Die historische Bedeutung von Mikao Usui in Japan

Auf dem Symposium zum 150. Geburtstag von Mikao Usui 2015 in Berlin hielt Justin Stein, Reiki-Praktizierender und Doktorand an der Universität Toronto, eine weit beachtete Rede über Leben und Wirken Mikao Usuis. Das Reiki Magazin veröffentlicht die Rede in zwei Teilen, in deutscher Übersetzung, in dieser und der folgenden Ausgabe.

In Tokio, in der ruhigen Nachbarschaft von Umezato, im Stadtteil Suganami, gibt es einen mittelgroßen buddhistischen Tempel namens Saihoji. Andere japanische Tempel sind oft sehr viel größer und erhabener. Doch der Mönch, der die Wege des Friedhofs fegte und mit dem ich sprach, erzählte mir, dass ein ständiger Strom von japanischen und ausländischen Besuchern herkommt. Sie kommen hierher, um einem großen Gedenkstein Ehre zu erweisen, der auf einem kleinen Areal, fast am Ende des Friedhofs, alles andere dort überragt.

Der Stein ist rd. drei Meter hoch und über einen Meter breit. Er trägt eine Überschrift in klassischen chinesischen Schriftzeichen und einen Text aus 1.500 Schriftzeichen, von meisterhafter kalligraphischer Hand eingraviert. Der Text entstand 1927, ist aber in einem älteren, literarischen, fast schon poetischen Stil verfasst. Er würdigt die „Verdienste“ und die „Tugend“ des Usui Mikao Gyōhan sensei, des „Begründers einer spirituellen Methode”. Er vergleicht ihn mit bedeutenden religiösen Führern, Weisen, Philosophen, Genies und großen Männern vergangener Zeiten. Er würdigt Usuis Verdienst, eine neue Methode zur Verbesserung von Körper und Geist etabliert zu haben, basierend auf dem Reiki des Universums. Von nah und fern kamen Menschen, die sich Heilung von Usui erhofften und die diese Methode lernen wollten.

Heutzutage, rd. 80 Jahre nach Usuis Tod, praktizieren Millionen von Menschen auf der ganzen Welt verschiedene Stile seines Reiki Ryoho bzw. der Reiki-Heilmethode und sehen ihn als ihren spirituellen Vorfahren an. Tatsächlich ist die Rückverfolgbarkeit der Übertragungslinie bis zu Mikao Usui ein entscheidener Faktor, der Reiki von anderen Formen spiritueller Praxis unterscheidet.

Spirituelle Heilung in Japan

In diesem Artikel soll es um Mikao Usuis Leben und Wirken gehen, hinsichtlich seiner Bedeutung für das Gebiet der spirituellen Heilung in Japan. Dabei werde ich sowohl auf das Einzigartige seiner Lehre als auch auf Gemeinsamkeiten der Usui-Reiki-Methode mit anderen Heilmethoden aus Usuis Zeit eingehen.

Dazu möchte ich zunächst eine kurze Biographie von Usui präsentieren und einige seiner Praktiken beschreiben, basierend auf den wenigen, mündlich überlieferten japanischen Quellen. Dann möchte ich Usui und seine Praxis der zeitgenössischen Seishin Ryoho oder Reijutsu, die ich als „psycho-spirituelle Therapien“ betrachte, in einen Zusammenhang zueinander setzen. Und schließlich werde ich noch Usuis Vermächtnis im heutigen Japan beschreiben.   
   
Auch wenn ich ein Mitglied der Organisation bin, die Usui gegründet hat, der Shinshin Kaizen Usui Reiki Ryoho Gakkai – der „Studiengruppe zur Verbesserung von Geist und Körper durch die Usui-Reiki-Therapie“ –,  werde ich nur sehr allgemein über diese Organisation schreiben, da ich gebeten wurde, zum gegenwärtigen Zeitpunkt gegenüber Nicht-Mitgliedern nicht auf Details unserer Praktiken einzugehen. 

Das Leben von Usui Sensei 

Usui wurde am 4. Oktober 1865 im Dorf Taniai, im Bezirk Yamagata, dem modernen Verwaltungsbezirk Gifu, geboren.

Laut Gedenkstein war Usui ein Nachkomme eines berühmten Samurai-Clans, der von dem im 12. Jahrhundert lebenden militärischen Führer Chiba Tsunetane (1118-1201) gegründet wurde. Allerdings geht Usuis Stammbaum, wie Stephen Comee ausgeführt hat, tatsächlich auf den Onkel von Tsunetane zurück, einen Mann namens Tsuneyasu. Diese familiäre Verbindung ist also nicht ganz so direkt, wie es manchmal dargestellt wird.

