiligt habe. Der König galt somit als „Sohn“ Gottes. Gleichzeitig repräsentierte er das Volk gegenüber Gott, über das er als Herrscher eingesetzt war.

Besondere Legitimation erhielt der König als Heiler viele Jahrhunderte später in Europa dadurch, dass er in der Nachfolge Jesu stand. Jesus wurde als „König der Könige“ gepriesen, als Nachfahre König Davids und als großer Heiler. Christliche Könige wurden von der Kirche eingesetzt und seit dem 9. Jahrhundert in einem aufwändigen Ritual mit Öl gesalbt. Damit wurde dem Glauben Ausdruck verliehen, dass sie von Gott gleichsam adoptiert seien. Zugleich wurde der König auf diese Weise in den Rang eines kirchlichen Würdenträgers erhoben – und somit war seine Kraft religiös legitimiert.

Heilende Könige gab es in Europa schon immer – nur in Deutschland nicht. Wahrscheinlich hat im frühen 11. Jahrhundert der norwegische König Olaf II., mit Beinamen „der Heilige“, als erster das königliche Handauflegen praktiziert. Schließlich gelangte diese Tradition durch die Beziehungen der Königsfamilien untereinander nach Mitteleuropa. Im 14. Jahrhundert galt es als Tatsache, dass jeder König die Fähigkeit besaß, Wunderheilungen vollbringen zu können. Doch besonders ausgeprägt war die Wahrnehmung und Überlieferung dieser Tradition in den Königshäusern Frankreichs und Englands. Besonders im gesamten 16. Jahrhundert, bis ins 17. Jahrhundert hinein, gab es „zu beiden Seiten des Ärmelkanals“ eine große Nachfrage nach Heilungen durch einen König: Jährlich wurden mehrere hundert, ja etliche tausend Kranke durch den König behandelt.



Sogar Pilger aus dem Ausland kamen, um sich vom König behandeln zu lassen. Ebenso machten sich Ordensleute auf den Weg. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung kamen an einem einzigen Tag, etwa zu Ostern oder Pfingsten, nachweislich bis zu 3.000 an Skrofeln Erkrankte, um sich vom König berühren zu lassen. Vermutlich hat die Abstammung der späteren französischen Könige von den Merowingern dabei eine Rolle gespielt. Bei ihnen handelt sich um eine Dynastie, die der Sage nach göttlichen Ursprungs gewesen sein soll.

Zeitgleich mit den Merowingern, gab es im 5./6. Jahrhundert einen Einsiedler in der Normandie, Markulf, der sehr verehrt und bald heiliggesprochen wurde. Auf seinem Grab wurde später ein Kloster erbaut, und die franzöischen Könige pilgerten jahrhundertelang zu ihm. Markulf stand nämlich im Ruf, die Skrofeln heilen und diese Heilkraft auf die Könige übertragen zu können.

Heilung des „Königlichen Übels“

Es waren spezielle Krankheiten, von denen angenommen wurde, dass die Könige sie heilen können: Epilepsie, Pest und vor allem die sogenannten „Skrofeln“; letztere wurden gar das „Königliche Übel“ („King’s Evil“) genannt. Die Skrofeln waren grässlich anzuschauen, und sie stanken. Die Lymphknoten des Halses waren infiziert durch Tuberkulose-Bakterien, schwollen an und eiterten. Die schmerzlose Krankheit konnte auch auf das Gesicht übergreifen. Tödlich war sie selten, doch sehr unangenehm und den Kranken entstellend. Heute wird angenommen, dass „Skrofeln“ zudem ein Oberbegriff für alle Schwellungen oder knotigen Veränderungen war, die den Hals und das Gesicht befielen. Die Skrofeln heilten aus, indem die eitergefüllten Geschwüre aufbrachen. Allerdings waren sie sehr ansteckend. Kein Wunder also, dass die vom „königlichen Übel“ befallenenen Menschen große Hoffnungen darin setzten, dieses Leiden loszuwerden. Zusammenhänge zwischen der Seele und dem Auftreten bzw. Verlauf von Tuberkulose wurden mittlerweile erforscht – mit dem Fazit, dass Spontanheilungen auch bei der Tuberkulose nicht allzu selten seien.