Die Familie Usui hatte einen ziemlich hohen Rang innerhalb der Samurai, die die höchste der vier Klassen im früh-modernen Japan darstellte (Tokugawa-Shogunat, 1600-1867). Usui hatte eine ältere Schwester und zwei jüngere Brüder. Die vier Geschwister spendeten Geld, um ein steinernes Torii (oder Tor) in ihrem Heimatdorf zu errichten. Hiroshi Doi und einige seiner Schüler reisten nach Taniai und berichteten, dass eine alte Dame ihnen dort erzählt habe, dass Mikao Usui in jungen Jahren das Dorf verlassen habe und nur  selten zurückgekehrt sei.  

Manchmal wird auch berichtet, dass Usuis Familie nichts mit ihm und seiner Reiki-Methode zu tun haben wollte. Hyakuten Inamoto hat jedoch erst kürzlich ein Dokument ausfindig gemacht, dass besagt, dass Usuis jüngerer Bruder Kun’iji, ein Polizist, im Jahr 1942 eine Ausbildung auf der Okuden-Ebene der Reiki-Methode erhalten hat, so dass dieser Konflikt vielleicht überbewertet wird.

Usui heiratete eine Frau namens Suzuki Sadako, und sie bekamen zwei Kinder, als Usui schon im mittleren Alter war: einen Sohn, Fuji (ca. 1906), und eine Tochter, Toshiko (ca. 1913).

Vielseitige Interessen

Usui scheint ein Mann von ungewöhnlichem Fleiß gewesen zu sein, mit vielen breit gestreuten Interessen. Auf seinem Gedenkstein wird berichtet, dass er als Kind ein exzellenter Schüler war, dass er in China war und den Westen bereist hat. Wie berichtet wurde, arbeitete er in einer Vielzahl von Berufen, darunter als Missionar und buddhistischer Gefängnisseelsorger, als privater Unternehmer und als Staatsangestellter. Es wird gesagt, dass er auch als Privatsekretär von Shinpei Goto tätig war, der zeitweise japanischer Außenminister, Innenminister und Direktor des Kolonialisierungsbüros sowie Bürgermeister von Tokio war und von 1857 bis 1929 lebte. Nachfragen bei der Shinpei-Goto-Organisation konnten dies jedoch nicht bestätigen.   

Der Gedenkstein berichtet weiter, dass es in Usuis Leben auch Zeiten gab, in denen er in bitterer Armut lebte, dass er aber nie in der Hingabe für seine Studien nachließ. Seine Interessen waren unglaublich breit gestreut. Sie betrafen die Gebiete der Medizin, Psychologie, Physiognomie und Geschichte sowie christliche und buddhistische Schriften, daoistische Geomantie, Beschwörungen und Divination. Offenbar eignete er sich auf seinen Reisen und bei seinen Studien östliche und westliche Lehren, Altes und Modernes, rationales und spirituelles Wissen an.

Man sagt, dass Usui „in das Tor des Zen eingetreten“ sei und drei Jahre lang ein halb-mönchisches Leben geführt habe. Dabei ist fraglich, wie er in dieser Zeit seine Familie hat unterstützen können – vielleicht war dies eine der Zeiten der Armut, von denen auf dem Gedenkstein die Rede ist.

Alle Quellen stimmen darin überein, dass er 21 Tage auf dem Berg Kurama verbracht hat, einem heiligen Berg nordöstlich von Kyoto, wo er eine strenge Praxis absolvierte, einschließlich Fasten und langen Zeiten der Meditation. Da der Kurama-Berg bekannt ist als Ort der Askese für Praktizierende des Shugendo – auch Yamabushi oder „Bergpriester“ genannt –, ist es wahrscheinlich, dass Usui auch die „Wasserfall-Praxis“ absolvierte, von der es heißt, dass sie die „innere Hitze“ stimuliert, die zu Heilungsprozessen genutzt werden kann.

Laut Gedenkstein senkte sich am 21. Tag „ein großes Reiki auf seinen Kopf herab“. Reiki war zu dieser Zeit kein ungebräuchliches Wort. Es wurde verwendet, um die fremdländischen Konzepte von „Aura“ und „Prana“ zu übersetzen. Usui erzählte später, dass diese geheimnisvolle Erfahrung bewirkte, dass er sein System der Reiki-Methode in der Gesamtheit empfing, weshalb selbst er, als Begründer der Methode, diese nicht wirklich erklären könne.  

Diese Erfahrung veränderte das Leben von Usuis Familie: Mikao und Sadako zogen mit ihren Kindern nach Tokio um, damit Usui seine Reiki-Methode so viele Menschen wie möglich lehren konnte.

Usui als Lehrer  

Usui lehrte vier Jahre lang. In dieser Zeit soll er rd. 2.000 Schüler überall in Japan gehabt haben. Sein erstes Dojo (Trainingszentrum) eröffnete er im April 1922 in Tokio, im Stadtteil Harajuku. Wenn ich das heutigen Japanern erzähle, müssen sie lachen, weil Harajuku heutzutage für wildeste Jugendmode bekannt ist; zur damaligen Zeit war es jedoch ein eher konservatives Viertel.        

Harajuku liegt ganz in der Nähe des Meiji Jingu, des Schreins, der die Geister des Meiji-Kaisers und der Kaiserin beherbergt. Da der Meiji Jingu im Jahr 1921 fertig gestellt wurde und der Meiji-Kaiser eine spirituelle Inspiration für Usui darstellte, kann man sich leicht vorstellen, dass Usui dorthin ging, um zu beten.       

Der Gedenkstein besagt, dass der Eingang zu Usuis Dojo mit Schuhen übersät war – woran man sieht, wie viele Menschen kamen, um Behandlungen und Unterricht zu erhalten.

Am Samstag dem 1. September 1923, kurz vor Mittag, erschütterte das große Kanto-Erdbeben den Großraum Tokio mit einer Stärke von 7,9 auf der Richter-Skala. Da es Essenszeit war, setzten die Herdfeuer die Häuser in Brand. Die überwiegend hölzernen Häuser entfachten Feuerstürme, die die gesamte Hauptstadtregion in Mitleidenschaft zogen. Annähernd 130.000 Menschen starben, und etwa 60 Prozent der Bevölkerung von Tokio und 90 Prozent der Bevölkerung von Yokohama wurden obdachlos. Der Gedenkstein besagt, dass dies der Wendepunkt von Usuis Laufbahn war, da so viele Menschen zu dieser Zeit Heilung benötigten. Es heißt, dass er jeden Tag in den Straßen unterwegs war und unzählige Menschen behandelte.       

Doi hat berichtet, dass Usui sich tatsächlich zwischen vier Patienten legte und sie gleichzeitig behandelte; jeweils einen mit jeder Hand und jedem Fuß! Es heißt, dass Usui für sein großes Engagement während dieser nationalen Katastrophe große öffentliche Anerkennung seitens der Regierung erfuhr. 

Nach kurzer Zeit wurde der Dojo in Harajuku zu klein, und so eröffnete Usui 1925 ein neues Zentrum in Nakano, das zu jener Zeit ein Vorort von Tokio war. Usui wurde auch eingeladen, an anderen Orten zu unterrichten. 

Im März 1926 starb er während einer Unterrichtsreise im Westen Japans an einem Schlaganfall. Nach westlicher Rechnung starb er im Alter von 60 Jahren; nach der japanischen Berechnungsmethode war er 62 Jahre alt.

System der sechs Grade

Insgesamt hat Usui rd. 2.000 Schüler unterrichtet. Diese Schüler durchliefen, ähnlich wie in den Kampfkünsten, ein System von Graden, wenn sie die Tests unter den wachsamen Augen ihrer Instruktoren bzw. Shihan bestanden hatten.

Die ersten drei Grade, von Rokuto, dem sechsten Grad, bis zu Yonto, dem vierten Grad, stimmen in etwa mit der Stufe Shoden überein bzw. mit dem, was im Westen „Erster Grad“ oder „Reiki Eins“ genannt wird. Der dritte Grad, Okuden, war in eine erste Hälfte (Zenki) und eine zweite Hälfte (Koki) unterteilt, die zusammen genommen unserem „Zweiten Grad“ entsprechen.

Und schließlich erreichten zu Usuis Lebzeiten 20 Schüler (also 1 Prozent seiner Schüler) die Ebene des Shinpiden, auf der sie lernten, die Zeremonie des Reiju als zentrale Praxis der Usui-Reiki-Heilmethode anzuwenden.

Basispraxis

Es gab anscheinend viele Techniken in der Usui-Reiki-Methode. Jedoch ist es schwierig, exakt zu definieren, was zur damaligen Zeit praktiziert wurde, weil es nur sehr wenige Aufzeichnungen darüber gibt. Ich möchte im Folgenden einige Techniken und Praktiken beschreiben, die ganz eindeutig von zentraler Bedeutung in der damaligen Zeit waren.

Zunächst gab es die Zeremonie des Reiju, was wörtlich „geschenkter Geist“ bedeutet. Reiju wurde bei den Zusammenkünften im Dojo praktiziert. Im übertragenen Sinne ist Reiju eine rituelle Nachstellung von Usuis Erfahrung des Erhaltens „von großem Reiki“ auf dem Berg Kurama.