Heilen durch Berühren ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Ganz natürlich also, dass die Könige diese Geste übernahmen und anwendeten. Besondere Prägung bekam das alte Ritual durch das Zeichen des Kreuzes, das die heilsam wirkenden Könige über den Geschwüren oder den Kranken machten. Besondere Heilwirkung wurde ihnen zugeschrieben, wenn sie die Wunden tatsächlich berührten. Selbst das Wasser, mit dem die Könige danach ihre Hände gewaschen hatten, galt als Heilung bringend: „Das verwendete Wasser wurde von den Kranken aufgefangen, und frommen Sinnes tranken sie es neun Tage lang auf nüchternen Magen. Danach sind sie geheilt worden,“ heißt es.

Heilkräftiger Talisman

Später reichte das Handauflegen allein wohl nicht aus, der König ging vorher in die Kirche und betete; es gab auch spezielle Gottesdienste zur Heilung der Kranken, bei denen diese anschließend auch vom König gesegnet wurden. Die Kranken bekamen nach dem Gottesdienst auch Münzen oder Ringe vom König selbst geschenkt – damit wurde das Wunder bekräftigt, man hatte etwas zum Anschauen und Befühlen. Wichtig besonders dann, wenn die Skrofeln nicht sofort verschwanden, was auch vorkam. In England galt diese Münze, auf der ein Bildnis des Erzengels Michael eingeprägt war, sogar als heilkräftiger Talisman namens „Angel“, von dem die Kranken glaubten, dass ihre Genesung allein an diesem Geldstück hänge. Schließlich wurde der Ritus dahingehend verfeinert, dass der Hofarzt eine Auswahl unter den Kranken traf, ehe der König diese zu sehen bekam. Es gab sogar öffentliche Bekanntmachungen: in Frankreich wurden die Menschen durch Plakate und Ausrufer darauf hingewiesen, dass der König an einem bestimmten Termin die Kranken berühren werde.

Im frühen 17. Jahrhundert berührte der französische König Henri IV immer wieder bis zu 1.500 Menschen an einem Tag, um sie von den Skrofeln zu heilen. In seiner Heimat wurde er „der gute König Heinrich“ genannt, weil er nicht nur für Religionsfrieden nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten in Frankreich sorgte, sondern auch dafür, dass Frankreich einen bemerkenswerten wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung erlebte.

Begonnen hat in England die Tradition des königlichen Heilens wohl im späten 11. Jahrhundert mit Eduard, dem Bekenner, der mittlerweile seit fast 500 Jahren als Heiliger verehrt wird. Einer seiner Nachfolger war der Vater des berühmten „Richard Löwenherz“, König Heinrich II. Er wird von einem Chronisten seiner Zeit gepriesen: „Er ist der Gesalbte des Herrn; nicht umsonst hat er das Sakrament der Salbung empfangen. Wenn jemand die Wirksamkeit dieses Sakraments nicht kennen oder bezweifeln sollte, so würde sie voll bewiesen durch das Verschwinden jener Pest, die in der Leistenbeuge auftritt, und durch die Heilung der Skrofeln.“

Vollkommene Heilung

Weiter heißt es über König Heinrich II: „In England war eine junge Frau von einem schrecklichen Leiden befallen, einer Schwellung der Drüsen am Hals, die einen stinkenden Geruch verbreitete. Aufgrund eines Traums kam sie zum König, um von ihm ihre Heilung zu erbitten.“ Es wird berichtet, wie der König vorging: „Dieser ließ sich ein Gefäß voll Wasser bringen, tauchte seine Finger hinein und berührte dann die kranken Partien, indem er sie mehrmals bekreuzigte. Sogleich quollen unter dem Druck der königlichen Hand Blut und Eiter heraus, die Krankheit schien zu weichen.“ Die Kranke wurde am Hof behalten, wohl zur Beobachtung, doch die Behandlung durch den König wurde nicht wiederholt. „Trotzdem war die Frau nach nicht einmal einer Woche vollkommen geheilt und nicht nur glücklich von ihrem Leiden befreit, sondern auch von einer langjährigen Unfruchtbarkeit, die sie betrübt hatte: Noch im selben Jahr gebar sie ihrem Mann ein Kind.“