Während des Reiju nimmt der Schüler die Rolle von Usui ein, indem er in Gassho sitzt – das heißt, er sitzt aufrecht, mit gebeugtem Kopf, die Augen geschlossen und die Hände in Gebetsposition (die Handflächen aufeinander, vor dem Herzen, die Fingerspitzen nach oben / Anm. d. Red.). Der Shihan agiert nun in der Rolle des Kosmos, der den Schüler mit Reiki beschenkt.

Ich möchte betonen, dass dies nicht die Interpretation der Shinshin Kaizen Usui Reiki Ryoho Gakkai ist, die einen öffentlichen Kommentar zur Bedeutung des Reiju ablehnt. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Interpretation von mir und anderen Reiki Forschern, darunter Jojan Jonker von der Radboud-Universität Nijmegen und Liad Horowitz von der Universität Tel Aviv.

Die nächste grundlegende Praxis, die ich erwähnen möchte, ist die der Rezitation. Davon gibt es zwei Arten:

Lebensregeln & Gedichte

Zunächst gibt es die Rezitation der Gokai bzw. der fünf Lebensregeln, mit denen wir in verschiedenen Formen in der Reiki-Welt vertraut sind. Dann gibt es die Rezitation eines kurzen Gedichts des Meiji-Kaisers, genannt Gyosei. Usui stellte eine Sammlung von 125 dieser Gyosei  in einem Handbuch zusammen, das Schülern der Usui Gakkei überreicht wird.

Der Gedenkstein besagt, dass die Schüler „die Gebote des Meiji-Kaisers beachten und die Worte der fünf Lebensregeln morgens und abends rezitieren sollen, um sie damit tief in Herz und Verstand einzugraben.“ „Wenn man ruhig sitzt, die Hände in Gassho, meditierend und die Gebote singend, wird man einen reinen Herz-Geist kultivieren.“

Auf dem Gedenkstein steht, dass es die Einfachheit dieser Praxis ist, die sie so populär macht, und dass Usui selbst die Lebensregeln als „die geheime Methode zum Glück und die spirituelle Medizin gegen die zehntausend Krankheiten“ bezeichnet hat. Diese Rezitationspraxis war eindeutig der zentrale Teil der Usui-Reiki-Heilmethode.

Die Texte von 1920 gehen nicht sonderlich ins Detail, was die eigentliche Reiki-Behandlung angeht, aber sie besagen, dass während der Behandlung Ki  und Licht von den Händen des Praktizierenden ausstrahlt. Die Praktizierenden nutzen auch ihre Augen und den Atem, um Reiki auf den Patienten zu übertragen.



– Fortsetzung in Ausgabe 1/2017 –  


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Justin Stein, Reiki-Praktizierender und Doktorand an der Universität Toronto, Fachbereich Religionswissenschaften & Zentrum für Diaspora- und länderübergreifende Studien.

Website: https://utoronto.academia.edu/JustinStein

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Quellen

– Comee, Stephen. n.d. „The Usui Memorial: A New Translation and Interpretation.”
– Denawa, Mai. 2005. „The Great Kanto Earthquake of 1923.” http://library.brown.edu/cds/kanto/denewa.html accessed August 28, 2015
– Hirano Naoko. 2014. „An Inquiry into the Relationship between Taireidō and Usui Mikao’s Reiki Ryōhō — in the context of seishin ryōhō”. Paper distributed at joint meeting of the „Buddhism and Modernity” and the „History of Theosophy” research groups, Ryukoku University, Kyoto, February 1, 2014.
– Horowitz, Liad. 2015. “Rituals, Symbols, and Secrets: The Reiki Initiation Ceremony as a Modern Incarnation of Esoteric Kanjō”. Unpublished M.A. Thesis, Tel Aviv University.
– Jonker, Jojan. 2015. „The Inception, Transmigration and Globalization of Eastern Traditions with Special Emphasis on Spirituality: Reiki, A Case Study.” Unpublished Ph.D. Dissertation, Radboud University Nijmegen.
– Matsui Shōō. „A Therapy that Heals All Disease with a Single Hand”. Sunday Mainichi. March 4, 1928.
– Powell, Colin. 2012. „Mikao Usui, Reiki Founder.” http://reikiinmedicine.org/popular/mikao-usui-reiki-healing/ accessed August 28, 2015
– Rivard, Rick. 2006. „Taniai Village – Birthplace of Mikao Usui.” http://www.threshold.ca/reiki/TaniaiVillage.html accessed August 31, 2015

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Übersetzung aus dem Amerikanischen:
Jürgen Nietzke, Elke Porzucek

 

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