Diese Geschichte beschreibt wohl eine Ausnahme, denn die Kranken nahmen eher die Rolle von Statisten ein, als dass sich jemand für ihre Heilung wirklich interessiert hätte. Zugespitzt formuliert könnte man sagen, dass es bei dieser Art von Heilungsriten eher darum ging, die Könige gegenüber den kirchlichen Würdenträgern auch als „heilig“ darzustellen.

Es gab indes nicht nur Männer, die Heilerfolge nachweisen konnten. Eine Königin war dabei. Die britische Queen Anne, „schlichten Gemüts“, wie ein Chronist berichtet, selbst mit zahlreichen schmerzhaften Krankheiten geschlagen und trotz siebzehn Schwangerschaften letztlich kinderlos geblieben, heilte zu Beginn des 18. Jahrhunderts, ein Jahr vor ihrem Tod, einen kleinen Jungen von den Skrofeln, der später einer der berühmtesten Schriftsteller Englands sein sollte (Samuel Johnson, späterer Herausgeber des ersten wissenschaftlich genauen, englischen Wörterbuchs).

Suggestive Wirkung?

Ob die Könige tatsächlich heilen konnten, ist heute nicht mehr genau festzustellen. Die Überlieferungen hierzu klingen eher ernüchternd, zumal dem Kranken eher eine „Statistenrolle“ zukam, anstatt ihn als jemanden zu betrachten, der sorgfältiger Überwachung und Pflege bedurft hätte. Selten ging jemand vom König weg, dessen Skrofeln nach der Berührung durch die königliche Hand sofort verschwunden waren. Meist war die Heilung wohl nur vorübergehend, oder es dauerte längere Zeit, bis die Geschwüre – vielleicht von selbst, wer weiß? – abgeheilt waren. Anzunehmen ist, dass sowohl der Ruf, der den Königen vorauseilte, als auch Pomp und Prunk des königlichen Hofes eine suggestive Wirkung auf die meist armen Leidenden hatten. Verstärkt wurde dies wohl zusätzlich durch die Münzen oder Ringe, die sie vom König geschenkt bekamen.

Im 18. Jahrhundert fand die Tradition der heilenden Könige ihr Ende. Zum einen, weil dem aus dem protestantischen Deutschland stammenden Nachfolger der Queen Anne das Ritual „zu katholisch“ war, zum anderen, weil mit der Französischen Revolution nicht nur der König abgesetzt und hingerichtet wurde, sondern auch „das Zeitalter der Vernunft“ angebrochen schien.

Immerhin, ein Rest Erinnerung an die Tradition der königlichen Heiler hat sich bewahrt: zum diamantenen Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. wurden schon vorher rund 14.000 Pillendosen mit dem königlichen Wappen verkauft.





Quellen:

– Stumpfe, Klaus-Dietrich, Glaubensheilungen in Geschichte und Gegenwart, Selbstverlag Stumpfe, Köln, 2007
– Bowker, John, Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, Lizenzausgabe für die WBG, Düsseldorf, 1999
– Lechner, Ingeborg, Die Macht der Chronisten: Berichte über Tod und Reputation englischer Könige im frühen Mittelalter, 2008 / auf: http://othes.univie.ac.at/2598/1/2008-11-02_7535146.pdf
– http://www.thestar.com/news/world/article/1203976--diamond-jubilee-all-kinds-of-royal-kitsch-for-sale-in-london?bn=1
– Wikipedia – die freie Enzyklopädie, im Internet

Alle Zitate, die aus mehreren Sätzen bestehen, entstammen dem Buch „Glaubensheilungen in Geschichte und Gegenwart“, Klaus-Dietrich Stumpfe, Selbstverlag Stumpfe, Köln, 2007 / S. 137ff



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